Liebe im digitalen Zeitalter. Über die Ökonomisierung des zeitgenössischen Liebeslebens und der Partnerwahl


Fachbuch, 2020

73 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ökonomische Gesellschaftskonzepte
2.1 Neoliberalistische Konzepte bei Byung-Chul Han
2.2 Der emotionale und der skopische Kapitalismus bei Eva Illouz

3 Liebesentwürfe
3.1 Der Eros und der Andere bei Byung-Chul Han
3.2 Die heterosexuelle romantische Liebe bei Eva Illouz

4 Der digitale Liebesmarkt
4.1 Datafizierung: Transformationen des Menschen in handelbare Informationen
4.2 Ökonomisch geformte Partnersuch- und Wahlstrategien im Internet
4.3 Datenbasierte Fantasie, Vorstellungskraft und Begehren

5 Der Körper im Internet: Zwischen Abwesenheit und Ausstellung
5.1 Sinne und Wahrnehmung in der virtuellen Begegnung
5.2 Sexuelle Freiheit und Pornografisierung

6 Neue Unsicherheiten
6.1 Selbstwert und Geschlechterverhältnis
6.2 Versprechen, Verbindlichkeit, Zukunft
6.3 Zwischen Wahlfreiheit und Wahlzwang

7 Schluss

Literaturverzeichnis

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

Copyright © Science Factory 2020

Ein Imprint der GRIN Publishing GmbH, München

Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt, Germany

Covergestaltung: GRIN Publishing GmbH

1 Einleitung

Die Vorstellungen und Formen von Liebe haben sich in der Moderne stark verändert. Durch den Liberalismus, die Industrialisierung, Individualisierung, Subjektivierung, dem Entstehen einer Freizeitsphäre, technischen und medialen Innovationen und dem sich durchsetzenden Konsumkapitalismus haben sich auf vielfältige Weise Felder des Privaten einer ökonomischen Logik zugewandt. Konsum und Kultur, Privates und Öffentliches bilden in der medial vernetzten Welt des 21. Jahrhundert keinen Gegensatz mehr. So sind auch Liebe und Romantik in die Konsumsphäre gerückt. Traditionelle Vorstellungen von Partnerschaft, wie der lebenslangen Ehe, werden von neuen, vielfältigen und oft kurzlebigen Konzepten überlagert. So nehmen die Suche und die Wahl eines Partners1 eine immer größere Rolle ein; Gleichzeitig haben sich die Bedingungen, Erwartungen, Mechanismen und Techniken gewandelt, mit denen diese verknüpft sind. Vor allem durch die Einführung des World Wide Web hat die Partnersuche eine neue Struktur bekommen. Die Plattformen, auf denen sich heutzutage Millionen von Liebespaaren finden, sind digital geworden. Über 5,23 Millionen zahlende Nutzer hat im zweiten Quartal 2019 beispielweise die Mobile-Dating-App „Tinder“, Tendenz steigend (Match Group 2019). Auch die Umsätze, die aus dem Online-Dating insgesamt in Deutschland erwirtschaftet werden, steigen jährlich und lagen 2017 bei rund 210,9 Millionen Euro (Singlebörsen-Vergleich 2018). Viele Menschen verlagern also ihre Suche nach einem Partner, und somit ihre Hoffnung auf ein „Match“ ins Netz. Die gesellschaftliche Resonanz dazu fällt zumeist kritisch aus; Populäre Sachbücher wie „Generation Beziehungsunfähig“ von Michael Nast stehen stellvertretend für den Drang, eine Transformation der Liebe in der Moderne und die Problematiken durch die Etablierung des Internets in die soziale Praxis zu erklären. Begriffe wie „Tindern“ sind in unserer Alltagssprache etabliert werden mit kulturellen Phänomenen des Gelegenheitssexes, der Schnelllebigkeit und Unverbindlichkeit von Beziehungen und einer neuartigen, entkörperlichten Form der Partnersuche assoziiert.

