Argumentationsordnung und narrative Texttypen (Belegerzählung, Beispiel, Illustration)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Hauptteil
I. Belegerzählungen
I.1. Aufbau und Struktur von Erzählungen
I.2. Textanalyse
II. Illustrieren
II.1. Merkmale und Illustrationstypen
II.1.1.Typ A
II.1.2. Typ B
II.1.3. Gemeinsamkeiten
II.2. Textanalyse
II.2.1. Typ A
II.2.2. Typ B
III. Beispiel
III.1. Auftreten und Funktion
III.2. Textanalyse

C. Schluss

Bibliographie

Anhang

„Beim Disputieren ist ein sehr feiner und bitterer Griff, erst die Gründe des Gegners noch viel stärker vorzustellen, als er sie selbst vorzustellen imstande war, und dann alles mit triftigen Gründen aus dem Weg zu räumen.“Lichtenberg

A. Einleitung

Argumentation spielt in unserem alltäglichen Leben eine große Rolle. Ob in Familie, Beziehung oder Beruf, um unsere eigene Meinung, unseren eigenen Standpunkt und oft auch unser Recht zu verteidigen und zu rechtfertigen, müssen wir auf Argumente zurückgreifen, um unseren Gesprächspartner von unserer Sicht der Dinge zu überzeugen. Wer dabei die besseren Argumente hat, kann seinen Standpunkt plausibler darstellen und, wenn dem Gegner die Widerlegung der Argumente nicht mehr gelingt und ihm keine Gegenargumente einfallen, oft das Durchsetzen seiner Ziele erreichen. Argumentieren ist daher auf der einen Seite ein alltäglicher Bestandteil unseres Lebens und andererseits ein wichtiges Instrument für unsere Selbstbestimmung und Durchsetzungsfähigkeit.

Argumentieren spielt allerdings nicht nur im alltäglichen Leben eine maßgebliche Rolle, sondern ist auch in der Wissenschaft von großer Bedeutung. So beschäftigte sich bereits Aristoteles in seiner Rhetorik mit der Kunst des Argumentierens und stellte die Grundlage der heutigen sprachwissenschaftlichen Argumentationsforschung in Form seiner Syllogismen und Topoi dar, die später von Cicero unter dem Terminus loci weiterentwickelt und in neuerer Zeit v.a. durch Toulmin neu strukturiert und geprägt wurden. Galt das Argumentieren bei Aristoteles allerdings in erster Linie politischen Zwecken, so hat sich heute die Bedeutung und die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema ausgeweitet. Argumentieren findet in allen Bereichen des alltäglichen Lebens statt und Wissenschaftler, wie v.a. Kienpointner, haben sich dieses Phänomens angenommen, es untersucht und analysiert.

B. Hauptteil

Im Rahmen einer sprachwissenschaftlichen Arbeit kann man Argumentieren nicht nur in Hinsicht auf seine soziale Komponente untersuchen, sondern muss das Argument auch als sprachliche Äußerung sehen und es daher im Zusammenhang mit der Sprechakttheorie analysieren.

In diesem Kontext kann „Argumentieren“ definiert werden als:

„Argumentieren“ ist ein „komplexer Sprechakt“, bei dem ein oder mehrere Sätze (in der Regel deklarative, d.h. Aussage-Sätze) geäußert werden, um die Wahrheit bzw. Richtigkeit ein oder mehrer Propositionen (=das Argument/die Argumente/Prämissen) zu behaupten, die die Wahrheit bzw. Richtigkeit ein oder mehrerer strittiger Propositionen ( = die Konklusion/die Konklusionen) stützen oder widerlegen soll(en).[1]

Nun ist es im Alltag nicht immer so, dass lediglich strittige Argumente als wahr dargestellt werden sollen. Oft wird Argumentation auch lediglich dazu verwendet, kritischen Stimmen vorzubeugen und die eigene Meinung plausibler und anschaulicher darzustellen. Man kann also sagen, dass Argumentation nicht zwangsläufig in eine Diskussion eingebettet sein muss, sondern ganz allgemein formuliert dazu dient, den eigenen Standpunkt in den Augen der Zuhörer glaubwürdig zu machen.

