Sozialarbeit und Demenz. Konzeptionelle Rahmenüberlegungen zur Schaffung eines Pflegezentrums für Demenzkranke


Diplomarbeit, 2002
75 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Diagnose: Demenz
1.1 Begriffsklärung: Demenz
1.2 Verschiedene Formen von Demenz
1.3 Entstehung einer Demenz
1.4 Der Verlauf
1.4.1 Das Anfangsstadium
1.4.2 Die mittlere Phase
1.4.3 Das dritte Stadium
1.5 Vorstellung von Testverfahren zur Einordnung einer Demenz
1.5.1 Der Mehrfachwahl- Wortschatztest (MWT-B)
1.5.2 Die Mini- Mental- State- Examination (MMSE)
1.5.3 Der Uhrentest

2. Die Epidemiologie der Demenz
2.1 Prävalenz
2.2 Inzidenz
2.3 Geschlechtsunterschiede
2.4 Demographische Entwicklung

3. Der Alltag von Demenzkranken
3.1 Einblick in das täglich Leben eines Demenzkranken
3.2 Spezifische Verhaltensweisen von Demenzkranken
3.2.1 Aggressivität
3.2.2 Angst
3.2.3 Antriebslosigkeit
3.2.4 Probleme mit der Verständigung
3.2.5 Bewegungsdrang
3.3 Grundregeln für die Betreuung von Demenzkranken
3.3.1 Die Tatsachen akzeptieren
3.3.2 Auf Unerwartetes einstellen
3.3.3 Gewohnheiten erhalten
3.3.4 Kommunikation
3.4 Finanzielle Hilfen für den Betreuungsalltag
3.4.1 Finanzielle Leistungen, die unabhängig vom Einkommen sind
3.4.1.1 Hilfen bei anerkannter Behinderung nach dem Schwerbehindertengesetz
3.4.2 Finanzielle Hilfen, die nur bei niedrigem Einkommen gewährt werden
3.4.2.1 Befreiung von Zuzahlungen
3.4.2.2 Leistungen nach dem Bundessozialhilfegesetz

4. Sozialpädagogische Handlungsfelder und therapeutische Betreuungsmöglichkeiten bei der Arbeit mit Demenzkranken
4.1 Lerntheoretische Handlungsansätze
4.1.1 Das Realitäts- Orientierungs- Training (ROT)
4.1.2 Selbst- Erhaltungs- Therapie (SET)
4.1.3 Die Erinnerungstherapie
4.2 Der verstehende Umgang zum dementiell Erkrankten
4.2.1 Validation
4.2.2 Biographiearbeit
4.2.3 Angehörigenarbeit
4.2.4 Begleitende Angebote in der Betreuung Demenzkranker
4.2.4.1 Basale Stimulation
4.2.4.2 Kunst- und Musiktherapie

5. Strukturelle Anforderungen an den institutionellen Wohn- und Lebensraum von Demenzkranken – Milieugestaltung
5.1 Betreuungsmodelle
5.2 Anforderungen an das architektonische Milieu
5.3 Entwurfsprinzipien für die Gestaltung der Umgebung für Verwirrte

Schlussbemerkung

ANHANG
Anhang 1: Mini – Mental- Status Test
Anhang 2: Therapeutische Prinzipien der Validation
Anhang 3: Beispiel für einen Biographieerhebungsbogen
Anhang 4: Beispiel für Anregungsmaterial

LITERATURVERZEICHNIS

ERKLÄRUNG

Vorwort

Der Sommer war so wie dein Haus,

drin weißt du alles stehn-

jetzt mußt du in dein Herz hinaus

wie in die Ebene gehn.

Die große Einsamkeit beginnt,

die Tage werden taub,

aus deinen Sinnen nimmt der Wind

die Welt wie welkes Laub.

Rainer Maria Rilke

Das Gedicht von Rainer Maria Rilke beschreibt eigentlich den Übergang vom Sommer zum Winter. Man könnte damit aber genauso das Bewusstsein eines Menschen beschreiben, der an einer Demenz erkrankt ist. Die vertraute Welt des Menschen verschwimmt immer mehr und verschwindet irgendwann ganz. Eine endlose Einsamkeit beginnt.

Fast in meiner gesamten Praxiszeit hatte ich Kontakt zu Demenzkranken. Ich merkte, welche Ansprüche sie an mich als Mitarbeiter stellen. Sie bedürfen einer ganz besonderen Betreuung; einer Betreuung mit viel Geduld und Verständnis.