Ebenso widmen sich viele wissenschaftliche Arbeiten Fragestellungen rund um die Liebe, Intimität und Beziehungsformen im digitalen Zeitalter. Phänomene wie Schnelllebigkeit, Konsum- und Leistungsorientierung, Individualisierung und Selbstoptimierung als Merkmale der spätkapitalistischen Gesellschaften geraten in den Vordergrund, um sexuelles Überangebot, Unfähigkeiten zur Beziehungsführung, Entprivatisierung des Intimlebens und der Gefühlswelt und die Kommerzialisierung von Liebe und Sex kritisch zu postulieren und zu erklären. Ihre gemeinsame Grundlage findet sich oft in der sozialwissenschaftlichen Forschung über eine Kommodifizierung und Ökonomisierung vormals als „eigenständig“ geltender gesellschaftlicher und sozialer Felder (vgl. Bergmann 2011: 12). Die Ökonomisierungsdiagnose wird zunehmend auch den heutigen Entwicklungen der Liebeskultur gestellt (vgl. Opp 2019: 16 ff.). Als fruchtbar erweist sich dabei die Untersuchung von neuen Techniken der Partnersuche und -wahl im Internet:

„Online Dating wird damit zum prägnanten Beispiel eines generellen Trends zur ökonomischen Rationalisierung aller menschlichen Lebensbereiche. Dabei wird davon ausgegangen, dass die nüchterne, ‚sachorientierte‘ Logik des Internets dem Rationalitäts- und Effizienzstreben der Akteure entgegen kommt – etwa wenn durch komplexe Filter-, Such- und Matchingalgorithmen die wechselseitige Passung von Interessen, Lebenseinstellungen und sozioökonomischen Statusvariablen bereits lange vor einem ersten Treffen automatisiert abgeglichen werden kann“ (Dröge 2018: 4).

Konsum, Liebe und das Internet hängen also eindeutig zusammen. Und bei der Online-Partnersuche tritt das Greifen von Marktlogiken besonders prägnant hervor (Fraueneder/Mairitsch/Ries 2007: 67); Dabei treten jedoch Widersprüche in der Bewertung des Verhältnisses von Liebe und Konsumismus auf. Einerseits herrscht die Vorstellung, dass Kapitalismus und Liebe einen Gegensatz bilden: Rationale, berechnende, standardisierte und effizienzorientierte Handlungsformen, die zum Beispiel die Partnerwahl durch eine Online-Partnerbörse erfordert, steht somit im Widerspruch zu einer Liebe, die „sozialen Zusammenhalt [schafft]“, und die „leidenschaftliche[s] oder humanitäre[s] Gefühl“ beinhaltet, „das zum anderen hinzieht“ (Kaufmann 2011: 170-171). Andererseits werden sogar neue Formen von Intimität im und durch das Internet erforscht (vgl. Dröge 2018: 5-6).

Die Ambivalenzen in diesem Zusammenhang lassen sich durch unterschiedliche Herangehensweisen an die Thematik der Ökonomisierung erklären und zeigen gleichzeitig seine Brisanz als „Kampfbegriff“ (Graf 2019: 15-16) auf; Denn „[d]ie sozialwissenschaftliche, vor allem aber auch die populäre Ökonomisierungsdiagnostik erfolgt ganz überwiegend im Modus der Kritik: Die in den meisten Arbeiten festgestellte Bedeutungssteigerung und Expansion des Ökonomischen in der jüngsten Vergangenheit wird als bedrohlicher Prozess beschrieben, der individuelle und gesellschaftliche Verluste mit sich bringt“ (ebd.: 11).

So sei „[d]ie Ökonomisierungsdiagnose [..] also oft mit normativ-moralischen Erwägungen verbunden“(Graf: 11), die nicht zuletzt dem Konzept des Neoliberalismus eine bedeutsame Rolle zukommen lassen (ebd.). So beschäftigen sich viele sozialwissenschaftliche Gesellschaftskritiker mit der „Diagnose einer neuen, auf Totalität und Herrschaftsstabilisierung abzielenden kapitalistischen Politik- und Gesellschaftsformation. […] Wie von Naturgesetzen getrieben und damit auch analog der neoliberalen Theorie fällt der Kapitalismus über eine Gesellschaft her, und beendet das goldene Zeitalter des Nachkriegskapitalismus“ (Nordmann 2013: 11).