In den folgenden Beispielen wird es in erster Linie um diesen Typ des Argumentierens gehen.

Im Fokus steht nicht das „Überzeugen-Wollen“ einer Gegenseite von den eigenen oppositorischen Meinungen, sondern vielmehr das Veranschaulichen des Gesagten durch narrative Texttypen. Diese „narrativen Argumente“ wie Belegerzählung, Illustrieren oder Beispiel sollen im Folgenden besprochen und anschließend an einem Beispiel analysiert werden.

I. Belegerzählungen

I.1. Aufbau und Struktur von Erzählungen

Der erste systematische Versuch, die linguistische Struktur von (Alltags-) Erzählungen zu beschreiben, stammt von Labov/Waletzky (1966). Quasthoff (2001) sieht „Erzählen in Gesprächen“ in erster Linie als „mündliches Erzählen in face-to-face-Interaktion“[2] und definiert:

„Erzählen im interaktionstheoretischen Sinne ist eine Form der verbalen Aktivität, die mindestens zwei Teilnehmer gemeinsam und aufeinander zugeschnitten kontextualisiert betreiben, indem sie für sich wechselseitig deutlich die Rollen Erzähler und Zuhörer installieren.“[3]

Dabei konstituiert es Einheiten, die über die Satzebene hinausgehen. Daher unterscheidet Quasthoff eine globale und eine lokale Strukturebene[4]. Die globale Strukturebene umfasst größere Textblöcke bzw. Phasen im Erzählen, die den Aufbau der gesamten Erzählung manifestieren. Dieser Aufbau wird durch die Elemente Orientierung, also Ort, Zeit, Personen, Komplikation (des Handlungsverlaufs), Evaluation, sprich die Markierung der erzählenswerten Qualität des Ereignisses: „Warum erzähle ich dir das?“, Auflösung (des Handlungsknotens), sowie Coda, also die Herstellung der Verbindung zur Erzählzeit, konstituiert; nach heutiger Sicht werden diese Elemente durch Zuhöreraktivitäten und die Möglichkeit mehrerer Sprecher ergänzt.

Zur formalen Markierung der globalen Struktur werden Gliederungssignale wie auf einmal, und dann, naja jedenfalls[5] eingesetzt.

Die lokale Strukturebene ist dagegen mit der Abfolge einzelner angrenzender Äußerungen und deren innerer Struktur gegeben. So sind u.a. die Verwendung des historischen Präsens, Selbstkorrekturen, Partikelverwendung und Linksverlagerung typische Charakteristika der inneren Struktur von Erzählungen. Ein lokales Strukturelement mit „globalem Charakter“[6] stellt die Redewiedergabe, das Zitieren einer anderen Person innerhalb der Erzählung, dar; insoweit, dass die Wiedergabe häufig prosodisch markiert wird. Szenisches Erzählen wird so beispielsweise durch die Verwendung von Dialekt beim Zitieren versus Standardsprache während des Berichtens erreicht. Schon allein dieses Beispiel zeigt, dass lokale Elemente nicht ohne Bezug zu den globalen Strukturen analysiert werden können, da sie in einem komplementären Zusammengang stehen.

Die Organisation von Erzählungen weist oft sequentiellen Charakter auf. So nutzen v.a. Kinder die Paarsequenzregel für Frage und Antwort, um sich das Rederecht für einen längeren Redebeitrag zu sichern. Diese ist notwendig, da es ein weitreichender Eingriff in die Gesprächsorganisation ist – das turn-taking wird für die Dauer des Erzählens quasi ausgeschlossen – und daher der Zuhörer sein Einverständnis geben muss. Sacks (1972)[7] bezeichnet dieses Phänomen als „ticket“, Labov (1972)[8] spricht von s tory preface oder abstract. Es bezeichnet den diskursorganisatorischen Umschlagpunkt der Thematisierung und kündigt die besondere Struktur des nachfolgenden Redebeitrags an, in dem die Möglichkeit zum Sprecherwechsel nur noch bedingt möglich ist. Erzähler- und Zuhörerrollen sind also zu Gesprächsbeginn festgelegt. Man spricht deshalb auch vom „primären Sprecher“[9]:

Kind: Weißte wás

Mutter: m m [verneinend]

Kind: Der Ingolf hat mir in der Schule gegn n Kópf gehaun. –

Mutter (…)

Vater: [Was, warum dás denn?[10]

Der Gesprächsauschnitt zeigt schön das von Sacks beschriebene Phänomen. Mit seiner ersten Frage signalisiert das Kind den Eltern, dass es ihnen etwas erzählen möchte und sichert sich so das Interesse; gleichzeitig ist sie die Einleitung zu seiner Geschichte. Auf die verneinende Antwort der Mutter kann es nun sein Thema etablieren, indem es nicht die ganze Geschichte in allen Einzelheiten erzählt, sondern lediglich das Ergebnis, den Höhepunkt sozusagen, wiedergibt. Dieser zweite Zug des Kindes schließt auf der einen Seite an die verneinende Antwort der Mutter, die ja sozusagen das Erzählen des Ereignisses fordert, an, und ist andererseits so geschickt formuliert, dass der Vater betroffen und interessiert die Aufforderung in Frageform an seinen Sohn richtet, das Geschehene genauer zu beschreiben. Damit hat sich das Kind das Rederecht für die Dauer der zu erzählenden Geschichte gesichert.

Um diese Sicherung aufrechtzuerhalten, muss das Gesagte relevant sein, sprich eine reportability[11] aufweisen. Dafür wird das story preface[12] benutzt, aber auch die Schließung eines Gesprächsbeitrags, der den Bogen zum „Warum erzählst du mir das“, von Jefferson (1978) auch als return home device bezeichnet,[13] schließt.

Relevante Erzählungen dienen beispielsweise der Selbstdarstellung, oder können unter anderem die Funktion erfüllen, zu unterhalten, zu rechtfertigen und zu illustrieren, sprich eine Behauptung oder einen Stereotyp in einer Argumentation zu belegen.

Belegerzählungen spielen daher, ähnlich wie ein Datum für eine These im Sinne Toulmins, eine argumentative Rolle für eine geäußerte Behauptung[14].

