Welche Bedeutung spielt die Klinische Sozialarbeit für die Interventionsansätze des Konzepts der Regulationsstörung?


Hausarbeit, 2018

33 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Frühkindliche Entwicklung der Regulierung

2. Frühkindliche Regulierung
2.1 Selbstregulation
2.2 Co-Regulation
2.3 Intuitive elterliche Kompetenzen

3. Entwicklungsdynamisches Modell der Regulationsstörung
3.1 Störungsbild der Regulationsstörung
3.2 Entstehungsbedingungen
3.3 Wechselbeziehung der Eltern-Kind-Interaktion

4. Interventionsansätze zur Behandlung der Regulationsstörung
4.1 Professionen
4.2 Allgemeine Rahmenbedingungen
4.3 Therapieansätze
4.4 Konkrete Behandlungselemente
4.4.1 Stufe 1 – Behandlung gemäß der Symptomtrias
4.4.2 Stufe 2 - Behandlung der Beziehungsdynamik
4.5 Aktueller Forschungsstand

5. Bedeutung der Klinischen Sozialarbeit in der Behandlung der Regulationsstörung

Literatur

Abstract

Regulationsstörungen sind ein weitverbreitetes Störungsbild in der frühen Kindheit. Ein solches Störungsbild liegt vor, wenn Säuglinge bzw. Kinder sich in ihrem Verhaltens-, Erlebens- und Gefühlszustand nur unzureichend selbst regulieren können. Entstehungsbedingungen finden sich sowohl im kindlichen Bereich, als auch bedingt durch elterliche sowie umweltbezogenen Faktoren. Besonders einflussreich ist die Wechselbeziehung zwischen Kind und primärer Bezugsperson, seien es nun fehlende Kompetenzen auf Seiten der Eltern oder Auffälligkeiten des Kindes, welche nicht zu einer gemeinsamen, funktionalen Regulation führen. Stattdessen kommt es zu einem Teufelskreis an Dysfunktionalität zwischen beiden, sodass der Säugling nicht beruhigt werden kann, negative Rückkopplungssignale an die Eltern gesendet werden, die wiederum Schuldgefühle und Ärger entwickeln, was sich im Rückschluss nochmals auf ihre Regulationshilfen und das Erleben des Kindes auswirkt. Interventionen, wie Entlastungs-gespräche, Entwicklungsberatung in Form von Psychoedukation, Förderung des Säuglings und Eltern-Kind/Säuglings-Therapie, erzielen zunehmende Behandlungswirkung. Die Klinische Sozialarbeit, mit ihrem weitgreifenden Fokus auf das bio-psycho-soziale Gesundheits-verständnis könnte in der Behandlung, vor allem bezogen auf soziale Faktoren, eine bedeutsame Unterstützung bieten.

1. Frühkindliche Entwicklung der Regulierung

Unmittelbar nach der Geburt wird der Mensch mit den ersten postnatalen Aufgaben seiner frühkindlichen Entwicklung konfrontiert. Abgesehen von gewissen kulturell bedingten Unterschieden muss jeder Mensch während seiner gesamten Lebensdauer dieselben alters-typischen Herausforderungen und Lernerfahrungen durchlaufen. Die Definition und der Verlauf dieser Aufgaben und Prozesse werden je nach Entwicklungstheorie unterschiedlich formuliert. Traditionell am weitesten verbreitet ist das biologische Reifungskonzept, das sich am Lebensalter orientiert und dabei Unterschiede zwischen dem Entwicklungsstand einzelner Individuen vergleicht. Die Entwicklungsgeschwindigkeit und -ausprägung kann dabei höchst individuell unterschiedlich ausfallen. Phasentypische Anpassungs- und Lernsaufgaben werden je nach Alter empirisch und theoretisch nachgewiesen (Benz/Scholtes 2015: 2; Hédervári-Heller 2011: 78; Lohaus/Vierhaus 2013: 40, 61ff).

Bei der Bewältigung der jeweiligen Entwicklungsaufgaben benötigt der Säugling die Fähigkeit der Selbstregulation sowie unterstützende Regulationshilfen durch seine Bezugspersonen. Für eine optimale Regulation ist die Kongruenz zwischen kindlichen Bedürfnis und soziale Unterstützung notwendig und dabei spielt die Interaktion zwischen Kind und Bezugsperson eine besonders bedeutende Rolle.

