"Wie wir leben wollen. Texte für Solidarität und Freiheit" lautet der Titel des Sammelbands, in dem Shida Bazyars Kurzgeschichte "Die Echten" 2016 erschienen ist – Ein Buch, das eine Reihe von Texten junger AutorInnen versammelt, die sich mit der Bedeutung von Heimat, Fremde und Identität auseinandersetzen und dabei ein eindrucksvolles Bild unserer gegenwärtigen Gesellschaft zeichnen. Vor dem politischen Hintergrund des Nah-Ost-Konflikts, dem IS und Flüchtlingsströmen, im Rahmen derer sich tausende Menschen auf den langen, beschwerlichen Weg nach Europa machen, werden vermehrt ängstliche und wütend protestierende Stimmen laut, die das europäische Identitätskonzept gefährdet sehen. In einer politisch angespannten Situation wie dieser sehen AutorInnen wie Shida Bazyar ihre Aufgabe darin, die aktuellen Themen literarisch zu verarbeiten. Denn die literarische Ebene ermöglicht es Themen und Probleme aufzugreifen, die im realpolitischen Raum in der gegebenen Situation unmöglich ansprechbar und unauflösbar geworden zu sein scheinen.
In diesem Kontext gewinnt ein Teilbereich der germanistischen Literaturwissenschaft an Bedeutung, dessen Anfänge auf die 1950er Jahren zurückgehen und der sich in den 1980ern endgültig etabliert hat: die interkulturelle, deutschsprachige Literaturwissenschaft, eine Disziplin, die „international und interdisziplinär Interkulturalitätskonzepte erforscht und sich als Schnittstelle zwischen Muttersprachen und internationaler Germanistik versteht“ (Leskovec 2011). Innerhalb dieser Disziplin werden „Texte als interkulturelle Phänomene verstanden, aufgrund der Tatsache, dass sie Grenzen aufheben, wie die Grenzen zwischen Sprachebenen, zwischen kulturellen Sphären oder zwischen Ästhetiken“ (Leskovec 2011) und können somit als Werke der Interferenz verstanden werden.
Im Kontext postmigrantischer Gesellschaften, wie sie heute in weiten Teilen Europas bestehen, gewinnt die interkulturelle Germanistik zunehmend an Bedeutung. Sie stellt den Rahmen dar, in dem Texte von AutorInnen mit Migrationshintergrund und/oder Texte, die sich mit interkulturellen Themen auseinandersetzen zu analysieren sind und dient somit auch im Kontext dieser Analyse als Grundlage.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Identität in postmodernen Gesellschaften
2.1.Hybridität als Konzept
3. Charakterisierung im Rahmen interkulturellen, literaturwissenschaftlichen Analyse
4. Identitätskonzepte in „Die Echten“ von Shida Bazyar
4.1.Die erste Generation: Großvater
4.2.Die deutsche Perspektive: Mütter, Nazis, Journalisten
5. Die dritte Generation: Ich-Erzählerin, Toni, Schwester
6. Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konstruktion von Identität in Shida Bazyars Kurzgeschichte „Die Echten“ im Kontext postmoderner und postmigrantischer Gesellschaften. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie verschiedene Generationen und soziale Gruppen mit dem Konzept der Hybridität umgehen und welche Identitätskonflikte sich daraus ergeben.
- Identitätsbildung im postmodernen Kontext
- Hybridität als Konzept in postmigrantischen Gesellschaften
- Literaturwissenschaftliche Charakterisierung von Figuren
- Generationsübergreifende Perspektiven auf das Identitätskonzept
- Spannungsfeld zwischen Assimilation und Identitätsverlust
Auszug aus dem Buch
4.1. Die erste Generation: Der Großvater
Der Großvater der Ich-Erzählerin steht am Beginn der Geschichte. Er wird als dünner, Tee schlürfender Mann beschrieben, der immerzu hustet und kein Opa aus der Werthers-Echt Werbung ist, was seine Enkel bedauern. Seinen Beitrag zu Erzählung leistet er im Wesentlichen aber als Geschichtenerzähler, indem er seinen Enkeln von seiner Zeit als Vorabeiter berichtet: von engen Schächten, Giftgasen, Deutschen, die nie in ganzen Sätzen mit ihm gesprochen haben, ihm seinen Lohn nicht gaben, der ohnehin weit unter dem Gehalt eines deutschen Kollegen gelegen hat, und die ihn nie beim Namen genannt haben, sondern nach beliebig wechselnder Nationalität. Diese Geschichte des Großvaters wollen seine Enkel nicht hören. Sie ist ihnen unangenehm, aber der alte Herr versucht es immer wieder, bist er nach ein paar Sätzen schweigt, „weil Erzählen ohne darauffolgende Reaktion ja sinnlos ist“ (Bazyar 2016, S.175).