Theoretiker wie Harmut Rosa, der in seinen Werken (Rosa 2016a; vgl. Rosa 2016b) von einer allgemeinen Beschleunigung der Lebensverhältnisse ausgeht, die unter anderem auch von ökonomischen Steigerungslogiken getrieben wird und die „Resonanzachsen“ durcheinander bringt, die den Menschen mit der Welt in Einklang bringen, implizieren negative Auswirkungen des Neoliberalismus, der übrigens „im allgemeinen Sprachgebrauch seit einigen Jahren zunehmend diskreditierend für (Entartungs-)Prozesse des marktwirtschaftlichen Systems verwendet [wird]“ (Kolb: 87). Damit befinden sich viele gesellschaftskritische Ansätze in der Tradition der Kritischen Theorie (vgl. Nordmann 2013: 9). Gesellschaftsbeschreibung und Gesellschaftskritik überlappen sich dadurch immer wieder (vgl. Lahusen/Stark 2018: 325).

Byung-Chul Han und Eva Illouz2 knüpfen an diese Forschung an und setzen sich ebenfalls kritisch mit dem Zeitgeist auseinander. Sie bieten beide gewissermaßen Gegenwartsdiagnosen an, die einen größeren Zusammenhang zwischen Kapitalismus, digitalen Kommunikationsmedien und der Liebeskultur in der Moderne herstellen. Beide befinden sich dabei auf dem aktuellen Stand der Forschung, und insbesondere Eva Illouz als vielzitierte Quelle bietet Standardwerke zum Themenkomplex Emotionen im Konsumkapitalismus an. Han und Illouz verbinden, erweitern und denken Erkenntnisse von einflussreichen Theoretikern wie Theodor W. Adorno, Karl Marx, Axel Honneth, Max Weber, Walter Benjamin, Jean Baudrillard, Roland Barthes, Michel Foucault und Jacques Lacan um und eignen sich somit als Stichwortgeber für eine theoretische Untersuchung von Liebe und Kapitalismus heute.

Han betrachtet aus philosophischer Perspektive die Auswirkungen eines neoliberalen Regimes auf die Gesellschaft und übt sich unter anderem in der Kritik einer neuen Freiheit als selbstausbeuterische Praxis. Die Lage der Liebe in der heutigen Zeit ist laut Han krisenhaft: Seine wesentlichen Thesen sind das Verschwinden des Eros, der Leidenschaft, das durch die Auslöschung des Anderen und durch den Narzissmus des Subjekts ausgelöst wird, sowie die Pornografisierung und die Transparentmachung des Selbst als Feinde des Eros und der Sexualität. Die digitale Medienkultur, Konsum- und Leistungslogiken spielen dabei eine große Rolle.

Illouz hingegen nähert sich dem späten Konsumkapitalismus aus einer soziologischen Sicht. Sie historisiert die Integration von Gefühlen in den Konsumkapitalismus. Ihr zufolge bildete sich schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein emotionaler Kapitalismus heraus, der die Entstehung von Gefühlswaren begünstigt und somit auch die Romantik in die Konsumsphäre rücken lässt: Die nach Illouz traditionelle, vormoderne Liebe steht schlussendlich im Gegensatz zu modernen Vorstellungen und Praktiken romantischer Liebe. Die Etablierung des Online-Datings stellt für die Partnersuche und Partnerwahl nur den letzten Schritt in einer langen Reihe von Wandlungen der Liebeskultur durch Modernisierungs- und Ökonomisierungsprozesse dar. Illouz untersucht, anders als Han, nicht den Eros als Grundgefüge für Liebe und Partnerschaften, sondern vornehmlich heterosexuelle Liebesbeziehungen, um die Geschlechterdynamiken zu beleuchten, die den Liebesmarkt ihr zufolge bis heute prägen. Buchtitel wie „Warum Liebe weh tut“ und „Warum Liebe endet“ lassen vermuten, dass Illouz ähnlich wie Han von einer Krise der Liebe ausgeht, doch bewertet sie in ihren Untersuchungen die heutige Situation der Liebe nicht so stark negativ, wenngleich sie problematische Auswirkungen nicht vorenthält. Stattdessen versucht Illouz sich an einer „immanenten Kritik“ und sieht davon ab, zeitgenössische Liebesformen im Hinblick auf einen „besseren“ Weg für die Liebe abzuwerten.