In dieser Arbeit wird näher auf die Bedeutsamkeit der Eltern-Kind-Beziehung bezüglich der Regulationsstörung eingegangen werden. Erstmals wird das Konzept der Selbstregulation des Kindes und der Co-Regulation durch die Bezugsperson vorgestellt. Darauf folgt das entwicklungsdynamische Modell der Dysregulation mit der Definition und Manifestation der Regulationsstörung sowie die Erläuterung von Entstehungsbedingungen. Die verschiedenen Professionen, Rahmenbedingungen, Therapieansätze, konkrete Behandlungselemente und der aktuelle Forschungstand der Interventionsmöglichkeiten werden im nächsten Kapitel aufgezeigt. Welche Rolle bei der Behandlung der Regulationsstörung die Klinische Sozialarbeit einnimmt, kommt im letzten Kapitel zur Sprache.

2. Frühkindliche Regulierung

Die Regulierung von Verhaltenszuständen oder Emotionen kann einerseits intrapsychisch erfolgen, indem es dem Säugling gelingt, sich selbstständig zu beruhigen und er somit Selbstregulation betreibt. Anderseits kann auch interpsychisch reguliert werden, durch Ko-Regulation. In diesem Fall fordert das Kleinkind Unterstützung von seinen Bezugspersonen ein (Lohaus/Vierhaus 2013: 149).

2.1 Selbstregulation

Da der Säugling während der ersten Lebenswochen noch nicht auf bisherige Lernerfahrungen zurückgreifen kann, geht man davon aus, dass spezielle Verhaltensprogramme evolutions-biologisch angelegt sind. Genuine Fähigkeiten zur Selbstregulation können ab dem zweiten Lebensmonat beobachtet werden. Der Säugling beruhigt sich beispielsweise dadurch, dass er an seinen Fingern saugt oder seinen Blick abwendet. Die Selbstberuhigungsfähigkeit kann je nach Kind Unterschiede in deren Reife und konstitutioneller Ausprägung aufweisen.

Bei zu hoher Belastung, in der das Kleinkind noch nicht in der Lage ist, sich selbst zu beruhigen, ist es auf die komplementäre Fürsorge von außen angewiesen. Um die Unterstützung zu erhalten, sind dazu im kindlichen Organismus unterschiedliche Verhaltensweisen angelegt, wie Weinen, Quengeln oder Schreien, um seine Emotionen und Bedürfnisse zu signalisieren (Lohaus/Vierhaus 2013: 79, 149; Papoušek 1998: 90f, 2010: 88).

2.2 Co-Regulation

Die Eltern sind, genauso wie der Säugling, mit neuen Entwicklungsaufgaben konfrontiert, da sie auf dessen vielfältigen Signale reagieren müssen. Somit beeinflusst das kindliche Verhalten das elterliche Verhalten, gleichzeitig ist das Kind wiederum dem Fürsorgeverhalten der Bezugs-personen ausgesetzt und wird entscheidend durch die Erfahrungen in diesem Beziehungsnetz geprägt. Das Kind erfährt durch passende Unterstützungshilfen das Gefühl der Sicherheit und kann Vertrauen in die Bezugsperson aufbauen. Dadurch, dass die Eltern auf die Signale des Kindes reagieren, kann der Säugling einen Zusammenhang zwischen Emotionsausdruck und der unmittelbaren Bewältigungshandlung durch die Eltern erkennen, die sogenannte Kontingenzrelation. Ab dem dritten bis sechsten Lebensmonat lernt das Kleinkind, bewusst auf diese Art und Weise Unterstützung einzufordern.