I.2. Textanalyse

Im Text 1 im Anhang handelt es sich um eine Belegerzählung zur Stützung einer Behauptung. Ein Ehepaar diskutiert über die Erziehung ihres Kindes. Bei einem abendlichen Termin am selben Tag hatten sie das Kind trotz seiner Bitten in seinem Zimmer eingeschlossen, was in erster Linie auf das Drängen des Vaters geschah. Nun diskutieren die beiden darüber, ob es sinnvoll ist, das Kind einzuschließen, obwohl es verspricht, brav zu sein, zumal es Angst vor dem Wolf hat. Im folgenden Ausschnitt geht es um die Frage, ob man den Kindern rational erklären kann, dass es diese Fabelwesen nicht gibt und sie daher keine Angst vor ihnen zu haben brauchen. In dem Text wird die Meinung der Mutter vertreten und er ist ein Beispiel „für den hohen Realitätsgehalt der Märchen für ein Kind“.[15] Die Belegerzählung beginnt auf S. 30, Z. 7 mit dem Redebeitrag der Mutter, die im Gegensatz zu ihrem Mann die Ansicht vertritt, dass die rationale Erklärung „Es gibt diese Fabelwesen nicht“ den Kindern nicht helfen würde, da ihre Angst dennoch bestehen bleiben würde. Als Beleg gibt sie die Geschichte einer Familie aus dem Bekanntenkreis wider, wo der junge schließlich ne vase durch s fenster schmeißt wegen dem nachtvogel (Z.8f) . Sie beginnt die Belegerzählung mit einem abstract, in dem die Geschichte durch die Namensnennung situiert wird. Gleichzeitig deutet sie mit is genau dasselbe (Z.7f) zum Einen auf den Vergleichscharakter der eigenen Situation mit der zu erzählenden Geschichte hin, andererseits etabliert sie im Sinne der reportability ein relevantes Thema. Anscheinend ist die Geschichte beiden präsent, da kein langer Vorlauf gestartet wird, sondern direkt in media res der Höhepunkt und damit das für die Argumentation wichtige Element genannt wird (Z.8f). Das abstract dient gleichzeitig bereits als Beleg für ihre Argumentation, dass für die Kinder Fabelwesen existent sind. Diese wird im Anschluss nun genauer dargelegt, indem sie auf das Vorhergesagte zurückgreift und eine Parallele zu ihrem Fall zieht: und die eltern haben immer gesagt da is kein nachtvogel, es gibt keinen nachtvogel (Z.10f). Auf der einen Seite ist dies allgemein gesehen ein Beispiel zur Untermauerung ihrer These, dass die Kinder, obgleich die Eltern ihnen auf rationaler Ebene erklären, es gäbe keine Märchenwesen, dennoch daran glauben. Und andererseits stellt es für sie im konkreten Fall das Argument innerhalb der Diskussion mit ihrem Mann dar, dass sein Vorgehen der rationalen Erklärung schon bei anderen Familien gescheitert ist. Obwohl eigentlich alle Fakten der Geschichte schon genannt sind, oder zumindest aus dem Kontext erschlossen werden können, holt sie nun noch einmal aus und erzählt die Geschichte von Anfang an, wohl, um mehr Überzeugungskraft zu gewinnen. Sprach sie im abstract nur davon, der Junge habe wegen dem Nachtvogel die Vase aus dem Fenster geworfen, so expliziert sie hier ihre Aussage und spricht davon, der Junge habe Angst (Z. 12) vor ihm gehabt. Diese Aussage steht völlig neutral ohne argumentative Konnektoren mehr oder weniger aus dem Satzgefüge losgelöst, obgleich sie implizit konsekutiven Charakter aufweist: denn obwohl die Eltern ihm gesagt haben, es gebe den Nachtvogel nicht, hat er dennoch Angst. Wahrscheinlich lässt sich dies im Zusammenhang mit dem relativ parallelen und knappen parataktischen Satzbau erklären, den die Erzählung bis jetzt auszeichnet: da ist kein nachtvogel, es gibt kein nachtvogel, und sind abends wieder weggegangen, er hat angst gehabt vor dem nachtvogel (Z.10-13). Auch die Tatsache, dass der Nachtvogel nicht durch ein Pronomen ersetzt wird, unterstreicht auf der einen Seite diese Vermutung und stellt auf der anderen Seite die Relevanz des Märchenwesens für die Belegerzählung dar. Das nun folgende da (Z.13) leitet die Klimax der Erzählung ein und trägt gleichzeitig in Verbindung mit mal (Z.13) erzählerischen Charakter, der einhergeht mit einem Wechsel zu hypotaktischem Satzbau und Rhematisierung: da sind sie mal die eltern (Z.13).