Obwohl Han und Illouz in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen verortet sind und ein unterschiedliches Verständnis von Liebe zeigen, bietet sich eine Analyse der zeitgenössischen Liebeslage auf Grundlage ihrer beider Theoriekonzepte an: Denn ihre Analysen heben die besondere Position von Liebe, Leidenschaft und Partnerschaft als Stellschrauben der Moderne hervor, die untrennbar verwoben sind mit den gesellschaftlichen Transformationen in kapitalistischen, neoliberalen und digital vernetzten Gesellschaften der letzten Jahrzehnte. Wie sich zeigt, befinden sich Han und Illouz damit auf dem aktuellen Forschungsstand:

„Heute ist Liebe zu einem fast universellen Thema geworden, das in der Privatheit genauso wie auf dem Marktplatz angesprochen wird. In der Neuzeit wurde Liebe zunehmend dem Individualisierungsschema unterworfen. Spätestens seit dem Zeitpunkt, wo Liebe und Romantik zu einem Anspruch geworden sind – bis hin zu Liebe als einem ‚Projekt‘, das auch scheitern kann –, ist die Liebe als ein zärtliches Gefühl mit Lust und Begehren nicht mehr aus dem Lebensgefühl und der Lebensplanung der Menschen wegzudenken. Das, was als romantische Liebe bezeichnet wird, hat sich als Modell im gesellschaftlichen Kontext der entstehenden Moderne entwickelt“ (Bierhoff 2016: 12).

Das Ziel dieser Arbeit ist nun nicht eine holistische Definition der zeitgenössischen Liebe, sondern vielmehr, Antworten auf die Frage nach den kulturellen Formen, die sie gegenwärtig annimmt, den sozialen Praktiken, die sich an ihr ausrichten und welche Vorstellungen von ihr gesellschaftlich und im Individuum verankert sind, zu finden. Schließlich geht es darum, Transformationen von Liebe, ihren Vorstellungen und Praktiken, vor allem in Bezug auf die Paarbildung, in Zusammenhang mit der Technologie des Computers und des Internets und Prozessen der Ökonomisierung zu sehen. Die Problematik eines Wandels der Liebe durch den Kapitalismus und die Einführung des Internets ist zudem verknüpft mit den veränderten Formen des modernen Soziallebens, einer veränderten Selbstwahrnehmung und neuen Leistungs- und Glücksimperativen. Passen traditionelle Vorstellungen von Liebe und Romantik also nicht (mehr) zur Realität des Erlebten, so stellt sich die Frage, welche zeitgenössischen Vorstellungen vom Liebesglück sich durch Modernisierungsprozesse herausgebildet haben, die eng mit der Definition des Selbst verknüpft sind, und wie sie umgesetzt werden und sich zur Praxis des Lebens in modernen, digitalisierten Konsumgesellschaften verhalten. Das Phänomen des Wandels der Liebe lässt sich nur vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Veränderungen und wechselseitiger Beeinflussung von gesellschaftlichen und sozialen Teilbereichen untersuchen; Das sich zusammenfügende Begriffsdreieck Liebe-Konsum-Internet bezeichnet nicht nur das Übergreifen von Konsum- und Marktlogiken auf die Privatsphäre, sondern auch auf unsere Kommunikations-, Wahrnehmungs- und Denkweise – und die umkehrte Anpassung von Konsumformen an die Wünsche und Bedürfnisse der Gesellschaft und ihrer Subjekte (vgl. Burkart 2014: 86). Ökonomisierungsprozesse lassen sich sogar mit Grundwerten der Moderne wie Freiheit, Gleichheit und Selbstverwirklichung in Zusammenhang bringen: Prozesse der Beschleunigung, Rationalisierung und Standardisierung, Effizienz- und Leistungslogiken, Dynamiken wie die des Angebots und der Nachfrage, Kategorien der Vergleichbarkeit und Austauschbarkeit haben den Umgang des Subjekts mit sich selbst und seiner Umwelt in Bezug auf die Liebe im Namen einer Freiheit, sich durch seine eigene Leistung selbst zu verwirklichen und stetig zu verbessern, und durch die Idee der Gleichwertigkeit von Geschlechtern, Klassen, Ethnien etc. wesentlich gewandelt (vgl. ebd.: 92).

