Die sechste Änderung des Hochschulrahmengesetzes, die das gebührenfreie Studieren in Deutschland garantierte, war kaum verabschiedet, schon erhoben sechs Bundesländer gemeinsam Einspruch vor dem Bundesverfassungsgericht. Baden-Württemberg, Hamburg, Sachsen-Anhalt, das Saarland, Bayern und Sachsen sehen ihre Kompetenz zur Gestaltung der Bildungspolitik beeinträchtigt. Der Wissenschaftssenator des Bundeslandes Bremen hatte erst kürzlich wiederholt, dass sich Bremen an seinen Nachbarländern orientieren werde. Niedersachsen und Hamburg haben beide angekündigt, bei einem entsprechenden Urteil Studiengebühren sofort einzuführen. Bremen könne sich ein Dasein als gebührenfreie Insel nicht leisten.
Die Lektüre von Pressemeldungen der letzten Wochen und Monate erweckt den Eindruck, dass eine Einführung von Studiengebühren im Erststudium in verschiedenen Bundesländern Deutschlands immer wahrscheinlicher wird. Die Diskussionen in der Öffentlichkeit sind sehr emotionsgeladen und verlassen selten das Stadium der Präsentation von Überzeugungen. Auf der einen Seite werden eine Unterfinanzierung von Hochschulen und überfüllte Hörsäle beklagt. Andererseits wird kritisiert, Deutschland schöpfe sein Bildungspotential unzureichend aus. Die Frage, ob Studiengebühren für mehr Effizienz bei der Verwendung vorhandener Mittel sorgen werden, wird kontrovers diskutiert. Diese Arbeit wird sich in erster Linie mit den sozialen Auswirkungen einer Einführung von Studiengebühren befassen.
Die zentrale Fragestellung lautet: Welche Interaktionswirkungen zwischen der Einführung von Studiengebühren und der Entwicklung der Ungleichheit der Bildungschancen in der Bundesrepublik Deutschland sind zu erwarten?
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1 Fragestellung
2. Bildung in der Bundesrepublik Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Hochschulbildung
2.1 Bildung und Bildungssystem – einige Begriffsbestimmungen
2.2 Bildungsexpansion
2.3 Ungleichheit der Bildungschancen
2.4 Bildungspolitik: Die Rolle des Staates
3. Studiengebühren und ihre Auswirkungen
3.1 Der Abschreckungseffekt
3.1.1 Studienkosten
3.1.2 Alternativen zum Studium und zukünftige Einkommen
3.1.3 Das Fallbeispiel Österreich: Spiegelbild für die zukünftige Entwicklung in Deutschland?
3.2 Die Verteilungswirkungen
3.2.1 Umverteilungen im Querschnitt
3.2.2 Umverteilungen im Längsschnitt
3.2.3 Fazit
4. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zu erwartenden Interaktionswirkungen zwischen der Einführung von Studiengebühren in der Bundesrepublik Deutschland und der Entwicklung der Ungleichheit der Bildungschancen.
- Soziale Auswirkungen der Einführung von Studiengebühren
- Analyse des Abschreckungseffekts auf potenzielle Studienbewerber
- Untersuchung von Verteilungswirkungen (Querschnitt und Längsschnitt)
- Vergleich der Studienfinanzierungsmodelle und ihrer Anreizstrukturen
- Bedeutung der sozialen Herkunft für die Bildungsbeteiligung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Studienkosten
Die Diskussion zum Thema Studienfinanzierung wird leider häufig auf den Aspekt der Studiengebühren beschränkt. Mindestens ebenso wichtig ist es jedoch, auf der Kostenseite z.B. auch die Lebenshaltungskosten der Studierenden zu berücksichtigen und auf der anderen Seite die möglichen Einkommensquellen zu betrachten, vor allem die direkte staatliche Studienförderung. Die Studierenden tragen, selbst wenn der Staat einen Großteil der Kosten für Hochschulen aufbringt, einen erheblichen Anteil selbst. Der private Finanzierungsanteil an den Gesamtkosten der Hochschulausbildung in Deutschland lag 1997 bei ca. 40 % und entfällt vor allem auf die Lebenshaltungskosten. Diese Kosten fallen zwar unabhängig davon an, ob man studiert oder nicht; betrachtet man aber das Phänomen der Abschreckung von Studiengebühren auf potentielle Studienbewerber, so kann man sie (die Kosten des privaten Finanzierungsanteils) nicht vernachlässigen. Darüber hinaus ist auf die sogenannten Opportunitätskosten zu verweisen, die in Form des Verzichts auf ein (vollwertiges) Arbeitseinkommen während des Studiums von erheblichem Gewicht sind. In öffentlichen Diskussionen, aber auch in der Wahrnehmung der Betroffenen, wird dieser Aspekt oft vernachlässigt.
