Michail Bulgakovs Roman "Der Meister und Margarita" und die Mediale Transformation


Hausarbeit, 2018

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Mediale Transformation des Romans
2.1. Was ist Mediale Transformation
2.2. Die Grundpfeilern der medialen Transformation
2.2.1. Spreadability vs. Drillability
2.2.2. Continuity vs. Multiplicity
2.2.3. Immersion vs. Extractability
2.2.4. Worldbuilding
2.2.5. Seriality
2.2.6. Subjectivity
2.2.7. Performance
2.3. Roman und die medialen T ransformation

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Einführung

In dieser Hausarbeit wird die Theorie der medialen Transformation am Beispiel von Roman von Michail Bulgakov „Der Meister und Margarita" vorgestellt. Das Konzept der medialen Transformation erscheint auf dem ersten Blick als eine moderne Form des Geschichtenvermittelns, welche Ende des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Populäre Beispiele für Transmedia Storytelling sind Filmreihen wie „Matrix", „Star Wars" oder „Spiderman", bei denen insbesondere wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen. So erklärt Professor Henry Jenkins, einer der populärsten Wissenschaftler auf dem Gebiet, dass „Modern media companies are horizontally integrated - that is, they hold interests across a range of what were once distinct media industries." (11 Absatz 2).

Auf Grund dieses Charakters ist die Anwendbarkeit der Theorie auf Geschichten des 21. Jahrhunderts nahezu offensichtlich. So sind vor Veröffentlichung neuer Kinobestseller, Filmtrailer, Fernsehwerbung, Zeitschriftenartikel und Fanartikel allgegenwärtig, lange bevor der eigentliche Film in die Kinos kommt. Dabei handelt es sich bei der medialen Transformation nicht um eine moderne für den Kommerz ausgerichtete Wirtschaftstheorie, sondern um eine Theorie den Inhalt einer Geschichte möglichst effizient zu verbreiten. So vielfältig wie die Menschen sind, ist auch ihre Wahrnehmung und ihr Bedürfnis bestimmte Medien zu nutzen. Während einige eher lesen, bevorzugen andere die Verfilmung und echte Fans wollen über diese beiden Genre hinaus tiefer in die Geschichte eintauchen. So können die Wünsche der Geschichtskonsumenten auch dazu führen, dass eine ursprünglich nur als Einzelgeschichte angelegte Story eine Fortsetzungen mit stärker verzweigten Inhalten und neuem Ziel erhält.

In dieser Arbeit wird gezeigt, dass auch der Roman „Der Meister und Margarita" aus dem Jahr 1940 als Teil einer transmedialen Geschichtserzählung gesehen werden kann und alle Elemente dieser Theorie erfüllt. Damit wird auch gezeigt, dass der Roman aufgrund seiner vielen Darstellungen und den damit verbundenen Reflexionen an den Gegenwartsthematiken stets seine Aktualität behält und als fundamentales Werk anzusehen ist.

2. Mediale Transformation des Romans

2.1. Was ist Mediale Transformation

Mediale Transformation wird häufig auch Transmedia Storytelling genannt. Die Definition nach dem US-amerikanischen Medienwissenschaftler Henry Jenkins ist: „Transmedia storytelling represents a process where integral elements of a fiction get dispersed systematically across multiple delivery channels for the purpose of creating a unified and coordinated entertainment experience." (11 Absatz 1). Während in der traditionellen Medienverbreitung die einzelnen Elemente wie Bücher, Filme und Videospiele nicht aufeinander abgestimmt nebeneinander existierten, ist das Ziel der transmedialen Erzählung die Realisierung einer abgestimmten Darstellung der Geschichte. So bilden zum Beispiel Buch, Film und Videospiel eine lücken- und überlappungslose Darstellung der Gesamtstory. Es ist demnach möglich, dass der Verzicht auf den Konsum eines Mediums zu einer Lücke in der Gesamtgeschichte führt, da kein einzelnes Medium den gesamten Inhalt der Story beinhaltet.

In unserer modernen Welt gibt es unzählige Medienkanäle, um eine Geschichte zu verbreiten. Hierzu zählen Bücher, Illustrationen, Theaterinszenierungen, Verfilmungen, Musicals, Opernaufführungen, Musik, Computer- wie auch Brettspiele, Hörbücher, Internetangebote wie Blogs oder Nutzergruppen, Themenparks, Denkmäler, Kongresse und weiter soziale Veranstaltungen und Ausstellungen, sowie Kostüme aber auch die jeweiligen Übersetzungen mit ihrer spezifischen Anpassung.

