Kann man das Erleben von Spannung bei der Rezeption beobachten?

Eine Methodenevaluation


Bachelorarbeit, 2019
59 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung in die Thematik
1.1 Relevanz der Thematik
1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

2 Annäherung an den Begriff Spannung
2.1 Etymologie und Verwendung des Wortes Spannung
2.2 Erklärung und Definition des Phänomens Spannung
2.3 Physische Reaktionen auf das Spannungserleben
2.4 Problem der Individualität des Spannungserlebens
2.5 Spannung im Film – durch was Spannung ausgelöst wird (filmische Gestaltungsmittel)

3 Hypothesenentwicklung

4 Methodisches Vorgehen
4.1 Forschungsfrage
4.2 Verwendete Methode
4.2.1 Die Beobachtung
4.2.2 Die Befragung
4.3 Stichprobe
4.4 Das im Rahmen der Beobachtung gezeigte Material
4.5 Kategorienschema
4.6 Vorgehensweise
4.7 Gütekriterien und Fehlerquellen
4.7.1 Reliabilität der Messung
4.7.2 Validität der Messung

5 Ergebnisse der Studie
5.1 Graphische Darstellung der Ergebnisse
5.2 Verifizierung und Falsifizierung der Hypothesen

6 Schluss
6.1 Zusammenfassung
6.2 Limitation
6.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

In der wissenschaftlichen Literatur erweisen sich die Definitionen von Spannung als vielseitig und umstritten. Diese Arbeit gibt einen breiten Überblick über die verschiedenen Faktoren, die bei der Erzeugung sowie beim Erleben von Spannung eine Rolle spielen und stellt diese in einer übersichtlichen Reihenfolge dar.

Verschiedene Aspekte der Spannung werden dargelegt, definiert und der aktuelle Forschungsstand mit einbezogen. Im Folgenden wurde eine Untersuchung durchgeführt, um die Fragestellung „Kann man das Erle- ben von Spannung bei der Rezeption beobachten?“ zu beantworten. Hierfür wurden Rezipienten zunächst beobachtet und im Anschluss dazu befragt.

Die Ergebnisse dieser Arbeit legen nahe, dass es durchaus möglich ist das Spannungserleben zu beobachten.

Schlagwörter:

Spannung, Spannungserleben, Rezeption, Rezeptionsforschung, Be- obachtung, Wirkungsforschung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Auswertung Bewegung der Probanden im Zeitverlauf; eigene Darstellung

Abbildung 2: Auswertung Durchschnitt Bewegung der Probanden im Zeitverlauf; eigene Darstellung

Abbildung 3: Auswertung der durchschnittlich gegebenen Einschätzung der Probanden in Bezug auf die zwölf abgefragten Aussagen; eigene Darstellung

1 Einführung in die Thematik

1.1 Relevanz der Thematik

Das Erleben von Spannung ist ein wichtiger Bestandteil der menschli- chen Emotionen. Ebenso vielfältig wird der Begriff im Alltag verwendet, wenn es beispielsweise um ein spannendes Sportereignis, spannende künstlerische Meisterwerke oder die spannenden Ergebnisse einer neuen Forschungsarbeit geht. Vor allem aber im Bereich der Unterhaltung spielt die Spannung seit jeher eine wichtige Rolle. So zum Beispiel auch beim Rezipieren von fiktionalen Inhalten. Das Erleben von Emotionen ist oft ausschlaggebend für das Interesse der Zuschauer an der erzählten Geschichte oder dem dargestellten Geschehen sowie der Entscheidung den Film an zu schauen und ihn als gut oder schlecht zu bewerten. Span- nung zählt vor allem in bestimmten Film-Genres1 zu diesen bedeutenden Emotionen. Durch die verschiedenen Möglichkeiten des Spannungsauf- baus in Filmen können die Rezipienten emotional beeinflusst werden, sodass Reaktionen hervorgerufen werden. Filmemacher können diverse Mittel nutzen, um den Zuschauer an der Geschichte teilhaben zu lassen. Hierzu gibt es bereits zahlreiche Theorien und Studien (vgl. Uhrig 2015: S. 13 f.). Die vorliegende Arbeit behandelt im Gegensatz dazu die Frage, ob man das Erleben von Spannung während der Rezeption beobachten kann.

1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Der Fokus dieser Arbeit liegt nicht auf dem Material, welches rezipiert wird, sondern auf den emotional-affektiven Effekten und Reaktionen der Rezipienten. Emotionen wie etwa Freude, Glück und Trauer können wir im alltäglichen Leben wohl häufig beobachten, sei es im direkten priva- ten Umfeld oder auch in den Nachrichten. Auch bei der Rezeption von Spielfilmen lässt sich eindeutiges Verhalten erkennen, ob jemand Freude, Trauer oder allgemein gefasst positive oder negative Emotionen empfin- det. Spiegelt sich also das Erleben von Spannung auch in bestimmten physischen Reaktionen wider? Gibt es bestimmte Handlungsmuster die beobachtbar sind, wenn Spannung aufgebaut wird? Wie ist das Verhal- ten der Rezipienten beim Erleben von Spannung? Gibt es Faktoren, die das Handeln während dem Erleben von Spannung beeinflussen? Kann man das Erleben von Spannung überhaupt anhand von Verhalten und Handlungen der Rezipienten beobachten und Aussagen darüber treffen? Ziel dieser Arbeit ist es, diese und weitere Fragen zu beantworten und dem Leser mit Hilfe von Theorien und einer empirischen Untersuchung einen Überblick über die Beobachtbarkeit der Emotion Spannung zu ge- ben.