Die Geschichte, die hier aus der Perspektive des Großvaters erzählt wird, erinnert stark an Aras Örens Gastarbeiter Ali Gitmez, ein intertextueller Bezug, der stellvertretend für die sogenannte erste Generation jener Migranten steht, die in den 1950er-Jahren angeworben worden sind bzw. für die sogenannte Gastarbeiterliteratur dieser Zeit. Der Großvater erweckt innerhalb der Erzählung den Eindruck, die klare, eindeutige Perspektive des Gastarbeiter Alis einzunehmen und nimmt damit ein Identitätskonzept an, in dem alle Gegenstände und Themen eine klare Ordnung haben, in der Opfer- und Täterrollen klar verteilt sind, die Welt sich als in schwarz und weiß einteilen lässt. Sein Charakter weist keine Widersprüche auf, sondern steht klar für eine Position. Dem Fremden gegenüber grenzt er sich in seiner Position als Opfer ab. Die Enkel können sich mit dieser eindimensionalen Perspektive nicht identifizieren, denn sie kommt ihnen vereinfacht und daher veraltet vor. Sie haben gelernt, dass es naiv und falsch ist, in diesen einfachen Kategorien zu denken und trotzdem hat dieses Narrativ etwas Anziehendes, weshalb ihnen die Erzählungen unangenehm sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des literarischen Rahmens und der Relevanz der Kurzgeschichte „Die Echten“ im Kontext der interkulturellen Germanistik und aktueller Identitätsdiskurse.
2. Identität in postmodernen Gesellschaften: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Identitätsbegriff, der sich von einem stabilen Kernkonzept hin zu einer hybriden, komplexen Struktur im postmodernen Zeitalter entwickelt hat.
2.1.Hybridität als Konzept: Analyse von Hybridität als Identitätsstrategie in postmigrantischen Gesellschaften, insbesondere unter Berücksichtigung der Mehrfachzugehörigkeit.
3. Charakterisierung im Rahmen interkulturellen, literaturwissenschaftlichen Analyse: Methodische Herleitung zur literarischen Analyse von Figuren als mentale Modelle und Konzepte im Spannungsfeld von Discours und Histoire.
4. Identitätskonzepte in „Die Echten“ von Shida Bazyar: Analyse der literarischen Umsetzung von Identitätskonflikten und deren Darstellung anhand der unterschiedlichen Generationen in der Erzählung.
4.1.Die erste Generation: Großvater: Darstellung der Figur des Großvaters als Repräsentant der Gastarbeitergeneration, dessen eindimensionale Identität den Enkeln als veraltet erscheint.
4.2.Die deutsche Perspektive: Mütter, Nazis, Journalisten: Untersuchung der verschiedenen deutschen Identitätsentwürfe und deren Ambivalenzen im Umgang mit Fremdheit und Integration.
5. Die dritte Generation: Ich-Erzählerin, Toni, Schwester: Analyse der Identitätssuche und Assimilationsversuche der jüngeren Generation im Spannungsfeld zwischen Anpassungsdruck und Selbstbehauptung.
6. Konklusion: Zusammenführende Betrachtung der identitätstheoretischen Ergebnisse und der Bedeutung der interkulturellen Literatur für das Verständnis postmoderner Lebenswelten.
Schlüsselwörter
Identität, Hybridität, Shida Bazyar, interkulturelle Literatur, postmigrantische Gesellschaft, Migration, Gastarbeiter, Identitätskonzepte, postmoderne Gesellschaft, Authentizität, Assimilation, Literaturanalyse, Figurencharakterisierung, Fremdheit, Generationen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Seminararbeit untersucht die verschiedenen Identitätskonzepte in Shida Bazyars Kurzgeschichte „Die Echten“ und analysiert diese vor dem Hintergrund interkultureller, deutschsprachiger Literaturwissenschaft.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf den Konzepten der Identität, der Hybridität, den Auswirkungen von Migrationshintergrund auf die Selbstwahrnehmung sowie den Generationenunterschieden in der modernen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche Figuren innerhalb der Geschichte mit Identitätskonflikten umgehen und welche Rolle kulturelle Hybridität im Kontext postmigrantischer Gesellschaften spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine interkulturelle literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die insbesondere literarische Charakterisierungstechniken nutzt, um die Identitätsentwürfe der Figuren zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Identitätsentwürfe: vom Großvater (erste Generation) über deutsche Perspektiven bis hin zur Ich-Erzählerin, Toni und der Schwester (dritte Generation).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Identität, Hybridität, Postmigration, Migration, Assimilation, Fremdheit sowie die interkulturelle Literaturwissenschaft.
Warum wird der Großvater als „eindimensional“ beschrieben?
Er verkörpert die Erfahrung der frühen Gastarbeitergeneration, deren Weltbild in klaren Kategorien von Opfer und Täter sowie schwarz und weiß gezeichnet ist, was den nachfolgenden Generationen als zu simpel erscheint.
Welche Rolle spielt die Figur des Journalisten?
Der Journalist dient als Kontrastfigur; er kann hybride Identität bewusst als Werkzeug einsetzen, um Gehör zu finden, und verdeutlicht damit die Machtstrukturen in der Vermittlung von Migrationserfahrungen.
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- Marina Molnar (Author), 2017, Der Aspekt der Identität in der modernen, interkulturellen Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514903