An dieser umfangreichen Aufzählung zeigt sich bereits, dass nicht jeder Konsument alle Medienkanäle nutzt. So wird der klassische Opernbesucher in angemessener Abendkleidung zu einer Opernpremiere erscheinen. Dagegen treten Fans einer Kinofilmreihe gern in Kostümen ihrer Lieblingscharaktere in entsprechenden Kostümen zur Kinopremiere auf. Ein ebenso ungewöhnlicher Anblick ist, das ein Computerspieler das Museum des Spieleentwicklers und Geschichtsschreibers aus dem 19. Jahrhundert besuchen, mit dem Ziel sich in die Welt des Autors hineinzuversetzen und die letzten Hintergründe für seine Werke zu erkennen. Doch wenn Trasmedia Storytelling erfolgreich ist, dann führt es genau zu diesem Phänomen. Die Menschen sind bereit sich mit den verschiedenen Medien auseinander zu setzen, denen sie sonst fernbleiben. Die verschiedenen Medienkanäle sind entsprechend nicht als Konkurrenz, sondern als gegenseitige Ergänzung und Bereicherung anzusehen. Die erfolgreiche Umsetzung einer Geschichtserzählung hängt somit von der optimalen Verknüpfung der Grundpfeiler der medialen Transformation ab.

2.2. Die Grundpfeilern der medialen Transformation

Gemäß der Theorie nach Henry Jenkins gibt es 7 Grundpfeiler in der medialen Transformation (11 7, „The Revenge of the Origami Unicorn: Seven Principles of Transmedia Storytelling"). Diese Grundpfeiler können in zwei Gruppen eingeteilt werden. Beide Gruppen beschreiben notwendige Auseinandersetzungen, um die Story zu vermitteln. In der ersten Gruppe geht es dabei auch um die Entscheidung, welche Zielgruppe soll erreicht werden. So gibt es auf der einen Seite die Konsumenten, welche möglichst viele Details erhalten wollen und dafür bereit sind viel Zeit aufzuwenden, um alle diese Details auch aufzunehmen. Die anderen Konsumenten wollen mit möglichst wenig Zeitaufwand in die Story einsteigen und sich nicht mit zu vielen einzelnen Details beschäftigen. Die andere Gruppe beschreibt Elemente, die mehr oder weniger stark enthalten sind. Hier kommt es darauf an, wie umfangreich eine Story erzählt werden soll. So ist es möglich eine Story zu vermitteln, die schnell erzählt ist oder durch viele Details ein eigenes Universum generiert.

Diese 7 Grundpfeiler finden sich in allen Storyvermittlungen wieder. Henry Jenkins selbst spannt in seiner Beschreibung die Brücke zwischen Klassikern von Tolstoi bis zu modernen Epen des 21. Jahrhunderts. Das keine Begrenzung auf bestimmte Genren oder Epochen existieren, wird in den nachfolgenden Kapiteln deutlich. Es werden die 7 Grundpfeiler vorgestellt und anhand des Romans „Der Meister und Margarita" mit allen seinen Verzweigungen in verschiedenen Medien diskutiert.

2.2.1. Spreadability vs. Drillability

„Perhaps we need a different metaphor to describe viewer engagement with narrative complexity. We might think of such programs as drillable rather than spreadable."11.

Die Punkte „Breite" und „Tiefe" stehen komplementär zu einander. So setzt man bei Spreadability auf eine leicht verständliche Handlungsgrundlage, bei der der Konsument schnell in die Geschichte einsteigt ohne nennenswerte Vorkenntnisse über die handelnden Personen oder möglichen Vorgeschichten aufbauen zu müssen. Dies bedeutet bei Storyreihen, dass jedes Element der Reihe für sich eine geschlossene Handlung bildet und nicht zwingend weitere Elemente der Reihe konsumiert werden müssen, um den Kern der Einzelgeschichte zu erfassen.

Dem steht die Tiefe gegenüber. Bei der Drillability wird ein umfangreiches Vorwissen vorausgesetzt. Um die Geschichte zu verstehen, bedarf es neben des Konsums des Hauptmediums auch der Recherche weiterer Kanäle, um die Geschichte zu verstehen beziehungsweise, um die letzten Details oder Interpretationsmöglichkeiten zu erschließen. Ein Beispiel hierzu sind Storyreihen, die mit offenen Enden aufeinander aufbauen. Da die Vorgeschichte eines Elements der Reihe nicht wiederholt wird, ist es nicht möglich den Inhalt zu erfassen und durch das offene Ende ist der Konsument gezwungen auch das nächste Element der Reihe zu inkorporieren. Jenkins selbst beschreibt es mit „Drillable media typically engage far fewer people, but occupy more of their time and energies in a vertical descent into a text's complexities."11.