Um die Frage beantworten zu können wurde eine Beobachtung von Re- zipienten und eine Befragung der Untersuchungsteilnehmer durchge- führt. Zu Beginn der Arbeit wird der Begriff Spannung vor dem Hinter- grund bereits aufgestellter Theorien definiert. Der darauffolgende Punkt behandelt die Hypothesen, die in dieser Arbeit formuliert und überprüft werden. Anschließend werden die Methodik und die empirische Vorge- hensweise aufgezeigt. Außerdem werden die Ergebnisse und die erho- benen Daten ausgewertet. Zum Schluss wird die Arbeit limitiert und dis- kutiert sowie ein Fazit und ein Ausblick der Thematik gegeben.

2 Annäherung an den Begriff Spannung

„Spannungserleben zählt zu den intensivsten und am stärksten nachge- fragten Rezeptionserlebnissen.“ (Hastall 2013: S. 263) Spannung wird in den verschiedenen Medienangeboten als Erfolg bringendes Unterhal- tungsmerkmal und genreübergreifend genutzt. Spannungserleben wird also nicht auf reale oder fiktionale Medieninhalte beschränkt. So kann man sie sowohl bei der Rezeption von Nachrichtensendungen oder Sportereignissen, als auch bei erfundenen Erzählungen und Geschichten, wie Thrillern, Krimis und Dramen erleben (vgl. Brill, Schwab 2016: S. 274). Auch in Zusammenhang mit den Theorien der Nachrichtenfakto- ren kommt die Emotion Spannung als Erfolgsfaktor von Medienangebo- ten zur Sprache (vgl. Hastall 2013: S. 263; Mast 2003: S. 59 ff.). Das Emp- finden von Spannung wird durch verschiedene Inhalte ausgelöst und spiegelt sich in unterschiedlichen kognitiven, wie körperlichen Reaktio- nen und Verhaltensweisen wider (vgl. Hastall 2013: S. 263 ff.).

„Die audiovisuellen Medien Film und Fernsehen gelten als die typischen Spannungsvermittler.“ (Schulze 2006: S. 17) Spannung im Film zu erle- ben heißt, während der Rezeption eine Art Ungewissheit, Besorgnis, Un- bestimmtheit, Furcht und angenehme Aufgeregtheit zu empfinden. Diese Gefühlszustände sind subjektiv und individuell unterschiedlich und äußern sich somit auch auf verschiedene Weise auf emotionaler, aber auch physischer Ebene (vgl. Hastall 2013: S. 264 ff). Der Faktor Spannung ist dennoch ein ausschlaggebendes Argument, einen Film an- zusehen. Auch in der Filmbranche ist diese ein eigenes und wesentliches Filmbewertungskriterium (vgl. Schulze 2006: S. 15).

Im folgenden Abschnitt wird genauer auf die Erklärung und die Defini- tion des Begriffs „Spannung“ und dessen Wirkungen auf den Rezipien- ten eingegangen. Zunächst jedoch sollen die Herkunft und Geschichte des Wortes geklärt werden.

2.1 Etymologie und Verwendung des Wortes Spannung

„Suspense taucht als gewisses Synonym für das deutsche Allroundsub- stantiv ‚Spannung‘ im englischen und französischen Sprachgebrauch auf. Dazu wird es oft in einem Zuge mit dem Namen A. Hitchcocks als dem ‚Meister der Suspense‘ gebraucht.“ (Borringo 1980: S. 38)

Der deutsche Begriff Spannung wird also in der Literatur oft mit dem englischen Begriff „suspense“ gleichgesetzt. Dieser leitet sich vom latei- nischen Verb „suspendere“ ab, was sich wiederum mit „in Unsicherheit schweben“ übersetzten lässt (vgl. Borringo 1980: S. 38). Geprägt wurde dieser Begriff vor allem vom Regisseur und Filmproduzenten Alfred Hitchcock. Trotz der synonymen Verwendung der Begriffe schließt das deutsche Wort Spannung dennoch nicht alle Aspekte von „suspense“ mit ein. So ließ beispielsweise der Übersetzer des bekannten Truffaut- Hitchcock-Interviews „suspense“ ohne deutsche Übersetzung stehen, da er der Meinung war, mit Spannung nicht alle Gesichtspunkte der Bedeu- tung des englischen Wortes aufgreifen zu können (vgl. Truffaut 1974: S. 11). Wie die Herkunft aus dem Lateinischen vermuten lässt, hängt „sus- pense“ eng mit der Unsicherheit, Ungewissheit und vor allem auch mit dem Wissensunterschied auf Seiten des Rezipienten in Bezug auf han- delnde Charaktere zusammen (vgl. ebd.: S. 64). Wie sich im Folgenden noch zeigen wird, hat auch Spannung einen Bezug zur Unsicherheit. Während im alltäglichen Sprachgebrauch das Substantiv Spannung oft in negativen Kontexten verwendet wird, hat das Adjektiv spannend hin- gegen eine positive Konnotation (vgl. Fill 2003: S. 15).

