Kleidung als symbolische Selbstinszenierung


Diplomarbeit, 2005
115 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsangabe

„Kleidung als symbolische Selbstinszenierung“

Einleitung

I. Der innere Antrieb des Kleidungsverhaltens
I.1. Die Schutz-Theorie
I.2. Die Scham-Theorie
I.3. Die Schmuck-Theorie
I.4. Die Ausdrucksfunktion im Schmücken und Verhüllung

II. Selbstausdruck: Die kommunikative Leistung der Kleidung
II.1. Die Botschaftsbereiche der Kleidung
II.1.1. Gruppenzugehörigkeit
II.1.2. Status
II.1.3. Persönlichkeit
II.1.4. Interpersonale Einstellungen
II.1.5. Gefühlslage
II.1.6. Parallelität & Bewusstheitsgrad der
Kommunikationsbereiche
II.2. Erkennung
II.3. Kleidersprache als subtile Ergänzung verbaler Sprache
II.4. Das Verstehen der Kleidersprache – Strukturelle Gesetzmäßigkeiten
II.4.1. Kleidersymbolik
II.4.1.1. Symbole der Kennzeichnung
II.4.1.2. Symbole der Dekoration
II.4.1.3. Die Beweglichkeit der Symbole
II.4.1.3.1. Situative und gruppenspezifische Variabilität
II.4.1.3.2. Der jeweilige Kontext gestaltet die Symbolik
II.4.2. Kleidernormen
II.4.2.1. Allgemeine Kombinationsnormen
II.4.2.2. Situationsabhängigkeit der Normen
II.4.2.3. Normen zu Signalen der Gruppenzugehörigkeit
II.5. Zusammenfassung

III. Die Selbstinszenierung durch Kleidung
III.1. Repräsentation und Kompensation
III.2. Kleidung: Selbstausdruck oder Ausdruck des idealen Selbst
III.2.1. Die Selbstausdrucks-Theorie
III.2.2. Die Persönlichkeits-Theorie
III.2.3. Die Impression-Management-Theorie
III.2.4. Die Theorie des idealen Selbst
III.2.5. Die Theorie der symbolischen Selbstergänzung
III.2.6. Kleidung - ein inszenierter Ausdruck
III.3. Schein und Sein - Kleidung und Person
III.3.1. Kleidung als Korrektur am Körper
III.3.2. Die Manipulation in der Kleidersprache
III.4. Die vestimentäre Selbstinszenierung als Maske
III.4.1. Die verhüllende Funktion
III.4.2. Die präsentierende Funktion
III.4.3. Der Kompromiss in unseren Maskierungen

IV. Die Macht der vestimentären Selbstinszenierung
IV.1. Die Wirkung auf die Umwelt
IV.1.1. Personale und soziale Funktion
IV.2. Die Wirkung auf den Träger selbst
IV.2.1. Der Einfluss auf das Selbstbild
IV.2.2. Stabilisierung des Selbstbildes durch die Umweltreaktion
IV.2.3. Selbstinszenierung als Anerkennungssuche
IV.3. Fazit: Wechselwirkung
IV.4. Der Nutzen der Täuschung

Anhang:

Aber was um alles in der Welt hat das alles mit Sozialpädagogik bzw. Sozialarbeit zutun? 85

Einleitung

Ich habe diese Arbeit mit dem Anspruch geschrieben, einerseits einen möglichst umfangreichen Einblick in das Thema zu bieten, andererseits dabei nicht nur „an der Oberfläche“ verschiedenster Gebiete zu kratzen. Demzufolge besteht diese Arbeit aus drei aufeinander aufbauenden Teilen:

- Die Kleidungsgestaltung an sich,
- ihr Kommunikationsaspekt und
- die Selbstinszenierung durch Kleidung.

