Hat die Lektüre von Hitlers "Mein Kampf" eine Berechtigung im modernen Deutschunterricht?

Mögliche methodisch-didaktische Zugänge für den Literaturunterricht


Hausarbeit, 2016

42 Seiten, Note: 1,7

Bianca Pri (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hitlers „Mein Kampf“

3. Auswertung der Argumente der aktuellen Diskussion

4. Hitler im Literaturunterricht- Wie kann „Mein Kampf“ im Deutschunterricht eingesetzt, gelesen und erarbeitet werden?
4.1. Bedeutsamkeit der Literaturdidaktik
4.1.1. Individuelle Bedeutsamkeit
4.1.2. Soziale Bedeutsamkeit
4.1.3. Kulturelle Bedeutsamkeit
4.2. Grundlegende Aufgaben des Literaturunterrichts
4.3. Lesekompetenz/Literarische Kompetenzen & Kompetenzen im Deutschunterricht
4.3.1. Verschiedene Lesetechniken beherrschen
4.3.2. Strategien zum Leseverstehen kennen und anwenden
4.3.3. Texte verstehen und nutzen: literarische Texte, Sach- und Gebrauchstexte, Medien
4.4. Literarisches Lernen und Literarische Bildung

5. Didaktisch-methodische Rahmenempfehlungen: A ktueller Stand
5.1. Mögliche Einordnung in den Rahmenplan des Fachs Deutsch in Rheinland – Pfalz
5.2. Methodische Zugänge
5.2.1. Talkshow
5.2.2. Fishbowl – Methode
5.2.3. 5-Schritte-Lese-Methode
5.2.4. Redekette
5.2.5. Pro – Contra Debatte