Doch nicht nur, wenn es um spannende Inhalte und ungewisse Rezipi- enten geht, wird im Deutschen das Wort Spannung verwendet. Auch in der Physik existiert dieser Begriff, allerdings mit einer anderen Bedeu- tung. Elektrische Spannung ist eine physikalische Größe, die beschreibt, wie stark der Antrieb in einem elektrischen Strom ist. In Spannungsfel- dern bewegen sich gegensätzliche Kräfte, die sich gegenseitig beeinflus- sen, aufeinander wirken und so einen Zustand der Spannung erzeugen (vgl. Halliday, Resnick, Walker 2005: S. 778 f.). So differenziert die Be- deutung auch ist, lassen sich doch Parallelen finden. Während die phy- sikalische Spannung zwischen zwei Punkten im elektrischen Feld ent- steht, entwickelt sich auch die psychologische, emotionale Spannung, die man während einer Rezeption erleben kann, zwischen einem Auslöser und der darauffolgenden Auflösung. Auch das Spannungsfeld lässt sich auf das Spannungserleben übertragen, denn auch hier beeinflussen sich verschiedene Faktoren, die in einem Spannungsempfinden münden. Kurz gesagt kann man gewissermaßen sowohl in der Physik, als auch bei der Untersuchung von Spannungsphänomenen ein Spannungsfeld fin- den. Auf diesen Zusammenhang wird im Folgenden noch näher einge- gangen.

So lässt sich der Begriff Spannung oder spannend in Bezug auf Musik oder Kunst verwenden. Hier spielen Anspannung und Entspannung eine wichtige Rolle, die sich wiederum auch auf das Spannungserleben bei der Filmrezeption übertragen lassen (vgl. Fill 2003: S. 14).

Abschließend stellt man fest, dass der Begriff Spannung nicht zwangs- läufig mit dem englischen „suspense“ gleichgesetzt werden kann. Zwar lassen sich Überschneidungen der Begrifflichkeiten sowie synonyme Verwendung in der Literatur finden, dennoch sollte man diese Gleich- stellung mit Vorsicht betrachten. Des Weiteren ist zu beachten, dass in der deutschen Sprache das Substantiv Spannung ebenso wie das Adjek- tiv spannend in den verschiedensten Bereichen und Disziplinen mit un- terschiedlichen Bedeutungen und Definitionen verwendet wird. Obwohl sich immer wieder Parallelen finden lassen, soll an dieser Stelle klarge- stellt werden, dass es sich bei der Folgenden Definition und Erklärung von Spannung nur um ebendiese im Zusammenhang mit Filmrezeption dreht und nicht etwa um die physikalische Spannung im elektrischen Feld.

2.2 Erklärung und Definition des Phänomens Spannung

„Das Ziel der Spannungsforschung sind Aussagen, wie Spannung ver- ursacht wird, aus welchen Komponenten sie besteht und auf welche Weise sie erlebt wird.“ (Schulze 2006: S. 18)

Medieninhalte müssen sich nicht zwingend durch Gewalt auszeichnen oder mit beeindruckender „Action“ aufbereitet werden, um ein Span- nungserleben zu generieren. Die menschliche Neugier wird meist schon durch weniger erregt und ist somit der ausschlaggebende Punkt beim Spannungserleben. Allgemein ist das Phänomen aber wohl auf die Kom- bination aus Merkmalen des Medienangebots und Eigenschaften der Re- zipienten zurückzuführen (vgl. Hastall 2013: S. 264 ff.). Spannung ist ein vielseitiger Begriff, der sowohl positiv als auch negativ verstanden wer- den kann. „Zahlreiche Publikationen und nicht ganz so zahlreiche For- schungsergebnisse zum Thema legen nahe, dass ein breites Wissen und Erkenntnisse zu Spannung existieren. Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch schnell heraus, dass auch hier keine Einheitlichkeit darüber besteht, was unter Spannung zu verstehen ist.“ (Schulze 2006: S. 12).

Aus diesem Grund wird im Folgenden eine Auswahl verschiedener An- sätze und Versuche angeführt, den Begriff zu definieren. Hiermit wird ein Überblick gegeben und die Vielseitigkeit des Begriffes deutlich ge- macht. Befasst man sich mit Definitionen von Spannung stößt man häu- fig auf die Namen Dolf Zillmann, William F. Brewer und Edward H. Lichtenstein, weshalb deren Ansätze und Hypothesen zum Thema vor- gestellt werden. Außerdem wird im Folgenden das Werk „Spannung in Film und Fernsehen. Das Erleben im Verlauf“ von Anne-Kathrin Schulze aus dem Jahr 2006 zitiert und herangezogen. Da im Rahmen dieser Ar- beit das Erleben von Spannung während der Rezeption eines fiktiven In- halts in Form eines Serienausschnitts behandelt wird, beziehen sich mög- liche Beispiele ebenfalls auf fiktive audiovisuelle Inhalte. Diese Gegeben- heit soll allerdings nicht ausblenden, dass sich die dargestellten Definiti- onen und Ansätze auch auf andere Inhalte, Genres und Medien anwen- den lassen (vgl. Hastall 2013: S. 264 f.). „Spannungserleben wird dabei grundsätzlich als dynamische rezipientenseitige Reaktion auf die formale und inhaltliche Präsentation einer Geschichte aufgefasst.“ (ebd.: S. 265)

