Eine Analyse zur Bildung von transnational advocacy networks anhand des Netzwerkes im brasilianischen Bundesstaat Rondônia


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorieteil
2.1 Was ist ein transnational advocacy network?
2.2 Zur Geschichte des TAN
2.3 Wie entstehen TANs?
2.4 Wie funktionieren TANs?
2.5 Unter welchen Voraussetzungen sind TANs erfolgreich?

3. Empirischer Teil
3.1 Vorstellung Fallbeispiel
3.2 Politische Situation in Brasilien ab 1980
3.3 Das Projekt Polonoroeste
3.4 Die Multilateral Development Bank Kampagne und ihr Einfluss auf Polonoroeste
3.5 Politische Situation in Brasilien ab 1985
3.6 Von Polonoroeste zu Planafloro

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der heutigen internationalen Politik sind Staaten nicht mehr die einzigen Akteure. Besonders innerhalb der letzten drei Jahrzehnte sind neben den Nationalstaaten auch nicht­staatliche Akteure oder lokale und internationale Organisationen eine feste Größe in den internationalen Beziehungen geworden. Gleichzeitig ist es für kleine Organisationen alleine sehr schwer, sich im internationalen Business zu behaupten. Viele Akteure werden bewusst nicht von mächtigen Organisationen in institutionelle Prozesse einbezogen. Doch mit Hilfe von Netzwerken und der Partizipation in Gruppen haben auch kleine Akteure die Chance, ihre Reichweite zu erhöhen und internationale Kontakte zu knüpfen. Möglich wird dies durch sogenannte „Transnational Advocacy Networks“. Ziel dieser Hausarbeit ist es, das Konzept des TAN zu analysieren und anhand der beiden Entwicklungsprojekte Polonoroeste und Planafloro herauszuarbeiten, ob im brasilianischen Bundesstaat Rondönia ein „Transnational Advocacy Network“ (TAN) vorhanden ist. Dabei werde ich zunächst erläutern, was ein TAN ist, wie es entsteht, funktioniert und was die Ziele eines TAN sind. Anschließend werde ich skizzieren, wie sich der Bundesstaat Rondönia in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, was es für Entwicklungsprojekte gab und warum sich daraus ein Netzwerk gebildet hat. Schließlich wird der Theorieteil mit dem Fallbeispiel verknüpft und erläutert, inwiefern sich die Theorie durch das vorliegende Beispiel bestätigen oder wiederlegen lässt. In einem abschließenden Fazit werden die wichtigsten Ergebnisse aus der Analyse zusammengetragen, die Fragestellung beantwortet und ein kurzer Ausblick gegeben.

2. Theorieteil

2.1 Was ist ein transnational advocacy network?

Um zu verstehen, was ein TAN ist, muss man den Begriff zuallererst in seine Bestandteile zerlegen. Dem Duden zufolge (Duden (o.J.): Verfügbar: http://www.duden.de/suchen/dudenonline/transnational (Zugriff am 20.02.2017)) bedeutet das Wort transnational, dass etwas übergreifend beziehungsweise mehrere Nationen umfassend ist. Verbindet man das Wort transnational also mit dem Gebiet der internationalen Beziehungen, so handelt es sich um diverse Nationen.

Laut dem englischen Wörterbuch Merriam Webster (Merriam Webster (o.J.): Verfügbar: https://www.merriam-webster.com/dictionary/advocate (Zugriff am 20.02.2017)) ist ein Advocate, zu Deutsch Befürworter, eine Person, die sich für die Angelegenheiten von anderen Personen einsetzt. Advocacy, zu Deutsch Fürsprache, bedeutet demnach, dass man sich für Ideen und Normen von anderen Personen oder Gruppen einsetzt (vgl. Keck und Sikkink 1999: 91).

Networks beziehungsweise Netzwerke sind Formen von Organisation. Ihre Struktur charakterisiert sich dadurch, dass man an Netzwerken freiwillig partizipiert. Außerdem gibt es unter den Aktivisten eine gegenseitige Abhängigkeit und es wird nicht in hierarchischer Form top-down miteinander gesprochen, sondern das Netzwerk kommuniziert auf horizontaler Ebene. Die Kommunikation innerhalb des Netzwerkes und der gemeinsame Informationsaustausch sind elementar (vgl. Keck und Sikkink 1999: 91). Walter Powell bezeichnet Netzwerke neben dem Markt und der Hierarchie als Muster für ökonomische Organisation (vgl. Powell 1990: 295). Seine Ansichten von ökonomischen Netzwerken lassen sich ebenfalls auf politische Netzwerke übertragen. Netzwerke sind bestens geeignet, wenn es darum geht, Informationen zuverlässig und effizient auszutauschen (vgl. Powell 1990: 304). Keck und Sikkink definieren ein TAN wie folgt:

A transnational advocacy network includes those actors working internationally on an issue, who are bound together by shared values, a common discourse, and dense exchanges of information and services (Keck und Sikkink 1999: 89)

Damit wird deutlich, dass neben dem gemeinsamen Interessenaustausch ein weiterer fundamentaler Bestandteil eines TANs gemeinsame Werte und Normen sind. Gleiche Norm- und Wertevertretung stellt die Grundlage für das erfolgreiche Arbeiten innerhalb regionaler und internationaler Prozesse dar (vgl. Keck und Sikkink 1999: 90).

Hauptakteure in den TANs sind sowohl staatliche, als auch nicht-staatliche Akteure (vgl. Betsill und Bulkeley 2004: 475). Unter nicht-staatliche Akteure fallen internationale und nationale NGOs, soziale Bewegungen, Stiftungen, Massenmedien und die Kirche. Staatliche Akteure können beispielsweise intergovernmental organizations (IOs) oder bestimmte Bereiche einer Regierung sein (vgl. Keck und Sikkink 1999: 91f).

Natürlich sind nicht alle genannten Akteure in jedem TAN vorhanden. Allerdings spielen Nichtregierungsorganisationen in diesen Netzwerken eine maßgebende Rolle (vgl. Rodrigues 2004: 6). Sie sind der treibende Motor in TANs, bringen Ideen und eine Fülle an Informationen ein und setzen andere Akteure unter Druck (vgl. Keck und Sikkink 1999: 92). Ein drittes Charakterisierungsmerkmal von TANs ist die Fähigkeit, Rahmenbedingungen zu entwerfen und Kommunikationskanäle zu schaffen (vgl. Schuppert 2015: 227). Erst dadurch wird sichergestellt, was TANs auszeichnet: nämlich große Mengen an Informationen zu erstellen und zu sortieren, um sie dann gezielt und effektiv einzusetzen (vgl. Keck und Sikkink 1999: 92).

2.2 Zur Geschichte des TAN

Die Verdichtung der Nationalstaaten im 18. und 20. Jahrhundert hatte deutliche Auswirkungen auf die Entwicklung von sozialen Protesten. Um genauer zu sein, wurden aus einzelnen Protesten ganze soziale Bewegungen, die sich mit politischen Themen auseinander setzten (vgl. Silva 2013: 2). Mit dem Ende des Kalten Krieges wurden in der nationalen Politik auch soziale Bewegungen zur Normalität. Allerdings änderte sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts ihre Struktur grundlegend. Die nationalen Bewegungen begannen, sich auf transnationaler Fläche auszubreiten (vgl. Silva 2013: 3). Aktivisten gründeten Netzwerke und Koalitionen, die über die Grenzen der einzelnen Staaten hinausgingen. So versuchte man auf sich aufmerksam zu machen und bei der Politik von internationalen Organisationen, multilateralen Institutionen oder auch multinationalen Kooperationen zu partizipieren (vgl. Silva 2013: 3). Wissenschaftler haben die Wichtigkeit der TANs erst in den letzten Jahrzehnten bemerkt und sich aufgrund dessen vermehrt mit ihnen beschäftigt (vgl. Keck und Sikkink 1998: 2). Ein Ansatz, der sich mit der historischen Entwicklung von TANs beschäftigt, sieht Gründe für die Entstehung in der rasanten Entwicklung der Globalisierung Ende des 20. Jahrhunderts. Die Abgabe von Souveränität der Nationalstaaten auf transnationale Ebene hat auch Aktivisten dazu verleitet, ihre Strategien, beziehungsweise Zielobjekte auf transnationale Ebene zu verlagern (vgl. Silva 2013: 3). Was TANs von vorherigen Netzwerken unterscheidet, ist die Fähigkeit, dass Akteure ihre Informationen gezielt mit einer bestimmten Strategie einsetzen und dadurch Probleme neu definieren und anderen Kategorien zuordnen können. Außerdem haben diese Netzwerke die Möglichkeit, weitaus größere und einflussreichere Organisationen zu überzeugen und sich gegen sie zu behaupten (vgl. Keck und Sikkink 1998: 2).