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es ist wieder da“,1 so titelte die Jüdische Allgemeine am 07.01.2016 und spielt damit auf eines der am meisten diskutierten Werke der deutschen Geschichte an. 70 Jahre lang war Hitlers „Mein Kampf“ nicht auf dem deutschen Büchermarkt erhältlich, da die Publikation des Werkes in Deutschland, aufgrund der Urheberrechte, die dem bayerischen Staat obliegen, illegal war. Nach der Beendigung des 2. Weltkrieges wurden die Urheberrechte an Bayern übertragen und seit diesem Zeitpunkt unterband der Freistaat eine Neuauflage. Dieses Vorgehen hat einen ganz bestimmten und verständlichen Grund, denn Hitler wollte unter anderem den Hass gegenüber Juden schüren und betrieb dadurch Volksverhetzung. Zu Zeiten Hitlers und damit zur Zeit des Nationalsozialismus war „Mein Kampf“ mit einer Gesamtauflage von 12 Millionen Exemplaren die „Bibel“ des Volkes und gehörte zu den Standardwerken in jeder Bibliothek. Wie viele Menschen das Werk tatsächlich auch gelesen haben, ist unklar. Heute hat das Buch vor allem in der rechten Szene eine große Bedeutung, denn bei vielen Anhängern derselben hat es eher einen Sammlerwert, als einen ideengebenden. Jedoch ist die Gefahr, die von der Hetzschrift ausgehen kann, nicht zu unterschätzen. Ende 2015, 70 Jahre nach dem Tod Hitlers, sind nun die Urheberrechte des Freistaats Bayern erloschen. Aus diesem Grund hat das Institut für Zeitgeschichte eine kommentierte Version erarbeitet, welche sich kritisch mit dem Inhalt der Schrift auseinandersetzt. Die knapp 2000 Seiten lange kritische Ausgabe ist mit über 3500 Anmerkungen versehen und enthält neben Hintergrundinformationen zu Personen und Ereignissen auch Erläuterungen von ideologischen Begriffen, sowie die Offenlegung von Hitlers Quellen.2 Die Ausgabe wurde durch die Zusammenarbeit von Germanisten, Historikern, Pädagogen, Judaisten, Biologen und Wirtschaftshistorikern geschaffen und veröffentlicht.3 Eine solche Edition ist mit Ablauf der Urheberrechte für viele Historiker und Wissenschaftler äußerst wichtig, da der Text seit dem 08.01.2016 gemeinfrei und somit für jeden zugänglich ist. Aufgrund dessen wäre es unverantwortlich Hitlers Propagandaschrift kommentarlos in den Buchläden anzupreisen, da es viele Menschen, darunter auch Jugendliche, lesen könnten und die Hetze und Ideologie ohne Kommentare nicht richtig deuten würden. Dies könnte wiederrum dazu führen, dass Hitlers Ideologie eine Plattform gegeben werden würde. Mit der kritischen Ausgabe schaffen es die Herausgeber die potenzielle Gefahr, die vom Werk ausgeht, in die Schranken zu weisen. Des Weiteren werden dadurch die ideologischen Ansichten und das Vorhaben Hitlers deutlich. Ebenfalls weist die kommentierte Ausgabe auf stilistisch geschönte Stellen, vor allem in Hitlers Biografie, hin.4 Hitlers Werk erhält aber nicht nur Einzug in die Buchhandlungen, sondern soll in Zukunft in die Lehrpläne, möglicherweise auch in den des Deutschunterrichts, aufgenommen werden. Auch hier scheiden sich die Geister und dieses Vorhaben wird im Kultusministerium, in Schulen und Klassenverbänden heiß diskutiert.5 Während Bundesbildungsministerin Johanna Wanka von der CDU öffentlich fordert, die kommentierte Neuausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ bundesweit im Schulunterricht einzusetzen,6 dürften sich so manche Eltern fragen: „Wie viel Hitler muss denn sein?“. Wann genau und in welcher Form die Propagandaschrift, aber auch die kritische Edition, Teil der Schulbücher werden und auf welche Weise dieser Gegenstand vor allem im Deutsch- und damit im Literaturunterricht behandelt wird, ist noch offen, denn die aktuellen Schulbücher, ausgenommen die des Geschichtsunterrichts, nehmen keinen Bezug auf „Mein Kampf“.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob die Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ eine Berechtigung im modernen Deutschunterricht hat. Dabei sollen mögliche methodische und didaktische Zugänge aufgezeigt werden, wie die Thematik innerhalb des Literaturunterrichts aufgegriffen und behandelt werden kann. Dafür wird im ersten Teil die gegenwärtige Diskussion geschildert und in Pro- und Contra-Argumente aufgewogen. Der Gegenwartsbezug ist insofern relevant, da in diesem nicht nur aktuelle Diskussionen und damit die Standpunkte von wichtigen Vertretern, wie zum Beispiel die des Lehrerverbandes, aufgeführt werden, sondern er dient auch gleichzeitig dazu das Thema „Mein Kampf“ für den Unterricht zu legitimieren. Denn für den alltäglichen Unterricht bedeutet dieser auch, welche Relevanz die Thematik im Leben der Schülerinnen und Schüler einnimmt. Dabei muss vor allem vom pädagogischen Standpunkt ausgegangen werden, wodurch eine Brücke gebaut wird, die das Thema mit der Lebenswelt und Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler verbindet. Dies macht es möglich, dass fundamentale Einstellungen, aber auch Fertigkeiten und Fähigkeiten der Schüler entdeckt werden, die das Unterrichtsthema prägen soll. In einem weiteren Punkt wird das Werk „Mein Kampf“, seine Entstehung und weitere Hintergründe, sowie die kritische Edition näher betrachtet, um mögliche Methoden zu benennen, die im Deutschunterricht verwendet werden können. Im nächsten Schritt sollen die Aufgaben des Literaturunterrichts und damit einhergehende Kompetenzen beschrieben werden, sodass die Anforderungen besser verstanden werden können, die der Literaturunterricht beziehungsweise der Deutschunterricht erbringen muss, um Hitlers „Mein Kampf“ beziehungsweise die kritische Edition mit Schülerinnen und Schülern lesen zu können. Im letzten Teil werden dann mögliche methodische und didaktische Zugänge erläutert, welche eine Möglichkeit bieten können, das Werk in den Rahmenplan aufzunehmen.

2. Hitlers „Mein Kampf“

Kaum ein anderes Buch der neueren Geschichte ist ebenso berühmt wie Hitlers „Mein Kampf“. Hitlers Werk ist das Produkt eines bestimmten Zeitalters. Mit dem Verfassen von „Mein Kampf“ schuf Adolf Hitler eine politisch-ideologische Programmschrift, welche unter anderem grundsätzliche Forderungen, Ziele und Werte verbreiten sollte.

