Die "Morgenbesuche im Ankleidezimmer einer alten Römerin"

Carl August Böttigers altertumskundliche Beiträge im "Journal des Luxus und der Moden" vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Antikenrezeption und -debatte


Akademische Arbeit, 2020
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Worte

2. Von der » Querelle des anciens et des modernes< zur Antikenrezeption der Klassik: Der geistesgeschichtliche Kontext hinter Bottigers Wirken
2.1 Die »Querelle des anciens et des modernes< und deren Aufnahme in die 4 Griechen-Romer-Antithese
2.2 Das antike Ideal der Klassik und die Griechen-Romer-Antithese 6
2.3 J ohann Joachim Winkelmanns Transferleistung fur die deutschsprachige »Querelle des anciens et des modernes< und die »Griechen-Romer-Antithese< im 18. Jahrhundert 8

3. Carl August Bottiger im gelehrten Weimar und seine Tatigkeit fur das JLM 10

4. Die »Morgenbesuche« im JLM
4.1. Dekadenz, Prunksucht und Sklaverei- Der sittliche Verfall der romischen Gesellschaft in den Darstellungen 12
4.2 Frivolitaten und Unsittlichkeit- Der Vorwurf an Bottigers Darstellungsweisen

5. Carl August Bottiger in der Winckelmannschen Denkschule- Zwischen Zweifel und Kontinuum 18

6. Schlussbemerkungen

Literatur-und Quellenverzeichnis

1. Einleitende Worte

Das Journal des Luxus und der Moden, das 1786 von Friedrich Justin Bertuch in Kooperation mit Georg Melchior Kraus als Journal der Moden gegrundet wurde, galt langere Zeit als ein Medium, dass sich oberflachlichen Themen des Luxus und Wohlbefindens gehobener gesellschaftlicher Schichten widmete und uberdies von intellektuell geringerem Anspruch sei, wenn man an die allgemein bekannten, gelehrten Blatter der Zeit, wie Christoph Martin Wielands »Teutschen Merkur« oder die von Schiller, Goethe und Herder etablierten Debattenmagazine der Zeit denke.

In jungerer Zeit ruckte das JLM ( so die offizielle und auch in der vorliegenden Arbeit verwandte Abkurzung) in den naheren Fokus wissenschaftlicher Betrachtung, die ihm einen nicht unbedeutenden Wert als kulturgeschichtliche Quelle beimisst.

Die vielfaltige und keineswegs einseitige thematische Ausrichtung, die neben Fragen der Geschmacks-und Stilbildung auch verschiedenste Beitrage zu einem groBen inhaltlichen Spektrum lieferte, kann sowohl in Hinblick auf die Beitrage als auch auf die Beitrager als eine historische Quelle betrachtet werden, die insbesondere die Debattenkultur der Zeit einfangt und sie an ganz konkreten Beispielen sichtbar werden lasst. In besonderem MaBe nachzeichnen lasst sich solch ein Diskurs anhand der Antikenrezeption, die sich explizit in den Darstellungen der romischen und griechischen Antike zeigt. Diese sind kontextuell eingebettet in die, von Johann Joachim Winkelmanns Schriften beeinflusste Debatte uber die Vormachtstellung der griechischen Kultur gegenuber der romischen und den zugleich zunehmenden wissenschaftlichen Kenntnissen uber das Altertum, die zu einer sichtbaren Ausdifferenzierung der verschiedenen „Antiken“ fuhrte. Wahrend zuvor die Antike als ein Konglomerat der »Alten« gegenuber den » Modernen« der Zeit verstanden wurde, konnte die aufkommende Altertumswissenschaft nun peu a peu aufzeigen, das Griechen, Romer, Etrusker und Agypter unterschiedlichste Kulturen auszupragen im Stande waren. In der Aufklarung beginnend, setzte sich auch die Klassik mit Winckelmanns Ideen auseinander, reflektierte und rezipierte sie intensiv.