Die Natur hat demnach ein perfekt ineinandergreifendes System im Menschen angelegt, um Co-Regulation zur Überlebenssicherung des Kindes zu ermöglichen. Damit diese optimal gelingt, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Die Bezugsperson muss mit einer gewissen Sensitivität ausgestattet sein, sodass sie die Signale im Verhalten des Säuglings wahrnimmt, ihrem Verständnis entsprechend interpretiert und angemessen sowie unmittelbar darauf reagiert (Ainsworth et al. 1974: 127). Dafür ist es notwendig, dass die vorsprachliche Kommunikation zwischen Kind und Bezugsperson zum gegenseitigen Verständnis führt und somit gelingt. Dies kann in alltäglichen Interaktionen, wie im Spiel, Zwiegespräch und der allgemeinen Versorgung, geübt und zunehmend verbessert werden. (Borke/Ziegenhain 2015: 24f; Lohaus/Vierhaus 2013: 95f, 149f; Papoušek 2009: 560, 2010: 88)

2.3 Intuitive elterliche Kompetenzen

Intuitives Elternverhalten wird als solches bezeichnet, weil bei den Bezugspersonen auf kindliche Signale komplementäre Verhaltensbereitschaften beobachtet werden kann, die vermutlich evolutionsbiologisch entstanden und somit angeboren sind. Bisher gibt es zwar noch keine ausreichenden empirischen Nachweise für diese Veranlagung, aber es sprechen einige Fakten dafür (Papoušek 2001: 5f). Das komplementär aufeinander abgestimmtes Interaktionssystem zwischen Eltern und Kind ist zur Überlebenssicherung notwendig. Dazu gibt der Säugling Schlüsselsignale, um auf seine psychobiologischen Grundbedürfnisse aufmerksam zu machen, bei deren Erfüllung er auf Unterstützung angewiesen ist. Dazu zählen das Vertraut werden mit Unbekanntem, Grenzsetzung und das Gefühl von Kontrolle über beeinflussende Ereignisse sowie das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit, Exploration und kommunikativem Austausch. Viele dieser Merkmale sind universell identisch, unabhängig vom Alter, Geschlecht und Elternstatus der Bezugsperson sowie den kulturellen Rahmen-bedingungen und der Muttersprache. Die Eltern-Kind-Beziehung zählt daher zu den wichtigsten Schutzfaktoren und Ressourcen (Lohaus/Vierhaus 2013: 98; Papoušek 2001: 4ff, 2009: 560). Zum Verhaltensrepertoire der intuitiven elterlichen Kompetenzen zählt, dass Eltern sich durch verbale und präverbale Kommunikation dem Kleinkind verständlich machen, indem sie ihre Botschaften in kindlicher Vokalisation mit hoher Stimme sowie deutlicher Intonation, häufig wiederholend und in vereinfachter Sprachstruktur ausdrücken. Sensibilität sowie Responsivität für die Signale des Kindes sind ebenso bedeutend wie die unterstützende Reaktion mit anregenden bzw. beruhigenden Regulationshilfen, zum Beispiel dem Angebot emotionaler Rückversicherung. Diese Kompetenzen werden im Idealfall sensibel in angemessener Dosis, Dauer und Dynamik ausgeführt. Zusätzlich wird in alltäglichen Interaktionen ein sicherer Rahmen geschaffen, in dem der Säugling seine eigenen Regulationskompetenzen erproben und üben kann, um erste Lernerfahrungen und Gefühle von Selbstwirksamkeit zu gewinnen.

Für eine erfolgreiche Interaktion müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Zum einen die eben genannte Sensibilität für das richtige Maß der Geschwindigkeit und Intensität der Anregungen, damit diese für das Kleinkind nicht überfordernd oder unverständlich werden. Um Aufnahmebereitschaft und Toleranzgrenzen wahren zu können, muss zum anderen die gegenwärtige Befindlichkeit berücksichtigt werden, indem der aktuelle Verhaltens- und Erregungszustand des Säuglings erkannt wird, beispielsweise durch die Prüfung des Muskeltonus, der Position und Aktivität der Hände, dem Gesichtsausdruck, dem Klang seiner Stimme und der Intensität der Aufmerksamkeit (Papoušek/Papoušek 1979: 196). Entscheidend hierfür ist die Abstimmung auf den jeweiligen Entwicklungsstand und die aktuellen Bedürfnisse des Kindes sowie dessen Vorlieben. Das Einhalten eines optimalen Reaktionszeit-fensters und einer gelingenden Kontingenzerfahrung sind ebenso wichtig, damit Kontroll-fähigkeit und Vertrauen in das Umfeld beim Säugling spürbar werden. Der Säugling benötigt die aktive Unterstützung der Eltern bei seiner Bedürfnisbefriedigung und Förderung in der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben. Umgekehrt wird das Selbstwertgefühl und Selbst-vertrauen der Bezugspersonen durch belohnende Rückkopplungssignale wie Blickkontakt, Lächeln und Ankuscheln gesteigert. Bei gelingender Co-Regulation stärkt die positive Gegen-seitigkeit Säugling und Eltern wechselseitig, es entsteht ein Engelskreis (Lohaus/Vierhaus 2013: 98; Papoušek 2001: 4ff, 2009: 560, 2010: 89).