Wie bereits beschrieben, besteht eine Diversität beim Verständnis des Be- griffs Spannung und es lässt sich keine eindeutige wissenschaftliche De- finition benennen (vgl. Wulff 1993: S. 97). Grund hierfür ist die Viel- schichtigkeit, Komplexität und Impulsivität, die das Spannungsgefühl und das Erleben von Spannung mit sich bringt. Diverse wissenschaftli- che Disziplinen, wie beispielsweise die Psychologie, Philosophie, Sozio- logie und Medienwissenschaften fließen in den Versuch einer Definition und somit in den heutigen Forschungsstand ein. Grundlegend lassen sich dennoch zwei essenzielle Ansätze der Erforschung von Spannung nennen: der werktheoretische und rezeptionspsychologische Zugang. Die Bezeichnungen selbst lassen bereits die grundsätzlichen Gedanken erkennen. Spannungserzeugende Merkmale der Medienangebote wer- den im werktheoretischen Zugang erklärt, während die Prozesse vor, während und nach dem Spannungserleben beim Rezipienten beim re- zeptionspsychologischen Zugang entscheidend sind (vgl. Theorie von Peter Vorderer in Hastall 2013: S. 264 f.). Die „Structural-Affect-Theory“ von Brewer und Lichtenstein soll in diesem Zusammenhang der „Affec- tive-Disposition-Theory“ und dem „Excitation-Transfer“ von Zillmann gegenübergestellt werden.

Brewer und Lichtenstein: Structural-Affect-Theory (1982)

Die Theorie der beiden Amerikaner William Brewer und Edward Lich- tenstein lässt sich dem werktheoretischen Zugang zuordnen. Ausschlag- gebend ist laut ihnen die Reihenfolge, in welcher bestimmte Gescheh- nisse in einer Geschichte auftauchen. Hierbei differenzieren sie weiter zwischen „(1) dem chronologischen Ablauf der Ereignisse einer Ge- schichte (Ereignisstruktur) und (2) der Reihenfolge, in der die Ereignisse den Rezipienten präsentiert werden (Erzähl- bzw. Diskursstruktur)“ (vgl. Hastall 2013: S. 266). Daraus ergeben sich drei mögliche Reaktionen: Neugier, Überraschung und Spannung. Während hier Neugier und Überraschung anerkannt, aber vernachlässigt wurde, soll explizit auf den dritten Faktor weiter eingegangen werden.

Ereignis- und Diskursstruktur verlaufen laut Brewer und Lichtenstein bei der Erzeugung von Spannung parallel. Der chronologische Ablauf der Geschichte wird dem Rezipienten unverändert präsentiert. Außer- dem werden Informationen in Form von Wissensvorsprüngen einge- bracht, um dem Rezipienten mögliche Probleme oder Bedrohungen auf- zuzeigen. Die Auflösung der Konflikte bleibt allerdings lange Zeit aus, was den zentralen Faktor narrativer Spannung ausmacht. Gewisse An- zeichen auf einen möglichen Ausgang der Geschichte, welcher vorerst nicht aufgelöst wird, ist also für das Bestehen einer Spannungsstruktur notwendig. Brewer und Lichtenstein führen die Überlegungen noch weiter und stellen die These auf, dass das Spannungserleben von der Ne- gativität des möglichen Endes einer Geschichte abhängt.

Je negativer die Bedrohung für den Protagonisten ist, desto intensiver ist die Spannung, die der empathische Rezipient empfindet. Als Schlüssel- wort lässt sich hier also Unsicherheit auf Seiten der Zuschauer festhalten (vgl. Hastall 2013: S. 266 f.; Brill, Schwab 2016: S. 276 f.; Schramm, Wirth 2006: S. 33). Wie bereits zuvor beschrieben, leitet sich das englische Wort „suspense“ vom lateinischen Verb „suspendere“ ab, was so viel bedeutet wie „in Unsicherheit schweben“. Diese Tatsache bestärkt den Zusam- menhang zwischen Spannungserleben und Unsicherheit (vgl. Brill, Schwab 2016: S. 274). Abschließend lässt sich sagen, dass die Structural- Affect-Theory als bedeutsames Konzept in der Spannungsforschung an- erkannt wird. Demgegenüber stehen die Theorien von Zillmann, die im Folgenden erklärt werden.

Zillmann: Affective-Disposition-Theory (1996) und Excitation-Transfer (1983) Zillmann stellt sich gegen die These der Unsicherheit. Er führt den Ge- danken weiter, dass sich der Rezipient mit Protagonisten identifizieren und in sie hineinversetzten kann. Dies sieht er allerdings nicht als zwin- gende Notwendigkeit an, sondern beschreibt den Rezipienten vielmehr als stillen Beobachter, der in die dargestellte Handlung wissentlich nicht eingreifen kann. Im Rahmen der Affective-Disposition-Theory stellt Zil- lmann also die Vorgänge auf Seiten des Rezipienten in den Vordergrund seiner Überlegungen (vgl. Hastall 2013: S. 267; Schramm, Wirth 2006: S. 33). Er geht davon aus, dass durch eine Gefährdung des Schicksals des Protagonisten gewisse Erregung (beispielsweise erhöhter Herzschlag) und negative Gefühle, wie etwa Sorge, beim Zuschauer geweckt würden, welche das Gefühl vom Spannungserleben erzeugen (vgl. Brill, Schwab 2016: S. 276). Zillmann geht also von einer gewissen Empathie des Rezi- pienten gegenüber dem Protagonisten, und einer Antipathie gegenüber dem Antagonisten aus (vgl. Wirth, Böcking, In-Albon 2006: S. 109 f.).