Das Journal des Luxus und der Moden konnte- dank renommierter Beitrager- ein recht interessantes Angebot an Artikeln veroffentlichen, die sich der Antike in verschiedenen Formen widmeten. Hierzu zahlen Anekdoten, Zitate, Rezensionen, Bildunterschriften, Verweise und Kommentare1. Die vorliegende Arbeit wird nicht die Bandbreite antiker Rezeption im JLM ausmachen konnen, sondern sich den Beobachtungen eines der wohl wichtigsten Beitrager altertumskundlicher Themen widmen: Carl August Bottiger (1760-1835) . Der Archaologe, Schriftsteller, Publizist und Padagoge sowie spatere Leiter der Dresdener Antikensammlung2 3 — selbst in die Winckelmannschen Vorstellungen hineingewachsen, bei denen die »Geringschatzung der hellenistischen und der gesamten romischen Kunstrh hervortrat— ist u.a. fur sein schriftstellerisches Werk bekannt und veroffentlichte in renommierten oder —zumindest— popularen Blattern der Zeit, so in Christoph Martin Wielands »Teutschem Merkur«, der »Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung«, die publizistische Antwort Goethes und Voigts auf die Standortverlegung der »Allgemeinen Literaturzeitung« nach Halle4, und Friedrich Justin Bertuchs »Journal des Luxus und der Moden«. In letztgenannter Zeitschrift veroffentlichte er ab 1792 eine Vielzahl altertumskundlicher Beitrage, die neben einem groBen Unterhaltungswert auch informative Quelle fur ein antikenaffines Publikum sein sollten.

Seine Artikel bilden die umfangreichsten Informationsquellen bzw. Beispiele der Antikenrezeption im v.a. 18. Jahrhundert. Insbesondere seine » Morgenbesuche im Ankleidezimmer einer alten Romerin« sind popular geworden und sollten den Alltag einer reichen romischen Matrona, in diesem Fall Sabina, anschaulich illustrieren.

Die » Morgenbesuche« werden auch Kern der vorliegenden Auseinandersetzung sein, da sie die wichtigen Einflussfaktoren der zeitgenossischen Antikendiskussion durchaus anschaulich machen konnen und darauf verweisen, wie die romische und griechische Antike gesehen und reflektiert wurde und zwar bis hinein in ein augenscheinlich oberflachliches Metier- das der Modezeitung. Es ist daher unabkommlich eine Kontexteinbettung vorzunehmen, um die Debatte der Zeit und ihre Hintergrunde einzufangen. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen konnen die Beobachtungen, die ich anhand der digitalisierten Originalquellen gemacht habe, nicht recht eingeordnet und verstanden werden. Der Exkurs wird sich auf die generelle Antikenrezeption in der Klassik, der antithetischen Ausrichtung der Debatte um die kulturelle Uberlegenheit der Griechen gegenuber den Romern als auch auf den geistesgeschichtlichen Kontext richten, der stark durch die Ideen Johann Joachim Winckelmanns gekennzeichnet ist und auch Bottigers Denken nachhaltig beeinflusst haben. Dieses Denken manifestiert sich in den Beobachtungen seiner Beitrage, weshalb ein Blick in die verschiedenen » Morgenbesuche« Bottigers sehr aufschlussreich sein kann. Moglicherweise lasst sich im Ergebnis der Arbeit nachzeichnen, wie die Debatte der Zeit, allen voran die Griechen- Romer-Antithese, auch in einem Journal wie es das Journal des Luxus und der Moden gewesen ist, erkennbar wird.