Jetzt zum Ende des Studiums bekam ich eine andere Sicht auf viele Dinge. Ich merkte, dass für den Umgang mit Demenzkranken mehr da sein muss als nur Geduld und Verständnis. Wissen über die Person des Kranken und auch die Kenntnis über gewisse therapeutische Maßnahmen sind für eine ergebnisreiche Arbeit mit dementen Menschen wichtig.

Nicht nur mein wachsendes Wissen, sondern vor allem auch die steigenden Krankenzahlen und die damit einhergehenden Probleme, machen die Brisanz dieses Themas deutlich.

Einleitung

Menschen, die unter einer Demenz leiden , werden heute oft als schwerstbeeinträchtigte, leidende und hilfsbedürftige Personen angesehen, die beschützt werden müssen.

Betroffene Familien sehen darin „das große Unglück“, die Gesellschaft ein finanzielles Fiasko.

Nur selten unterscheidet jemand zwischen den einzelnen Demenzformen oder zwischen den vielfältigen, sehr unterschiedlichen Schwankungsbreiten dieser Erkrankung. „Wer dement ist, kann nichts mehr“, ist ein übliches pauschaliertes Vorurteil.

Die Demenz wird heutzutage immer noch als rein organische Störung angesehen, „bei der man nichts mehr machen kann“. Dabei wirken sich vielfältige Dienstleistungsmöglichkeiten positiv auf die Lebensqualität von Menschen mit Demenz aus. Untersuchungen des Kuratoriums deutsche Altershilfe belegen, dass der Verlauf einer Demenzerkrankung nicht nur von organischen, sondern auch von psychischen und sozialen Faktoren abhängig ist.

Doch in Wirklichkeit versucht die Umgebung von Demenzkranken nicht den Verlauf zu begünstigen, sondern tut, einfach gesagt, „alles, damit der Kranke noch kränker wird und seine Behinderungen möglichst rasch fortschreiten“.

Das Umfeld wird immer starrer, reizloser und unüberschaubarer und es bleibt nicht aus, dass Menschen, die mit ihrer Orientierung und ihrem Selbstbild vermehrte Schwierigkeiten haben, noch einsamer, abhängiger und hilfloser werden, als dies wirklich aufgrund des Beschwerdebildes notwendig wäre.

Es bedarf also noch größerer Anstrengungen, damit ein alter Mensch mit einer Demenzerkrankung als Mensch wahrgenommen wird und nicht als Schwerkranker ohne eigenen Willen. Es ist wichtig, den Demenzkranken als Individuum wahrzunehmen und seine Ressourcen zu fördern. Man muss lernen, neue Wege zu gehen.

Einen solchen „neuen Weg“ soll die folgende Arbeit darstellen, die sich mit speziellen konzeptionellen Rahmenbedingungen für die Betreuung von Demenzkranken beschäftigen soll.

1. Diagnose: Demenz

1.1 Begriffsklärung: Demenz

Der Begriff „Demenz“ stammt aus dem Lateinischen und beinhaltet die beiden Wortteile „de“= weg und „mens“= Geist, Verstand

Anhand dieser Begriffsklärung wird schon das wesentliche Merkmal von Demenzerkrankungen deutlich, nämlich den Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit.

Es handelt sich bei einer Demenz um eine Syndromdiagnose, das heißt, es lassen sich gleichzeitig bestimmte Symptome beobachten, deren Ursachen unterschiedlicher Art sein können.

Von einer dementiellen Erkrankung spricht man, wenn übergreifend mehrere höhere Hirnfunktionen (Sprache, Handlungsplanung und – ausführung, logisches und abstraktes Denken, Wahrnehmung) gestört sind. Das Leitsymptom ist dabei die Gedächtnisstörung.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert den Begriff „Demenz“ wie folgt:

„ ... erworbene globale Beeinträchtigung der höheren Hirnfunktionen, einschließlich des Gedächtnisses, der Fähigkeit, Alltagsprobleme zu lösen, der Ausführung sensomotorischer und sozialer Fertigkeiten, der Sprache und Kommunikation sowie der Kontrolle emotionaler Reaktionen ohne ausgeprägte Bewusstseinstrübung. Meist ist der Prozess progredient, jedoch nicht notwendigerweise irreversibel...“ (Gramm , S.661)

Sie wird also nicht unbedingt als irreversibler Endzustand betrachtet, da das Erscheinungsbild, je nach momentaner Situation, durchaus gewissen Schwankungen unterliegen kann und einer therapeutischen Beeinflussbarkeit zugänglich ist.