Da an den Hochschulen keine Lernmittelfreiheit besteht, fallen auch die Zahlungen von Studenten für Unterrichtsmaterial, wie Bücher, Kopien oder anteilige Anschaffungs- und Unterhaltungskosten eines Computers, Druckers etc. an, die zwangsläufig höher sind als beispielsweise bei den Schulen. Weiterhin fallen Beiträge für Studentenwerk und AStA bzw. StuRa an, die zwar nicht direkt zur Hochschulbildungsfinanzierung dienen, aber trotzdem eine Voraussetzung für die Teilnahme am Studium sind und deshalb als Studienkosten betrachtet werden müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel erläutert den aktuellen Kontext der Debatte um Studiengebühren in Deutschland und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit.
2. Bildung in der Bundesrepublik Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Hochschulbildung: Es werden grundlegende Begriffe definiert, die Bildungsexpansion beschrieben, die Ungleichheit der Bildungschancen analysiert und die Rolle des Staates in der Bildungspolitik beleuchtet.
3. Studiengebühren und ihre Auswirkungen: Dieses Kapitel rekonstruiert die ökonomischen und sozialen Auswirkungen von Studiengebühren, wobei insbesondere Abschreckungseffekte, Verteilungswirkungen und internationale Fallbeispiele diskutiert werden.
4. Zusammenfassung der Ergebnisse: Hier werden die zentralen Erkenntnisse zusammengeführt und die Schlussfolgerung gezogen, dass Studiengebühren negative Auswirkungen auf die soziale Gerechtigkeit im Bildungssystem haben.
Schlüsselwörter
Studiengebühren, soziale Ungleichheit, Bildungschancen, Bildungsexpansion, Abschreckungseffekt, Studienfinanzierung, Bildungsbeteiligung, soziale Herkunft, Chancengerechtigkeit, Verteilungswirkung, Humankapital, Hochschulpolitik, Bildungsrendite, Bildungszugang, Lohnspreizung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den sozialen Auswirkungen einer möglichen Einführung von Studiengebühren an Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Abschreckungseffekt auf Studienanfänger, die Verteilungswirkungen von Finanzierungsmodellen und der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, welche Interaktionswirkungen zwischen Studiengebühren und der Entwicklung der Ungleichheit der Bildungschancen zu erwarten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen und empirischen Analyse soziologischer und bildungsökonomischer Literatur sowie der Auswertung von Daten zu Bildungsbeteiligung und Finanzierungsmodellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen hinter dem Abschreckungseffekt, beleuchtet die Rolle des Staates und untersucht mittels Querschnitts- und Längsschnittanalysen die Verteilungswirkungen des Studiums.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Studiengebühren, soziale Ungleichheit, Chancengerechtigkeit, Bildungsbeteiligung, Studienfinanzierung und soziale Herkunft.
Warum wird das Fallbeispiel Österreich herangezogen?
Österreich dient als Fallbeispiel, da es dort nach der Einführung von Studiengebühren zu signifikanten Rückgängen bei den Studierendenzahlen kam, was als Indikator für Deutschland interpretiert wird.
Welche Rolle spielt die soziale Herkunft bei der Bildungsentscheidung?
Die Arbeit belegt, dass die soziale Herkunft nach wie vor einen maßgeblichen Einfluss auf den Bildungserfolg und die Studienaufnahme hat, was durch den sogenannten Bildungstrichter veranschaulicht wird.
- Quote paper
- Karsten Goll (Author), 2005, Welche Folgen haben Studiengebühren für die Bildungschancen in Deutschland?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53402