Diese Arbeit besteht zudem einerseits aus Gegenüberstellungen verschiedener Theorien und ihren jeweiligen empirischen Befunden, andererseits aber auch aus einer „Zusammenstellung“ eben dieser, um eine Vertiefung möglich zu machen.

Kleidung ist die zweite Haut des Menschen, welche an- und ablegbar ist. Sie bezeichnet Arten der Körperbedeckung, welche es in verschiedenen Formen und unterschiedlichen Materialien gibt (vgl. Meyers Taschen-Lexikon, 1999, Bd.5 S. 1816f). Sie variiert ebenfalls in Farbe, Schnitt, Verzierung und Muster. Diese Hülle, in die wir uns begeben, kann dünn und luftdurchlässig oder dick bis panzerartig sein. Sie variiert von praktisch bis dekorativ, bequem bis ungemütlich, schick bis schlampig und auffällig bis tarnend. Auch der Verhüllungsgrad ist hochgradig variabel: Araber sind fast vollständig eingehüllt und bedeckt, im Sudan dagegen sind die Menschen weitgehend unbekleidet. Beide Kulturen leben in ähnlichen Klimaverhältnissen (vgl. Collett, 1972, S. 169 – 179).

Auch Tätowierungen, Schmucknarben, Piercings, Bemalungen oder mit Schlamm geschmückte Haut sind Formen der Körperbedeckung und können somit als Bekleidung gelten. Demnach werde ich auch diese Kleidungsformen hin und wieder in meine Thesen mit einbeziehen.

Kurz: Kleidung ist ein großes Gebiet und das Thema dieser Arbeit. Vor allem aber wird sie hier unter zwei Aspekten betrachtet: Kleidung als nonverbale Kommunikationsform und Kleidung als eine Form der Selbstdarstellung.

Im ersten Kapitel wird es um das Kleiderverhalten allgemein gehen: Der innere Antrieb des Menschen zum Kleidungsverhalten, dargestellt anhand des Ursprungbedürfnisses nach Kleidung, wird hier einführend den Fokus bilden. Doch schon im zweiten Kapitel möchte ich einen weiteren Gesichtspunkt hinzunehmen: die nonverbale Kommunikation.

Nonverbale Kommunikation ist die Sprache ohne Worte, über welche wir uns parallel zur verbalen Kommunikation verständigen. Bereits Darwin (1872), der „`Begründer´ der modernen Forschung zur nonverbalen Kommunikation“ (Krämer, 2001, S. 11) erkannte vor fast 1 ½ Jahrhunderten ihre Wichtigkeit für die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Wie deutlich werden wird, umfasst die nonverbale Kommunikation auch das Kleidungsverhalten. Kleidung teilt etwas über den Kleidungsträger mit, „spricht“ also.

Im zweiten Kapitel werde ich mich diesbezüglich einerseits damit beschäftigen, was wir über die Kleidung ausdrücken (Kapitel II.1. Die Botschaftsbereiche der Kleidung), was die Funktion dieser Mitteilungen ist (Kapitel II.2. Erkennung) und warum diese Funktion nicht über die verbale Sprache erbracht werden kann (Kapitel II.3. Kleidersprache als subtile Ergänzung verbaler Sprache). Um anschließend zu beleuchten, wie Kleidersprache funktioniert, werde ich mich mit den zwei Gesetzmäßigkeiten Symbolik (Kapitel II.4.1. Kleidersymbolik) und Normen (Kapitel II.4.2. Kleidernormen) beschäftigen, auf denen die Kleidersprache aufgebaut ist.

Der wichtigste Punkt kommt zuletzt: Nonverbale Kommunikation hat viele Gesichter, allen gemein ist das „Sich-Äußern“. Bei den Äußerungen der Kleidung handelt es sich um eine Darstellung des Selbst.

Selbstdarstellung ist die Erscheinungsweise eines Individuums, welche einen Inhalt suggeriert. Sie ist die (Re)-Präsentation des Selbst. Diese Kunst der Selbstgestaltung beschäftigt sich im Falle der Kleidung mit der Haut.

