Die Mundgesundheit schizophren Erkrankter als Herausforderung für psychiatrisch Pflegende


Hausarbeit, 2019

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Problematik

Fragestellungen

Methodik
Suchstrategie
Ein- und Ausschlusskriterien
Analysekriterien

Ergebnisse
Bedürfnisse und Hemmnisse seitens der Klientel
Assessmentinstrumente
Denkbare Interventionen

Diskussion

Limitationen

Schlussfolgerungen und Empfehlungen

Anhang

Quellen

Tabellen-/ Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Grafische Darstellung der Literaturrecherche (angelehnt an: The PRISMA Group, 2009 )

Tab. 1: Ein- und Ausschlusskriterien bei der Literaturauswahl

Zusammenfassung

HINTERGRUND Die Mund- und Zahngesundheit von Schizophreniepatient*innen ist häufig reduziert. Seitens der Patient*innen bestehen regelhaft keine körperlichen Einschränkungen, die es ihnen unmöglich machen würden, die entsprechende Pflege selbst durchzuführen. In der Folge findet dieser Sachverhalt bislang in der psychiatrischen Pflege kaum Berücksichtigung.

ZIELSETZUNG Die vorliegende Literaturarbeit beschäftigt sich mit den mundgesundheitlichen Bedürfnissen schizophren Erkrankter sowie denkbaren Hürden bei der Umsetzung geeigneter Pflege- und Vorsorgemaßnahmen. Weiters waren potenziell einsetzbare Assessmentinstrumente zur Erfassung ebendieser Bedürfnisse sowie zielgruppengerechte pflegerische Interventionen Gegenstand der Recherche.

METHODIK Es erfolgte eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken CINAHL und LIVIVO. Für die Fragestellungen relevante Studien wurden nach den Qualitätskriterien des Methodenpapiers »Fit-Nursing Care« kritisch analysiert.

ERGEBNISSE Es konnten insgesamt sieben Studien zur Beantwortung der Fragestellungen herangezogen werden. Weitere Studien wurden zur Illustration der Problematik genutzt. Es wurde zunächst deutlich, dass schizophren Erkrankte aus unterschiedlichen Gründen der Mundhygiene nicht die erforderliche Aufmerksamkeit zukommen lassen. Der psychiatrischen Pflege stehen zur Erhebung dieser Gründe potenziell anwendbare Erhebungsinstrumente sowie grundsätzlich durchführbare Interventionen zur Verfügung. Der Praxisnutzen ist jedoch noch nicht hinreichend erforscht.

SCHLUSSFOLGERUNGEN Es konnte eine Forschungslücke hinsichtlich Entwicklung, Implementation und Evaluation von Assessmentinstrumenten identifiziert werden. Darüberhinaus liegt keine Evidenz für die Wirksamkeit von pflegerischen Interventionen vor.