2. Von der .Querelle des anciens et des modernes“ zur Antikerezeption der Klassik: Der geistesgeschichtliche Kontext hinter Bottigers Wirken

2.1 Die » Querelle des anciens et des modernes« und deren Aufnahme in die » Gnechen-Romer-Antithese«

Die im 17. Jh. angestoBene Debatte, die » Querelle des anciens et des modernes«, die mittels Johann Joachim Winckelmann auch im deutschsprachigen Raum ihren Nachhall fand5, stellte die Frage nach der Bedeutung der Antike fur die moderne Gegenwart. Im Zentrum dieses Diskurses stand hierbei, inwieweit die Antike als Vorbild fur die Kunst und Literatur der Zeit dienen kann. Eng verbunden mit der Querelle ( die u.a. spater bei Schiller und Schlegel erneut auf fruchtbaren Boden fiel) ist die Griechen-Romer-Antithese, die den Diskurs insofern weiterentwickelte, die Bewertung der Antike nicht allein als Sammelbegriff fur »die Alten« zu sehen, sondern eine Einzelbewertung der »Antiken« vorzunehmen, was auch den neuen historischen Erkenntnissen geschuldet war, die im Verlauf des 18. Jahrhunderts gewonnen wurden. Wahrend bislang ein griechisch-romisches Antikenkonglomerat wahrgenommen wurde, konnte diese Debattenentwicklung zu einer Ausdifferenzierung und Einzelwahrnehmung der Romer und Griechen innerhalb der »Alten« fuhren. Dass im 16. und 17. Jahrhundert vor allem von den Antiquitates ohne spezifische Ausdifferenzierung gesprochen wurde, hatte nicht allein den Grund, dass fehlende historische Kenntnisse vorlagen, sondern auch recht pragmatische: Griechenland war Teil des Osmanischen Reiches und somit nicht im Zentrum des europaischen Denkens. Wahrend es ausschlieBlich Kaufleuten und Diplomaten gestattet war, Griechenland zu bereisen, konnte eine Erforschung des Landes zu wissenschaftlichen Zwecken nicht stattfinden. Erst mit dem Ende des 17. Jahrhunderts, dass fur eine starke Expansion Englands und Frankreichs sorgte und Erkundungsreisen nach Griechenland fortan ermoglichte, konnte Griechenland in die Aufmerksamkeit der europaischen Offentlichkeit geruckt werden, insbesondere durch zahlreiche Publikationen6.

Diese Debatte, die in der gesamteuropaischen Aufklarung entstand, orientierte sich vor allem an Fragen des Stils, der Kunst und der Architektur. Im Kern ging es hierbei um die Hoherbewertung der einen gegenuber der anderen Kultur. Obwohl man sich vor allem an den Bereichen der Kunst und Architektur abarbeitete, die zur genaueren Betrachtung und Analyse antiker Skulpturen und Formen fuhrte, galt diese Kontroverse v.a. einer generellen Gegenuberstellung der romischen und griechischen Antike in all ihren kulturellen Bereichen, so auch in sittlichen und politischen Fragen. Johann Joachim Winckelmann gelang es letztlich in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine Hierarchisierung vorzunehmen, die den Griechen eine deutlich hohere Stellung einraumte als den Romern. Als Kunstschriftsteller und Begrunder der Kunstgeschichte legte er vor allem asthetische Ideale seiner Auffassung von kultureller Uberlegenheit zugrunde. Daruber hinaus werden seine Ansichten, wie oben bereits angesprochen, auch mit dem Klima der Region und dem sittlichen und politischen Stand Griechenlands in Verbindung gebracht. Diese Trias bildet fur Winckelmann den Nahrboden, auf welchem er die Hegemonie der Griechen gegenuber den Romern rechtfertigt7.

