Kleidung ist die zweite Haut des Menschen, welche an- und ablegbar ist. Diese Hülle, in die wir uns täglich begeben, kann dünn und luftdurchlässig oder dick bis panzerartig sein. Sie variiert von praktisch bis dekorativ, bequem bis ungemütlich, schick bis schlampig und auffällig bis tarnend. Verhüllungsgrad wie auch Kombinationsmöglichkeiten sind hochgradig variabel ... Was hat es damit auf sich?
Kleidung scheint ein Sprachrohr zu sein, ein Menschheitsphänomen an Kommunikation, denn sie drückt aus, "äußert" sich, bezieht Stellung.
Was sagt sie aus? Wie tut sie dies? Und warum?
Diese wissenschaftliche Arbeit besteht aus drei aufeinander aufbauenden Teilen: Die Kleidungsgestaltung an sich, ihr Kommunikationsaspekt und die Selbstinszenierung durch Kleidung.
Zunächst wird das Kleiderverhalten allgemein bzw. werden Antrieb und Ursprungsbedürfnis des Menschen zum Kleidungsverhalten beleuchtet (Gegenüberstellung verschiedener Theorien).
Weiter wird Kleidung als nonverbale Kommunikationsform untersucht und ihre Kommunikationsfunktion wird erläutert (Botschaftsinhalte, Kleidersymbolik, Kleidernormen, vestimentäre Sprache als subtile Ergänzung der begrenzten verbalen Sprache).
Zuletzt wird die Kleidersprache als Selbstdarstellungsform betrachtet (Repräsentation des Selbst, Selbstausdruck versus Ausdruck des idealen Selbst, Kleidung als Maskierungsform, Funktion der vestimentären Selbstgestaltung), sowie ihre Macht und unterschätzte Wirkung auf die Umwelt und das Selbstbild des Trägers.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Der innere Antrieb des Kleidungsverhaltens
I.1. Die Schutz-Theorie
I.2. Die Scham-Theorie
I.3. Die Schmuck-Theorie
I.4. Die Ausdrucksfunktion im Schmücken und Verhüllung
II. Selbstausdruck: Die kommunikative Leistung der Kleidung
II.1. Die Botschaftsbereiche der Kleidung
II.1.1. Gruppenzugehörigkeit
II.1.2. Status
II.1.3. Persönlichkeit
II.1.4. Interpersonale Einstellungen
II.1.5. Gefühlslage
II.1.6. Parallelität & Bewusstheitsgrad der Kommunikationsbereiche
II.2. Erkennung
II.3. Kleidersprache als subtile Ergänzung verbaler Sprache
II.4. Das Verstehen der Kleidersprache – Strukturelle Gesetzmäßigkeiten
II.4.1. Kleidersymbolik
II.4.1.1. Symbole der Kennzeichnung
II.4.1.2. Symbole der Dekoration
II.4.1.3. Die Beweglichkeit der Symbole
II.4.1.3.1. Situative und gruppenspezifische Variabilität
II.4.1.3.2. Der jeweilige Kontext gestaltet die Symbolik
II.4.2. Kleidernormen
II.4.2.1. Allgemeine Kombinationsnormen
II.4.2.2. Situationsabhängigkeit der Normen
II.4.2.3. Normen zu Signalen der Gruppenzugehörigkeit
II.5. Zusammenfassung
III. Die Selbstinszenierung durch Kleidung
III.1. Repräsentation und Kompensation
III.2. Kleidung: Selbstausdruck oder Ausdruck des idealen Selbst
III.2.1. Die Selbstausdrucks-Theorie
III.2.2. Die Persönlichkeits-Theorie
III.2.3. Die Impression-Management-Theorie
III.2.4. Die Theorie des idealen Selbst
III.2.5. Die Theorie der symbolischen Selbstergänzung
III.2.6. Kleidung - ein inszenierter Ausdruck
III.3. Schein und Sein - Kleidung und Person
III.3.1. Kleidung als Korrektur am Körper
III.3.2. Die Manipulation in der Kleidersprache
III.4. Die vestimentäre Selbstinszenierung als Maske
III.4.1. Die verhüllende Funktion
III.4.2. Die präsentierende Funktion
III.4.3. Der Kompromiss in unseren Maskierungen
IV. Die Macht der vestimentären Selbstinszenierung
IV.1. Die Wirkung auf die Umwelt
IV.1.1. Personale und soziale Funktion
IV.2. Die Wirkung auf den Träger selbst
IV.2.1. Der Einfluss auf das Selbstbild
IV.2.2. Stabilisierung des Selbstbildes durch die Umweltreaktion
IV.2.3. Selbstinszenierung als Anerkennungssuche
IV.3. Fazit: Wechselwirkung
IV.4. Der Nutzen der Täuschung
Anhang: Aber was um alles in der Welt hat das alles mit Sozialpädagogik bzw. Sozialarbeit zutun?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Kleidung als Instrument der nonverbalen Kommunikation und Selbstdarstellung. Das primäre Ziel ist es, den Mechanismus zu analysieren, durch den Menschen ihr Selbstbild inszenieren, um soziale Anerkennung zu finden und ihre Identität gegenüber der Umwelt und sich selbst zu stabilisieren.
- Die psychologischen und soziologischen Ursprünge des Kleidungsverhaltens.
- Kleidung als subtiles Zeichensystem und nonverbale Kommunikation.
- Theorien zur Selbstinszenierung und Täuschung im Alltag.