Die Schilderung der Begebenheit endet in Z. 15f in eine Interpretation der Gedanken des Kindes: und da war für das kind klar, da is der nachtvogel. Objektiv betrachtet könnte man hier argumentativ eingreifen und widerlegen, dass das Kind auch aus anderen Gründen, beispielsweise aus Angst vor einem Einbrecher, hätte handeln können. Dies geschieht an dieser Stelle nicht, sondern die Mutter setzt ihre Erzählung fort, bis sie in Z. 22 kritisch mit einer rhetorischen Frage und deren Beantwortung von ihrem Ehemann unterbrochen wird, der erstmals in die Argumentation eingreift, da die Geschichte beendet ist[16]. Er versucht das Thema, bzw. die Relevanz der Erzählung auf das Verhalten der Eltern zu lenken und sieht sie nicht als Beleg für das strittige Thema, ob Kindern nun rational die Angst vor Fabelwesen genommen werden kann, oder nicht. Seine Frau reagiert prompt, indem sie die rhetorische Frage wieder aufgreift: das sagt aus (Z.25) und wieder in ihre Argumentation einbettet, sich also nicht vom Thema abbringen lässt: is die Tatsache, dass man den Kindern sagt [..] es gibt des nicht, dass des nichts nützt, sondern es gibt für des kind nach wie vor des. (Z. 27ff). Damit fasst sie noch einmal die Intention und Argumentation ihrer Erzählung zusammen und bildet damit eigentlich den Schlusspunkt ihrer Argumentation im Sinne Jeffersons return home device. Sie hat mit einem Beispiel belegt, dass die Vorstellung ihres Mannes, man könne den Kindern rational erklären, dass es diese Wesen nicht gibt, nicht funktioniert, da das Beispiel zeigt, dass die Angst bei den Kindern bliebe. Da man davon ausgeht, dass ein Argument mit einem einzigen Beispiel belegt wird, so ist es in diesem Fall merkwürdig, dass der Mann sich nicht von dem Argument überzeugen lässt und widerspricht: nein nein na das is natürlich deine Interpretation (Z.31f). Da sich das Thema hierauf wieder verschiebt und die Frau nicht mehr auf ihre Belegerzählung eingeht, bleibt im Dunkeln, ob der Mann dies auf die Interpretation innerhalb der Belegerzählung bezogen hat, beispielsweise auf die Interpretation der Frau, der Junge habe aus Angst vor dem Nachtvogel, und nicht etwa aus Angst vor Einbrechern gehandelt, oder aber die Geschichte an sich als Beleg für die Argumentation als unangebracht sieht und sie anzweifelt.

Festzuhalten bleibt, dass die Frau ihre Argumentation auf die Erzählung stützt und sie sozusagen als datum im Sinne Toulmins verwendet:

Bei NN ist es passiert, dass der Junge trotz rationeller Erklärungen noch Angst vor Fabelwesen hatte (D), Kinder haben trotz rationeller Erklärung noch Angst vor Fabelwesen (K), Wenn ein Junge Angst vor Fabelwesen hat, obwohl im rationell erklärt worden ist, dass es diese nicht gibt, dann ist das auch bei anderen Kindern so (SR).

Man kann hier sehen, dass dem ganzen Argumentationsschema ein Vergleichstopos zugrunde liegt: wenn es für ein Beispiel aus der sozialen Kategorie Kind so ist, dann ist es auch für alle anderen Mitglieder dieser Kategorie so. Dass sich hinter dieser Gleichsetzung Probleme verbergen, ist offensichtlich, da Kinder Individuen sind und in keinem Fall gleichgesetzt werden können. Insofern wäre hier ein Ansatzpunkt zur Kritik in der Diskussion und der Argumentation der Frau.

Innerhalb der Belegerzählungen ist es schwierig, Topoi zu identifizieren, da die Belegerzählung an sich ja bereits eine Art Beispiel-, bzw. Vergleichstopos ist. Man kann aber deutlich sehen, wie die Belegerzählung an sich, obgleich jegliche argumentative Strukturen oder Signalwörter wie beispielsweise daher, etc. fehlen, dennoch argumentative Kraft entwickelt, indem sie als erlebtes und damit unbestreitbares Ereignis als ein Beispiel für die These dienen und daher die These an sich so lange als Wahrheit angesehen werden kann, bis sie durch ein weiteres Beispiel oder die Anzweiflung der Adäquatheit als Beleg widerlegt wird. Man kann hier deutlich sehen, dass eine einzige, als wahr identifizierte Erzählung, eine These bilden und verifizieren kann und damit argumentative Kraft enthält.