Problematik

Bei der Schizophrenie handelt es sich um eine schwere psychiatrische Erkrankung, von der etwa 1 % der Bevölkerung betroffen ist. Zu den Leitsymptomen, die in unterschiedlicher Intensität auftreten können, zählen Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Bewegungsstörungen. Diese werden als »Positivsymptome« bezeichnet und sind eher dem akuten Krankheitsgeschehen zugeordnet. Chronische Krankheitsverläufe sind häufig von einem Überwiegen der »Negativsymptome« wie sozialem Rückzug, kognitiven Einschränkungen, Antriebslosigkeit sowie einer daraus resultierenden Vernachlässigung der Selbstpflege gekennzeichnet (Goreishizadeh, Mohagheghi, Farhang & Alizadeh, 2012; Denis et al., 2016). An Schizophrenie Erkrankte neigen überdies zu gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen wie Alkohol-/ Drogenkonsum, Rauchen und einer unregelmäßigen, kohlenhydratreichen Ernährung. Betroffene konsumieren insbesondere Alkohol und Nikotin häufig aufgrund einer vermuteten sedierenden Wirkung, so dass hier durchaus ein Versuch der Selbstmedikation angenommen werden kann (Hagemeyer, 2009; Roberto da Silva et al. 2016). Weiters wird die physische Gesundheit betroffener Personen auch von einem meist geringen sozioökonomischen Status sowie einem fehlenden Bewusstsein für gesundheitliche Belange beeinflusst (Goreishizadeh et al., 2012; Hagemeyer, 2009). Häufig auftretende internistische Komorbiditäten sind Herz-Kreislauferkrankungen, COPD, Bronchialtumore sowie Adipositas und Diabetes. In der Folge ist die Lebenserwartung schizophrener Personen vermindert (Velasco-Ortega et al., 2017). Nichtsdestotrotz fokussiert die psychiatrische Versorgungslandschaft unverändert die geistige vor der körperlichen Gesundheit. Es bestehen seitens psychiatrisch Pflegender deutliche Lücken hinsichtlich Erhebung, Beobachtung und Versorgung der körperlichen Gesundheit, so dass diese letztlich sogar häufig völlig ausgeblendet wird (Gröning, Feldmann, Bergenthal, Lebeda & Yardley, 2016).

Weiterhin können zahlreiche Studien belegen, dass neben den bereits genannten Begleiterkrankungen insbesondere die Mundgesundheit schizophrener Patient*innen meist deutlich reduziert ist. Schizophrene haben demnach im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung häufiger kariöse Zähne. Auch treten Zahnfleischprobleme (wie Parodontitis, Blutungen, Schmerzen) und Zahnverlust häufiger auf (Eltas, Kartalci, Eltas, Dündar & Uslu, 2013; Nielsen, Munk-J0rgensen, Skadhede & Correll, 2011). Als denkbare Ursachen hierfür werden eine mangelnde Mundhygiene, fehlendes Verständnis für die Notwendigkeit präventiver Zahnarztbesuche, die bereits geschilderten gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen sowie Nebenwirkungen der psychiatrischen Medikation vermutet (Eltas et al., 2013; Velasco-Ortega et al., 2017).

Trotz der großen Bedeutung, die der Mundgesundheit in Bezug auf Nahrungsaufnahme, Sprache, äußeres Erscheinungsbild und auch gesellschaftliche Akzeptanz zukommt, handelt es sich hierbei um ein im Kontext der psychiatrischen Pflege bislang kaum beachtetes Phänomen (Abd. Rahman, Yusoff, Daud, Salleh & Dak, 2013). Ferner sind die tatsächlichen Bedürfnisse von an Schizophrenie erkrankten Personen nahezu gänzlich unbekannt. Zusätzlich verfügt die psychiatrische Pflege bislang weder über anwendbare Assessmentinstrumente, die die Sichtweise der Patient*innen (nebst denkbarer Barrieren) mitberücksichtigen noch über in den verschiedenen Behandlungssettings erprobte und bewährte Maßnahmen (Abd. Rahman et al., 2013; Edward, Felstead & Mahoney, 2012).

Fragestellungen

Da die Mundgesundheit schizophrener Patient*innen bislang kaum im Bewusstsein psychiatrisch Pflegender ist, zielt die vorliegende Übersichtsarbeit auf Durchsicht und Analyse der vorhandenen Literatur zur Beantwortung der nachfolgenden Fragestellungen ab:

- Welche Bedürfnisse haben an Schizophrenie Erkrankte hinsichtlich der Mundgesundheit und welche Hemmnisse stehen einer Befriedigung dieser Bedürfnisse im Wege?
- Wie kann die Mundgesundheit Betroffener unter Berücksichtigung dieser Bedürfnisse von psychiatrisch Pflegenden erfasst werden?
- Welche (pflegerischen) Interventionen können zur Beeinflussung der Mundgesundheit Schizophrener gezielt Anwendung finden?

Methodik

Die Untersuchung der Fragestellungen erfolgte mittels systematischer Literaturrecherche und -analyse.