2.3 Wie entstehen TANs?

Nachdem der Begriff des TANs grundlegend definiert wurde, geht es im kommenden Abschnitt darum, wie und warum TANs entstehen. Transnational advocacy networks entstehen allgemein meistens dort, wo es Probleme gibt. Das können beispielsweise Streitfälle oder festgefahrene Angelegenheiten zwischen Interessengruppen und ihren Regierungen sein. Oftmals betrifft es Entwicklungsländer, in denen es zu gestörten Beziehungen zwischen der Regierung und ihrer Zivilgesellschaft kommt. Lokale NGOs versuchen dann häufig das Problem durch die Hilfe kooperativer Arrangements mit international vernetzten Akteuren zu lösen. Letztere sollen durch Einfluss auf die eigene Regierung den Druck auf die „Problem-Regierung“ erhöhen. In solchen Fällen wird auch vom „boomerang pattern“ gesprochen (vgl. Keck und Sikkink 1999: 93).

Ein weiterer Grund für die Entstehung von TANs liegt in der Chancenwahrnehmung von Aktivisten. Sie fangen an, Netzwerke zu bilden, wenn sie zu dem Ergebnis kommen, dass dann die Chancen auf eine erfolgreiche Partizipation steigen. Mit jedem neuen Netzwerk sammeln Akteure neue Erfahrungen, die sie dann gewinnbringend in neue Projekte einbringen können, um noch effizienter zu arbeiten (vgl. Keck und Sikkink 1999: 93).

Ein dritter und letzter häufiger Entstehungsgrund von TANs liegt in der Intensivierung und dem vermehrten Aufkommen von internationalen Organisationen und Konferenzen.

Während die Zahl der internationalen NGOs (INGOs) Mitte des 20. Jahrhunderts noch bei knapp unter 1.000 lag, überschritt sie zur Jahrtausendwende bereits die 6.000er Marke (vgl. Karns und Mingst 2004: 11). Mehr Organisationen und Konferenzen führen zu einer Steigerung der Kontaktmöglichkeiten und dadurch zu einer indirekten Stärkung von Netzwerken (vgl. Keck und Sikkink 1999: 93).

2.4 Wie funktionieren TANs?

Nachdem nun erläutert wurde, was TANs sind und wie sie entstehen, geht es im nächsten Abschnitt darum, was für Strategien und Taktiken TANs verfolgen. Margaret Keck und Kathryn Sikkink (1999) haben dazu vier verschiedene Arten von Strategien entworfen.

Zunächst gibt es die „Informationspolitik“. Wie bereits erwähnt, ist der Informationsaustausch innerhalb eines Netzwerkes ein fundamentaler Grundbaustein. Er spielt beispielsweise für Aktivisten und Unterstützer, die sich geographisch nicht so nah am jeweiligen Konfliktpunkt befinden, eine besonders wichtige Rolle. Informationen setzen sich jedoch nicht nur aus ökonomischen und wissenschaftlichen Fakten zusammen, auch Aussagen von direkt betroffenen Personen sind wichtig (vgl. Keck und Sikkink 1999: 95). Aussagen betroffener Personen aus der lokalen Bevölkerung können allerdings auch missverstanden oder durch falsche Übersetzungen letztendlich falsche Schlüsse gezogen werden. Zentraler Aspekt bleibt der Informationsaustausch, welcher auf gegenseitigem Interesse beruht. NGOs sind auf lokale Informationen angewiesen, da sie es sich nicht leisten können, in mehreren Ländern stationiert zu sein. Lokale Organisationen sind gleichzeitig auf internationale Netzwerke angewiesen, um ihre eigene Reichweite zu erhöhen und auf sich aufmerksam zu machen (vgl. Keck und Sikkink 1999: 96).

Weiter geht es mit der „symbolischen Politik“. Bei dieser Vorgehensweise versuchen die Netzwerke mit Hilfe von größeren Events ihre mediale Reichweite zu vergrößern. Dabei kann es sich zum Beispiel um internationale Konferenzen, öffentliche Reden oder auch Treffen von Staatsoberhäuptern handeln. Große Veranstaltungen werden von vielen Menschen in unterschiedlichen Ländern aufmerksam verfolgt und Netzwerke haben so die Möglichkeit, eine breitere Masse zu erreichen (vgl. Keck und Sikkink 1999: 96f). Ein Beleg für ein symbolisches Event ist der Weltgipfel in Rio de Janeiro 1992, der vor allem der indigenen Bevölkerung in Brasilien die Möglichkeit gab, auf sich und ihre Probleme aufmerksam zu machen (Keck und Sikkink 1998: Chapter 4: 22).