In seinem Buch stellt Adolf Hitler nicht nur seinen Werdegang zum Politiker dar, sondern auch seine Weltanschauung, die bekanntermaßen von Judenhass geprägt war. Band 1 ist primär autobiographisch ausgerichtet und zeichnet Hitlers eigenen (Lebens- )Weg nach. Der erste Band von „Mein Kampf“ aus dem Jahr 1925 wurde 1924 von Hitler in der Landsberger Haft verfasst. Band 2 befasst sich dagegen in erster Linie mit der Entstehung und Entwicklung der Partei und ihrem Parteiprogramm. Dieser Band wurde von 1925 bis 1926 von Hitler verfasst, als er wieder in Freiheit war.7

Die nationalsozialistische Ideologie Hitlers entstand zu Beginn der 1920er Jahre, vor allem aus den verschiedenen Pro- und Anti – Haltungen der damaligen Zeit, in der sich die Deutschen in einer erschütternden Nachkriegszeit befanden.8

Im Zuge der NS-Bewegung wurden die Ideologien über das Parteiprogramm und vor allem 1924 durch Hitlers „Mein Kampf“ zusammengefasst. Der zentrale Aspekt der Ideologie dreht sich um den nationalen Sozialismus als Gegenbewegung zum marxistischen Sozialismus und dem Kommunismus, weshalb seine Sicht auf den Marxismus und die Sozialdemokratie einen großen Raum im Buch einnimmt. Klares Thema der Schrift ist die Aufforderung zum Rassenhass und die Lebensraumerweiterung gegen Osten. Allerdings wurde der Nationalsozialismus inhaltlich nie genau im Werk bestimmt, was dazu führte, dass die Parteiführung selbst in ihrem Handlungsspielraum nicht eingeengt werden konnte.9

Um die Ideologie zu verstehen, muss das Führerprinzip verstanden werden und damit die Regelung, dass der Staat und auch die Gesellschaft hierarchisch gegliedert werden muss. Diese Hierarchie richtet sich nach dem Sozialdarwinismus, was bedeutet, dass jeder Funktionsträger, jedoch nur solche mit den besten Voraussetzungen, auch zu einem Führer werden und dann über ihre Gefolgschaft befehlen können und Gehorsam fordern dürfen. Hitlers „Mein Kampf“ ist deshalb so sehr von historischer Bedeutung, da man in der Schrift zum ersten Mal die Verschmelzung von Hitlers Ideen, in einer kohärenten Weltanschauung, dargelegt bekommt. Diese Ideen zogen eine große Wirkung mit sich. Die beiden großen Kernelemente dieser Weltanschauung sind der Judenhass und der Lebensraum. Sie endeten später in dem Vorsatz den jüdischen Bolschewismus auszuradieren.10

Hitler war regelrecht besessen von dieser Weltanschauung, was er in seiner Hetzschrift auch immer wieder zeigt. Beim Schreiben von „Mein Kampf“ hat Hitler diese Ideen weiterentwickelt, spezifiziert und gefestigt. Das Schreiben von „Mein Kampf“ war eine bedeutsame Phase auf dem Weg zu einer Katastrophe nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa und die ganze Welt. Dies ist ein Grund dafür, vor allem für wissenschaftliche und pädagogische Zwecke, eine kritische Ausgabe von „Mein Kampf“ zu editieren.

Fest steht, dass Hitlers Buch weder ignoriert wurde, noch blieb es ungelesen. Die Aufmerksamkeit, welche es zur Zeit des Nationalsozialismus erfuhr, lässt sich heute zwar nur noch teilweise rekonstruieren, aber man kann festhalten, dass sie beachtlich war. Doch ob „Mein Kampf“ jemals das Buch der Deutschen war, muss gegenwärtig unbeantwortet bleiben. Ohne Zweifel war und ist es aber ein Buch der deutschen Geschichte.11 Seit jeher war der Umgang mit „Mein Kampf“ schwierig und viele der aktuell diskutierten Ansätze waren auch schon vor 1945 präsent. Schon immer wollten Kritiker und engagierte Historiker Hitlers mögliche Lügen, Verdrehungen und Verleumdungen aufdecken. Mit gutem Recht versteht sich. Die im Januar 2016 veröffentlichte kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ ist rein sachlicher Natur und liefert ausführlich herausgearbeitete Kommentare, die der reinen Objektivität unterliegen.