3. Entwicklungsdynamisches Modell der Regulationsstörung

Im Kleinkindalter von null bis drei Jahren sind die Entwicklungsprozesse von einer starken Variabilität und Dynamik gekennzeichnet. Darüber hinaus zeigen sich jedoch bei manchen Säuglingen grob abweichende Auffälligkeiten in verschiedenen Interaktionssituationen und regulativen Kontexten. „Krisenhafte Zuspitzungen und Missverständnisse beim Bewältigen der Entwicklungsaufgaben haben im Säuglings- und Kleinkindalter Hochkonjunktur, sie finden sich bei jedem 4. bis 5. gesunden Kind“ (Papoušek/Wollwerth de Chuquisengo 2006: 239). Eine Extremvariante von auftretenden Schwierigkeiten nennt man Regulationsstörung, welche jedoch nur schwer von normalen Entwicklungsphänomenen abzugrenzen ist. Ab wann von einer pathologischen Form der Regulationsstörung gesprochen werden kann, wie sich diese manifestiert und aufgrund welche Bedingungen sie auftritt, wird in den nächsten Kapiteln anhand des entwicklungsdynamisches Modells erörtert (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie/u.a. 2007: 357f).

3.1 Störungsbild der Regulationsstörung

Nach den S2k-Leitlinien zu psychischen Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter unterscheidet man zwei Subtypen der Regulationsstörung, mit und ohne Störungen der sensorischen Verarbeitung. In dieser Arbeit wird näher auf die Regulationsstörung ohne Störungen der sensorischen Verarbeitung eingegangen (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie/u.a. 10/2013: 74f).

Eine Regulationsstörung liegt vor, wenn sich in einem oder mehreren Bereichen stark von der Norm abweichende Entwicklungsschwierigkeiten zeigen, bezogen auf das Alter und den Entwicklungsstand des Säuglings. Eine entscheidende Rolle spielt die Interaktion zwischen Kleinkind und Eltern in dysfunktionaler Form, gekennzeichnet durch eine eingeschränkte Anpassungsfähigkeit auf bestimmte Kontexte. Die Gefährdung oder Verzögerung der Bewältigung altersgemäßer Entwicklungsaufgaben, ist ein weiterer Hinweis. Bleiben die genannten Charakteristika während eines Monats oder länger bestehen, so sind die Kriterien einer Regulationsstörung erfüllt.

Das Störungsbild manifestiert sich in einer Verhaltensstörung und dies meist komorbid in mehreren Entwicklungsbereichen. Dazu zählen persistierendes bzw. exzessives Schreien, Schlafstörungen, Fütter-, Ess- und Gedeihstörungen sowie verschiedene Störungen in der Affektregulation, wie Trennungsängste, Wutanfälle und oppositionelles Verhalten (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie/u.a. 10/2013: 75f).

Das Konzept der Regulationsstörung wurde maßgeblich durch Forschung und Erfahrung der Münchner Sprechstunde für Schreibabys geprägt, welche 1991 von Prof. Dr. Mechthild Papoušek und Hanuš Papoušek initiiert wurde. In den Jahren von 1994 bis 1997 wurden dazu N = 701 Fälle mit vollständigen Datensätzen untersucht. Bei der Erstvorstellung waren die betroffenen Kleinkinder im Mittel 10,5 Monate alt (SD = 7,1). Davon waren 55,2% der Babys männlich und 44,8% weiblich. Die meisten Fälle waren in der Geschwisterposition die Erstgeborenen (67,9%). Die Hauptversorgung des Kindes lag in der Stichprobe in 85,0% der Fälle bei der Kindsmutter, welche im Alter von 20 bis 34 Jahre alt war. Die am häufigsten auftretenden Störungsarten waren Schlafstörungen (62,8%), Fütterstörungen (40,4%), dysphorische/motorische Unruhe (30,1%) und exzessives Schreien (29,4%). Die Häufigkeiten der Manifestationsformen frühkindlicher Regulationsstörungen finden sich in Tabelle 1 wider (Papoušek/Wurmser 2010: 50ff).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Quelle in Anlehnung an (Papoušek/Wurmser 2010: 57)