Eine Demenz besteht also demzufolge, wenn „... das Gedächtnis objektiv nachweisbar nachlässt. Die Einschränkung des Gedächtnisses zeigt sich vor allen Dingen beim Erlernen neuer Inhalte. Im späteren Verlauf der Erkrankung zeigt sich jedoch auch das Kurzzeitgedächtnis und die Wiedergabe früher erlernter Informationen beeinträchtigt. Die Bewältigung von Alltagsroutinen kann nicht mehr geleistet werden.“ (Zsolnay-Wildgruber, S.15)

Weiterhin spricht man von Demenz, wenn „... intellektuelle Fähigkeiten objektiv beeinträchtigt sind und sich dies in Störungen des Denkens und der Informationsverarbeitung ausdrückt. Das Ausmaß der

Störung ist so gravierend, dass Alltagsprobleme nicht mehr zufriedenstellend bewältigt werden können.“ (Zsolnay-Wildgruber, S.15)

Ebenfalls ist es wichtig, durch den Sprachgebrauch zum Ausdruck zu bringen, dass es sich bei einer dementiellen Erkrankung nicht um natürliche Alterungsprozesse, sondern um eine krankhafte Entwicklung handelt.

1.2 Verschiedene Formen von Demenz

Es ist eigentlich falsch zu sagen, ein Mensch ist an der Demenz erkrankt, denn es gibt nicht „die“ Demenz, sondern vielmehr unterschiedliche Demenzformen. Sogar die Demenz vom Alzheimer-Typ , welche vermutlich die größte Untergruppe darstellt, zeichnet sich nicht durch ein einheitliches Krankheitsbild aus, sondern ist wiederum ein Sammelbegriff für viele sich ähnelnde Unterformen.

Die Klassifikation von Demenzen beginnt bei der Unterscheidung in primäre und sekundäre Demenzen.

Die primären Demenzen werden wiederum in die zwei Untergruppen der Demenz vom Alzheimer-Typ und den der vaskulären, der gefäßbedingten, Demenz unterschieden.

Die Alzheimer-Demenz, welche rund 70 Prozent aller Demenzen ausmacht, zeichnet sich durch einen langsam fortschreitenden Verlauf aus. Der Beginn ist nicht klar auszumachen. Die Ursachen sind bisher ungeklärt, es gibt lediglich Hypothesen über die Entstehung dieser Demenzform. Die Diagnose Alzheimer-Demenz ist deshalb auch mehr eine Hypothese, denn man kann im Prinzip nur eine Demenz vom Alzheimer-Typ diagnostizieren, indem man andere Krankheiten ausschließt. Das Risiko an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter. Eine Heilung ist bisher nicht möglich.

Die zweite Untergruppe, die vaskulären Demenzen, macht ca. 20 bis 25 Prozent aller Demenzen aus. Früher wurde diese Form auch als Multi-Infarkt-Demenz (MID) bezeichnet, da sie durch mehrere kleine und größere Hirninfarkte folgenden Schädigungen des Hirngewebes hervorgerufen wird. Die Art der jeweiligen Beeinträchtigung kann hierbei sehr unterschiedlich sein, je nach Ort der Schädigung im Gehirn. Weiterhin kennzeichnend für diese Demenzform ist ein wechselhafter, fluktuierender Verlauf.

Den sekundären Demenzen, die ca. 5 bis 10 Prozent der Demenzen ausmachen, liegen zum Teil behandelbare Erkrankungen zugrunde. Daher ist besonders wichtig diese zu erkennen. Aufgrund der Behandelbarkeit dieser Demenzform ist bei Verdacht eine aufwendige Diagnoseform durchaus sinnvoll und gerechtfertigt. Generell sind drei Ursachen für sekundäre Demenzen erkennbar: Austrocknung, Mangelernährung und Herz-Kreislauf Beschwerden. Diese äußern sich dann wiederum in unterschiedlichen Krankheiten.

Eine weitere Unterscheidung ist wichtig bezüglich der „Pseudo-Demenz“. Von

„Pseudo-Demenz“ spricht man bei depressiven Erkrankungen, bei denen der Betroffene so apathisch und antriebslos ist, dass es so aussieht, als sei er dement. Der depressive Mensch entzieht sich Anforderungs- und Leistungssituationen mit Ausflüchten wie „Ich kann das ja doch nicht“ oder „Ich weiß gar nichts“. Depressionen im Alter werden häufig nicht erkannt. Ärzte und Angehörige sind oft der Meinung, dass es im Alter zur Normalität gehöre, niedergeschlagen zu sein. Dabei sind depressive Erkrankungen mit einer gezielten medikamentösen Behandlung oder durch Gespräche und Veränderung der Lebensumstände, z.B. Ermöglichen von sozialen Kontakten oder Nutzung von Hilfen, relativ gut besserbar.