Warum sollte ein Rezipient sich nun also solch negativen Gefühlen aus- setzen? Diese Frage versucht Zillmann mit seiner Excitation-Transfer- Hypothese zu beantworten. Diese beschäftigt sich nicht mit der Entste- hung von Spannung, sondern viel mehr mit der Auflösung dieser (vgl. Hastall 2013: S. 267). Durch einen positiven Ausgang der Geschichte ver- schwindet die Sorge und nur noch die physiologische Erregung bleibt bestehen (vgl. Brill, Schwab 2016: S. 276). Zillmann geht davon aus, dass die körperliche Erregung das Erleben von Emotionen auf gewisse Weise beeinflussen und bestärken kann. Geht eine Geschichte nun also positiv zu Ende, ist die Freude über die Wendung hin zum Guten umso größer. Grund hierfür ist nicht nur der Ausgleich negativer Emotionen durch den positiven Ausgang, sondern vielmehr die andauernde körperliche Erregung, die die positiven Gefühle des geglückten Abwendens der Be- drohung bestärkt (vgl. ebd.: S. 276). „Die positiven Emotionen, die mit dem Triumph des Protagonisten im Happy End einhergehen, werden so durch die Residualerregung aus der Sorge und dem Bangen um die Figur bestärkt.“ (ebd.: S. 276) Erregung und Erleichterung lassen sich hier also als Schlüsselwörter zur Definition von Spannung nennen.

So unterschiedlich die verschiedenen Zugänge zum Thema sind, so las- sen sich auch verschiedene Arten von Spannung immer wieder finden. Der Begriff Spannung beschreibt in Forschungsarbeiten überwiegend den endgültigen Ausgang eines Vorganges, sei es eine Geschichte, eine Erzählung oder ein Bericht. Allerdings lassen sich ebenso Episoden von Spannung währenddessen finden, die als „Detailspannung“ im Gegen- satz zur „Finalspannung“ bezeichnet werden (vgl. Pfister 2001: S. 147). Außerdem wird auf inhaltlicher Ebene zwischen einer Ob-Spannung, Wie-Spannung und Warum-Spannung unterschieden. Ob das ange- strebte Ziel erreichbar ist oder nicht, beschreibt die Ob-Spannung. Wie- Spannung formuliert, wie das Ziel von der handelnden Person erreicht wird und Warum-Spannung stellt dar, warum eine Tatsache so ist, wie sie ist (vgl. Fuxjäger 2002: S. 27 ff.). Des Weiteren wird zwischen inhaltli- chen Aspekten und formalen Darstellungstechniken unterschieden, die das Spannungserleben auslösen können. Zuletzt kann man das Erleben von Spannung in ein erwünschtes und unerwünschtes Gefühl differen- zieren (vgl. Hastall 2013: S. 265).

Spannung gilt andererseits auch als Bewertungskriterium für einen Text, einen Film oder einen Inhalt im Allgemeinen. Diese Gegebenheit wurde bereits zuvor beschrieben, als Begründung sich einen Film anzuschauen und diesen nach der Rezeption zu bewerten. Generell lässt sich in An- kündigungen und Werbe-Trailern für Filme oft das werbende Wort Spannung oder spannend finden. Spannung gilt also sowohl vor der Re- zeption, als auch danach als wichtiges Beurteilungskriterium. Peter Vor- derer beschäftigte sich in den 1990er Jahren mit diesem Thema und stellte hierzu eine treffende These auf: „Spannung dürfte nicht nur ein entschei- dendes Kriterium zur postrezeptiven Beurteilung eines Films sein [...], sondern darüber hinaus auch die prärezeptive Funktion erfüllen, die Auswahl von Filmen durch die Zuschauer zu erleichtern.“ (Vorderer 1994: S. 323)

Anne-Katrin Schulze verwendet in ihrem Werk „Spannung in Film und Fernsehen. Das Erleben im Verlauf“ sogenannte Spannungsbausteine als Leitlinien für die theoretische Betrachtung des Begriffs Spannung. Diese werden als „Konzepte, Elemente und Beschreibungsmerkmale“ bezeich- net (Schulze 2006: S. 21), die in jeglichen bestehenden Überlegungen und Theorien wiederzufinden sind. Es handelt sich dabei um folgende vier Merkmale, die hauptsächlich den Rezipienten und nicht den eigentlich rezipierten Inhalt betreffen:

1. „Spannungsintensität“ beschreibt die Intensität des Spannungs- empfindens des Rezipienten.
2. „Spannung im Verlauf” beschäftigt sich mit Spannungsbögen im rezipierten Inhalt, aber auch mit dem Verlauf des Spannungserle- bens des Rezipienten.
3. „Relevanz des Spannunsgeschehens” bezeichnet die zugeschrie- bene Bedeutsamkeit der Spannungsauslöser.
4. „Spannungskognitionen” beziehen sich auf den Informationsge- halt, Wahrscheinlichkeiten des Ausgangs einer Geschichte und auf die Ungewissheit auf Seiten des Rezipienten.