Sie ist „etwas ständig Ablaufendes“ (Mummendey, 1990, S. 14). Und fast jedes menschliche Verhalten kann unter dem Gesichtspunkt der Selbstdarstellung aufgefasst und interpretiert werden (vgl. ebd.).

Im dritten und vierten Kapitel wird die Kleidung also konkreter unter dem Aspekt der Selbstdarstellung betrachtet werden.

Im dritten Kapitel spielt die Frage nach der „Echtheit“ der vestimentären Selbstdarstellung eine Rolle: Stellt Kleidung allgemein das tatsächliche Selbst dar oder eher das ideale, also Schein-Selbst? Und dient Kleidung der reinen Repräsentation oder vielmehr der Kompensation? (Kapitel III.1. Repräsentation und Kompensation, Kapitel III.2. Kleidung: Selbstausdruck oder Ausdruck des idealen Selbst). Hier wird deutlich werden, dass es sich weniger um eine tatsächliche Darstellung des Selbst handelt, sondern viel mehr um eine Inszenierung (im Sinne des Vorgaukelns und Verheimlichen).

Anschließend wird der Täuschungsaspekt der Selbstinszenierung durch Kleidung näher beleuchtet (Kapitel III.3. Schein und Sein – Kleidung und Person) und schließlich werde ich eine Parallele ziehen zwischen vestimentärer Selbstinszenierung und der meiner Ansicht nach charakteristischsten Form von Inszenierung: der Maske. Denn bei der Selbstinszenierung durch Kleidung scheint es sich in jeglicher Hinsicht um eine Maskierungsform zu handeln.

Im vierten Kapitel soll die Macht dieser vestimentären Maskierungsform deutlich werden (Kapitel IV: Die Macht der vestimentären Selbstinszenierung). Sie wird in ihrer Wirkung auf die Umwelt und auch auf das eigene Selbstbild untersucht werden (Kapitel IV.1. Die Wirkung auf die Umwelt und IV.2. Die Wirkung auf den Träger selbst), um schließlich die Frage aufzuklären, was genau der Nutzen jener menschlichen Selbstinszenierung ist.

I. Der innere Antrieb des Kleidungsverhaltens

Es scheint mir kaum möglich zu sein, das Themengebiet der menschlichen Selbstinszenierung durch Bekleidung darzustellen, ohne einführend dem Entstehungsprozess bzw. dem zugrundeliegenden Auslösemechanismus des Kleidungsverhaltens nachzugehen und zu erläutern, welche möglichen psychologischen Urfunktionen der Kleidung in frühgeschichtlichen Gesellschaften innewohnten. Es wird nicht möglich sein, ein umfassendes Bild von der Geschichte der Bekleidung zu schaffen - dies ist für den Themeninhalt dieser Arbeit auch nicht nötig - doch woraus das menschliche Bedürfnis nach Bekleidung ursprünglich entstand, sollte einführend erläutert werden, um ein tieferes Verständnis für die psychologische Funktion von Kleidung zu bekommen und später behandelte Mechanismen nachvollziehen zu können.

Es gibt neben einer Vielzahl an Theorien zu Teilaspekten der Kleidungsfunktion drei Haupttheorien zum Grundbedürfnis des Kleidungsverhaltens, welche sich auf den Ursprung der Kleidung beziehen und erklären, welcher Antrieb dem Kleidungsverhalten zugrunde liegt.

