Das Ziel dieser Arbeit ist es zu erfahren, ob die Handwerkswitwe als Handwerks- und Zunftmitglied akzeptiert wurde und worauf sich ihre Handlungsfelder begrenzten. Das Auftreten der Handwerkswitwe soll im privaten und öffentlichen Kontext verglichen werden, damit diesbezüglich mögliche Einschränkungen oder Erweiterungen zum Vorschein kommen können. Da der Geselle als handwerkliche "Linkehand" der Handwerkswitwe gesehen werden konnte und er in einem bestimmten Verhältnis zur Handwerkswitwe stand, wird dies im dritten Kapitel gesondert erforscht. Desweiteren soll die Untersuchung von zünftischen Strukturen im Bezug zur Handwerkswitwe in einem kleineren Rahmen erfolgen. Ausschlaggebend für diese Arbeit werden die Rechte der Handwerkswitwe sein, denn sie eröffnen eine neue Dimension für diese.
Dabei liegt der lokale Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Stadt Augsburg. Die Stadt bietet sich zur Untersuchung ganz besonders an, da Augsburg durch die vielfältigen und wohlhabenden Handwerke als die "Goldene und reichste Stadt der Welt" galt. Die Stadt Ravensburg ist, ähnlich wie Augsburg in der frühen Neuzeit, handwerksbedeutend gewesen und daher bezieht sich die Arbeit im letzten Kapitel gesondert auf Handwerkswitwen in Ravensburg, um mögliche Sonderstellungen herauszukristallisieren. Eine zeitliche Eingrenzung dieser Arbeit auf das 18. Jahrhundert erscheint sinnvoll, weil Handwerkswitwen in diesem Jahrhundert auffallend viel Aufmerksamkeit durch Suppliken und durch die Handwerksakten erfahren haben. Dennoch wird dieser zeitliche Rahmen aufgrund des aufschlussreichen Augsburger Stadtbuches mit Stadtrecht kurzzeitig verlassen. Im Zusammenhang mit der Schuhmacherwitwe Böhmin werden in die zünftischen Gewohnheiten Einblick gewährt. Defizite befinden sich im Forschungsstand über die Differenzierung von Meisterwitwen zu Handwerkswitwen. Darum werden die Meisterwitwen inhaltlich weniger miteinbezogen, da ihr rechtlicher Standpunkt klarer ist als der der Handwerkswitwe. Dieses Thema und die dazugehörige Fragestellung erscheint interessant, weil die Überzeugung zum Vorschein kommen könnte, dass Handwerkswitwen unter bestimmten Bedingungen die Chance haben konnten, selbstbestimmter zu leben und zu arbeiten. Das Ziel dieser Arbeit soll sein, die Gründe herauszuarbeiten, weswegen sich die Handwerkswitwe in ihrer Stellung von den "handwerkslosen" Witwen in der frühen Neuzeit abhebt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Handlungsfelder der Handwerkswitwe
– inner- und außerhalb der Zunft
3. Einsetzung von Gesellen
4. Die Rechte der Handwerkswitwe
5. Die Wiederheirat
6. Die Zunft
7. Die wirtschaftliche Lage
8. Die Werkstattübergabe
9. Sonderbare Handwerkswitwen aus Ravensburg:
9.1. Die Metzgerwitwe Susanna Schmidin
9.2. Die Schuhmacherwitwe Maria Böhmin
10. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die rechtliche Stellung und die Handlungsspielräume von Handwerkswitwen in der frühen Neuzeit, wobei der Fokus insbesondere auf der Stadt Augsburg liegt. Es soll analysiert werden, inwieweit diese Frauen trotz gesellschaftlicher und zünftischer Einschränkungen eine eigenständige Betriebsführung realisieren konnten und ob die Witwenschaft für sie einen Zwitterstatus zwischen Fremd- und Selbstbestimmung darstellte.
- Rechtlicher Status der Handwerkswitwe innerhalb des Zunftwesens
- Einfluss von Witwenrechten und Fortführungsregeln auf die ökonomische Autonomie
- Die Rolle der Witwe in der Werkstattorganisation und der Einsatz von Gesellen
- Fallstudien zu erfolgreichen Handwerkswitwen aus Ravensburg
- Das Spannungsfeld zwischen Wiederheirat, Mutterschaft und betrieblicher Eigenverantwortung
Auszug aus dem Buch
Die Handlungsfelder der Handwerkswitwe inner- und außerhalb der Zunft
Hier besteht die Schwierigkeit, dass keine Quellen, auch nicht die Handwerkerakten, Auskunft über die Innenansichten der Werkstätten liefern können. Wie kann das Tätigkeitsfeld der Witwe innerhalb des Handwerks dann überhaupt bestimmt werden? Es wird nur teilweise die Sicht auf interne Gegebenheiten freigeben, beispielsweise im Kontext von Supplikationen und Konfliktschlichtungen13. Zudem stellt sich die Frage, ob die Frauen eine förmliche Ausbildung in dem Handwerk vollbrachten, welches sie als Witwe übernahmen.