Ebenfalls abzugrenzen von einer Demenz ist der akute Verwirrtheitszustand. Er tritt meist kurzfristig auf, zum Beispiel bei Fieber, Ortswechsel, traumatischen Erlebnissen, Vergiftung (Alkohol, Medikamente) oder einem Sturz. Er ist ebenfalls reversibel.

1.3 Entstehung einer Demenz

Da es sich hier nicht um eine medizinische Facharbeit handelt, möchte ich auch nur grob umreißen, wie eine Demenz entsteht.

Obwohl schon mehr als 90 Jahre seit der ersten Fallbeschreibung durch den Nervenarzt Alois Alzheimer vergangen sind, konnten die Ursachen von Demenz nur in ersten Ansätzen geklärt werden. Erwiesen ist jedoch, dass sich in bestimmten Regionen des Gehirns schädliche Eiweißmoleküle, vor allem so genanntes Beta- Amyloid, ablagern. Es bilden sich Eiweißklumpen, die als Plaques bezeichnet werden. Die Nervenzellen, die sich in der Nähe dieser Plaques befinden, funktionieren nicht mehr richtig.

Im Inneren der Zelle befinden sich Bündel von Neurofibrilen. Hierbei handelt es sich um wirr verknäulte Eiweißstränge, die größtenteils aus dem sogenannten Tau-Protein bestehen. Dieses garantiert die Stabilität des Transportes von Substanzen innerhalb der Zellen zu den Synapsen, den Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen. Wenn dieses Tau- Protein seine Aufgabe nicht mehr richtig erfüllt, wird der Stofftransport zu den Synapsen unterbrochen. Der Stoffwechsel der betroffenen Zellen gerät vollkommen aus den Fugen, was zur Folge hat, dass die Zellen eingehende Informationen nicht mehr korrekt an die Nachbarzellen weiterleiten können. Neue Informationen werden gar nicht oder falsch weitergeleitet. Die Nervenzellen werden zunehmend geschädigt und die Lücken im gesamten Informationsübertragung werden immer größer.

Das Gehirn kann nicht mehr genügend Informationen aufnehmen und bereits gespeicherte Informationen nicht mehr abrufen. Schließlich sterben die Nervenzellen in den betroffenen Regionen ab. Dieser Vorgang zieht sich über die verschiedenen Stadien des Krankheitsverlaufs hin.

1.4 Der Verlauf

1.4.1 Das Anfangsstadium

Der Beginn von Demenzerkrankungen ist schleichend. Die Krankheitssymptome sind milde und oft kaum merklich. Betroffene stellen bei sich leichte Gedächtnislücken fest und bemerken Probleme bei der Wortfindung. Es fällt ihnen schwer Zusammenhänge zu erkennen, Schlussfolgerungen zu ziehen oder Probleme zu lösen. Auch die Orientierung in fremder Umgebung oder die Erinnerung an das genaue Datum werden zu Problemen.

Komplizierte Tätigkeiten können nicht mehr ausgeführt werden, dazu gehört auch das gleichzeitige Erledigen mehrerer Aufgaben. Der Erkrankte erlebt den dadurch verursachten Kompetenzverlust sehr bewusst. Dieses bewusste Wahrnehmen einfache Dinge nicht mehr zu beherrschen, kann zu Depressionen (Suizidgefahr) und zu Abwehrversuchen führen. Letzteres äußert sich vor allem darin, dass der Erkrankte versucht, wortreich und liebenswürdig, Defizite zu verbergen, seine Fehlleistungen zu verleugnen und Anstrengungen zu umgehen. Andere Erkrankte reagieren mit Niedergeschlagenheit, Scham, Wut oder Angst.

Der Gedächtnisverlust schreitet immer weiter fort, so dass unmittelbar Vergangenes vergessen wird. Lücken, die im unmittelbaren Erleben der Erkrankten auftreten, können durch Denkschwierigkeiten nicht logisch überbrückt werden. Viele Situationen werden unvollständig oder falsch erfasst. Die Fähigkeit etwas zu planen ist bei Betroffenen kaum mehr ausgeprägt. Eigene Handlungsentwürfe können nicht bis zum Ende aufrecht erhalten werden, was zur Folge hat, dass wiederholte Ansätze benötigt werden, um ein Ziel zu erreichen. Sinneseindrücke des täglichen Lebens kann der Betroffene nicht mehr verarbeiten. Auf die entstehende Reizüberflutung reagieren die Erkrankten mit Panik, Aggression oder Depression.