Doch nicht nur diese Bausteine werden in Schulzes Werk als ausschlag- gebend für den theoretischen Zugang zum Begriff Spannung beschrie- ben. Auch weitere Emotionen lassen sich in diesem Zusammenhang wie- derfinden. Besondere Relevanz kommt dabei der Angst, Furcht und Hoffnung zu, die hinsichtlich des Spannungserlebens als zwingend not- wendig beschrieben werden. Furcht und Angst lösen Hoffnung aus und mit dieser lässt sich wiederrum das Spannungserleben verknüpfen (vgl. Theorie von Euler und Mandl in Schulze 2006: S. 24 f.). Hoffnung und Erwartungen gehen mit der bereits beschriebenen Unsicherheit über den Ausgang einer Geschichte einher. Man kann hier also schlussfolgern, dass Spannung eigentlich das ambivalente Gefühl der Furcht vor einem negativen Ausgang einer Geschichte und der Hoffnung auf ein positives Ende ist. In einer Geschichte, die Spannung erzeugen will sollten somit diese beiden Möglichkeiten des Ausgangs impliziert werden (vgl. Carroll 1990: S. 138).

Der Rezipient sollte insoweit involviert werden, dass auch er sich diese Möglichkeiten vorstellen kann, um die beschriebenen Emotionen erleben zu können. Schulze geht ebenfalls genauer auf den Rezipienten ein und gibt einen Überblick über verschiedene Eigenschaften, die der Zuschauer mitbringen sollte, um Spannungserleben ermöglichen und beeinflussen zu können. Zillmanns Gedanken zur Identifikation des Rezipienten mit dem Protagonisten wurde bereits zuvor angeführt, aber auch Schulze spricht sie als Charakteristika an. Daneben geht sie auf das psychologi- sche Konstrukt der Empathie ein. Was genau passiert nun aber bei der Identifikation und Empathie und warum spielen diese Konzepte eine Rolle für das Spannungserleben?

Die beiden Konstrukte liegen nahe beieinander, weil die Fähigkeit des „sich Hineinversetzens“ und des „Einfühlens“ von zentraler Bedeutung sind. Empathie hängt zusammen mit einem oberflächlichen Verständnis für die Emotionen anderer, der Auseinandersetzung mit diesen und der eigenen Reaktion darauf. Die Identifikation hingegen reicht tiefer. Wäh- rend bei der Empathie klar bleibt, dass es sich um die Gefühlslage einer anderen Person handelt, überträgt man bei einer Identifikation mit einer Person die Emotionen auf sich selbst (vgl. Schulze 2006: S. 25 ff.; Biland- zic, Schramm, Matthes 2015: S. 98 f.). Das Zusammenspiel dieser Fakto- ren sorgt für ein aufmerksameres Verfolgen der erzählten Geschichte und steigert so die Aufnahme von Hinweisen über das mögliche Ende und damit das Erleben von Spannung (vgl. Schulze 2006: S. 52). Schluss- folgernd lässt sich Spannungserleben so mit den beschriebenen anderen Konzepten Furcht, Angst, Hoffnung, Empathie und Identifikation ver- knüpfen.

Spannung lässt sich zwar auch als Eigenschaft eines Textes oder eines Inhalts bezeichnen, für die folgende Untersuchung wird sie allerdings als psychisches Phänomen verstanden. Abschließend bleibt folgende De- finition von Spannung relevant: Spannungserleben besteht zwingend aus einem rezipierten Inhalt und dem Rezipienten selbst. Eine Ge- schichte allein lässt keine Spannung entstehen, zwingend notwendig ist dabei der Zuschauer und dessen Wechselwirkung mit dem Inhalt. Der Rezipient betrachtet den Verlauf eines Geschehens und erlebt während- dessen verschiedene Emotionen, die im Zusammenspiel zum Span- nungserleben führen (vgl. Mellmann 2007: S. 241 ff.). Hieraus ergibt sich neben der psychischen Reaktion des Erlebens der verschiedenen Emoti- onen auch eine physische Reaktion, auf welche im folgenden Kapitel ein- gegangen wird.

2.3 Physische Reaktionen auf das Spannungserleben

Das Erleben von Emotionen wurde im vorhergehenden Kapitel bereits in Verbindung mit dem Erleben von Spannung beschrieben. So erlebt man beispielsweise Hoffnungs-, Furcht- oder Angstgefühle, aus deren Symbiose das Spannungsgefühl entsteht, ebenso wie empathische Emo- tionen zu Protagonisten, die zu einem gewissen Spannungserleben füh- ren. Konträr dazu entwickeln sich wohl auch solche Emotionen aus ei- nem Spannungserleben. Das Zusammenspiel verschiedener Emotionen ruft so in Wechselwirkung psychisch-emotionale Reaktionen hervor, die nach außen nicht zwingend sichtbar, vor allem aber nicht differenzierbar sind. Schließlich entwickelt der Mensch aus solchen Emotionen physi- sche Reaktionen, die im Folgenden erläutert werden.

Zunächst soll auf den Effekt der verschobenen Zeitempfindung während des Spannungserlebens eingegangen werden. Die dadurch veränderte Wahrnehmung von Zeit kann zwar nur teilweise, vorrangig bei der Re- zeption von Texten beobachtet werden, der Vollständigkeit halber wird sie dennoch angeführt. Spannungsepisoden zeichnen sich meist durch eine spezielle Zeiterfahrung aus. Spannung bezieht sich immer auf einen in der Zukunft liegenden Punkt, der meist herausgezögert wird, um die Spannung aufrecht zu erhalten oder zu steigern. So entsteht beim Rezi- pienten der Eindruck, als würde die Zeit übermäßig und ohne nachvoll- ziehbaren Grund gestreckt werden (vgl. Borringo 1980: S. 57 f.). Da im Film die Geschichte vor den Augen des Betrachters chronologisch ab- läuft und der Zuschauer außer durch ein „Vorspulen“ oder überspringen eines Kapitels keinen Einfluss auf die Geschwindigkeit des Gezeigten nehmen kann, ist eine schnellere Auflösung des Plots nicht durch den Rezipienten zu erwirken.