3.2 Entstehungsbedingungen

Bei der frühkindlichen Regulationsstörung liegt ein multifaktorielles Entstehungsmodell vor, da nur selten ausschließlich eine einzige Ursache deren Entwicklung benannt werden kann. Meist wird von einer Symptomtrias gesprochen, also einem Zusammenspiel von biologischen Risikofaktoren des Säuglings für seine phasentypischen Anpassungs- und Entwicklungs-aufgaben, psychosozialen Schwierigkeiten bei den Bezugspersonen mit einhergehendem Über-lastungssyndrom und der Wechselbeziehung zwischen beidem in Form eines dysfunktionalen Interaktionsmusters (Hédervári-Heller 2011: 79; Papoušek/Wollwerth de Chuquisengo 2006: 239). In der Stichprobe der Münchner Sprechstunde ist einer der häufigsten Einflussfaktoren das Auftreten pränataler Schwierigkeiten (56,1% (Papoušek/Wurmser 2010: 66), „die sowohl nachhaltige Auswirkungen auf die postnatale Befindlichkeit der Mutter als auch auf Reaktivität und basale Regulationsfähigkeit des Neugeborenen haben können“ (Papoušek/Wollwerth de Chuquisengo 2006: 240). Auf die Bedingungsfaktoren seitens des Säuglings und der Eltern, wird im Folgenden näher eingegangen.

Biologische Risikofaktoren des Säuglings

Neben angeborenen Störungen der physiologischen Körperfunktionen, grob- oder feinmotorischer Aktivitäten und Schwierigkeiten im kognitiven Bereich, gibt es einige Risikofaktoren bezüglich des Temperaments und Verhaltens des Kindes, welche die selbstregulatorischen Kompetenzen einschränken können. Grundsätzlich weisen Säuglinge eine hohe Variabilität in Temperament, Irritierbarkeit, Tröstbarkeit und Lernbereitschaft auf. Auch, wenn genetisch bedingte Besonderheiten im Temperament sehr einflussreich sind, können sie nicht als alleinige Ursache benannt werden, denn sie sind lediglich ein Aspekt der jeweiligen Vulnerabilität (Papoušek 2010: 88). Säuglinge mit einem schwierigen Temperament sind beispielsweise überwiegend negativ gestimmt, zeigen einen intensiven Gefühlsausdruck, lassen sich nur schwer beruhigen oder trösten und tendieren stärker zu motorischer Unruhe, Schreien, taktiler Abwehr und Impulsivität. Sie wirken sehr reizoffen, ablenkbar und irritabel, sodass sie schnell überstimuliert sind und sich nur langsam an Veränderungen gewöhnen. Des Weiteren können Schwierigkeiten in der Konzentrations- und Aufmerksamkeitsfähigkeit auftreten (Benz/Scholtes 2015: 10; Hédervári-Heller 2011: 80; Papoušek 2009: 561; Wollwerth de Chuquisengo/Papoušek 2010: 294). In der Stichprobe der Münchner Sprechstunde sind auf kindlicher Seite als meiste Einflussfaktoren neuromotorische Einschränkungen (34%), atypische Schwierigkeiten (18%) sowie Mangel- und Frühgeburtlichkeit (16% und 11%) genannt (Papoušek/Wurmser 2010: 64ff).

