Parodie – In der Literatur die verspottende, verzerrende oder übertreibende Nachahmung eines schon vorhandenen ernst gemeinten Werkes (auch eines Stils, einer Gattung) oder
einzelner Teile daraus unter Beibehaltung der äußeren Form (Stil und Struktur), doch mit anderem, nicht dazu passendem Inhalt. (von Wilpert, Gero: Sachwörterbuch der Literatur; 7 Auflage – Stuttgart: Kröner, 1989)
Aus der Literatur des Mittelalters sind nur wenige Überlieferungen parodistischer Texte in deutscher Sprache erhalten. Das Parodieren ist die Sache gebildeter Stände, und die Sprache der Gebildeten des Mittelalter war das Latein. Das heißt, dass das Parodieren zunächst in der Hand von niederen Klerikern und Vaganten lag. Die letzten propagierten diese Gattung meist auf der Landstraße oder im Wirtshause, d.h. überwiegend nicht in dem Medium der Schriftlichkeit. Dies führte zu dem heutigem Mangel von schriftlichen Aufzeichnungen dieser Dichtung. Die Texte jedoch, die uns heute vorliegen geben uns ein Bild davon, welcher Witz und Geist in dem mittelalterlichem Menschen steckte. Die Parodien haben zu der Zeit meist zwei Ziele: zum einen die Bibel und Liturgie, zum anderen die Minnedichtung ins Lächerliche zu ziehen. Dabei scheuen sie weder Anstößigkeit noch Skrupel vor dem Heiligen.
Ein weiterer Bereich der mittelalterlichen Parodie war die Urkundenparodie. Die Urkunde war im Mittelalter eine Textsorte die von dem heutigen Sprachgebrauch der Juristen nicht sehr abwich. Sie wurde unter Beachtung (und strikter Beibehaltung) bestimmter Formen geschrieben und diente als eine beglaubigte Erklärung bestimmter rechtlicher Vorgänge. In den parodistischen Texten wurde überwiegend das automatisierte, formelhafte Schreiben und die rechtliche Bedeutung ins Lächerliche gezogen. Es wurden also die formalen Strukturen zum großen Teil beibehalten, das Sprachniveau sank allerdings fast unter das Niveau der Gosse, und die Sachverhalte die beschrieben wurden, wurden sehr stark verändert und in andere (meist bäuerliche) Bereiche transponiert.
Inhaltsverzeichnis
Einführung – Hauptthemen der Parodie im Mittelalter
1. Minne
2. Bibel und Liturgie
3. Astrologische und prophetische Schriften
4. Urkundenparodie
Die Urkundenparodie am Beispiel eines Morgenbriefes
1. Die Textsorte „Urkunde“ im Mittelalter
2. Die Urkundenparodie eines Morgengabebriefes
• Bau und Formelhaftigkeit
• Kontext
• Form und Sprache
• Publikum und Geschichte
• Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattung der mittelalterlichen Urkundenparodie. Im Zentrum steht die Analyse des „Morgengabebriefes“ aus Vigil Rabers „Consistory Rumpoldi II“, um aufzuzeigen, wie durch die bewusste Subversion formaler rechtlicher Strukturen und Syntax ein komischer, parodistischer Effekt erzielt wird, der zeitgenössische soziale Normen und Rituale persifliert.
- Grundlagen und Hauptthemen mittelalterlicher Parodie
- Die Funktion der „Urkunde“ als ritualisierte Textsorte
- Strukturelle Analyse der Urkundenparodie eines Morgengabebriefes
- Wechselverhältnis von Rechtsform und obszöner Satire
- Rezeptionskontext im Rahmen der Fastnachtspiele
Auszug aus dem Buch
Die Urkundenparodie eines Morgengabebriefes
Erst durch die strikte Einhaltung dieser Abfolge konnte ein Text von einem mittelalterlichen Rezipienten identifiziert und akzeptiert werden. Ein Parodist ist also auch quasi gezwungen, das normierte Textschema zu übernehmen. In der vorliegenden Parodie eines Morgengabebriefs wird auch das komplizierte Gerüst gewissenhaft eingehalten. Das gleiche gilt für die spezifische mittelalterliche Syntax, die in Urkunden verwendet wurde. Das hat zur Aufgabe, die unpassenden Inhalte und die Umkehrung bzw. Verzerrung der Rechtsverhältnisse zu unterstreichen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung – Hauptthemen der Parodie im Mittelalter: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die literarische Tradition der Parodie, die sich im Mittelalter insbesondere gegen Minnedichtung, religiöse Texte und astrologische Schriften richtete.
Die Urkundenparodie am Beispiel eines Morgenbriefes: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse der Urkundenparodie, wobei die formale Struktur einer klassischen Urkunde den Rahmen für eine subversiv-obszöne Darstellung bietet.
Schlüsselwörter
Urkundenparodie, Mittelalter, Morgengabe, Vigil Raber, Consistory Rumpoldi II, Parodie, Minnedichtung, Rechtsform, Fastnachtsspiele, Literaturwissenschaft, Obszönität, Satire, Urkundenwesen, Textsorte, Mittelalterliche Literatur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Form der Urkundenparodie im Mittelalter, speziell am Beispiel eines Morgengabebriefes innerhalb von Vigil Rabers Werken.
Welche Themenfelder werden zentral behandelt?
Im Fokus stehen die literarische Parodie, die Struktur mittelalterlicher Rechtsdokumente, die Umkehrung sozialer Rollenbilder und der Kontext spätmittelalterlicher Fastnachtskultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Funktionsweise der Parodie durch das Festhalten an formalen Urkundenstrukturen bei gleichzeitiger inhaltlicher Pervertierung der Rechtsvorgänge zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine formanalytische und literaturwissenschaftliche Herangehensweise, um den strukturellen Aufbau der Parodie im Vergleich zu echten Urkundentexten freizulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Textsorte „Urkunde“ und eine detaillierte Analyse der Urkundenparodie, inklusive ihrer Formelhaftigkeit, Sprache und ihres soziokulturellen Kontextes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Urkundenparodie, Morgengabebrief, Vigil Raber, Fastnachtsspiel, Parodie und mittelalterliche Rechtspraxis.
Wie unterscheidet sich die parodierte Urkunde von einer echten?
Während die äußere Form, das Protokoll und die Fachsprache einer Urkunde exakt imitiert werden, ist der Inhalt eine bewusste Verzerrung ins Obszöne, die soziale Rollen (wie das Paarungsverhalten) karikiert.
Welche Rolle spielen die Fastnachtsspiele für den untersuchten Text?
Die Urkundenparodie ist ein integraler Bestandteil dieser Spiele, in denen während der „fetten Tage“ soziale Normen und kirchliche Regeln temporär außer Kraft gesetzt oder ins Lächerliche gezogen wurden.
- Arbeit zitieren
- Bartosz Nowak (Autor:in), 2000, Urkundenparodie im Mittelalter an Beispiel Vigil Rabers Consistory Rumpoldi II , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52752