In der vorliegenden Seminararbeit wird eben jene Frage beantwortet, inwiefern Joseph von Eichendorff die Gegensätze "Moral" und "Amoral" zur wirkungsästhetischen Überwältigung der Leser darstellt und sie vereint beziehungsweise welcher der beiden Begriffe schließlich über den anderen erhaben ist. Dabei wird nicht nur sichtbar, wie es Eichendorff schafft, die Grenzen zwischen Realität und Phantasie immer wieder aufs Neue zu verschieben, sondern auch, dass sich die Gegensätze in einer ständigen Bedeutungsumkehr befinden.
Zu Beginn der Epoche der Romantik befindet sich die Welt im Umbruch. Die Französische Revolution, die Napoleonischen Kriege und der Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bringen Unsicherheit mit sich. Die Romantik als literarische Epoche versucht dem Rationalismus und dem Realismus der Aufklärung zu entkommen. Dabei entwerfen die Romantiker ein Konzept, das weit über einen bloßen Gegenentwurf zur Klassik hinausgeht.
In der Literatur wird die Sehnsucht nach Stabilität, Tradition und Beständigkeit gestillt und das Idealbild des Mittelalters mit all seinen Helden und Tugenden wieder zum Leben erweckt. Phantasie- und gefühlsbetonte Stimmungen, das Erleben mit allen Sinnen und Harmonie stehen im Mittelpunkt der Literatur. Und doch gehen die Romantiker noch weiter und versuchen Gegensätze in ihrer gemeinsamen Anwesenheit aufzuheben. Gewissermaßen soll das Lesepublikum von der Kunst überwältigt werden und die kulturelle gemeinsame Identität neu gestiftet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gesamtkunstwerk und Totalitarismus
2.1. Gesamtkunstwerk als Überwältigung der Gefühle und Wirkungsästhetik
2.2. Totalitarismus: Die moralische Maxime
2.3. Die Gegensätze: moralisch und amoralisch
3. Die Manifestation des Moralischen und Amoralischen in den Figuren der Novelle
3.1. Symbole des Moralischen
3.1.1. Fortunato
3.1.2. Bianka
3.2. Symbole des Amoralischen
3.2.1. Ritter Donati
3.2.2. Venus
4. Florio – Aufhebung oder Koexistenz der Gegensätze Moral und Amoral?
4.1.Bianka und Venus – Zwei Schönheiten „bezaubern“ Florio
4.2.Fortunato und Donati – Spielmänner zweier Weltanschauungen
4.3.Fortunato und Venus– Der Sieg des „Moralischen“ über das „Amoralische“
5. Conclusio
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, wie Joseph von Eichendorff in seiner Novelle "Das Marmorbild" die gegensätzlichen Pole "Moral" und "Amoral" nutzt, um eine wirkungsästhetische Überwältigung des Lesers zu erzielen und ein christlich geprägtes Identitätskonzept zu festigen.
- Die Funktion der Begriffe Gesamtkunstwerk und Totalitarismus in der Literatur
- Die symbolische Ausdeutung der Protagonisten als moralische oder amoralische Instanzen
- Die Vermischung von Venus- und Marienbildern als Quelle der Verwirrung
- Die Rolle der Musik und des Gebets als Mittel zur Überwindung des Amoralischen
- Die letztendliche Etablierung des Moralischen als überlegene Instanz
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Fortunato
Das Symbol von allem Moralischen in der Novelle Das Marmorbild ist mit Sicherheit der Sänger Fortunato, was sich aus dem Italienischen schlicht mit „glücklich“ übersetzen lässt. Eichendorff beschreibt Fortunato als Reiter in bunter Tracht mit schönem Äußeren. Die Symbolik des zierlichen Pferdes von Fortunato steht für die Freiheit, das Göttliche, Natürliche und für Treue und Werte, die Fortunato vertritt. Fortunato ist das Idealbild des tugendhaften Minnesängers, der sich selbst und seinen Prinzipien immer treu ist. Ihm wird wohlüberlegtes und kluges Handeln zugeschrieben. Fortunato ist indes auch eine anmutige Erscheinung, dem die Menschen gerne zuhören. Das Gold seiner Kette kann auch als Zeichen des Reinen, der Liebe und der von Gott geläuterte Seele verstanden werden. Sein äußerliches Erscheinen repräsentiert das Moralische und lässt auch sofort auf die Renaissanceszenerie schließen, in der sich die Novelle abspielt. In der folgenden Textstelle wird eben jener Fortunato beschrieben und schon zu Beginn als sehr positive Person dargestellt.