3. Auswertung der Argumente der aktuellen Diskussion

Um die aktuelle Diskussion über das Einbeziehen der kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ in den Unterricht aufzuarbeiten, dienen in dieser Hausarbeit als Grundlage vor allem Interviews und Artikel von November 2015 bis zum Verfassen dieser Arbeit, wodurch eine Pro- und Contra-Argumentation dargestellt wird. Die verwendeten Artikel sind solche aus der gängigen Tagespresse, wie zum Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder der Jüdischen Allgemeinen Zeitung und weitere, sowie Interviews mit wichtigen Vertretern des Bildungsministeriums, dem Zentralrat der Juden und dem Deutschen Lehrerverband.

Hitlers „Mein Kampf“ als wissenschaftlich kritische Edition der Forschung, der Pädagogik und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, war nur eine Frage der Zeit. Viele Historiker haben sich in den letzten Jahren schon oft dafür ausgesprochen, so dass es das Werk und die Diskussion darüber schon mehrere Male in die Medien geschafft haben.12 Immer wieder wurde verlangt das Veröffentlichungsverbot aufzuheben, denn Hitlers „Mein Kampf“ war jahrelang verboten und Verbotenes weckt die meiste Neugierde. Eine Zensur ist in einer freien Gesellschaft selten förderlich und trägt eher zur Schaffung eines Mythos bei, wodurch eine unvermeidbare Faszination des Verbotenen im Menschen geweckt werden kann. Auch bei Hitlers „Mein Kampf“ war dieses Verbot im eigentlichen Sinne zwecklos, da es sowohl im Ausland, als auch über das Internet und in Antiquariaten erworben werden konnte.

Die aktuelle Diskussion darüber, ob die kritische Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ in den Schulunterricht implementiert werden soll, lässt sich in einer Pro- und Contra- Argumentation darstellen. Vor allem der deutsche Lehrerverband und die SPD fordern vehement, dass die Fassung im Schulunterricht verbindlich eingesetzt werden soll. Sie argumentieren damit, dass „Mein Kampf“, das eines der umstrittensten Bücher der deutschen Geschichte ist, eine stärkere Mystifizierung erfährt, wenn es verboten bleibt.13 Durch die kritische Edition erfolgte durch Historiker eine Aufarbeitung von Hitlers umstrittenen Aussagen und seiner kolportierten Ideologie. Dadurch kann eine professionelle Behandlung „ein wichtiger Beitrag zur Immunisierung Heranwachsender gegen politischen Extremismus“14 sein, so argumentiert der Verbandspräsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus in einem Interview mit dem Handelsblatt, vom 18.12.2015. Dies sei wichtig, denn gerade in der heutigen Zeit, in der neue Tendenzen eines aufkommenden Rechtspopulismus wahrzunehmen seien, dürfe „Mein Kampf“ nicht ignoriert werden.15 Der Symbolgehalt, den das Werk beziehungsweise die kommentierte Ausgabe trägt, ist sehr groß, da „Mein Kampf“ selbst über Jahrzehnte nur gering verfügbar war und der Nachdruck in Deutschland verboten wurde. Das ist inzwischen grundsätzlich durch den medialen Fortschritt nicht mehr möglich, da Schülerinnen und Schüler auch über das Internet Zugriff auf Textauszüge haben können. Deshalb ist es sinnvoller, das verbotene Werk durch die kommentierte Fassung zu entmystifizieren, denn Verbotenes ist normalerweise besonders beliebt bei Jugendlichen.

Wenn dieser mögliche Mythos jedoch von Anfang an widerlegt wird, dann ist die Gefahr der Mystifizierung kleiner, denn die kommentierte Ausgabe nimmt dem Buch den Reiz des Verbotenen und damit auch die Faszination des Unzugänglichen. Ein weiteres Argument, das für den Einbezug in den Unterricht spricht, ist, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur immunisiert werden, sondern darüber hinaus auch zu aufgeklärten und verantwortungsbewussten Menschen erzogen werden können. Sachsens Kultusministerin und CDU-Politikerin Brunhild Kurth äußerte sich in einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung, vom 06. Januar 2016, wie folgt: „Unsere Lehrer haben eine hervorragende Ausbildung und das nötige pädagogisch-didaktische Rüstzeug, um Inhalte dieses Buches verantwortungsvoll mit den Schülern zu besprechen.“16 Demnach sind Grundvoraussetzungen, die bestehen müssen, wenn das Buch im Unterricht gelesen werden soll, das Bewusstsein und die Werkzeuge, die im didaktischen und pädagogischen Bereich vorhanden sein müssen, um die Lektüre zu lesen. Jedem Lehrer ist es in Sachsen dabei freigestellt, ob die kommentierte Ausgabe in den Unterricht implementiert wird oder nicht, was daran liegt, dass das Bundesland Sachsen keine Lektüreempfehlungen herausgibt.17 Die CDU Politikerin stellt jedoch weiterhin fest:

Ziel muss dabei sein, die NS-Ideologie zu entlarven, Schüler gegen Rechtsextremismus stark zu machen und sie zu Persönlichkeiten zu erziehen, die der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen extremen Tendenzen sowie Gewaltherrschaften entschieden entgegen treten.18

Auch in diesem Zitat stecken jene immer wieder genannten Beispiele. Schülerinnen und Schüler sollen demnach durch einen pädagogisch und didaktisch gut aufbereiteten Unterricht und einen in dieser Thematik gut ausgebildeten Lehrer, die NS-Ideologien entlarven und sollen die Aussagen Hitlers entmystifizieren. Gerade dieser Aspekt ist nicht schwer, denn historisch nachgewiesen log Hitler sehr oft, beispielsweise was seine Biografie anging oder was die Geschichte der NSDAP betraf.19 Kritiker betrachten diesen Umgang mit „Mein Kampf“ als gefährlich, denn zu groß ist die Angst eines neuen aufblühenden Rechtsextremismus. Othmar Plöckinger, selbst Autor und einer der Historiker, die an der kritischen Edition arbeiteten, nimmt in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks, vom 16.12.2015, dazu Stellung: „‚Mein Kampf‘ macht keine Nazis. Und man kann auch Rechtsextremist sein, ohne eine Zeile daraus gelesen zu haben. Es gibt heute natürlich ungünstigste Tendenzen, die aber weniger mit Nationalsozialismus zu tun haben.“20 Dieses Argument hört man von vielen Befürwortern: Man müsse sich keine Sorgen machen. Kein unvoreingenommener Mensch werde durch die Lektüre rechtsradikal, so lauten die Beschwichtigungen.21

Aber wovor haben dann die Gegner und Kritiker Angst, warum ist das Buch so gefährlich? Und warum soll die kritische Edition nicht in den Schulunterricht implementiert werden? Auf diese Fragen gibt es viele Antworten. Zum einen ist die Sprache Hitlers selbst für geschulte Historiker schwer zu verstehen, was es für gut ausgebildete Lehrer nicht einfacher machen wird. Schülerinnen und Schüler sollten nur mit dem Text konfrontiert werden, wenn auch absolut sichergestellt werden kann, dass sie die Zeilen nicht missverstehen, falsch lesen oder dadurch der aufklärerische Gedanke und die Erziehung hin zum verantwortungsbewussten mündigen Bürger fehlschlagen könnte. Auch Thüringens Bildungsministerin Birgit Klaubert von den Linken fordert „eine bundeseinheitliche Regelung, in der festgelegt werden soll, wie mit Hitlers Propaganda Schrift umgegangen werden soll“,22 aber auch wie die kritische Edition Einbezug in den Lehrplan finden kann. Demnach lehnt sie die Behandlung im Unterricht ab, da dies nicht einem humanistischen Anspruch genüge und es respektlos gegenüber den NS-Opfern sei.23 Auch der Zentralrat der Juden argumentiert mit dem Vorwurf der Respektlosigkeit, denn das Miterleben der Neupublikation des Werkes sei für viele Überlebende der Schoa, also dem nationalsozialistischen Völkermord der Juden Europas, ein bitteres Erlebnis.24 Dabei soll doch laut der Befürworter genau das Gegenteil der Fall sein. Schülerinnen und Schüler sollen durch die kritische Edition noch mehr aus der Vergangenheit lernen, humanistische Werte sollen vermittelt werden und Schülerinnen und Schüler sollen das demokratische Prinzip verinnerlichen. Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Ernst Dieter Rossmann äußert sich im Handelsblatt vom 18.12.2015 wie folgt:

„Mein Kampf“ ist ein schreckliches und monströses Buch. Diese antisemitische menschenverachtende Kampfschrift historisch zu entlarven und den Propagandamechanismus zu erklären, gehört in einen modernen Schulunterricht von dafür qualifizierten Lehrkräften.25

‚Qualifizierte Lehrkräfte‘ ist einer der Schlüsselbegriffe, welcher in diesem Zusammenhang immer wieder fällt. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wie diese qualifizierten Lehrkräfte mit der Lektüre umgehen sollen, wenn sie bis dato noch keine Rahmenempfehlung für den didaktisch-methodischen Umgang haben. Lehrer sollen „einen professionellen Umgang mit Textauszügen im Unterricht leiten“, denn das kann „ein wichtiger Beitrag zur Immunisierung Heranwachsender gegen politischen Extremismus sein“,26 so Josef Kraus im Handelsblatt vom 18.12.2015. Dieser professionelle Umgang ist aber bis heute noch nicht angeleitet, da noch keine methodisch-didaktische Rahmenempfehlung erarbeitet wurde.

Wie können Lehrer und Lehrerinnen ihre Schülerinnen und Schüler professionell leiten, wenn sie selbst nicht ‚an die Hand genommen‘ werden? Dies ist ein äußerst kritischer Punkt, der geklärt werden muss, wenn das Werk beziehungsweise die kommentierte Ausgabe Einzug in den Unterricht halten soll. Bis heute ist auch noch nicht festgelegt, in welchem Fach die Lektüre behandelt werden soll. Ganz klar steht der Geschichtsunterricht im Vordergrund, aber dieser zeugt nicht von einer übermäßige Stundenzahl,27 weshalb es schwierig sein kann dieses Thema noch zusätzlich in das Stundenkontingent aufzunehmen ohne ein anderes Thema zu vernachlässigen. Politik und Sozialkunde könnten weitere Fächer sein, in denen Bezüge auf Textausschnitte erfolgen können. Auch steht der Deutschunterricht im Fokus.

Hitler neben Goethe und Schiller ist möglicherweise keine besonders tolle Vorstellung. Jedoch kann der Deutschunterricht vor allem die Lesekompetenz fördern, sodass der Text oder Textpassagen mit einem kritischen Denken gelesen werden. Schülerinnen und Schüler lernen über die Worte Hitlers nachzudenken, sie zu hinterfragen, mögliche Lügen und Widersprüche zu entlarven. Ob und wie „Mein Kampf“ an den Schulen gelesen werden soll und in welchen Fächern die Thematik implementiert werden kann, steht derzeit noch nicht fest. Während einige Bundesländer dafür plädieren die Lektüre des Werkes aufzunehmen, streiten sich in anderen die Geister. Bildungsministerin Wanka hält es durchaus für möglich, dass die kommentierte Fassung von „Mein Kampf“ zum Unterrichtsstoff wird. Ihr bayrischer Kollege, Kultusminister Ludwig Spaenle von der CDU, steht dem ganzen Vorhaben jedoch mit mehr Zurückhaltung entgegen. In einem Interview im Bayerischen Rundfunk vertritt er die Ansicht, dass „Mein Kampf“ als Lehrmittel ungeeignet sei, es aber für Lehrkräfte eine gute Möglichkeit ist, sich für den Unterricht und damit für den Umgang mit historischen Quellen gut vorzubereiten.28

Damit begibt er sich auf die Seite der Kritiker, die aufzeigen wollen, wie gefährlich es sein kann Hitlers Gedankengänge zu lesen und möglicherweise falsch zu interpretieren. Gleichzeitig spricht er sich aber für die kommentierte Ausgabe des Werkes aus, in Verbindung mit geschulten und fachkundigen Lehrern, die es ermöglichen den Schülerinnen und Schülern durch gut aufbereitetes Material Hitlers Propaganda den Boden zu entziehen und diese zu entmystifizieren.29 Auch an einigen Schulen in Bayern starteten Pilotprojekte, in denen die kritische Fassung Thema des Unterrichts wurde.

[...]


1 Nachama, Andreas: Es ist wieder da. Veröffentlicht am 07.01.2016, in: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24320 (letzter Zugriff: 02.12.2016, 00:05 Uhr).