Die antike Kultur war ein MaBstab der Zeit und von Aufklarung und Klassik als Leitbild und Ideal anerkannt. Auf dieser idealistischen Vorstellung der Antike grundet sich auch das gesteigerte Interesse am Vergleich der antiken Kulturen, die in Gegenuberstellung zur modernen Zeit, Orientierung fur die gegenwartige Gesellschaft geben sollten. Als »Quelle allegorischer Stoffe, als Sinnbild der Harmonie von Geist und Korper, von Mensch und Natur, von Gottlichem und Menschlichem [.] als kindlicher Urzustand«8 bot die Antike einen metaphorischen und ideellen Reichtum, der der von den Aufklarern und Klassikern gleichermaBen intendierten Erziehung des Menschen zutraglich gewesen ist. So wurde insbesondere die antike Mythologie zu einem Bereich, der »durch [.] symbolhafte Sujets einen unerschopflichen Vorrat an Bildern, Vergleichen und Allegorien«9 liefern konnte. Uberdies fuhrte die Debatte zunehmend zu der Frage, welche der antiken Kulturen der eigenen (hier auch eigenen idealistischen Vorstellungen) naher kame und welche hierfur wirklich in Ursprung und Vervollkommnung des Menschen und der Gesellschaft als Ideal in Frage kommen kann. Die Referenz auf die antike Vergangenheit sollte zu einem Fixpunkt werden fur die Gestaltung der Gegenwart, d.h. der damaligen Moderne. Von diesem Punkt ausgehend galt es, sich entweder abzugrenzen oder Gemeinsamkeiten zu erkennen und hervorzuheben, was uber die Antikerezeption des 18. Jahrhunderts im Allgemeinen ausgesagt werden kann.

Dass man sich dieser Frage annaherte, hatte jedoch auch einen zweiten, wesentlichen Ursprung, der mit der wissenschaftlichen Betrachtung des Altertums im Verlauf des 18. Jahrhunderts einherging: die Beschaftigung mit der bzw. den Antike(n) fuhrte zu einer schrittweisen Ausbildung der Altertumswissenschaft als Wissenschaft uber die klassische Antike (gemeint ist hierbei die griechisch-romische Antike). Im Zuge dieser altertumswissenschaftlichen Betrachtung lost sich das zuvor propagierte und oftmals als ein kulturelles Konglomerat verstandene Antikenbild auf und man unterscheidet sehr viel feingliedriger nach griechischer, romischer, etruskischer oder agyptischer Antike. Auch die Romer werden nicht mehr nur als schlichte Epigone der Griechen betrachtet, sondern auch deren etruskische Wurzeln berucksichtigt. Letztere Entwicklung ist beginnt zwar im 18. Jahrhundert, kommt aber erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu starkerer Blute.

Die Debatte der Griechen-Romer-Antithese wird also aus mehreren zentralen Richtungen beeinflusst: einerseits aus den asthetischen Belangen des Zeitgeistes und -geschmacks und den ihnen zugrunde liegenden geistesgeschichtlichen und literarischen Einflussen, die das klassische Antikeideal manifestierten, andererseits aus konkret wissenschaftlichen Erkenntnissen uber die antiken Kulturen, deren Vertreter fur die (wissenschaftliche) Antikerezeption allen voran Friedrich August Wolf und Carl August Bottiger gewesen sind.

2.2 Das antike Ideal der Klassik und die Griechen-Rdmer-Antithese

»Die deutsche Klassik ist nicht, wie man sich das gerne vorstellt, aus der Beruhrung mit der Antike entstanden, sondern, weil sie entstehen wollte, hat sie nach Analoga in der Geschichte Ausschau gehalten, und dabei hat sie die Griechen entdeckt. Und zwar nicht in erster Linie als Griechen, sondern als Zeugen fur das Gesuchte Eigene. Weshalb, zumindest anfangs, weit weniger interessierte, was sie waren, als das sie waren, dass es sie gegeben hat.«10

Diese Beschreibung Wolfgang Binders hinsichtlich des Zusammentreffens der Deutschen Klassik und dem, in der Antike gesuchten Ideals scheint nur allzu trefflich zu sein, da die Klassiker selbst Suchende eines uberzeitlichen Ideals gewesen sind, welches sie in antiken Vorstellungen zu finden suchten. Hierbei ist die Suche nach einem Ideal, dem des neuen Menschen, ein Kontinuum der Geschichte und stets mit der Suche nach etwas verbunden, dass sowohl »mustergultig« als auch »uberzeitlich« und »rein« eine normative Orientierung fur die Menschheit geben kann.