Im Allgemeinen kann der Alltag ohne große Probleme gut gemeistert werden. Diese Phase dauert ca. 2 bis 3 Jahre.

Das Ende der ersten Phase ist durch Zunahme der Unsicherheit und Ratlosigkeit geprägt. Der Betroffene baut sich eine enorme Bindung zu einer Bezugsperson und Sicherungsmechanismen, wie z.B. das Kramen in Taschen oder die häufige Kontrolle der Wohnungstür, auf.

1.4.2 Die mittlere Phase

In dieser Phase werden die Symptome immer stärker und lassen sich meist nicht mehr verbergen.

Für betroffene Menschen ist eine selbstständige Lebensführung kaum noch möglich, da Gedächtnisleistung und Denkvermögen zu weit abgebaut haben. Erkrankte brauchen immer mehr Hilfe bei den Dingen des täglichen Lebens (Körperpflege, Toilettengang, An- und Ausziehen).

Die Betroffenen können Vergangenheit und Gegenwart oft nicht mehr unterscheiden und vergessen manchmal selbst die Namen vertrauter Personen.

Die Sprache wird schwerer verständlich, demzufolge wird die Kommunikation zunehmend schwieriger. Dies äußert sich in Wortfindungsschwierigkeiten, Benennungsstörungen bis hin zum völligen Verstummen. Die allgemeine Erinnerung verblasst soweit, dass die Bedeutung für Worte , Gegenstände, persönliche Identität und die eigene Vergangenheit verloren geht.

Die zentralen Persönlichkeitseigenschaften sind noch vorhanden. Besonderen Wert legen Betroffene beispielsweise auf die Intimsphäre. Sie haben das Bedürfnis nach Unabhängigkeit und lehnen häufig Hilfestellungen ab. Die Erkrankten sind unruhig, wandern viel herum und finden oft die Zimmer in der Wohnung nicht. Außerhalb des Hauses können sie sich leicht verirren.

Es kommt weiterhin zu einer Störung des Tag- und Nachtrhythmuses, also zu einer zeitlichen Desorientierung. Die Erkrankten sind in der Nacht aktiv und am Tag müde. Sie werden zunehmend apathischer und zeigen immer weniger Interesse an ihrer Umwelt. Oft sitzen sie stundenlang herum, ohne etwas zu tun. Körperpflege und Kleidung werden immer stärker vernachlässigt. Die Betroffenen leiden unter Wahnvorstellungen, das heißt sie leben zum Beispiel ständig in dem Glauben bestohlen zu werden oder fremde Personen in ihrer Wohnung zu haben. Sie überfordern sich selbst, da sie ihre eigene Behinderung nicht wahrnehmen.

1.4.3 Das dritte Stadium

Im dritten Stadium sind Demenz-Patienten vollkommen auf die Hilfe anderer angewiesen. Sie sind schwerst pflegebedürftig. Diese völlige Hilflosigkeit resultiert aus dem gänzlichen Versagen des Gedächtnisses, dem fast vollständigen Sprachverlust und den verschiedenen körperlichen Symptomen. Einfache Handlungen, wie Essen und Trinken, sind nur unter großen Mühen und mit Hilfe möglich. Gehstörungen, eine unbeherrschte vorn übergeneigte Körperhaltung und ein ausbleibender Schluckreflex sind nur einige der vielen auftretenden körperlichen Symptome in diesem Stadium.

In diesem Krankheitsendstadium sind die Erkrankten häufig bettlägerig. Sie können Stuhlgang und Urinabgabe nicht mehr kontrollieren.

Als letzte Willensäußerung bleibt ihnen oft nur das Verweigern der Nahrungsaufnahme.

Das Immunsystem wird immer schwächer,und es kommt zum Ableben des Erkrankten.

Bei der Feststellung der Todesursache gibt es jedoch verschiedene Auffassungen. Es ist umstritten, ob man die Demenzerkrankung selbst oder die unmittelbaren verschiedenen Folgen als Gründe für den Tod angibt.

1.5 Vorstellung von Testverfahren zur Einordnung einer Demenz

Im folgenden Kapitel möchte ich Testverfahren vorstellen, die es mir als Sozialpädagogin erleichtern sollen, die Art der vorliegenden Demenz einzuordnen und Punkte beim Klienten zu finden, in denen meine Arbeit ansetzen kann.