2 Institut für Zeitgeschichte: http://www.ifz- muenchen.de/fileadmin/user_upload/Forschung/Mein%20Kampf/IfZ_MK_Eine_kritische_Edition_Flyer.pdf (letzter Zugriff: 04.11.2016, 11:25 Uhr)

3 Ebd.

4 Hitlers Weltanschauung und damit verbunden auch sein ideologisches Denken bauen aus einem Mix von verbreiteten Stereotypen auf, die kennzeichnend für das 19. Jahrhundert waren. Sein Werk ist eine langatmige Zusammenstellung seiner Ideen und Ideologien, die er verbreitete. Sein Denken selbst ist jedoch mehr. Es ist ein System, das die Welt und deren politische Zusammenhänge betrachtet. Dennoch lässt sich an vielen Stellen seiner Äußerungen erkennen, dass ein gewisser Grundwiderspruch vorhanden ist, denn seine Aussagen zeugen nicht von einer gewissen Erkenntnis, sondern eher von einer ideologischen Wirklichkeitsverweigerung. Hitlers Werk und seine Ideologien, die darin zum Vorschein kommen, waren sein Wille. Dazu äußert sich auch Joachim Fest: Kein Grund zur Sorge oder Entrüstung. Die Aufhebung des Druckverbots für Hitlers ‚Mein Kampf‘, in FOCUS 32/1995, S.82.

5 In Kapitel 3 der vorliegenden Arbeit wird die Debatte um die kommentierte Ausgabe und deren Einbezug in den Unterricht noch näher betrachtet und thematisiert.

6 Vgl. Osel 2015

7 Vgl. Zehnpfennig 2011, S.14f.

8 Vgl. Noack 1996, S.38

9 Vgl. Noack 1996, S.67

10 Ebd.

11 Vgl. Plöckinger 2006, S.433

12 Beispielsweise stoppte Horst Seehofer und damit der Freistaat Bayern die Veröffentlichung von „Mein Kampf“ beziehungsweise die Förderung des Projekts der kritischen Edition im Jahr 2013 nach einer Israelreise des bayrischen Ministerpräsidenten. Das Institut für Zeitgeschichte musste aufgrund dessen die Arbeit an der kritischen Ausgabe für kurze Zeit unterbrechen, da die Fördermittel gestrichen wurden. Durch auswärtige Förderer konnte das Institut jedoch bald die Arbeit wiederaufnehmen. Diese Schlagzeile stand in mehreren Tageszeitungen und wurde in den Nachrichten betont, so dass dem Werk ein weiteres Mal Aufmerksamkeit geboten wurde. Vgl. hierzu http://www.sueddeutsche.de/kultur/streit-um-hitlers-hetzschrift- bayerische-regierung-stoppt-veroeffentlichung-von-mein-kampf-1.1840845 (letzter Zugriff: 01.12.2016, 13:10 Uhr).

13 http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/nazi-zeit-im-unterricht-hitlers-mein-kampf-soll-an- schulen-eingesetzt-werden/12741616.html (letzter Zugriff: 01.12.2016, 13:16 Uhr)

14 Stellungnahme des Verbandspräsidenten des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus in: Nazizeit im Unterricht. Hitlers „Mein Kampf“ soll an Schulen eingesetzt werden, vom 18.12.2015 http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/nazi-zeit-im-unterricht-hitlers-mein-kampf-soll-an-schulen- eingesetzt-werden/12741616.html (letzter Zugriff: 01.12.2016, 13:16 Uhr)

15 Ebd.

16 Brundhilde Kurth in: Debski, Andreas: „Mein Kampf“ – Sachsen gibt Hitlerbuch für den Unterricht frei. Veröffentlicht am 06.Januar 2016, Leipziger Volkszeitung http://www.lvz.de/Mitteldeutschland/News/Mein- Kampf-Sachsen-gibt-Hitlerbuch-fuer-den-Unterricht-frei (letzter Zugriff: 01.12.2016, 13:21 Uhr)