Beim Rezipieren eines Textes hingegen kann der Leser in gewisser Weise steuern, wie schnell er zum Ende der Spannungsepisode kommt. So lässt sich eine Abweichung der Lesegeschwindigkeit bei mehr oder weniger spannenden Stellen nachweisen. Steigt die Spannung, beginnt der Rezi- pient schneller zu lesen, da er bereits vermutet und während dem Lesen erlebt, dass sich die Auflösung noch hinauszögern wird (vgl. Cupchik 2009: S. 191 f.). Um diese Theorie auf die Filmrezeption zu übertragen könnte man annehmen, dass es eine beobachtbare Handlung als Indiz für Spannungserleben beim Rezipienten wäre, wenn vor lauter Span- nung der Film vorgespult oder sogar Szenen übersprungen werden. Ob sich ein solches Verhalten im Alltag beobachten lässt ist zweifelhaft. Filme werden oftmals in sozialen Situationen konsumiert, was ein vor- spulen aufgrund des Umfelds verhindert. Darüber hinaus wir das Span- nungserleben des Rezipienten als Vergnügen angesehen und der Kon- sum von diesem genossen. Zuletzt kann der Zuschauer nicht wissen, bis zu welcher Stelle er vorspulen müsste und eine gewisse Angst, wichtige Details zu verpassen, hemmen das Überspringen ebenso. Deshalb wer- den im Folgenden eindeutigere Handlungsmuster beschrieben.

Jegliche Art von Lebewesen sind grundsätzlich Reizen ausgesetzt, auf die sie mit Reflexen reagieren. Der Mensch hingegen ist nicht nur seinen Reflexen ausgesetzt, sondern verfügt darüber hinaus über die Fähigkeit des gerichteten Verhaltens und bestimmter Verhaltensmodi, durch die Reize und Reaktionen gesplittet werden. Der Mensch hat die Möglichkeit auf einen Stimulus durch erneute Bewertung flexibel mit einem gewissen Verhalten oder einer Handlung zu reagieren (vgl. Mellmann 2007: S. 246 f.). Gleichzeitig besteht weiterhin die Möglichkeit einer durch die Evolu- tion gewissermaßen vorprogrammierten Not-Handlung. Der Körper stellt sich so beispielsweise durch erhöhten Herzschlag und Anspannung der Muskeln auf eine Flucht- oder Kampfsituation ein. Durch Reize aus- gelöste Emotionen fungieren dieser Theorie nach wie Programme, auf die auch zurückgegriffen werden kann, wenn beim Spannungserleben bestimmte physische Reaktionen entstehen (vgl. ebd.: S. 246 ff.). Der menschliche Körper ist also aus evolutionären Gründen darauf gepolt, in bestimmten Situationen in akute Handlungsbereitschaft versetzt zu wer- den, sei es mit höherer Herzfrequenz oder mit angespannten Muskeln, die zur Bewegung oder Nicht-Bewegung führen. Vor allem beim Rezi- pieren narrativer Inhalte wird diese Bereitschaft durch das Bewusstsein der unrealen Situation gehemmt.

Aufgrund der Individualität des Menschen sind physiologische Reakti- onen weder vorhersehbar, noch gleichsam. Sie sind ebenso nicht einheit- lich an bestimmte Emotionen gekoppelt. Des Weiteren unterscheiden sie sich in äußere, also sicht- und hörbare, und innere, also für Außenste- hende nicht erkennbare Effekte, welche im Kontext des Forschungsinte- resses genauer dargestellt und differenziert werden.

Äußere Reaktionen können zum einen verbal sein. Beispiele hierfür wä- ren Schreie, positive oder negative Äußerungen in Form von Kommen- taren sowie Seufzen, Schnaufen oder Stöhnen. Im Gegensatz dazu stehen nonverbale Reaktionen, wie Gestik und Mimik. Hände vor das Gesicht halten, Wegschauen, Zucken, unruhige Bewegungen, wie das Hin-und- her-wackeln auf einem Stuhl oder im Allgemeinen die Anspannung von Muskeln im Gesicht und an Gliedmaßen, die zu einem Stillsitzen führen, lassen sich hier beispielhaft nennen (vgl. De Wied, Zillmann 2009: S. 270 ff.; Zillmann 2009: S. 209 f.). In diesem Kontext existiert im Alltag zum Beispiel auch die spannungsbezogene Redewendung „vor Spannung die Luft anhalten“, welche ebenfalls auf äußere physische Reaktionen zu- rückzuführen ist. Es lässt sich beobachten, dass die Atmung einer ge- spannten Person unregelmäßiger wird und teilweise sogar kurzzeitig aussetzt, so dass sich die Person dadurch nicht mehr bewegt und „wie angewurzelt“ verweilt (vgl. Mellmann 2007: S. 247). Diese exemplari- schen äußeren Reaktionen lassen sich also ohne weiteres von außen be- obachten und erkennen. Bewegung und Nicht-Bewegung, die sich auf die Evolution des Menschen zurückführen lassen, sind also ausschlagge- bende sichtbare Reaktionen.