II. Illustrieren

II.1. Merkmale und Illustrationstypen

Auf den ersten Blick mit der Belegerzählung identisch scheinen Illustrationen. So stellen beide ein singuläres Ereignis dar und stützen eine allgemeine Aussage oder These mit einem konkreten Beispiel. Dass es zwischen den beiden narrativen Texttypen dennoch einige Unterschiede gibt, obwohl die Begriffe in der Forschung oft parallel verwendet werden und allem Anschein nach schwer abgrenzbar sind[17], zeigt Schwitalla (1991). So dienen Illustrationen der „Veranschaulichung und der Verstehbarkeit“[18], während Belegerzählungen „textlich eine argumentative Rolle für eine geäußerte These, ähnlich wie ein Datum im Sinne Toulmins“[19] spielen. Dagegen will jemand, der illustriert, nicht überzeugen, sondern geht davon aus, dass der Zuhörer „aus eigener Erfahrung sich etwas vorstellen kann, was abstrakt als kognitiver Inhalt ins Gespräch eingeführt wurde“[20].

Illustrieren nennt man also die Veranschaulichung eines allgemeinen Sachverhalts durch die Wiedergabe einer in sich geschlossenen Handlungsszene.

Von Alltagserzählungen, die meist sozialen Zwecken oder der Imagepflege dienen und oft nicht logisch-gesprächsorganisatorisch motiviert sind, sondern spontan von Thema zu Thema wechseln, unterscheiden sich Illustrationen durch ihre textliche Funktion des Veranschaulichens. Da das Thema daher bereits etabliert ist, können Illustrationen auch auf einen abstract verzichten .

Sie können allerdings dennoch tatsächlich erlebte Ereignisse sein, sind dann aber nicht nur einfach „erzählt“, sondern erfüllen im Textzusammenhang eine bestimmte Funktion, nämlich die, einen gegebenen Sachverhalt zu illustrieren.

Dabei kann narratives Illustrieren in zweierlei Weise auftreten. Entweder illustriert man das Allgemeine an einem wiederkehrenden Ereignis (Typ A), oder aber an einem singulären Ereignis (Typ B).

II.1.1.Typ A

Die Illustration des Typs A wird durch ein Gliederungssignal vom vorher Gesagten abgesetzt; es fehlt aber eine inhaltliche oder metakommunikative Ankündigung wie bei Alltagserzählungen. Außerdem werden die Akteure nicht individuell, sondern durch Rollenbezeichnungen, Stereotype oder soziale Kategorien eingeführt. Allgemein bleibt die Darstellung im Allgemeinen, d.h., es fehlen genaue Orts- und Zeitangaben für die Beschreibung einer bestimmten Situation, es gibt sehr wenige Detailschilderungen. Auf syntaktischer Ebene charakterisiert sich der Typ A durch einen oft parallelen knappen Satzbau. Der Erzählung fehlt, und das ist ein weiterer Unterschied zur Alltagserzählung, ein Spannungsbogen, oft handelt es sich um sehr kurze Texteinheiten, manchmal sogar nur um Zitate. Das Tempus ist im Normalfall Präsens, da es eine alle Zeitstufen übergreifende Allgemeingültigkeit ausdrückt.

Man kann also sehen, dass der Fokus der Illustration nicht auf dem Erzählen an sich liegt, wie es beispielsweise bei einer Alltagserzählung der Fall wäre, sondern ökonomisch knapp geschildert eine veranschaulichende Funktion erfüllt.

Das Beispielhafte des Beitrags wird dabei häufig durch die Verwendung von Heckenausdrücken (was weiß ich) und etc.-Formeln (oder was) ausgedrückt[21].

Die Illustration des Typs A endet mit einem Zitat in direkter Rede, das gleichzeitig Höhepunkt der Schilderung ist und wird von einem Kommentar, der oft eine implizite Wertung ist, komplementiert.

II.1.2. Typ B

Im Gegensatz zum Typ A wird bei singulären Ereignissen wenigstens ein Akteur, häufig der Sprecher mit definitiver Deixis, sprich ich, eingeführt. Außerdem ist die Schilderung insgesamt expliziter, was sich konkret in der genaueren Bestimmung der Ereigniszeit, der Verwendung von Vergangenheitstempora und fehlenden Vagheitsindikatoren niederschlägt.