Der Roman „Der Meister und Margarita" bildet für sich einen geschlossenen Roman. An dieser Stelle, sei davon auszugehen, dass der Roman vollständig veröffentlich vorliegt, während im Kapitel 2.2.5 auf die Vorabveröffentlichung einzelner Romaneteile eingegangen wird. Somit könnte sich, je nach Hintergrund und Motivation des Lesers, nach der einmaligen Lektüre die Geschichte zu einem ausreichend abgeschlossenen Bild ergeben. Jedoch enthält der Roman Inhalte, die eine verzweigte Interpretation erlauben. Aus diesem Grund findet sich in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder YouTube Nutzergruppen, in denen die verschiedenen Interpretationen fortgeführt werden. Bekannte Diskussionsforen sind von G. Long mit den Gruppen „Cheese hole" und „Sandbox"4 eröffnet wurden. Mittels der verschiedenen Internetplattformen tauschen Bulkagov-Fans ihre Eindrücke und Gedanken aus und diskutieren mögliche Fortsetzungen der Geschichten. Diese interaktive Möglichkeit die Story fortzuführen ist Inspiration, Motivation und Diskussionsgrundlage in den Gruppen.

Zur Vertiefung gehört aber auch die Übertragung der Geschichte in andere Medienformen. Filme, Theaterstücke oder Opern verleihen dem Stück eine andere Interpretationsmöglichkeit. Dies zeigte sich beispielsweise in der ersten Theateraufführung 1977 von Jurij Lybimov im Taganka-Theater13. Die Genehmigung für die erste Aufführung brauchte 10 Jahre bevor die Inszenierung als Experiment genehmigt wurde. Jurij Lybimov wollte den Roman „lebendig" darstellen und den Eindruck einer Collage erzeugen. Für den Bau des Bühnenbildes musste jedoch vieles Improvisiert werden, da für die Dekorationen und Kostüme kein Budget von Staat gegeben wurde. Die Requisiten wurden für die Vorstellung aus anderen Stücken ausgeliehen. Um die Kosten zu sparen, war ein Szenenwechsel nicht möglich und deswegen wurde die Bühne bloß geteilt. Trotzdem bildeten das Pendel, Symbol von zeitlichen Schichten, und der Goldene Rahmen, der für die Gespräche von Pontius Pilatus mit Jeschua verwendet wurde, die Visitenkarte des Theaters und wird bis heute in dieser Form gespielt.

Eine andere Form der Interpretation am Theater ist die Inszenierung von János Szász im Moskauer Tschechow-Kunsttheater. Mit der ungewöhnlichen Kulisse der Metro und dem markanten Logo des Stücks bestehend aus dem doppelten in sich gespiegelten Metro-M wurde das Stück zum Sinnbild für „Der Meister und Margarita".

Der Roman selbst setzt ein umfangreiches Wissen über Geschichte und Religion voraus. Hinzukommen die Kenntnisse der Kultur und Lebensweisen der Russen einschließlich des russischen Humors. Dies macht den Roman authentisch und ermöglicht es während des Lesens sich die Personen und ihre Umgebung vorzustellen. Für Konsumenten ergibt sich somit ein individuelles Bild einer Szene, je nachdem wie gut das dargestellte Themengebiet bekannt ist. Leser, denen diese Vorstellung nicht reicht, können sich mittels weiterführender Literatur, Bildbände oder Dokumentation weiter vertiefen. Vor allem das Wissen über die dargestellte Epoche und den Örtlichkeiten im Roman können ein schärferes Bild entfalten. Auch der Besuch, der im Roman aufgeführten Lokalitäten, ermöglicht eine authentischere Vorstellung. Bis heute besuchen Bulgakov-Fans die Patriarschen Teiche wie auch die Sadovaja Straße in der sich die Wohnung befand, in der sich Volland aufhielt.

Der Roman selbst ist ohne Vor- und Nachrecherche lesbar und verständlich.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Michail Bulgakovs Roman "Der Meister und Margarita" und die Mediale Transformation
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Slavistik)
Veranstaltung
Aufbaumodul: Der Meister und Margarita (1928-1940). Michail Bulgakov (1891-1940) genialer Doppelroman und seine gefährlichen Kontexte
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V509608
ISBN (eBook)
9783346081070
ISBN (Buch)
9783346081087
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der Meister und Margarita, Mediale Transformation, Transmedia, Storytelling, Slavistik, Bamberg, Muchail Bulgakov, Doppelroman, Henri Jenkins, Begemot, Voland, Spreadability, Drillability, Continuity, Multiplicity, Immersion, Extractability, Worldbuilding, Seriality, Subjectivity, Performance, Pontius Pilatus, Jeschua
Arbeit zitieren
Natalia Ackermann (Autor), 2018, Michail Bulgakovs Roman "Der Meister und Margarita" und die Mediale Transformation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509608

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