Ein Großteil der in Zunftwerkstätten arbeitenden Witwen würden keine förmliche Lehre durchlaufen haben. Diese seien in dem Handwerk bloß tätig, weil sie in irgendeiner Weise mit dem Zunftmeister verwandt gewesen seien14. Gegen diese These spricht das Augsburger Stadtrecht von 1276, welches schon früh die handwerkliche Ausbildung von Frauen verzeichnet. Dies belegt, dass in Augsburg nicht alle Handwerkswitwen völlig unqualifiziert ohne offizielle Ausbildung das Handwerk übernahmen: „Swaer siniu chintz e antuaerken lat dur lerunge, ez si sun oder tohter, swaz lons man davon geheizzet, kumt daz ze clage, daz sol ein burggrafe rihten darnach als die schulde geschaffen ist.“15 Wuchs die Handwerksfrau als Meistertochter mit dem Handwerk auf, konnte sich für sie ein Vorteil ergeben, was eine mögliche bevorstehende Werkstattübernahme anbelangte16.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert die Forschungsfrage nach dem Status der Handwerkswitwe und steckt den methodischen Rahmen sowie den geografischen Fokus auf Augsburg ab.
2. Die Handlungsfelder der Handwerkswitwe – inner- und außerhalb der Zunft: Untersucht die Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion von Arbeitsalltag und Ausbildung sowie die unterschiedlichen Sphären der Produktion und Betriebsleitung.
3. Einsetzung von Gesellen: Analysiert die Flexibilität der Gesellenbeschäftigung und die Funktion von Gesellen als Mithilfe oder Schutz für die Witwe.
4. Die Rechte der Handwerkswitwe: Erörtert die rechtlichen Grundlagen des Witwenrechts, inklusive der verschiedenen Fortführungsrechte und der Bedeutung des Lehrbriefs.
5. Die Wiederheirat: Beleuchtet den Heiratszwang und die damit verbundenen paradoxen rechtlichen und moralischen Dilemmata für Witwen.
6. Die Zunft: Betrachtet die ambivalente Haltung der Zunft, die einerseits Unterstützung leistete, andererseits jedoch Frauenarbeit aus Konkurrenzgründen einschränken wollte.
7. Die wirtschaftliche Lage: Untersucht die Gründe für wirtschaftliche Notlagen und die soziale Einordnung von Witwen in der städtischen Armenfürsorge.
8. Die Werkstattübergabe: Beschreibt die Mechanismen der Werkstattabgabe oder Renuntiation bei Alter, Krankheit oder Wiederheirat.
9. Sonderbare Handwerkswitwen aus Ravensburg: Präsentiert mit Susanna Schmidin und Maria Böhmin zwei Fallbeispiele, die durch Eigensinn und wirtschaftlichen Erfolg aus dem üblichen Muster herausfielen.
10. Fazit: Fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass Handwerkswitwen in Augsburg und Ravensburg durch das Witwenrecht oft eine längere handwerkliche Autonomie genießen konnten als in anderen Regionen.
Schlüsselwörter
Handwerkswitwe, Zunftwesen, Augsburg, Ravensburg, Fortführungsrecht, Werkstatt, Selbstbestimmung, Handwerksrecht, Gendergeschichte, Zunft, Betriebsleitung, Wiederheirat, Frühneuzeit, Sozialgeschichte, ökonomische Autonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die rechtliche und soziale Situation von Witwen, die in der frühen Neuzeit Handwerksbetriebe nach dem Tod ihrer Ehemänner fortführten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die zünftigen Regulierungen, die rechtliche Stellung, die wirtschaftlichen Herausforderungen und der Handlungsspielraum der Witwen zwischen Fremdbestimmung und Autonomie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob Handwerkswitwen in der Zunft akzeptiert wurden und inwieweit sie durch das Witwenrecht ein selbstbestimmtes (Arbeits-)Leben führen konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse historischer Quellen wie Handwerksakten, Stadtrechtsordnungen und Suppliken unter Einbeziehung des aktuellen Forschungsstandes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt Themen wie die Einsetzung von Gesellen, das Fortführungsrecht, die Wiederheirat, die Zunftstruktur sowie spezifische Fallbeispiele aus Ravensburg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Handwerkswitwe, Zunft, Selbstbestimmung und Frühneuzeit charakterisieren.
Warum war die Stadt Augsburg für diese Untersuchung besonders geeignet?
Augsburg galt als bedeutendes Handwerkszentrum der frühen Neuzeit, wozu eine gute Quellenlage durch Handwerkerakten und das Stadtrecht existiert.
Was unterscheidet die im Text genannten Fallbeispiele von anderen Witwen?
Die Metzgerwitwe Schmidin und die Schuhmacherwitwe Böhmin nutzten ihre Handlungsspielräume so geschickt aus, dass sie über eine reine Übergangsphase hinaus selbstbestimmte wirtschaftliche Erfolge erzielten.
Welche Rolle spielte der Geselle für die Handwerkswitwe?
Der Geselle wurde einerseits als notwendige Arbeitskraft und Schutzperson gesehen, andererseits bestand die Sorge, er könne die Witwe verdrängen oder ein Vormund werden.
- Citation du texte
- Juliane Grossklaus (Auteur), 2019, Die rechtliche Stellung der Handwerkswitwe im Zunftwesen in der frühen Neuzeit. Ein Zwitterstatus zwischen Selbst- und Fremdbestimmung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512044