Die Unterschiede kommen daher, dass der Sprecher von einem selbsterlebten und einmaligen Vorfall spricht. Während Typ A also auf einem standardisierten Ereignistyp beruht, der das Ergebnis einer gedanklichen Verallgemeinerung ist, wird im Illustrationstyp B exemplarisch ein Sachverhalt veranschaulicht, der sich tatsächlich ereignet hat.

Illustrieren mit einem wiederkehrenden Beispiel ist daher abstrakter, wohingegen ein Einzelfallbeispiel mehr Authentizität aufweist, da der Sprecher selbst sich als Zeuge der Begebenheit darstellt. Deshalb kann mit Typ (B) mehr Plausibilität und Konkretion erreichen werden, während Typ A eine Intensivierung des Gesagten bewirkt.

II.1.3. Gemeinsamkeiten

Trotz dieser Unterschiede weisen beide Typen auch Gemeinsamkeiten auf. So stehen die Szenen zum Einen jeweils beispielhaft für eine abstraktere Aussage oder These, zum Anderen wird der Handlungsverlauf gerafft und zielstrebig auf den Konflikthöhepunkt hingelenkt und endet schließlich häufig mit einem wörtlichen Zitat und einem wertenden Kommentar des Sprechers. Gerade auch wegen dieser Gemeinsamkeiten kann man häufig zwischen den beiden Form nicht klar unterscheiden, da es Übergänge und Verwischungen zwischen den beiden Typen gibt.

II.2. Textanalyse

II.2.1. Typ A

Im Textbeispiel 2 im Anhang geht es um die drei Jugendlichen Martina, Claudia und Stefan, die die These vertreten, dass alle Erwachsenen des Stadtteils „jugendfeindlich“ seien. Stefans Aussage „hier is alles jugendfeindlich. vun de hausmäschder angefange.“ wird von Martina und Claudia illustriert.[22]

[...]


[1] Vgl. Van Eemeren/Grootendorst 1984, S. 39ff.; Van Eemeren/Grootendorst/Kruiger 1984, S. 8 ff. Zit. in: Kienpointner, Manfred 1992, S. 15

[2] vgl. Quasthoff, 2001, S.1293

[3] vgl. Quasthoff, 2001, S. 1300

[4] vgl. Quasthoff, 2001, S.1293.

[5] vgl. Quasthoff, S. 1294

[6] vgl. ebd.

[7] zit. in: Quasthoff 2001, S. 1297

[8] vgl. ebd.

[9] vgl. a.a.O., S. 1300

[10] vgl. ebd.

[11] ebd.

[12] a.a.O. S.1298

[13] zit. in: ebd.

[14] vgl. Schwitalla, 1991, S.201

[15] vgl. Texte gesprochener deutscher Standardsprache III, S. 25

[16] siehe dazu S. 3f in dieser Arbeit

[17] vgl. das Beispiel einer „Belegerzählung“ unter http://fips.igl.uni-freiburg.de/peter/mod.php?mod= userpage&menu=3401&page_id=27 Powerpointpräsentation: VL 12-Sprachliche Interaktion

[18] vgl. Schwitalla 1991, S. 200

[19] ebd.

[20] a.a.O., S. 201

[21] a.a.O., S. 192

[22] vgl. Schwitalla 1991, S. 191

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Argumentationsordnung und narrative Texttypen (Belegerzählung, Beispiel, Illustration)
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für deutsche Sprache und Literatur - Fachbereich Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Argumentieren im Alltag
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V51915
ISBN (eBook)
9783638477499
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
bitte für 9,90 Euro anbieten
Schlagworte
Argumentationsordnung, Texttypen, Beispiel, Illustration), Argumentieren, Alltag
Arbeit zitieren
MA Katrin Denise Hee (Autor), 2005, Argumentationsordnung und narrative Texttypen (Belegerzählung, Beispiel, Illustration), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51915

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