Psychosoziale Schwierigkeiten der Bezugspersonen und des Umfelds

Durch die intensive Wechselbeziehung zwischen Kind und Eltern können sich ungünstige Einflussfaktoren negativ auf die Beziehung und die Verhaltensregulierung auswirken. Dazu zählen bereits Stress und Ängste während der Schwangerschaft sowie Komplikationen bei der Geburt. Außerdem kann Überforderung bei den Anforderungen und Verpflichtungen durch die Rolle als Eltern ausgelöst werden und Unsicherheit sowie Unstimmigkeit in Erziehungsfragen herrschen, was die Atmosphäre um das Kind erheblich beeinträchtigt. In der Münchner Sprechstunde wurden vor allem Partnerschaftskonflikte (50%), psychische Erkrankungen, beispielsweise postpartale und chronisch depressive Störungen der Mutter (20-52%) sowie auch biografische Belastungen und traumatisierende Erfahrungen der Elternteile (37%) als ausschlaggebend verzeichnet (Papoušek/Wurmser 2010: 64ff). Letzteres wird relevant, da während der neuen Situation mit dem Kind, bewusst und unbewusst Erinnerungen an die eigene Kindheit ausgelöst werden. Sind diese Erinnerungen an die eigene Bindungs- und Erziehungs-erfahrung problematisch oder sogar traumatischer Natur, so kann sich dies ebenfalls negativ auf das elterliche Verhalten auswirken. Weitere Risikofaktoren sind außerdem fehlende Unterstützung des sozialen Netzes, aktuelle Konflikte mit der Herkunftsfamilie, soziale Isolation und sozioökonomische Belastungen. Neben dem aktuellen gesellschaftlich anerkannten Rollenverständnis von Mann und Frau, das unter Umständen enormen Leistungs-druck verursacht, kann auch die Verfügbarkeit von widersprüchlichen Ratgebern und eine Flut an Freizeit- und Bildungsangeboten zur allgemeinen Verunsicherung des Elternpaars führen (Benz/Scholtes 2015: 10f; Hédervári-Heller 2011: 80f; Lohaus/Vierhaus 2013: 251; Papoušek 2001: 8f, 2010: 92f; Papoušek/Wurmser 2010: 64ff).

3.3 Wechselbeziehung der Eltern-Kind-Interaktion

Neben und resultierend aus den kindlichen und elterlichen Risikofaktoren, spielt die Wechsel-beziehung beider eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Regulationsstörung. Dazu konzipierten Papoušek und Papoušek (1979) das entwicklungsdynamisches Modell, welches sich an dynamischen Systemtheorien orientiert, auf der Basis der Eltern-Kind-Interaktion. Stimmen die Regulationshilfen der Eltern mit den Bedürfnissen des Kindes überein, so kommt es zu positiven Rückkopplungssignalen, wie Blickzuwendung, Anlächeln und Anschmiegen. Diese wirken wie eine Belohnung für die Eltern, verstärkt ihr Vertrauen in die eigenen elterlichen Kompetenzen, und die im Kapitel 2.2 angesprochene Co-Regulation mit positiver Gegenseitigkeit gelingt (Papoušek 2001: 7). Kommt es jedoch nicht zu einer Übereinstimmung, so tritt der umgekehrte Effekt ein, anstatt einer Co-Regulation entsteht eine Dysregulation.

Problematisch kann die Interaktion zwischen Eltern und Kind werden, wenn die Erwartungen, Anforderungen und Möglichkeiten des Umfelds nicht mit den Eigenschaften und Fähigkeiten des Kindes übereinstimmen. Durch Schwierigkeiten der Selbstregulation auf Seiten des Kindes kann beispielsweise die Situation entstehen, dass sich der Säugling nur sehr schwer beruhigen lässt und somit die elterlichen Kompetenzen besonders herausgefordert sind. Neben den generellen Regulierungsaufgaben muss die Bezugsperson zusätzlich die eingeschränkte Selbstregulierungsfähigkeit des Kleinkinds kompensieren, was zu einer Überforderung führen kann. Dies trifft vor allem auf einen „reifungs- oder temperamentsbedingt „schwierigen Säugling“ zu, der unstillbar und scheinbar grundlos schreit, chronisch unzufrieden ist, sich nicht anschmiegt, nicht trösten läßt, Blickkontakt verweigert, in seinen Signalen unverständlich ist, die Brust oder Flasche vermeidet, sich im Zustand von Übermüdung auf dem Arm der Mutter versteift, gegen das Einschlafen kämpft und permanent die Mutter fordert“ (Papoušek 2001: 8). Schwierigkeiten, auf die Bedürfnisse und Signale des Kindes zu reagieren, treten außerdem auf, wenn seitens der Eltern ein Mangel an intuitiven Kompetenzen und Feinfühligkeit besteht. Gelingt es mehrfach nicht, das Kind zu beruhigen, treten rasch Ohnmachts- und Versagensgefühle bei den Eltern auf. In einem chronischen Verlauf von Misserfolgen kann es weiterhin zu Erschöpfung kommen und zu einer starken Verunsicherung und Kränkung der Selbstwirksamkeitserwartung und des Selbstwertgefühls im Umgang mit dem Kind. Dies kann ebenso dazu führen, dass die Eltern noch weniger auf ihre intuitiven Kompetenzen vertrauen und in eine erlernte Hilflosigkeit geraten. Durch die problematischen Reaktionen auf Seiten der Eltern findet eine negative Rückkopplung auf das Kind statt, da dieses die negativen Gefühle spürt und sich nun noch schlechter beruhigen kann. Diese negative Gegenseitigkeit, die das Problemverhalten langfristig aufrecht erhält und verstärkt, kann im Extremfall in einen Impulsdurchbruch mit Ablehnung, Vernachlässigung und Missbrauch des Kindes gipfeln (Bolten et al. 2013: 26; Papoušek 2001: 8ff, 2010: 100f).