Es entstehen also neuartige Konzepte der Partnersuche und Paarbildung, die die Praktiken des Liebeswerbens an die Werte und Ökonomien unserer spätkapitalistischen Gesellschaft angleichen. Was bei Byung-Chul Han die totale Transparenz im Internet ausmacht, das zudem als eine Echokammer des Selbstbezugs funktioniert, und so den Anderen aus dem Erfahrungsraum vertreibt, wird bei Eva Illouz ausgedrückt durch die Begriffe Selbstoptimierung und Selbstdarstellung bei der Partnersuche durch Online-Dating: Die Bedürfnisbefriedigung, auch das Bedürfnis nach Liebe und Intimität, ist geprägt durch unsere modernen Konsumgewohnheiten. Das Individuum konzentriert sich vorzüglich auf sich selbst und auf die möglichst unkomplizierte, schnelle Befriedigung des Bedürfnisses nach Nähe, Liebe bzw. einem Seelenpartner. Das wird gefördert und ermöglicht durch die marktähnliche und konsumorientierte Struktur von Online-Partnerbörsen, in denen die Präsentation des Selbst in den Vordergrund rückt und die Auswahl aus unendlich vielen gleichartigen Personenprofilen einen neuen Charakter annimmt, der sich abseits der Face-to-Face- Kommunikation befindet. Han und Illouz beschreiben den modernen Menschen mit seinen Emotionen in einer neuartigen Lage, die aber unterschiedlich begründet und bewertet wird. Am Ende stehen aber Thesen eines Scheiterns der Liebe. Bei Han ist das Verschwinden des Anderen, der Narzissmus und die zunehmende Homogenität der Gesellschaft der Grund für eine Krise der Liebe, bezeichnet als die „Agonie des Eros“, eines „Terror des Gleichen“ und einer „Gesellschaft der Erschöpfung“; Währenddessen bewertet Illouz die Qualität der modernen Liebeserscheinungen eher mit psychotherapeutischen und ökonomischen Kennzahlen, und sieht negative Gefühle bezüglich der Liebe, beziehungsweise das Scheitern von Liebe im Zusammenhang mit einer ontologischen Unsicherheit und enttäuschten Hoffnungen, die der Illusion der großen Auswahl und Wahlfreiheit im Internet entgegenstehen, weil das im Netz vermittelte Selbstbild nicht mit dem unbewussten Selbst und so dem Fremdbild übereinstimmt. Die Verfügbarmachung des Selbst, darunter seiner Emotionen, seines Streben nach persönlicher Erfüllung, Glück, und Liebe für marktförmige Strukturen, wie sie das Internet prägen, sind der Ausgangspunkt der Diskussion, wie Menschen nach der Liebe suchen und mit ihr umgehen, und warum Probleme entstehen.

Meine Forschungsthese lautet also: Die Teilprozesse und Strukturen der Liebespaarbildung heute unterliegen besonderen Ökonomien, die sich im Spätkapitalismus insbesondere im Zusammenhang mit dem Internet und der Möglichkeit des Online-Datings herausgebildet haben. So verändern sich nicht nur die Vorstellungen von Liebe, sondern auch ihre Umsetzungsformen. Vor dem Hintergrund eines veränderten Verständnisses des Selbst entstehen neue Strategien und Techniken der Partnerwahl. Die Liebeserfahrung selbst ändert sich. Welchen Herausforderungen sich Menschen bei der Partnersuche im Netz heute stellen müssen, soll in dieser Arbeit mithilfe der Konzepte von Byung-Chul Han und Eva Illouz untersucht werden. Was macht den Aufbau einer Beziehung im Internet schwierig, wenn ökonomische Prinzipien die Wahl mitgestalten?

