Grundlegender aber ist die Frage, mit welcher Art von Anforderungen man es im Falle von intergenerationeller Gerechtigkeit ganz allgemein zu tun hat - und zwar erst einmal ungeachtet dessen, ob man das Problem durch eine deontologische oder teleologische Brille betrachtet. Mit anderen Worten: Kann es sinnvoll sein, den Gegenwärtigen Handlungsnormen vorzuschreiben, denen den Zukünftigen zugute kommen sollen? Wenn ja, in welchem Rahmen? Mit diesen Fragen sollte man sich bei der Beschäftigung mit der Zukunftsethik zuallererst auseinandersetzen, denn nur, wenn man weiß, womit man es zu tun hat, läßt sich auch beurteilen, ob und in welchem Rahmen eine sinnvolle Auseinandersetzung damit überhaupt möglich ist.
In meiner Hausarbeit will mich diesen Fragen beschäftigen; natürlich weiß ich, daß ich eine derart umfassende Thematik in diesem Umfang nicht annäherungsweise erschöpfend behandeln kann. Allerdings glaube ich, daß es möglich ist, einige strukturelle Eigenheiten des Problems der Verantwortung für zukünftige Generationen zu umreißen und in Auseinandersetzung mit Dieter Birnbachers gleichnamigem Buch exemplarisch aufzuzeigen. Zuerst werde ich die Fragestellung und die Grundzüge von Birnbachers „Verantwortung für zukünftige Generationen“ knapp vorstellen, um mich dann grundlegenden Problemen zuzuwenden, Problemen, die teils mit jeder Form von Zukunftsethik zu tun haben, teils mit Birnbachers utilitaristischem Ansatz im besonderen zusammenhängen. Ich werde diese Probleme diskutieren und versuche darzustellen, ob es sich dabei um Schwierigkeiten handelt, die Zukunftsethik per se unmöglich machen, oder sich diese Probleme unter Umständen vermeiden lassen, bzw. ob Birnbacher sie in seinem Modell vermeidet. Abschließend werde ich meine Ergebnisse zusammenfassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dieter Birnbachers „Verantwortung für zukünftige Generationen“
3. Probleme innerhalb Birnbachers Zukunftsethik-Modell
3.1. Ist Zukunftsethik aus logischen Gründen nicht möglich?
3.2. Abschätzbarkeit der Handlungsfolgen
3.3. Meßbarkeit des Nutzens
3.4. Erziehung der Nachkommen und Projektplanung
4. Schlußfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch Dieter Birnbachers Modell zur Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen. Ziel ist es, die moralphilosophische Tragfähigkeit einer utilitaristischen Zukunftsethik zu bewerten und zu hinterfragen, ob langfristige Handlungsnormen trotz der kognitiven Defizite realer Akteure und der Unsicherheit zukünftiger Handlungsfolgen sinnvoll begründbar sind.
- Grundlagen utilitaristischer Zukunftsethik
- Logische Einwände gegen die Verantwortung gegenüber Zukünftigen
- Problematik der Vorhersehbarkeit von Handlungsfolgen
- Herausforderungen bei der Operationalisierung und Messung von Nutzen
- Die Rolle von Erziehung und langfristiger Projektplanung
Auszug aus dem Buch
3.2. Abschätzbarkeit der Handlungsfolgen
Das Identity-Problem stellt zwar die utilitaristische Zukunftsethik nicht in Frage, es wirft aber noch ein weiteres Problem auf: Wie wir gesehen haben, hat im Grunde jede unserer Handlungen unabsehbaren Einfluß auf die Zusammensetzung späterer Generationen. Das heißt aber auch, daß wir in praxi nicht beurteilen können, wo der Einfluß unseres Handelns aufhört und wo der Bereich dessen endet, wofür wir verantwortlich sind. Und mehr noch: wenn jede unserer Handlungen Einfluß auf die Zusammensetzung der zukünftigen Generationen hat, dehnen sich unsere Handlungsfolgen – und damit auch unsere Zukunftsverantwortung – faktisch ins Unendliche aus. Wenn wir Handlungen dazu noch als „Tun und Unterlassen“ verstehen, wie Birnbacher das tut, wird es völlig unmöglich, den Bereich unserer Verantwortung überhaupt abzuschätzen. So macht sich der Leser in dem Moment, da er diese Zeilen hier liest, – zumindest hypothetisch – auch für alles verantwortlich, was er gerade tun könnte, um den Nutzen der Zukünftigen zu maximieren, aber nicht tut.