I.1. Die Schutz-Theorie

Der Mensch, ein „nackter Affe“, ist gezwungen, sich vor äußeren Einflüssen zu schützen. Diesen Ansatz zur Erklärung der ursprünglichen Leistung von Kleidung bietet die „Schutzfunktion-Theorie“ („The Protection Theory“) (vgl. Hund, 1975, S. 76). Diese Theorie - welche heute die gesellschaftlich geläufigste ist (vgl. Rowland-Warne, 1992, S. 6) - besagt, dass die ursprüngliche Funktion von Kleidung der Schutz gegen äußere Umwelteinflüsse ist. Nach dieser Theorie dient Kleidung dem Schutz vor Witterungseinflüssen (Kälte, Nässe, Wind), sie reguliert die Transpiration (vermeidet Hitzeschlag) und schützt ebenfalls vor Verletzungen (Dornen oder Mücken) (vgl. Hellpach, 1938, S. 81f).

Dieser Ansatz orientiert sich am zweckmäßigen Nutzen der Bekleidung und braucht daher keine psychologische Begründung bezüglich des Antriebs zum Kleidungsverhalten. Das Kleidungsverhaltens begann hiernach einfach von „dem Augenblick an, da der Mensch die Funktion der Kleidung als Schutz gegen die Unbill der Natur entdeckte“ (Kybalová, o.J., S. 21).

Es ist schwer zu leugnen, dass unser Kleidungsverhalten vom rein funktionalen Faktor des Schutzes gewaltig beeinflusst wird. Doch dass Kleidung nicht nur allein der Funktion des Schutzes dient, zeigen auch bis heute noch mehrere Verwendungsarten der Kleidung: Es gibt zahlreiche Kleidungsstücke, welche die praktische Tätigkeit und freie Beweglichkeit behindern. Beispielsweise „überdimensionale Halsreifen, Schnabelschuhe, körperliche Verstümmelungen, Schleppen, Korsette, Reifröcke usw.“ (Hund, 1975, S.22). Die ursprünglichste Form der Kleidung überhaupt ist „die sogenannte Hüftschnur (später der Hüftring)“, welche „locker über der weiblichen Hüfte hängt“ (Beide Zitate: König, 1967, S. 53f). Diese Kleidungsformen schützen weder vor Umwelteinflüssen oder Verletzungen, noch regulieren sie die Transpiration.

Kommen wir nun also zu zwei weiteren anerkannten Erklärungsansätzen, welche das Bedürfnis nach Kleidung unter anderen Gesichtspunkten beleuchten und die Schutz-Theorie ergänzen, indem sie erklären warum es „entfunktionalisierte“ Kleidungsformen gibt.

I.2. Die Scham-Theorie

„Mit dem Kleide zieht das Weib auch die Scham aus.“

(Herodot, genannt „Vater der Geschichte“, 5. Jh. v. Chr., S. 76)

Der Bibel zufolge liegt die ursprüngliche Aufgabe der Bekleidung in der Bedeckung der Blöße: „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze“ („Bibel“, o.J., 1. Buch Mose 3,7).

Aber auch wissenschaftlich gibt es die „Theorie der Scham als Ursache für Bekleidungs-Anstrengungen“ ( The Modesty Theory“) (Hund, 1975, S. 76). Bei dieser wird das menschliche Mangelempfinden bei Nacktheit verantwortlich gemacht für die Entstehung des Kleidungsverhaltens. Diese Theorie sieht den Zweck der Bekleidung in der Verhüllung von körperlichen Mängeln, bzw. der Bedeckung von Stellen, die man der allgemeinen Betrachtung nicht ständig preisgeben möchte. Nacktheit stellt einen Mangel dar, somit wird auf die eigene Blöße mit Bedeckungswünschen, also Scham, reagiert. Es handelt sich nach F. Kiener um einen „`Mangel´, der offenbar schon an sich erlebt wird, nicht erst durch das raue Klima bewusst gemacht werden muss“ (Kiener, 1956, S. 23f).

Kritiker der Scham-Theorie (auch „Schamhaftigkeits-Theorie“ genannt) weisen jedoch darauf hin, dass es Vorformen der Kleidung gab und immer noch gibt, welche ganz und gar nicht der Schamtheorie entsprechen, da die primären und sekundären Geschlechtsteile nicht verdeckt werden, wie beispielsweise die Hüft- und Brustschnur vieler Primitiver (vgl. Flügel, 1966, S. 17).