Mit ihnen soll, kann und darf keine medizinische Diagnose erstellt werden, das ist Aufgabe des Arztes oder des Psychologen. Oft ist es jedoch so, dass sich Funktionseinschränkungen, die für unzureichende Selbstversorgungsfähigkeiten alter Menschen verantwortlich sind, der konventionellen Medizin entziehen, sie erfordern spezifische Abklärungsmethoden.

Die nun folgenden Testverfahren möchte ich bezüglich ihres spezifischen Einsatzgebietes und mit konkreten Hinweisen zur Anwendung vorstellen.

Die von mir ausgewählten Verfahren kommen alle aus dem Bereich der Assessment –Instrumente, d.h. es handelt sich hierbei um psychologische Testverfahren, die zur Einstufung und Klassifikation bestimmter Krankheitsbilder genutzt werden. Ihnen zugrunde liegen unterschiedliche Methoden, z.B. der Selbst- und Fremdauskunft, der expertengeleiteten Bewertung oder der unmittelbaren, alltagsbezogenen Leistungsmessung.

1.5.1 Der Mehrfachwahl- Wortschatztest (MWT-B)

Mit dem MWT-B misst man das allgemeine Intelligenzniveau einer Testperson, besonders aber die kristallisierte Intelligenz. Unter kristallisierter Intelligenz fasst man alle Erfahrungen, die im Laufe des Lebens gewonnen werden, zusammen. Sie spiegelt sich im Wortschatz, im Wissen sowie in den Fertigkeiten wider und ist eher im Langzeitgedächtnis präsent.

Der Test wird wie folgt durchgeführt: Es wird eine Liste mit mehreren Reihen von Wörtern vorgegeben, wobei nur ein Wort aus jeder der 37 Reihen ein im deutschen Sprachraum richtiges oder verwendetes ist. Dieses Wort soll angestrichen werden.

Die Auswertung dieses Tests ist recht einfach. Es wird für jede Zeile, in der das richtige Wort an- oder durchgestrichen ist, einen Punkt und Zeilen, in denen mehr als ein Wort durchgestrichen ist, werden nicht gewertet. Danach werden die Punkte addiert, wodurch die Gesamtpunktzahl errechnet wird. Um nun den IQ der untersuchten Person ablesen zu können, muss der Wert aus der Normentabelle entnommen werden. Der abgelesene IQ gibt mir nicht nur den Bildungsstand des Klienten an, sondern auch den gegenwärtigen Intelligenzquotienten.

Ob nun eine erzielte Gesamtpunktzahl von 1 bis 37 auf ein niedriges, durchschnittliches oder hohes allgemeines Intelligenzniveau hinweist, kann erst ermittelt werden, wenn dieses Ergebnis mit den Resultaten anderer gleichartiger Personen verglichen wird. Dadurch wird die Gesamtpunktzahl normiert.

Die Vorteile des Tests sehe ich in der schnellen Durchführbarkeit und in der Anwendbarkeit auf alle Altersgruppen.

1.5.2 Die Mini- Mental- State- Examination (MMSE)

Die MMSE ist einer der wichtigsten Tests für das Nachlassen kognitiver Fähigkeiten. Eine Klärung von Gedächtnisstörungen ist im allgemeinen sehr wichtig, da die Verminderung kognitiver Leistungen die Alltags-Kompetenz erheblich einschränkt. Die MMSE ist das am häufigsten angewandte Testverfahren im Alter für Gedächtniseinschränkungen. Eingesetzt werden kann dieses Verfahren von Sozialpädagogen bei Aufnahme von Demenzkranken in ein Pflegezentrum.

Der Test beinhaltet 30 Fragen und besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil werden Orientiertheit (Aufenthaltsort, Datum etc.), Gedächtnis (Begriffe merken) und Aufmerksamkeit (Zahlen subtrahieren) überprüft, im zweiten Teil das Benennen (Was ist das?), Lesen und Schreiben sowie visuell konstruktive Fähigkeiten (ein Fünfeck abzeichnen) abgefragt.

Das Ergebnis, das man bei der Auswertung des Test erhält, gibt Anhaltspunkte zum Schweregrad der Gedächtnisstörung. Die Höchstpunktezahl beträgt 30 Punkte. Werden 25 bis 30 Punkte erreicht, so ist keine kognitive Beeinträchtigung anzunehmen. Bei 24 Punkten und weniger liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit kognitive Leistungseinschränkungen vor, bei 17 bis 0 Punkten schwere bis schwerste.