Im Gegensatz dazu benötigt man für das Erkennen der physischen inne- ren Reaktionen besondere Messinstrumente. Diese inneren Effekte eines Rezipienten sind beispielsweise veränderter Herzschlag und Puls, Reak- tionen der Haut, wie die Veränderung des pH-Wertes, oder auch das weiten und verkleinern der Pupillen in den Augen (vgl. De Wied, Zill- mann 2009: S. 277; Borringo 1980: S. 172).

Die äußeren Reaktionen eines gespannten Rezipienten sind im Rahmen der folgenden Untersuchung, der Beobachtung, also aufgrund ihrer Greifbarkeit und Sichtbarkeit von Bedeutung. Sie gelten im Rahmen die- ser Arbeit als Indikatoren und Kriterien, die als Anhaltspunkt für den Beobachter gelten werden.

2.4 Problem der Individualität des Spannungserlebens

Wie zuvor bereits beschrieben, handelt es sich beim Spannungserleben um eine subjektive, individuelle Erfahrung, die nicht für jeden Menschen gleichsam abläuft und daher nicht verallgemeinerbar ist. Auch die Film- rezeption an sich ist ein subjektives Erlebnis, da wohl jeder unterschied- liche Interpretationsmuster beim Film-Konsum anwendet. Doch nicht nur hierbei lassen sich Ungleichheiten beobachten, auch im Verlauf der Zeit ändern sich Erzählstrukturen und die Wahrnehmungsschemata der Rezipienten. Auf diese wird deshalb im Folgenden eingegangen.

Erzählweisen und -strukturen

Nicht nur zeitlich gesehen unterscheiden sich Erzählweisen, auch in kul- tureller Hinsicht gesehen gibt es Unterschiede, die eng mit den Reaktio- nen des Publikums einhergehen. Durch Neuerungen der Möglichkeiten der Darstellung, Veränderungen der Interessen und das Aufkommen neuer Genres und Stile unterliegt das Filmgeschäft, ebenso wie das Phä- nomen der Spannung einem ständigen Wandel. Der Rezipient selbst ent- wickelt wiederum auch eine gewisse Erwartungshaltung an die filmi- sche Gestaltung und die Erzählstruktur. So erwartet er unterbewusst be- stimmte musikalische Untermalung und Effekte, wenn er eine span- nende Szene oder einen spezifischen Handlungsfortgang der Geschichte sieht. Diese Erwartungen passen sich dem Wissen des Rezipienten an. Lernt dieser nun also neue Merkmale, neue Techniken, allgemein gesagt Innovationen kennen, werden seine Erwartungen wiederum diesen an- gepasst, wodurch ein ständiger Wechsel des Spannungsempfindens stattfindet. Die Anpassung dieser bestimmten Erwartungen und das Auftreten verschiedenster Neuerungen bringen darüber hinaus ein Be- dürfnis nach Steigerung mit sich, so dass auch hierbei ein Wandel im Sinne der Intensität der Auslöser stattfindet (vgl. Nieding, Ohler 2002: S.12 ff.). Zusammenfassend lässt sich für die Erzählweise und -struktur nun also festhalten, dass man den Wandel in Darstellungsformen und Auslösenden Momenten von Spannung allgemein feststellen kann.

Wahrnehmungsschemata

Schemata sind bestimmte Wissensstrukturen, die aus verschiedenen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Wissen entstehen und stetig ange- passt und erweitert werden können. So entstehen auf gewisse Reize hin, sei es nur ein einziges Wort oder Bild, ganz individuelle, bei jedem Men- schen andere Assoziationen. Diese Wahrnehmungsschemata führen dazu, dass neue Informationen eingeordnet und fehlende Informationen angenommen werden können. Schemata können von bestimmten Merk- malen in Spannungsepisoden aktiviert werden, beispielsweise werden durch das Einspielen von bestimmter Musik bestimmte Assoziationen beim Zuschauer ausgelöst und dieser so auf die kommende Spannung vorbereitet. Durch diese Aktivierung der Schemata werden Erwartungen des Zuschauers wiederum auf den rezipierten Inhalt gelenkt. Da Sche- mata grundsätzlich automatisch aktiviert werden, funktioniert dieses Prinzip bei bestimmten Genres besonders gut. Zwar sieht jeder Rezipient den gleichen Inhalt und bei jedem wird ein Wahrnehmungsschema akti- viert, da jeder aber ganz individuell andere Assoziationen entwickelt, wirkt sich der rezipierte Inhalt auf jeden Zuschauer anders aus (vgl. Nie- ding, Ohler 2009: S.130 ff.). So mag eine Szene für den einen vor Span- nung kaum auszuhalten sein, während ein anderer auf Grund seines Schemas keine Spannung erlebt.

[...]


1 Beispielhaft können hier die Genres Horror, Krimi oder Thriller genannt werden.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Kann man das Erleben von Spannung bei der Rezeption beobachten?
Untertitel
Eine Methodenevaluation
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
59
Katalognummer
V514962
ISBN (eBook)
9783346116055
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spannung, Rezeption, Rezipient, Empirisch
Arbeit zitieren
Lara Fleischmann (Autor), 2019, Kann man das Erleben von Spannung bei der Rezeption beobachten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514962

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