Suchstrategie

Zwischen Dezember 2018 und März 2019 erfolgte eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken CINAHL und LIVIVO. Hierbei wurden Begriffe, die das Krankheitsbild der »Schizophrenie« (schizophrenia, psychosis, positive symptoms, negative symptoms, mental illness) beschreiben, mit solchen, die »Mundgesundheit und -pflege« (dental care, dental health, dental hygiene, mouth care, oral care, oral health, oral hygiene) sowie »(psychiatrische) Pflege« ([psychiatric] nurse, nursing, nurs*) abdecken, verknüpft. Zur Eingrenzung der erzielten Treffer wurde als Boolescher Operator ausschließlich AND genutzt. Besonders ertragreich zeigte sich die Kombination »mental illness« AND »oral health«, die in CINAHL 54 Treffer erzielte.

Erfolglos blieben hingegen weitere Suchen mit Begriffen zum Themengebiet »pflegerische Maßnahmen« (intervention, assessment, education) oder zu »Bedürfnisse/ Bedarf« (need, desideratum, requirement).

Nach einer ersten Sichtung der auf diese Weise gefundenen Literatur konnten nach dem Schneeballsystem weitere Veröffentlichungen zur Beantwortung der Fragestellungen herangezogen werden. Diese wurden über die elektronische Zeitschriftenbibliothek der Ernst-Abbe-Hochschule Jena beschafft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Grafische Darstellung der Literaturrecherche (angelehnt an: The PRISMA Group, 2009)

Ein- und Ausschlusskriterien

Es wurden ausschließlich Studien und Fachartikel gesichtet, die in deutscher oder englischer Sprache verfügbar waren. Der Veröffentlichungszeitraum wurde auf die vergangenen zehn Jahre (2009 bis 2019) begrenzt, Publikationen ohne Abstract wurden nicht berücksichtigt. Ferner wurden Publikationen aus dem Fachbereich der Gerontopsychiatrie, die sich mit der kompletten Übernahme der Mundpflege durch professionell Pflegende beschäftigen, ausgeschlossen. Zusätzlich wurden Studien nicht in die Literaturübersicht einbezogen, die sich mit der allgemeinen physischen Gesundheit älterer, schizophrener Patient*innen befassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Ein- und Ausschlusskriterien bei der Literaturauswahl

Auf diese Weise konnte rasch festgestellt werden, dass die derzeitige Studienlage die pflegerische Perspektive und mögliche Maßnahmen kaum berücksichtigt. Trotz der äußerst knappen Datenlage wurden im Verlauf auch Studien aus Ländern wie Japan und Malaysia, in denen die psychiatrische Versorgungslandschaft (z.B. keine gemeindenahe Behandlung) von der in westlichen Ländern stark abweicht, zur Beantwortung der Fragestellung ausgeschlossen.

Analysekriterien

Zur Beantwortung der Fragestellungen wurden sowohl quantitative als auch qualitative Studien herangezogen. Zur kritischen Analyse wurde der Methodik zur Bewertung von Studien und den Qualitätskriterien des Methodenpapiers »FIT-Nursing Care« (Panfil & Ivanovic, 2011) für das jeweilige Studiendesign gefolgt.

Eine tabellarische Kurzzusammenfassung der einzelnen Bewertungen kann dem Anhang entnommen werden.

Ergebnisse

Den Fragestellungen entsprechend werden die Ergebnisse zunächst dreigeteilt (nach Bedürfnissen und Hemmnissen schizophrener Patient*innen hinsichtlich der Mundgesundheit, verfügbaren Assessmentinstrumenten sowie denkbaren Interventionen) präsentiert.

Bedürfnisse und Hemmnisse seitens der Klientel

Zu den Bedürfnissen und Hemmnissen seitens der Klientel konnten zwei phänomenologische Studien gefunden werden, quantitative Erhebungen scheinen gänzlich zu fehlen.