Hierbei spielen Kunst und Poesie die wesentlichen Vermittlungszentren des antiken Ideals, fur welches vor allem die Griechen »ein geschichtliches Unterpfand«11 sind und »die Moglichkeit klassischer Dichtung verburgen«12. Die Rolle der Vermittler kommt im Selbstverstandnis der Klassiker vor allem den Dichtern zu, die vor allen anderen Kunstlern in der Lage seien, wirklich Uberzeitliches, Andauerndes und Mustergultiges zu schaffen. Hieran erinnert insbesondere Holderlins viel zitierter Satz: »Was bleibet aber, stiften die Dichter«13.

In der bildenden Kunst war fur die Klassiker vor allem Johann Joachim Winckelmann einer der Vordenker bzw. Wegbereiter, wenngleich nicht alle gleichermaBen dessen Ansichten teilten. Nichtsdestotrotz ist er maBgeblich an der Interpretation und Betrachtung der Antike durch die Klassik beteiligt gewesen, auch wenn die Rezeption seiner Werke und Ansichten erst post mortem stattgefunden hat. Zentral fur die Annaherung an das antike und somit das grundsatzliche menschliche Ideal waren Formen der Nachahmung.

Fur Winckelmann bedeutete dies schlichtweg, dass der »einzige Weg fur uns, grofi, ja, wenn es moglich ist unnachahmlich zu werden« die »Nachahmung der Alten« sei14. An dieser Stelle ist es jedoch nicht ganz einfach, dass klassische Verstandnis von Nachahmung zu verstehen, das auf den Gedanken von Winckelmann fuBt. Ausgangspunkt bildet zuvorderst die Ansicht, dass die (griechische) Antike bereits unnachahmlich und vollkommen gewesen ist, dem nachzukommen folglich unmoglich sei. Eine Nachahmung in Bezug auf eine geistige oder Wesensverwandtschaft sei jedoch moglich und zulassig (mimesis), sodass man sich Prinzipien des antiken Ideals zu eigen machen konne, die man selbst zur Vervollkommnung eigener Werke anstrebt, nicht jedoch leer kopieren sollte (imitatio). Herder druckt dies folgendermaBen aus: »Schreibe nicht nach den Alten (imitatio) , sondern wie die Alten (mimesis) 15

Daher suchen die Klassiker nach einem eigenen Ideal, einer eigenen Vorstellung davon, was die Griechen und die griechische Antike ist; eine Rekonstruktion der tatsachlichen Gegebenheiten lasst sich nicht erreichen. Letztlich ist das Streben nach diesem, autonomen klassischen Ideal, Antrieb, Prozess und Ausdrucksform der klassischen Zeit. Dieses Streben durchdringt anschaulich das geistige Leben derzeit und wird insbesondere sichtbar in der Reichhaltigkeit des publizistischen Angebots. Sowohl in Blattern fur den gelehrten Kreis als auch in Zeitschriften, die ein breiteres Publikum ansprechen sollten, wird dieses Streben offenbar. Die Antike hat eine Strahlkraft, die weit uber den rein wissenschaftlichen, kunsttheoretischen Diskurs hinausreicht und in Fragen von Stil und Geschmacksbildung auch die Bereiche der Mode und des— heute wurde man sagen— » Lifestyles « umfasst. Aus diesem Grund ist das Journal des Luxus und der Mode auch ein wesentlicher kulturhistorischer Betrachtungsgegenstand, der die Vielgestaltigkeit der klassischen Antikenrezeption wiederspiegelt. Wie oben bereits erwahnt, galt, dank Winckelmannscher Inspiration, das Interesse nicht allein, aber in einem besonderen AusmaB der griechischen Antike.

Die Ursachen fur die idealtypische Verklarung der Griechen lag alien voran in ihren beachtlichen nicht nur wissenschaftlichen, sondern kunstlerischen und literarischen Leistungen.