(Testunterlagen in Anhang 1)

1.5.3 Der Uhrentest

Der Uhrentest, auch Clock Completion (CC) genannt, ist ein einfacher aber sehr effektiver Test, der schnell durchführbar ist.

Das Zeichnen einer Uhr ist ein bewährtes Verfahren zur Messung kognitiver Defizite, Hirnleistungsstörungen und Gesichtsfeldeinschränkungen. Fehler, die auftreten, können auf eine beginnende Demenz hinweisen. Der Uhrentest ist auch als Verlaufskontrolle geeignet und stellt eine wichtige Ergänzung zur MMSE dar.

Die Durchführung des Test läuft folgendermaßen ab: Die Testperson wird aufgefordert, in einem vorgezeichneten Kreis mit einem Durchmesser von 10 cm, die Ziffern so einzutragen, dass die Zeit 10 Minuten nach 11 Uhr abgelesen werden kann. Dabei sollen die Zahlen der Uhr von 1 bis 12 an den richtigen Stellen eingetragen und der kleine sowie der große Zeiger fehlerfrei platziert werden.

Die Auswertung erfolgt nach der Feststellung einer bestimmten Punktzahl. Ein Punkt kann vergeben werden, wenn die Aufgabe exakt erfüllt wurde.

Zwei Punkte werden bei leichten visuell-räumlichen Fehlern vergeben. Visuell-räumlich fehlerhaft bedeutet z.B., dass die Abstände zwischen den Zahlen nicht gleichmäßig sind, oder dass die Ziffern außerhalb des Kreises liegen. Ebenfalls fällt in diesen Fehlerbereich das Verwenden von Linien zur Orientierung .

Wird eine fehlerhafte Uhrzeit, d.h. nur ein Zeiger wird eingezeichnet oder 10 nach 11 oder ähnliches wird als Text hingeschrieben oder keine Uhrzeit wird eingetragen, bei erhaltener visuell-räumlicher Darstellung eingetragen, so können drei Punkte vergeben werden.

Weist die Zeichnung eine mittelgradige visuell-räumliche Desorganisation auf, d.h. Vergessen der Ziffern oder eine Rechts-Links-Umkehr mit Ziffern gegen den Uhrzeigersinn oder keine lesbare Darstellung der Ziffern, so dass kein korrektes Einzeichnen der Uhrzeit möglich ist, so wird der Test mit vier Punkten eingestuft.

Ein Wert von fünf Punkten ist bei schwergradiger visuell-räumlicher Desorganisation gerechtfertigt. Es treten also Fehler wie bei der mittelgradigen Desorganisation auf nur stärker ausgeprägt.

Mit sechs Punkten wird eine Zeichnung bewertet, bei dem keinerlei Darstellung einer Uhr zu erkennen ist.

Um nun einen Normalbefund von einer kognitiven Beeinträchtigung unterscheiden zu können, kann man eine Grenze zwischen 2 und 3 Punkten ziehen, d.h. ein Ergebnis über drei Punkten ist als krankhaft anzusehen.

2. Die Epidemiologie der Demenz

2.1 Prävalenz

Als Prävalenz wird die Anzahl der Kranken in der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt bezeichnet.

Nach mehreren Studien kann man ziemlich genaue Zahlen über den Krankenbestand aussagen. „... Danach steigt die altersspezifische Prävalenzrate annähernd exponentiell mit einer Verdopplung nach jeweils fünf weiteren Lebensjahren von rund 1 Prozent unter den 65- 69-Jährigen auf Werte zwischen 28 und 40 % unter den über 90-Jährigen an. Projiziert man die alterspezifischen Prävalenzraten auf die deutsche Altenbevölkerung im Jahr 1996, ergibt sich ein Anteil von Demenzkranken an den über 65-Jährigen von 6-8,8 % im Mittel von 7,2% ...“ (Bickel, Demenzen im höheren Lebensalter,S.109). Dies wird auch in Diagramm 1 deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Diagramm 1 (aus: Bickel, Demenzen im höheren Lebensalter, S.109)

Die Zahl der Demenzkranken am Ende des Jahres 1996 belief sich nach diesen Schätzungen auf durchschnittlich 930 000.

Unter Annahme, dass die altersspezifischen Prävalenzraten der Demenz konstant bleiben, wird sich der Krankenbestand durchschnittlich pro Jahr um 20 000 erhöhen und in Folge der demographischen Entwicklung bis zum Jahr 2030 auf 1,56Millionen, bis zum Jahr 2050 auf über 2 Millionen zunehmen.