Des Weiteren wird von „leverage politics“ (Einflusspolitik) gesprochen. Alison Brysk (2000) versteht unter Einflusspolitik das Verbünden mit mächtigeren Akteuren, die in der Lage sind, sich gegenüber dem Zielakteur zu behaupten (vgl. Brysk 2000: 35). Einfluss können Akteure auf verschiedene Art und Weise nehmen: Zum einen durch materiellen Einfluss, also mit Hilfe von finanziellen Mitteln, und zum anderen durch moralischen Einfluss. Bei dieser Art von Einflussnahme versuchen Netzwerke, das Verhalten von Akteuren im Rampenlicht zu präsentieren. Internationale Akteure wollen keine negativen Schlagzeilen verbreiten, wenn sie im internationalen Mittelpunkt stehen (vgl. Keck und Sikkink 1999: 97).

Abschließend gibt es die „accountability politics“ (Verantwortungspolitik). Hier nutzen Netzwerke beispielsweise verbindliche Vereinbarungen von internationalen Konferenzen, damit Verbindlichkeiten nicht nur in der Theorie vorhanden sind, sondern auch in der Praxis umgesetzt werden (vgl. Keck und Sikkink 1999: 97f).

2.5 Unter welchen Voraussetzungen sind TANs erfolgreich?

Nachdem im vorherigen Abschnitt erläutert wurde, wie TANs funktionieren, gilt es im kommenden Kapitel zu erklären, wann TANs erfolgreich sind und was es für unterschiedliche Stufen dabei gibt.

Mit der ersten Stufe werden die Mindestanforderungen definiert. Es geht dabei um die „issue creation“ und das „agenda setting“. Mit Hilfe von Kampagnen und gezielten Aktionen wird Aufmerksamkeit für neue und bereits bestehende Probleme generiert (vgl. Keck und Sikkink 1999: 98). Bei der zweiten Stufe geht es um den Einfluss auf „discursive positions“. Gemeint ist, dass transnational advocacy networks Einfluss gewinnen, wenn sie es schaffen, Staaten oder Organisationen zu überzeugen, sich bei verbindlichen Absprachen oder Abkommen vermehrt einzubringen und ihr neutrales beziehungsweise abschweifendes Verhalten zu verringern (vgl. Keck und Sikkink 1999: 98). Die dritte Stufe handelt von „institutional procedures“. Bestimmte Handlungen von TANs sind nicht immer als Sofortmaßnahmen zu betrachten, sondern können durchaus auch präventiven Charakter besitzen. Denn TANs versuchen nicht nur Einfluss auf den Output zu nehmen, sondern auch allgemein die Art einer Diskussion umzuwandeln (vgl. Keck und Sikkink 1998: 2). Daran anknüpfend geht es in der vierten Stufe um den Einfluss auf tatsächlichen „policy change“ von Zielakteuren. Dabei kann es sich um Staaten, Organisationen oder auch regionale und internationale Unternehmen handeln (vgl. Keck und Sikkink 1999: 98). Auf der fünften und letzten Stufe steht der Einfluss auf „state behaviour“. Der gelungene Einfluss auf das Verhalten und Auftreten eines Staates kann zweifellos als großer Erfolg für ein TAN gewertet werden. Der Staat handelt in einem solchen Fall nach gleichen Werten und Normen beziehungsweise nach die Interessen des Netzwerkes (vgl. Keck und Sikkink 1999: 98).

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Eine Analyse zur Bildung von transnational advocacy networks anhand des Netzwerkes im brasilianischen Bundesstaat Rondônia
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Politische Wissenschaft)
Note
3,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V513689
ISBN (eBook)
9783346107268
ISBN (Buch)
9783346107275
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internationale Beziehungen, IB, Weltgesellschaft, Europäische Integration, Südamerika, Brasilien, Rondonia, TANS, Transnational Advocacy Network, Transnational, Advocacy, Network, Netzwerk, Politikwissenschaft
Arbeit zitieren
Dennis Schmidt (Autor), 2017, Eine Analyse zur Bildung von transnational advocacy networks anhand des Netzwerkes im brasilianischen Bundesstaat Rondônia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513689

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