2.3 Johann Joachim Winkelmanns Transferleistung fur die deutschsprachige » Querelle des anciens et des modemes« und die » Griechen-Rdmer-Antithese« im 18. Jahrhundert

In Winckelmanns Denken fallt dem antiken Griechenland eine »Sonderrolle«16 zu, die sich in seinen Ansichten einerseits auf das Klima und das »Geblut« (GKI, SN I, 1,42) zuruckfuhren lasst17, andererseits jedoch in einer kulturellen Uberlegenheit wurzelt, die wiederum sichtbar wird in Fragen der Moral und Erziehung sowie der politischen Vorstellungen und Staatsordnung. Fur Winckelmann ubernimmt Griechenland eine eindeutige Vorzugsrolle gegenuber Rom, die er mitunter nur als bloBe Epigonen der griechischen Kultur betrachtet. In der griechischen Antike liegen fur Winckelmann die Einheit der Natur und das anzustrebende Ideal in Kultur, Sitte, Staat und Gesellschaft18. Wahrend die Zeitgenossen Winckelmanns seine Ansichten nicht unbedingt teilten19, begann die wirkmachtige Rezeption seiner Werke erstmalig in der Zeit, die wir als Weimarer Klassik oder Deutsche Klassik bezeichnen.

Begrenzt man die Weimarer Klassik auf die Wirkung des sogenannten » Viergestirns20 21 « Goethe, Schiller, Herder und Wieland, so beeinflussten seine Werke die Uberlegungen der Klassiker zur Antike nachhaltig.

Fur Schiller selbst galt das alte Griechenland als wahre Einheit der Natur, als Ideal, dem man aus verschiedenen Grunden nacheifern sollte, was auch Goethe weitestgehend teilte. Wahrend Schiller, dessen freimaurerischer Hintergrund durchaus erkennbar wird, wenn er in der Auseinanderatzung mit Winckelmanns Geschichte der Kunst des Altertums (1764) und der Betrachtung der Skulpturen im Mannheimer Antikensaal etwa auBert, dass »der Mensch hier etwas zustande brachte, das mehr ist, als er selbst war, das an etwas Grofieres erinnert als an seine Gattungi2 oder uber die Annaherung an das griechische Ideal die Vergottlichung des Menschen selbst sucht: »... beweistdasvielleicht, dass erweniger ist, als sein wird?... Wenn der Mensch nur Mensch bleiben sollte, ... wie hatte es jemals Gott und Schopfer dieser Gotter gegeben?««, mahnt Herder dazu, nicht bloB zu imitieren, sondern vielmehr einen eigenen Weg zu finden, der an das griechische Ideal anknupfen kann22.

Was die Antike fur die Klassiker, die man weitestgehend auf das Viergestirn Goethe, Schiller, Herder und Wieland zentrieren kann, darstellte, war ein mustergultiges, reines Ideal auf allen Ebenen. Hierbei suchten sie stets danach, sich diesem Ideal anzunahern, in dem sie es— uberzeitlich betrachtet— in die Gegenwart holen wollten.

Obwohl sich die Ansichten der Klassiker uber die Antike untereinander nochmals differenzieren lieBen, so gab es doch einen Minimalkonsens, der das Wahre, Gute, Schone— so die Maxime der Weimarer Klassik— in Annahrung an das antike Ideal suchen wollte. Hierbei galt es eben nicht, reine Nachahmung zu leisten (imitatio)23 und sie auch nicht allein in ihrem „Wesen“ nachzuahmen, sondern daruber hinaus »mit den Griechen zu wetteifern«24 (aemulatio). Der Gedanke dahinter, den Menschen, sukzessive die gesamte Menschheit, diesem Ideal zuzufuhren, war hierbei implizit. Problematisch war in diesem Zusammenhang die fehlende Kenntnis daruber, wer, wie oder was die Antike hierbei wirklich gewesen ist. Eine Rekonstruktion der (vorrangig griechischen) Antike war unmoglich geworden, weshalb man zwar griechische Prinzipien der Dichtkunst ubernehmen konnte, nicht jedoch das griechische Denken bzw. den griechischen Geist, nach dem die Klassiker so verzweifelt suchten25.