Doch die Verfechter der Schamtheorie argumentieren plausibel: Es gibt Kulturen, welche sich einzig bis auf die Augenpartie vollkommen verhüllen, andere Kulturen leben praktisch nackt. Doch auch weniger verhüllende Kleidungsarten erfüllen den Zweck der Schamvermeidung. Die Geschlechtsteile müssen nicht unbedingt bedeckt werden, um eine Schamvermeidungsfunktion zu erfüllen. Denn, so zeigt u.a. folgende Untersuchung, scheint die Schamhaftigkeit bei den „Nackten“ ähnlich ausgeprägt zu sein wie bei den „Verhüllten“. Der Verhaltensforscher I. Eibl-Eibesfeldt schreibt über die Yanomani-Indianer in Brasilien: „Die Frauen gingen für unsere Begriffe splitternackt. Sie trugen nichts außer einer dünnen, fein gearbeiteten Schnur um den Leib. Ihre Scham war vollkommen unbedeckt“. Er bemerkte bei seinem Besuch jedoch nach geraumer Zeit, „dass die Frauen und Mädchen sich ohne diese Schnur unanständig nackt fühlten [...]. In ähnlicher Weise fühlten sich die Männer nackt, wenn sie ihre Penisschnur lösten oder wenn sie von selbst aufging. Es handelt sich bei diesen Schnüren wohl um Überbleibsel einer Bekleidung, denn nackt kamen die Ahnen der Yanomani ganz sicherlich nicht während der Eiszeit über die Berlingstrasse. Hier im tropischen Regenwald legten sie die Kleidung als unzweckmäßig ab, bis auf jenes Restchen, das sie brauchten, um sich „kultiviert“ zu fühlen und vielleicht auch um die Spannung der Koketterie erleben zu können“ (Beide Zitate: Eibl-Eibesfeldt, 1976, S. 99f).

Alle Menschen jeder Kultur kennen das Gefühl der Schamhaftigkeit gleichermaßen, und praktisch niemand läuft völlig nackt herum. „Ohne Körperbemalungen, passenden Frisuren, Lendenschnur, Stammestätowierungen, Schmuck oder eben nur die Bedeckung bestimmter Körperpartien kämen sich die in tropischen Regionen lebenden Landbewohner genauso schamlos nackt vor wie wir ohne entsprechenden Anzug im Büro“ (Payer, 2005, I. 10.3.3.).

Diese universelle Tendenz zur Scham wie auch zur Kleidung, welcher Art auch immer, suggeriert das menschliche Bedürfnis nach Vermeidung von Nacktheit. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Scham-Theorie plausibel, da sie durch die Relativierung der Kleidungsgestaltung jede Klimazone und auch jede Kleidungsform mit einbezieht.

I.3. Die Schmuck-Theorie

„Es gibt unbekleidete, nicht aber ungeschmückte Leute“ (Flügel, 1966, S. 17).

Das zeigt, „dass die geschmückte Haut ein Grundphänomen des menschlichen Lebens ist“

(Gröning, 1997, S. 15).

Kommen wir nun zum dritten Erklärungsansatz bezüglich des Auslösers vom allgemeinen Kleidungsverhalten: Die „Dekorations-Theorie“ („The Decoration Theory“), auch Schmuck-Theorie genannt. Diese erklärt den Ursprung und Hauptantrieb der Kleidung im „ästhetische[n] Trieb des Menschen“ (Kiener, 1956, S. 62). Kleidung stellt hiernach den Ausdruck der ästhetischen Vorstellung einer Person dar. Der Mensch entwickelte das Bedürfnis, körperliche Reize zu unterstreichen indem physische Merkmale hervorgehoben wurden. Hiernach geht es um das Verzieren des Körpers: Kleidung als Schmuck.