Häufigste Demenzform ist, wie schon erwähnt und auch in zahlreichen epidemiologischen Studien nachgewiesen, die Alzheimer Krankheit mit einem Anteil von rund zwei Dritteln an allen Demenzerkrankungen, was einer Krankenzahl von

650 000 in Deutschland entspricht. Der Anteil der vaskulären Demenzen wird auf 15-30% beziffert. Unter den restlichen ca. 15% der Krankheitsfälle lassen sich eine Vielzahl von sonstigen Demenzformen und Ursachen zusammenfassen.

Bei der gegenwärtigen Altersstruktur machen somit die über 80-Jährigen knapp 70% aller Demenzkranken aus, auf 65-79-Jährigen entfallen etwa 30% der Erkrankungen. Die prozentuale Verteilung unterstreicht die Aussage, dass von Demenzen überwiegend die Höchstbetagten betroffen sind. Somit ist klar , dass die Krankenzahlen auch vom Umfang der höchstaltrigen Bevölkerung bestimmt werden.

2.2 Inzidenz

Unter Inzidenz wird die Anzahl der gesunden Personen verstanden, die im Verlauf eines Jahres erkranken.

Die jährlich ansteigende Neuerkrankungsrate von etwa 0,3% unter den 65-69-Jährigen auf mehr als 7% unter den über 90-Jährigen basiert auf der schon angesprochenen hohen Zahl der Erkrankten. Sie beträgt durchschnittlich 1,5% der gesamten Altenbevölkerung. In Deutschland ist davon auszugehen, dass wenigstens 165 000 ältere Menschen pro Jahr an einer Demenz erkranken, dass möglicherweise aber sogar mehr als 200 000 Ersterkrankungen auftreten.

Für den speziellen Fall der Alzheimer-Krankheit ergibt sich eine Gesamtrate um 1%, was jährlich rund 120 000 neuen Krankheitsfällen entspricht. Aus diesen Zahlen wiederum lässt sich ableiten, dass mehr als ein Viertel der Menschen, die ein Alter von 65 Jahren erreichen, in ihrem weiteren Lebensverlauf an einer Demenz erkranken werden.

2.3 Geschlechtsunterschiede

Im allgemeinen deuten die epidemiologischen Studien nicht auf Geschlechtsunterschiede in der altersspezifischen Prävalenz oder Inzidenz von Demenzerkrankungen hin. Wie aber schon in den vorangegangenen Abschnitten erwähnt, sind von Demenzen überwiegend die Höchstbetagten betroffen und die Krankenzahlen vom Umfang der höchstaltrigen Bevölkerung und somit auch von der geschlechtsspezifischen Verteilung dieser Bevölkerungsschicht abhängig. Das erklärt auch, weshalb es sich bei der Mehrheit der Patienten (ca.70%) um Frauen handelt. Denn obwohl die altersspezifischen Erkrankungsrisiken der beiden Geschlechter nicht bedeutsam voneinander abweichen, führt die höhere Lebenserwartung der Frauen zu einer im fortgeschritteneren Alter stark zunehmenden, in Deutschland noch durch Kriegsfolgen verstärkten Überrepräsentation der Altenbevölkerung. Damit begründet sich auch der große Prozentsatz an weiblichen Demenzkranken.

Diese Überrepräsentation findet man sowohl in den Zahlen der Neuerkrankungen wieder als auch in denen der schon bestehenden Demenzerkrankungen.

2.4 Demographische Entwicklung

Wenn man die Prognosen für die demographische Entwicklung der nächsten Jahre hernimmt, so kommen keine Zweifel auf, dass altersassoziierte Erkrankungen das Sozial- und Gesundheitssystem vor neue wachsende Herausforderungen stellen werden.

Dem Diagramm 2 ist zu entnehmen wie sich die Zahl der älteren Menschen verändern wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 2 (aus: Bickel, Demenzen im höheren Lebensalter, S.110)

[...]

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Details

Titel
Sozialarbeit und Demenz. Konzeptionelle Rahmenüberlegungen zur Schaffung eines Pflegezentrums für Demenzkranke
Hochschule
Berufsakademie Sachsen in Breitenbrunn  (Sozialpädagogik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
75
Katalognummer
V5330
ISBN (eBook)
9783638132459
ISBN (Buch)
9783640105090
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialarbeit, Demenz, Konzeptionelle, Rahmenüberlegungen, Schaffung, Pflegezentrums, Demenzkranke
Arbeit zitieren
Mandy Beyer (Autor), 2002, Sozialarbeit und Demenz. Konzeptionelle Rahmenüberlegungen zur Schaffung eines Pflegezentrums für Demenzkranke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5330

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