Die griechische Antike wurde von den Klassikern weitestgehend umgedeutet, so u.a. in den christlichen Kontext hinein (naturlich auch im Mittelalter, jetzt jedoch in nationaler Auspragung). Die Umdeutung gelang dann noch am besten bzw. ertragreichsten, wenn man sie lediglich an der Oberflache betrachtet hat; in der tieferen Auseinandersetzung mit den Griechen, wie sie dann stetig voranschritt, erkannte man ihre »Andersartigkeit« und die tatsachlichen Differenzen, die zwischen den antiken Griechen und der gegenwartigen Gesellschaft lagen26.

[...]


1 Susanne Holmes: „Aphroditens holden Kindern“. Formen und Funktionen von Antikerezeption im „Journal des Luxus und der Moden“. In: Angela Borchert/ Ralf Dressel (Hgg.): Das Journal des Luxus und der Moden : Kultur um 1800. Heidelberg: Universitatsverlag Winter 2004, S.157ff.

2 Vgl. auf: https://www.deutsche-biographie.de/sfz5104.html#indexcontent [letzter Zugriff: 22. Januar 2020].

3 Julia A. Schmidt-Funke: Karl August Bottiger (1760-1835). Weltmann und Gelehrter. Heidelberg: Universitatsverlag Winter 2006, S.104.

4 Vgl. auf: https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal jpjournal 00000011 [letzter Zugriff: 22. Januar 2020].

5 Volker Riedel: Vom Muster der Kunst zur Beispielhaftigkeit des Lebens. Differenzierungen des Antikebildes bei Winckelmann um im Weimarisch-Jenaischen Kulturkreis. In: Johann Joachim Winckelmann. Seine Wirkung in Weimar und Jena. Hrsg. von Jurgen Dummer. Stendal: Winckelmann-Gesellschaft 2007, S.63. [=Schriften der Winckelmann-Gesellschaft, Bd.XXVII], vgl. auch: Urs Muller: Feldkontakte, Kulturtransfer, kulturelle Teilhabe: Winckelmanns Beitrag zur Etablierung des deutschen intellektuellen Felds durch den Transfer der Querelle des Anciens et des Modernes. Leipzig: Leipziger Universitatsverlag 2005.

6 Hier seien nur beispielhaft zu nennen: Julien-David LeRoy: Les ruines des plus beaux monuments de la Grice (1758), James Stuart/ Nicolas Revett: The Antiquities of Athens, Measured and Delineated (1762).

7 Vgl. u.a. Johannes SuBmann: Griechen-Romer-Antithese. In: Das 18. Jahrhundert: Lexikon zur Antikerezeption in Aufklarung und Klassizismus. Hrsg. von Joachim Jacob und Johannes SuBmann. Stuttgart: J.B. Metzler 2018 (=Der Neue Pauly, Supplemente, Bd.13).

8 Susanne Holmes: „Aphroditens holden Kindern“. Formen und Funktionen der Antikerezeption im „Journal des Luxus und der Moden“. In: Das Journal des Luxus und der Moden: Kultur um 1800. Hrsg. von Angela Borchert und Ralf Dressel. Heidelberg: Universitatsverlag Winter 2004, S.158.

9 Ebd.

10 Wolfgang Binder: Die deutsche Klassik und die Antike. In: Antike und europaische Welt. Aspekte der Auseinandersetzung mit der Antike. Hrsg. von Maja Svilar und Stefan Kunze. Bern/ Frankfurt am Main/ New York 1984 (=Collegium Generale), S. 60.

11 Ebenda.

12 Vgl. ebd.

13 Rudiger Gorner: Holderlin und die Folgen. Stuttgart: J.B.Metzler 2016, S.56.

14 Johann Joachim Winckelmann: Gedanken ueber die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst. Dresden und Leipzig: Im Verlag der Waltherischen Handlung 1756, S.3.

15 Vgl. Wolfgang Binder: Die deutsche Klassik und die Antike. In: Antike und europaische Welt. Aspekte der Auseinandersetgung mit der Antike. Hrsg. von Maja Svilar und Stefan Kunze. Bern/ Frankfurt am Main/ New York 1984 (=Collegium Generale), S.63.