17 Ebd.

18 Ebd.

19 In seinen Aussagen liegen viele Grundwidersprüche. Dies deutet darauf hin, dass er möglicherweise gelogen haben muss. Hitlers Weltanspruch zeigt vier Kriterien auf, die eine Ideologie erkennen lassen. Er will das Ganze der Welt erklären. Für ihn ist alles logisch aufgebaut und aus einem Ursprung abgeleitet. Er setzt diesen Ursprung fest, erklärt ihn jedoch nicht. Es gibt für ihn keine Widersprüche, denn diese deutet er auf seine Ideologie hin einfach um. Damit scheitert sein Entwurf der Weltanschauung daran, dass er den Kampf als absolut ansetzt. So erkennen Historiker, dass sich durch sein ganzes Werk ein großer Widerspruch zieht. Er sieht das absolute Heil im Kampf und durch den Sieg im Kampf soll sich herausstellen, wer der Bessere ist. Jedoch möchte er dies vermeiden und führt einen neuen Maßstab ein, der für den Kampf gelten soll. Er beschreibt dies als offenen, physischen Kampf, der der wahre Kampf ist und nicht etwa eine List, welche als Kampf zum Sieg führt. An einigen Stellen seines Werkes führt Hitler an, dass nur jener Rasse der Sieg gebührt, die kulturell überlegen ist. Damit vertritt er die Meinung, dass der Kampf mit einer Kultur einhergeht und die Kultur ein Faktor der Überlebenssicherung ist und damit Kampfstärke ausdrückt. Diese Ideologie ist ziemlich nihilistisch, denn das System, das sich darauf bezieht, benutzt die Kultur und damit keine barbarischen Mittel um zu überleben. Damit würden einige Kulturen unfähig sein überhaupt zu überleben. Dies beschreibt einen Widerspruch seines eigenen Handelns und seinen barbarischen Methoden, um die Juden zu „vernichten“. Vgl. Zehnpfennig 2011, 248f.

20 Otmar Plöckinger in: Kubitza, Michael: Wie gefährlich ist Hitlers Buch? „‘Mein Kampf' macht keine Nazis", veröffentlicht am 16.12.2015, http://www.br.de/nachrichten/mein-kampf/othmar-ploeckinger-mein- kampf-100.html (letzter Zugriff: 01.12.2016, 14:39 Uhr)

21 Ebd.

22 Birgit Klaubert in: Debski, Andreas: „Mein Kampf“ – Sachsen gibt Hitlerbuch für den Unterricht frei. Veröffentlicht am 06.Januar 2016, Leipziger Volkszeitung http://www.lvz.de/Mitteldeutschland/News/Mein- Kampf-Sachsen-gibt-Hitlerbuch-fuer-den-Unterricht-frei (letzter Zugriff: 01.12.2016, 14:44 Uhr)

23 Ebd.

24 Ebd.

25 Ernst Dieter Rossmann in: Nazizeit im Unterricht. Hitlers „Mein Kampf“ soll an Schulen eingesetzt werden, vom 18.12.2015 http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/nazi-zeit-im-unterricht-hitlers-mein-kampf- soll-an-schulen-eingesetzt-werden/12741616.html (letzter Zugriff: 01.12.2016, 13:16 Uhr)

26 Ebd.

27 Im Rahmenlehrplan der Realschule Plus in Rheinland-Pfalz werden im Fach Geschichte für die angesprochene Thematik 10 Stunden à 45 Minuten angesetzt. Vgl. Lehrplan für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, S. 119f.

28 Kultusminister Bayern, Ludwig Spaenle in: Dörfner/Lang: "Mein Kampf" im Unterricht? Bayerns Lehrer legen los, veröffentlich am 07.01.2016 http://www.br.de/nachrichten/mein-kampf/mein-kampf-schulen- unterricht-100.html (letzter Zugriff: 01.12.2016, 14:56 Uhr)

29 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Hat die Lektüre von Hitlers "Mein Kampf" eine Berechtigung im modernen Deutschunterricht?
Untertitel
Mögliche methodisch-didaktische Zugänge für den Literaturunterricht
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Veranstaltung
Didaktik der Literaturwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
42
Katalognummer
V510922
ISBN (eBook)
9783346088338
ISBN (Buch)
9783346088345
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Literaturdidaktik, Didaktik, Germanistik, Leekompetenz, Mein Kampf, Geschichte, Historik, Hitler, Deutschunterricht, Literaturunterricht, Medien
Arbeit zitieren
Bianca Pri (Autor), 2016, Hat die Lektüre von Hitlers "Mein Kampf" eine Berechtigung im modernen Deutschunterricht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510922

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