4. Interventionsansätze zur Behandlung der Regulationsstörung

Die fachgemäße Behandlung der Regulationsstörung ist sowohl für die Eltern, als auch für den Säugling von besonderer Bedeutung und je früher Hilfe beansprucht wird, desto geringer ist die Gefährdung des seelischen und körperlichen Wohlergehens des Kleinkinds. Im Folgenden werden verschiedene Professionen, Rahmenbedingungen und Therapieansätze vorgestellt sowie konkrete Ansätze an Interventionen und der aktuelle Forschungsstand.

4.1 Professionen

Bei der Behandlung der Regulationsstörung sind verschiedene Professionen vertreten. Um eine Eltern-Säuglings-/Kleinkind-Beratung auszuüben, können neben Psychotherapeuten auch andere beratende Berufe, wie zum Beispiel Sozialpädagogen, eine Spezialausbildung absolvieren. Im Gegensatz dazu sind für die Weiterbildung der Eltern-Säuglings-/Kleinkind-Psychotherapie ausschließlich approbierte Psychotherapeuten zugelassen. Zukünftig wird außerdem eine Konzeptualisierung für die pädagogischen und sozialpädagogischen Professionen angestrebt, was sich beispielsweise in den Arbeiten von Mechthild Papoušek wiederfinden lässt, sie etablierte die spezifische Weiterbildung von Fachleuten unter-schiedlicher Disziplinen erstmalig in Deutschland (Hédervári-Heller 2011: 116f, 128).

Im Auftrag der frühen Hilfen gibt es drei Formen von Interventionen. Dazu zählt die Begleitung, die meist niedrigschwellige und vorwiegend präventive Angebote zur Alltags-bewältigung, Betreuung und Schulung der Früherziehung beinhaltet mit dem Fokus auf die Aktivierung von Ressourcen und Unterstützung durch das Umfeld. Die beiden anderen Bereiche sind die Beratung und die Psychotherapie. Je nach Kernkompetenz der praktizierenden Profession kommen unterschiedliche Interventionsrichtungen zum Einsatz (Cierpka 2015: 157f). Die Unterscheidung zwischen Beratung und Therapie von Eltern und Säuglingen bzw. Kleinkindern ist bislang in der Theorie noch wenig konzipiert worden. Beratung lässt sich nur schwer von Psychotherapie abgrenzen, da erstere ebenfalls therapeutisches Arbeiten beinhaltet, beispielsweise bei der „Aufdeckung und psychischen Bearbeitung von unbewussten und bewussten Anteilen intrapsychischer und interpersoneller Konflikte“ (Hédervári-Heller 2011: 116). Umgekehrt legt die Eltern-Säuglings-/Kleinkind-Psychotherapie einen großen Schwerpunkt ihres Vorgehens in die Beratungstätigkeit. Dennoch lassen sich Unterschiede hinsichtlich der Dauer finden, da die Beratung einen kürzeren Zeitraum vorsieht als therapeutische Maßnahmen. Die Behandlung ausschließlich mit Beratungsgesprächen ist dann indiziert, wenn die Regulationsschwierigkeiten noch keine drei Monate anhalten und sich keine Beziehungspathologie abzeichnet. Ab einer länger als drei Monate bestehenden sowie kontextübergreifenden Störung, ist zusätzlich psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll, vor allem, wenn eine dysfunktionale und belastende Eltern-Kind-Beziehung besteht (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie/u.a. 2007: 370). Im Gegensatz zur Beratung, darf die von der Krankenkasse finanzierte Psychotherapie nur von einem/einer approbierten Psychotherapeut/in für Kinder- und Jugendlichen oder Erwachsene sowie einem/einer Psychiater/in ausgeübt werden (Cierpka 2015: 159).