In einer niederländischen Studie (Kuipers, Castelein, Malda, Kronenberg & Boonstra, 2018) wurden subjektives Erleben und individuelle Bedürfnisse hinsichtlich der Mundgesundheit nach einem ersten psychotischen Schub untersucht. Die mit 30 Betroffenen geführten Leitfadeninterviews wurden von den Forschenden nach der Colaizzi-Methode in sieben Schritten analysiert. Diese Methodik ist in der Veröffentlichung nachvollziehbar erörtert. Abschließend wurden die Ergebnisse im Dialog mit den Teilnehmenden kommunikativ validiert. Soziodemografische Merkmale sowie die derzeitige Medikation der Proband*innen gehen aus dem Studienartikel hervor. Einschränkend ist dennoch anzumerken, dass offenbar weder der aktuelle Status von Mund- und Zahngesundheit durch Angehörige von Gesundheitsfachberufen erhoben wurde noch auf den entsprechenden Zustand vor dem ersten psychotischen Schub eingegangen wird. Überdies wurden lediglich Patient*innen einer einzigen Klinik in den nördlichen Niederlanden befragt.

Innerhalb dieser Studie wurde zunächst festgestellt, dass etwa ein Viertel der Proband*innen die Mund- und Zahnpflege nur sehr unregelmäßig durchführte. Alle Teilnehmenden räumten der Mundgesundheit im Krankheitsgeschehen keine hohe Priorität ein und beschrieben diesbezüglich eine mangelnde Aufmerksamkeit. Darüber hinaus berichteten alle von kognitiven Einschränkungen und fehlender Motivation zur Selbstpflege. Unter den Teilnehmenden waren gesundheitsschädigende Verhaltensweisen wie Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum sowie ungesunde Ernährung (hier insbesondere der Verzehr zuckerhaltiger Getränke) sehr verbreitet. Ein Zusammenhang zwischen dem Konsum und der Mundgesundheit wurde von den Teilnehmenden jedoch nicht erkannt. Gesundheitliche Einschränkungen wurden in Gänze den Nebenwirkungen der psychiatrischen Medikation zugeschrieben. Die Forschenden leiten aus diesen Wissensdefiziten einen erhöhten Informationsbedarf ab.

Die Proband*innen gaben zwar weder schlechte Erfahrungen noch bestehende Ängste an, dennoch erfolgten keine präventiven zahnärztlichen Kontrollbesuche. Als Gründe hierfür wurden sowohl Überforderung mit der Organisation und Schwierigkeiten bei der Einhaltung von vereinbarten Terminen als auch die Sorge um kostenintensive Zuzahlungen1 angeführt. Als klares Bedürfnis hinsichtlich der Mundgesundheit konnte seitens der Teilnehmenden der Wunsch nach tagesstrukturierenden Maßnahmen (durch Familie oder Pflegende) festgestellt werden. Von diesen Maßnahmen versprechen sie sich beispielsweise das Wiedererlernen täglich wiederkehrender Routinen (z.B. zweimal täglich Zähneputzen) und die Einhaltung von getroffenen Vereinbarungen (z.B. Einhalten von Terminen). Diese Unterstützung sollte nach Meinung der befragten Personen unbedingt auf freiwilliger Basis geschehen, da ansonsten rasch Widerstände erzeugt würden.

[...]


1 Dieser Umstand ist durchaus auf das deutsche Gesundheitssystem übertragbar. So haben Versicherte z. B. nach § 55 SGB V für Zahnersatz Zuzahlungen zu leisten.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Mundgesundheit schizophren Erkrankter als Herausforderung für psychiatrisch Pflegende
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V520724
ISBN (eBook)
9783346113207
ISBN (Buch)
9783346113214
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mundgesundheit, Schizophrenie
Arbeit zitieren
Stephan Bartholomes (Autor), 2019, Die Mundgesundheit schizophren Erkrankter als Herausforderung für psychiatrisch Pflegende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520724

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