„Vorformen von Kleidung sind z.B. die gemalten Verzierungen des Körpers, Tätowierungen, einzelne Schmuckstücke. Sie entstanden im Prozess der ursprünglich allseitigen Umweltaneignung der Menschen. Dazu gehörte neben der umgebenden auch die eigene Natur, also die Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Die Demonstration sexueller Potenz durch Hüftschnur und Penisfutteral hat darin ihre Ursache“ (Hund, 1975, S. 23).

Während die Scham-Theoretiker die Hüftschnur als Instrument der Schamvermeidung betrachten (wobei die Bedeckung der Geschlechtsteile nicht zur Bedingung gemacht wird), sehen die Schmuck-Theoretiker die ästhetische Dekorationsfunktion in ihr; mit der Begründung, dass diese die primären und sekundären Geschlechtsteile geradezu betont (vgl. Flügel, 1966, S. 122f).

Doch woraus entsteht die Notwendigkeit, sich zu schmücken? „Wir wissen, der Mensch schmückt sich aus dem Gefühl des `Mangels´, das schon den Primitiven treibt, seinen nackten Körper durch Ziernarben, Bemalung oder Schmuck zu bereichern. In diesem Mangelgefühl haben wir eine der Wurzeln des Schmucktriebes“ (Kiener, 1956, S.49). Wie in der Scham-Theorie wird dem Menschen auch hier ein Gefühl des Mangels unterstellt, welches den Antrieb des Kleidungsverhaltens darstellt. Dieser Mangel wird hierbei jedoch nicht mit der menschlichen Nacktheit in Verbindung gebracht, sondern vielmehr mit einem Minderwertigkeitsgefühl. Der Körper wird durch Kleidung „bereichert“, um ihn prächtiger erscheinen zu lassen.

F. Kiener geht sogar noch weiter, indem er annimmt, dass dem Schmucktrieb eine „Ästhetische Wurzel“ (Kiener, 1956, S. 50) zugrunde liegen muss. Er geht von einer „Ansprechbarkeit“ für Schmuck aus, d.h. es muss ein Empfinden für Schönheit geben, damit ein Gespür für Schmuck entstehen kann. Er unterstellt auch dem Tierreich ein ästhetisches Empfinden, das sich seiner These nach im sexuellen Werbeverhalten der Tiere zeigt, welches ausschließlich über ästhetische Reize funktioniert. Und sogar in der Pflanzenwelt ist nach seiner These jenes ästhetische Gespür zu finden, da Pflanzen eine gewisse Pracht und Schönheit entwickeln, welche hochgradig funktional sei, da sie der Fortpflanzung diene (vgl. ebd.).

Auch die Schmuck-Theorie ist plausibel, da sie auf jede Klimazone und auch auf jede Kleidungsform anwendbar ist: In warmen wie auch in kalten Gegenden sind die „Formen der Schmuckbekleidung“ (vgl. König, 1967, S. 53) zu finden und sie können sich in vollständiger Verhüllung wie auch in „karger“ Kleidung, also der Betonung der Geschlechtsmerkmale, ausdrücken: Kleidung – in welcher Form auch immer – ist bereits Dekoration.

I.4. Die Ausdrucksfunktion

im Schmücken und Verhüllen

Gröning sagt, dass „die Ausdrucksformen der Körperkunst als Versuch des Menschen, soziale Identifikationsmuster materiell zu verkörpern, abzubilden oder in Frage zu stellen“ gesehen werden können.

(Gröning, 1997, S. 15).

In der umfangreichen Literatur zur ursprünglichen Aufgabe der Bekleidung gibt es etliche Belege für und wider diese drei Theorien, die in der Wissenschaft als die grundlegendsten gelten. Das lässt vermuten, dass alle drei eine gleichwertige Berechtigung haben, parallel zueinander als Grundfunktion der Kleidung zu gelten.