Für eine umfassende Behandlung der Regulationsstörung, strebt die Eltern-Säuglings-/Kleinkind-Behandlung außerdem die Kooperation mit anderen Fachbereichen an, im Sinne einer multimodalen Therapie. Bei deutlicher Auffälligkeit des kindlichen Temperaments, kann eine sensorische Integration mittels Ergotherapie hilfreich sein, vor allem für die Kompetenzen der Wahrnehmungsverarbeitung und Selbstregulation. Darüber hinaus ist es ratsam, den pädiatrischen Behandlungsbedarf über den gesamten Therapieprozess hinweg regelmäßig zu überprüfen und im Falle einer neuromotorischen Schwierigkeit zusätzlich Physiotherapie hinzuzuziehen. Bei hoher psychosozialer Belastung der Eltern mit komplexen Themen, wie Verschuldung, psychischer Erkrankung oder Streitigkeiten im Umgangsrecht für das Kind, kann außerdem sozialpädagogische Unterstützung in Anspruch genommen werden. Dabei ist es ebenso möglich, dass Sozialarbeiter Hausbesuche durchführen, um den Eltern bei der Umsetzung bestimmter Beratungsinhalte zur Seite zu stehen. Dieser Ansatz, im Sinne des zunehmend etablierten Home Treatments, wäre auch für die gesamte Behandlung hilfreich (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie/u.a. 2007: 376). Bei besonders schwerwiegenden Konflikten zwischen den Eltern sind außerdem Paargespräche oder eine Familien- und Paarberatung sinnvoll. Zudem ist eine externe individuelle Psychotherapie indiziert, wenn ein Elternteil an einer psychischen Erkrankung leidet. Um die Eltern in ihrer schwierigen Situation zu entlasten, ist es ebenso möglich, sozialpädagogische Familienhilfe, beispielsweise zur Tagesbetreuung, zu beanspruchen. Je nach spezifischem Störungsbild kann das Hinzuziehen weiterer Fachbereiche erforderlich sein, beispielsweise Logopädie bei der Fütterstörung (Bolten et al. 2013: 47ff; Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie/u.a. 2007: 374f; Hédervári-Heller 2011: 135; Wollwerth de Chuquisengo/Papoušek 2010: 294f).

4.2 Allgemeine Rahmenbedingungen

Die spezifische Eltern-Säuglings-/Kleinkind-Beratung und -Psychotherapie ist in der Regel auf Kinder im Alter von null bis drei Jahren ausgerichtet. Meist erfolgt die Behandlung im ambulanten Rahmen mit wenigen Beratungsterminen oder einer Kurzzeittherapie von bis zu 25 Sitzungen mit jeweils 50-90 Minuten, ein bis zweimal die Woche, und kann bei Bedarf auf insgesamt 70 Sitzungseinheiten verlängert werden (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie/u.a. 2007: 370; Hédervári-Heller 2011: 148). Inhaltlich werden, neben dem spezifischen Störungsbild mit dem Fokus auf der Dynamik früher Entwicklungsprozesse, sonstige Inhalte besprochen, die bei der aktuellen Situation auftreten (Hédervári-Heller 2011: 134f).

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Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Welche Bedeutung spielt die Klinische Sozialarbeit für die Interventionsansätze des Konzepts der Regulationsstörung?
Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, ehem. Fachhochschule Landshut
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
33
Katalognummer
V513192
ISBN (eBook)
9783346104861
ISBN (Buch)
9783346104878
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klinische Sozialarbeit, Regulationsstörung, Intervention, frühe Kindeheit, Säuglingsalter, Wechselbeziehung, Regulation, Eltern-Kind-Therapie, Eltern-Säuglings-Therapie, Entwicklungstherapie, Entwicklungsberatung, frühkindlich, Co-Regulation, Eltern-Kind-Interaktion
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Welche Bedeutung spielt die Klinische Sozialarbeit für die Interventionsansätze des Konzepts der Regulationsstörung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513192

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