Auch wenn eine so strikte Anwendung utilitaristischer Idealnormen in der Praxis nicht angemessen wäre, bleibt die Frage, ob es überhaupt möglich ist, den Zeithorizont unserer Verantwortung sinnvoll abzuschätzen. Jedenfalls scheint es, daß jede unserer Handlungen Folgen zeitigt, die in die unabsehbare Zukunft reichen und nicht bloß das „Hinterlassen hochwirksamer Plutoniumrückstände und Industriegifte“. An die Abschätzbarkeit des Zeithorizontes sind allerdings auch die Inhalte utilitaristischer Praxisnormen gebunden. Können wir nicht beurteilen, welche Folgen etwaige Handlungen haben, können wir auch nicht wissen, ob wir späteren Generationen dadurch nützen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der moralphilosophischen Verantwortung gegenüber künftigen Generationen ein und stellt die zentrale Fragestellung der Untersuchung vor.
2. Dieter Birnbachers „Verantwortung für zukünftige Generationen“: Das Kapitel erläutert die Grundzüge des utilitaristischen Zukunftsethik-Modells von Birnbacher sowie die Konzepte von Idealethik und Praxisnormen.
3. Probleme innerhalb Birnbachers Zukunftsethik-Modell: Hier werden kritische Aspekte diskutiert, insbesondere die logische Möglichkeit einer Zukunftsethik, die Vorhersehbarkeit von Folgen, die Messbarkeit von Nutzen sowie Fragen der Projektplanung.
3.1. Ist Zukunftsethik aus logischen Gründen nicht möglich?: Dieses Kapitel behandelt das „Identity-Problem“ und die Frage, ob man Pflichten gegenüber nicht existierenden zukünftigen Personen haben kann.
3.2. Abschätzbarkeit der Handlungsfolgen: Hier wird thematisiert, inwiefern die unendliche Reichweite von Handlungsfolgen eine sinnvolle Zukunftsverantwortung erschwert.
3.3. Meßbarkeit des Nutzens: Der Fokus liegt auf der Schwierigkeit, Glück als mentalen Zustand für zukünftige Generationen zu operationalisieren und quantitativ zu messen.
3.4. Erziehung der Nachkommen und Projektplanung: Dieses Kapitel untersucht die Notwendigkeit und die Risiken, zukünftige Generationen in die eigenen langfristigen Projektpläne einzubinden.
4. Schlußfolgerung: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass zukunftsbezogene Normen zwar sinnvoll, aber mit einer gesunden Skepsis gegenüber der Machbarkeit und Vorhersehbarkeit zu betrachten sind.
Schlüsselwörter
Zukunftsethik, Dieter Birnbacher, Utilitarismus, intergenerationelle Gerechtigkeit, Verantwortung, Handlungsnormen, Nutzensumme, Identity-Problem, Projektplanung, Handlungsfolgen, Moral, Praxisnormen, Lebensqualität, Grundbedürfnisse, Nachhaltigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die moralphilosophische Konzeption von Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen anhand des Modells von Dieter Birnbacher.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Anwendbarkeit utilitaristischer Ethik auf die Zukunft, logische Probleme bei der Definition von Pflichten gegenüber Nicht-Existierenden und die Grenzen menschlicher Voraussicht bei der Projektplanung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die kritische Prüfung, ob zukunftsethische Handlungsnormen trotz logischer und praktischer Hürden moralisch begründbar und in der Praxis anwendbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die analytische Philosophie und eine literaturkritische Auseinandersetzung mit dem Werk von Dieter Birnbacher, ergänzt um utilitaristische Argumentationslogik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden vier spezifische Problemfelder erörtert: logische Einwände, das Problem der Folgenabschätzung, die Messbarkeit von Nutzen sowie die Problematik langfristiger Projektpläne.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Zukunftsethik, Utilitarismus, intergenerationelle Gerechtigkeit, Handlungsnormen und Verantwortung.
Was besagt das sogenannte „Identity-Problem“?
Das Identity-Problem argumentiert, dass heutige Handlungen die Identität zukünftiger Personen bestimmen, sodass man diesen Personen schwerlich einen Schaden zufügen kann, da sie ohne diese Handlungen gar nicht existieren würden.
Warum ist die Messbarkeit von Nutzen in Birnbachers Modell problematisch?
Da Nutzen im Utilitarismus als subjektives Glück definiert wird, ist er für die Zukunft kaum quantifizierbar oder operationalisierbar, was die Ableitung präziser Handlungsnormen erschwert.
Zu welchem Fazit kommt der Autor bezüglich der „Machbarkeit“?
Der Autor schließt, dass wir zwar eine Verantwortung zur Vermeidung von Übel für Zukünftige tragen, wir jedoch unsere Erfolgsaussichten und die Möglichkeiten zur bewussten Gestaltung der Zukunft nicht überschätzen sollten.
- Quote paper
- Till Stüber (Author), 2005, Das Für und Wider der Zukunftsethik - Eine Auseinandersetzung mit Problemen der Zukunftsethik am Beispiel von Dieter Birnbachers 'Verantwortung für zukünftige Generationen', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53299