Nachdem ich sie einzeln dargestellt habe, möchte ich sie nun einander gegenüberstellen, um zu einer Schlussfolgerung zu kommen, welche die Grundlage für die nächsten Kapitel sein wird.

Dass bei der Kleidungsgestaltung die Schutzfunktion als Hauptmotiv genannt werden sollte, scheint sofort einleuchtend zu sein, da diese ihren rein praktischen Nutzen fokussiert, dessen Notwendigkeit sehr plausibel weil stichhaltig ist. Doch betrachten wir einmal näher, was die zwei anderen Funktionstheorien gemeinsam haben, die zunächst im Vergleich eher unpraktisch und überflüssig wirken. Schmuck und Schamvermeidung als Funktionen der Kleidung scheinen kulturelle „Eitelkeiten“ zu sein, unbrauchbar und nutzlos im Vergleich zu der funktionalen Aufgabe, vor Witterung und Verletzung zu schützen. Doch wie tiefgreifend funktional diese beiden Faktoren eigentlich sind, soll nun durch meine These ersichtlich werden:

Abgesehen von der bloßen Funktion zu schmücken und Scham zu vermeiden erfüllt das verzierende und verhüllende Kleiderverhalten eine weitere Leistung, und zwar die der Kennzeichnung bzw. des Selbstausdrucks. Die Ausdrucksfunktion der Kleidung erwähnt auch M. Payer (vgl. Payer, 2005, I. 10.3.), bezieht sie aber nicht auf Scham- und Schutzfunktion. Doch sie ist, so meine These, gerade in ihnen zu finden. Denn Scham- sowie Schmuckverhalten als vestimentäre (= die Bekleidung betreffende) Funktion offenbaren etwas über die Person des Trägers, drücken sein Inneres symbolisch aus:

- Die vestimentäre Schmuck funktion bietet dem Träger die Möglichkeit, sein „Selbst“ durch Schmücken und Verschönern des Körpers auszudrücken. Und somit verrät der geschmückte Körper in der Art seiner Ausdrucksgestaltung immer auch etwas über den Träger selbst.
- Die vestimentäre Schamvermeidungs funktion veranlasst den Träger dazu, sich zu verhüllen, und doch offenbart die Kleidung zwangsläufig ebenso durch die Art der Verhüllung etwas über sein Ich. Denn die Verhüllung stellt eine Gegenkomponente des Verzierens dar, vermittelt also gleichermaßen das „Selbst“ des Trägers.

Kleidung ist in diesem Kontext also ein Selbstausdruck, und somit eine geeignete Form der nonverbalen Kommunikation, da sie Mitteilungen über den Kleidungsträger macht.

Ganz anders dagegen ist die vestimentäre Schutzfunktion, welche den rein praktischen Zweck der Kleidung umfasst. Durch sie ist keine nonverbale Kommunikation möglich, da sie im Gegensatz zu den beiden anderen Funktionen nicht symbolbehaftet ist. Man könnte also sagen, dass die Ausdrucksfunktion (welche die Schmuck- und Schamvermeidungsfunktion umfasst) eine Gegenkomponente zur Schutzfunktion darstellt. Denn während die Bekleidung innerhalb der Schutzfunktion rein praktisch orientiert ist, ist die Bekleidung innerhalb der Ausdrucksfunktion ein Mittel der Kennzeichnung und Signalisierung. Und somit sind Schmuck- und Schamvermeidungsfunktion von größerer Bedeutung als man zunächst annehmen möchte (Eine Vertiefung hierzu jedoch erst im dritten Kapitel).

[...]

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Kleidung als symbolische Selbstinszenierung
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
115
Katalognummer
V51030
ISBN (eBook)
9783638471022
ISBN (Buch)
9783640164936
Dateigröße
3005 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Kleidung, Selbstinszenierung
Arbeit zitieren
Graciette Justo (Autor), 2005, Kleidung als symbolische Selbstinszenierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51030

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