Diese Frage soll mithilfe einer theoretischen Forschungsmethode erforscht werden. Es gilt, die Konzepte von Han und Illouz bezüglich Ihrer Sichtweisen auf das Phänomen der Online-Partnersuche in kapitalistisch geprägten Systemen zu untersuchen. Dazu werden einerseits folgende Werke von Eva Illouz einer Analyse unterzogen: „Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus“ (Illouz/Wirthensohn 2017), „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2004“ (Illouz 2007), „Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe“ (Illouz 2009), „Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung“ (Illouz/Adrian 2011), „Die neue Liebesordnung. Frauen, Männer und „Shades of Grey““ (Illouz 2013), „Wa(h)re Gefühle. Authentizität im Konsumkapitalismus“ (Illouz/Adrian/Honneth 2018) und „Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen“ (Illouz/Adrian 2018). Auf der anderen Seite werden „Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung“ (Han 2005), „Müdigkeitsgesellschaft“ (Han 2010), „Transparenzgesellschaft“ (Han 2013c), „Agonie des Eros“ (Han 2013a), „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“ (Han 2013b), „Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken“ (Han 2014) und „Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute“ (Han 2016) von Byung-Chul Han zu einer Untersuchung herangezogen.

Die Analyse ist insofern systematisch, als dass sie sich die Architektur der Theoriegebäude genau anschaut (vgl. Lahusen/Stark 2018: 321-322). Um die unterschiedliche Struktur der Theoriebildung in Hans und Illouz‘ Werken nutzbar zu machen, bietet sich eine Unterscheidung von Semantik und Syntax nach C. Wright Mills an:

“When we consider what a word stands for, we are dealing with its semantic aspects; when we consider it in relation to other words, we are dealing with its syntactic features“ (Mills/Gitlin 2000: 33).

Er bezieht dabei diese Unterscheidung, die ursprünglich auf Zeichensysteme wie Sprache angewendet wird, auf gesellschaftliche Theorien, um begriffliche Genauigkeiten und eindeutige Bedeutungen rund um zentrale Begriffe in gesellschaftlichen Großtheorien einzuführen. Dies kann auch bei der Analyse des Phänomens Online-Dating hilfreich sein: Die Mittel und Begriffe, die Han und Illouz zur Bildung ihrer Theorien nutzen, unterscheiden sich. Sie unterscheiden sich in Bezug darauf, was gleiche und ähnliche Begriffe meinen und im Bezug darauf, dass auch unterschiedliche Bezeichnungen und Bedeutungskonstrukte auf denselben Sachverhalt hinweisen können. So können „unterschiedliche Begriffe das gleiche meinen“ (Lahusen/Stark 2018: 322), während "[d]ie gleichen Begriffe [..] also aufgrund von verschiedenen Theoriekonstruktionen unterschiedlich definiert [werden], sie nehmen innerhalb dieser Theorien dann auch einen unterschiedlichen Platz ein" (ebd.). Um also Hans und Illouz‘ Ausführungen beide auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede prüfen zu können, Forschungslücken aufdecken und ergänzende Formulierungen bei dem/der jeweils anderen Wissenschaftler/in zum Weiterdenken der Ansätze nutzen zu können, werden folgende zwei Vergleichsfragen hilfreich:

„Die semantische Vergleichsfrage wäre, ob es auch für diese Begriffe eine Entsprechung in der jeweils anderen Theorie gibt, welche die gleiche Bedeutung haben. Die Frage der Syntax würde lauten: Mit welchen anderen Begriffen stehen diese Bedeutungen in den jeweiligen Theorien in Verbindung?“ (ebd.: 322-323)