16 Ebd.

17 Siehe hierzu Winckelmanns „Klimatheorie“, die dem Klima eine besondere Rolle bei der Entwicklung der einer Landeskultur sowie spezifischer Charakteristika zuweist; vgl.: Martin Disselkamp: Griechenland als Kuilturentwurf. Die Gunst des Klimas. In: Winckelmann-Handbuch. Leben— Werk— Wirkung. Hrsg. von Martin Disselkamp und Fausto Testa. Stuttgart: J.B. Metzler 2017, S. 105.

18 Ebd. 105/106.

19 Volker Riedel: Vom Muster der Kunst zur Beispielhaftigkeit des Lebens. Differenzierungen des Antikebildes bei Winckelmann um im Weimarisch-Jenaischen Kulturkreis. In: Johann Joachim Winckelmann. Seine Wirkung in Weimar und Jena. Hrsg. von Jurgen Dummer. Stendal: Winckelmann-Gesellschaft 2007, S.47.

20 Vgl. u.a. Walter Pauly: Gedanken politischer Ordnungsbildung in der Deutschen Klassik. In: Politisch-soziale Ordnungsvorstellungen in der Deutschen Klassik. Hrsg. von Walter Pauly/ Klaus Ries. Baden-Baden: Nomos 2018, S.22.

21 Helmut J. Schneider: Kontur der Versohnung. Der klassische Statuenkorper als Hintergrund der Schillerschen Entfremdungskritik. In: Schiller und die Antike. Hrsg. von Paolo Chiarini und Walter Hinderer. Wurzburg: Konigshausen& Neumann 2008, S.350.

22 Herder: „ Schreibe nicht nach den Alten, sondern wie die Alten.“; vgl. auch: Wolfgang Binder: Die Deutsche Klassik und die Antike. In: Antike und europaische Welt. Aspekte der Auseinandersetzung mit der Antike. Hrsg. von Maja Svilar und Stefan Kunze. Bern/ Frankfurt am Main/ New York 1984 (= Collegium Generale), S.63.

23 Vgl. u.a. Volker Riedel: Vom Muster der Kunst zur Beispielhaftigkeit des Lebens. Differenzierungen des Antikebildes bei Winckelmann um im Weimarisch-Jenaischen Kulturkreis. In: Johann Joachim Winckelmann. Seine Wirkung in Weimar und Jena. Hrsg. von Jurgen Dummer. Stendal: Winckelmann-Gesellschaft 2007, S.41.

24 Wolfgang Binder: Die Deutsche Klassik und die Antike. In: Antike und europaische Welt. Aspekte der Auseinandersetzung mit der Antike. Hrsg. von Maja Svilar und Stefan Kunze. Bern/ Frankfurt am Main/ New York 1984 (= Collegium Generale), S.63.

25 Vgl. ebenda, S.64.

26 Vgl. u.a. Wolfgang Theile: Die Racine-Kritik bis 1800. Kritikgeschichte als Funktionsgeschichte. Munchen: Fink 1974, S.67; auch: Alessandro Pellegrini/ Christoph GaBner: Friedrich Holderlin. Sein Bild in der Forschung. Berlin: de Gruyter 2019, S. 276.

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Details

Titel
Die "Morgenbesuche im Ankleidezimmer einer alten Römerin"
Untertitel
Carl August Böttigers altertumskundliche Beiträge im "Journal des Luxus und der Moden" vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Antikenrezeption und -debatte
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V520915
ISBN (eBook)
9783346123183
ISBN (Buch)
9783346123190
Sprache
Deutsch
Schlagworte
morgenbesuche, hintergrund, moden, luxus, journal, beiträge, böttigers, august, carl, römerin, ankleidezimmer, antikenrezeption
Arbeit zitieren
Julia Eydt (Autor), 2020, Die "Morgenbesuche im Ankleidezimmer einer alten Römerin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520915

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