- Die Wechselwirkung zwischen individueller Identität, Kleidung und Umweltreaktionen.
- Die Relevanz dieser Erkenntnisse für die pädagogische Arbeit mit Klienten.
Auszug aus dem Buch
II.1.4. Interpersonale Einstellungen
Ähnlich wie die Persönlichkeitssignale werden auch die interpersonalen Einstellungen durch Kleidung kommuniziert. Diese betreffen die Einstellungen des Kleidungsträgers seinem Umfeld gegenüber.
Eine Dimension der interpersonalen Einstellungen betrifft: Affiliation (Positive soziale Einstellungen wie Bescheidenheit oder Herzlichkeit), Sexuelle Anziehungskraft, Ablehnung und Aggression. Eine weitere Dimension sind die Macht-Beziehungen: Dominanz und Unterwürfigkeit (vgl. Argyle, 1979, S. 117f). Jedoch gibt es natürlich oft Zwischenstufen und immer auch Kombinationen dieser persönlichen Haltungen gegenüber der Umwelt.
Argyle bezieht seine These der interpersonellen Einstellung auf die nonverbale Kommunikation im Allgemeinen und spezialisiert dieses Gebiet nicht weiter auf das Kleidungsverhalten. Dies möchte ich nun hier ansatzweise versuchen: Ein Beispiel für eine Kleidungsbotschaft über interpersonelle Einstellungen wäre ein schlampiger und verarmt wirkender Kleidungsstil bei einem edlen feierlichen Anlass. Hier wäre deutlich zu erkennen, dass die Botschaft der Kleidung offensichtlich an die Menschen der Festlichkeit gerichtet ist und Aufsässigkeit signalisieren soll. Denn selbst wenn der „schludrige“ Kleidungsträger nicht zur Oberschicht gehört (Statusmerkmal), einer anderen Subkultur angehört (Gruppenzugehörigkeitsmerkmal) oder Werte der Bescheidenheit anstrebt (Persönlichkeitsmerkmal), wäre es ihm möglich, anlässlich der Feier mindestens ansatzweise Anpassung zu zeigen. Da er dies jedoch unterlässt, wird durch seine Kleidung Feindseligkeit oder Ablehnung den anderen gegenüber ausgedrückt, zumindest jedoch eine fehlende Identifikation.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Der innere Antrieb des Kleidungsverhaltens: Untersucht die evolutionären und psychologischen Ursprünge des Kleidungsverhaltens anhand der Schutz-, Scham- und Schmucktheorie.
II. Selbstausdruck: Die kommunikative Leistung der Kleidung: Analysiert Kleidung als nonverbales Kommunikationssystem, das soziale Identitäten und Haltungen durch Symbole und Normen transportiert.
III. Die Selbstinszenierung durch Kleidung: Hinterfragt die Echtheit der Selbstdarstellung und untersucht den täuschenden Charakter der Kleidung als Form der Kompensation und Maskierung.
IV. Die Macht der vestimentären Selbstinszenierung: Erörtert die soziale Wirkung dieser Inszenierung auf die Umwelt sowie die psychologische Rückwirkung auf das Selbstbild des Trägers.
Schlüsselwörter
Kleidung, Selbstinszenierung, nonverbale Kommunikation, Kleidersymbolik, Selbstdarstellung, Identität, Soziale Funktion, Kleidernormen, Kompensation, Maskierung, Eindrucksmanagement, Interpersonale Einstellung, Gruppenzugehörigkeit, Sozialpädagogik, Körperbedeckung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Kleidung nicht nur als funktionalen Schutz, sondern als ein komplexes, nonverbales Kommunikationssystem, das Menschen zur Inszenierung ihrer Identität und zur Steuerung sozialer Eindrücke verwenden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die psychologischen Grundlagen des Schmückens und Verhüllens, die soziale Bedeutung von Kleidersymbolen, der Aspekt der Täuschung im "Impression Management" sowie die Stabilisierung des Selbstbildes durch soziale Resonanz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie und warum Menschen durch Kleidung eine "Maske" tragen, um ihre Verletzlichkeit zu schützen und sich gegenüber ihrem Umfeld idealisiert zu präsentieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die psychologische und soziologische Theorien zur nonverbalen Kommunikation gegenüberstellt und mit empirischen Befunden aus der Mode- und Sozialpsychologie verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des inneren Antriebs, der kommunikativen Kodierung durch Symbole und Normen, der verschiedenen Theorien der Selbstdarstellung und der Macht, die diese Maskierung auf das soziale Gefüge ausübt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Selbstinszenierung, Kleidersymbolik, nonverbale Kommunikation, Identität, Kompensation und soziale Resonanz.
Wie lässt sich Kleidung als "Maske" verstehen?
Kleidung fungiert als "Eindrucksfläche", die sowohl verbergen (als Schutz vor Entblößung) als auch darstellen (als Ausdruck von Erfolg und Ideal) kann. Sie ist ein taktisches Instrument zur Steuerung der Fremdwahrnehmung.
Warum ist das Thema für die Sozialpädagogik relevant?
In der sozialen Arbeit ist die nonverbale Ebene oft der einzige Kanal, um Informationen von Klienten zu erhalten, die verbal nicht kommuniziert werden können. Ein Verständnis für die Kleidersprache hilft Fachkräften, Klienten besser einzuschätzen und deren Bedürfnisse zu verstehen.
- Citation du texte
- Graciette Justo (Auteur), 2005, Kleidung als symbolische Selbstinszenierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51030