Da gesellte sich, auf zierlichem Zelter desselben Weges ziehend, ein anderer Reiter in bunter Tracht, eine goldene Kette um den Hals und ein samtnes Barett mit Federn über den dunkelbraunen Locken, freundlich grüßend zu ihm. Beide hatten, so nebeneinander in den dunkelnden Abend hineinreitend, gar bald ein Gespräch angeknüpft und dem jungen Florio dünkte die schlanke Gestalt des Fremden, sein frisches keckes Wesen, ja selbst seine fröhliche Stimme so überaus anmutig, dass er gar nicht von demselben wegsehen konnte. (von Eichendorff, Joseph: Das Marmorbild (Stuttgart: Reclam, 2008) S. 3.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert den historischen Kontext der Romantik und führt in die Fragestellung ein, wie Eichendorff die Gegensätze Moral und Amoral zur wirkungsästhetischen Beeinflussung der Leserschaft einsetzt.
2. Gesamtkunstwerk und Totalitarismus: Das Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Wirkungsästhetik und moralische Maxime, um den theoretischen Rahmen für die Analyse der Novelle zu spannen.
3. Die Manifestation des Moralischen und Amoralischen in den Figuren der Novelle: Hier erfolgt eine differenzierte Untersuchung der Romanfiguren Fortunato und Bianka als moralische sowie Ritter Donati und Venus als amoralische Symbole.
4. Florio – Aufhebung oder Koexistenz der Gegensätze Moral und Amoral?: Dieses Kapitel analysiert das Ringen des Protagonisten Florio zwischen den gegensätzlichen Weltanschauungen und zeigt den schrittweisen Sieg der Moral auf.
5. Conclusio: Das Fazit fasst zusammen, dass Eichendorff durch die symbolische Überlagerung eine moralische Überwältigung des Lesers erreicht, bei der das Christliche letztlich als einzige triumphierende Wahrheit verbleibt.
Schlüsselwörter
Eichendorff, Das Marmorbild, Romantik, Moral, Amoral, Gesamtkunstwerk, Totalitarismus, Wirkungsästhetik, Christentum, Venus, Bianka, Fortunato, Symbolik, Identität, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Eichendorffs Novelle "Das Marmorbild" hinsichtlich der dichotomen Darstellung von moralischen und amoralischen Kräften und wie diese zur Überwältigung der Leserschaft eingesetzt werden.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentrale Schwerpunkte sind die Wirkungsästhetik des Gesamtkunstwerks, die moralische Überlegenheit des Christentums gegenüber der Antike sowie die symbolische Aufladung der Romanfiguren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll geklärt werden, wie Eichendorff die Gegensätze "Moral" und "Amoral" künstlerisch vereint und welche dieser Instanzen die Führung über das Handeln und die Deutungshoheit übernimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor wählt einen primär literarisch-hermeneutischen Ansatz, wobei die Symbolanalyse und die Interpretation von Textpassagen im Zentrum stehen.
Was wird im Hauptteil der Seminararbeit detailliert behandelt?
Im Hauptteil werden die Figuren als Symbole analysiert, das Zusammenspiel der Gegensatzpaare untersucht und der Prozess aufgezeigt, in dem Florio zwischen der verlockenden, aber amoralischen Venus und der moralisch-reinen Bianka schwankt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Symbolik, Romantik, Identitätsstiftung, moralische Maxime und Wirkungsästhetik charakterisieren.
Wie deutet der Autor die Figur der Venus im Werk?
Die Venus wird als Verkörperung des Amoralischen, der sinnlichen Verführung und der unfruchtbaren ästhetischen Täuschung interpretiert, die letztlich der christlichen Ordnung weichen muss.
Welche Bedeutung kommt dem Tanz und der Maske im Kapitel 4 zu?
Der Tanz und die Maske fungieren als Mittel zur ästhetischen Illusion und Täuschung, die Florios Orientierungslosigkeit steigern und das Überschreiten gesellschaftlicher Konventionen symbolisieren.
Warum spielt die Mariendarstellung eine Rolle bei der Analyse von Bianka?
Die Arbeit zeigt auf, dass Eichendorff Bianka als christliches Gegenbild zur Venus zeichnet, indem er sie mit der Jungfrau Maria verknüpft, um die moralische Reinheit als Sieg über die sexuelle Begierde darzustellen.
Welche Funktion hat das Gewitter am Ende der Novelle?
Das Gewitter wird als machtvolles Zeichen der Präsenz Gottes gedeutet, das die Stagnation des Amoralischen gewaltsam beendet und Florio den Weg zur moralischen Umkehr ebnet.
- Arbeit zitieren
- Dominik Uhl (Autor:in), 2018, Überwältigung durch das Zusammenspiel von Gegensätzen. Joseph von Eichendorffs "Marmorbild", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510333