Aus diesem Grund werden zunächst die gemeinsamen grundlegenden Konzepte der Theoriekonstruktionen von Han und Illouz erläutert, die für das Phänomen der Liebe zwischen Kapitalismus und Internet den Hintergrund bilden. Die erste Frage lautet also: In welcher Ausgangssituation befindet sich die Gesellschaft, wenn wir von einer Ökonomisierung derselben ausgehen? Das bedeutet zunächst, allgemein die Begriffe der Ökonomisierung im Zusammenhang mit dem Neoliberalismus zu erörtern und als grundlegende Gesellschaftskonzepte in Hans und Illouz Ausführungen zu verankern. Wie definieren sich kapitalistische Systeme in ihren Werken, welche Begriffe nutzen sie? Zu dieser Frage soll das Kapitel „Ökonomische Gesellschaftskonzepte“ einen Überblick ihrer verschiedenartigen Semantiken geben, die später wichtig für die Liebesthematik werden. Als nächstes bietet es sich an, die wichtigsten Begrifflichkeiten des Wissenschaftlers und der Wissenschaftlerin herauszufiltern und zu erläutern, die sich unter den Oberbegriff „Liebe“ fassen lassen. Somit werden die Unterschiede der Schwerpunkte sichtbar, die sie setzen, um der spätmodernen Liebe Schwierigkeiten zu attestieren. Dies geschieht im Kapitel „Liebesentwürfe“. In den ersten zwei Kapiteln werden also die Grundlagen geklärt, auf denen Illouz und Han das Phänomen, das sich zwischen Liebe-Kapitalismus-Online-Dating bewegt, aufbauen. Als nächstes wird die Technik vorgestellt, durch die sich das Online-Dating als beliebte Form der Partnerwahl heutzutage etabliert hat: das Internet. Die Art, wie das menschliche Leben durch die moderne Technik „datafiziert“ wird, und was dies für eine Partnersuche im Internet bedeutet, ist Teil des Kapitels „Der digitale Liebesmarkt“. Diese ist die erste Analyseebene, in der beide Theoriekonzepte abgewogen werden, um herauszufinden, in welcher Situation potenzielle Partner im Netz aufeinandertreffen, und was dies für die konkrete Wahl bedeutet. Dies soll die eher kognitive Ebene der Partnersuche und Partnerwahl beleuchten, während die sinnliche Wahrnehmung, die Körperlichkeit und Sexualität der Liebessuchenden im Internet im Kapitel „Der Körper im Internet: Zwischen Abwesenheit und Ausstellung“ behandelt wird. Das sechste Kapitel „Neue Unsicherheiten“ beschäftigt sich schließlich mit der Frage, welche Unsicherheiten der Modus der virtuellen Partnersuche in den Subjekten verankert, die hinderlich für eine längerfristige Liebesbeziehung sein können. Im „Schluss“-Teil werden die Forschungsthese und -Frage rückbezüglich überprüft und beantwortet.

2 Ökonomische Gesellschaftskonzepte

Die zeitgenössische, gesellschaftskritische Verwendung des Begriffs Ökonomisierung bezieht sich im Allgemeinen auf das Eindringen ökonomischer Konzepte in vormals als eigenständig und unabhängig von Marktmechanismen betrachtete gesellschaftliche Bereiche. Das bedeutet die Unterwerfung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche unter eine Marktlogik (Graf 2019: 9). Wie in der Einleitung angesprochen, hängt der Begriff Ökonomisierung oftmals mit dem Konzept des Neoliberalismus zusammen und wird daher vor allem in diesem Zusammenhang erläutert. Der Neoliberalismus gilt hier als wirtschaftspolitisches Konzept, das „den keynesianisch-wohlfahrtsstaatlichen Konsens ab Mitte der 1970er Jahre ablöste. Weil es sich um eine Revolution von oben handelte, sind bestimmte Herrschaftsformationen in Politik und Wirtschaft sowie spezifische ökonomische Prozesse, die die neoliberale Politik nach sich zog, zu Forschungsfeldern der Sozialwissenschaften geworden“ (Nordmann 2013: 2). Was dadurch hervortritt, ist die Verbindung von Gesellschaft mit Konsum, Wettbewerb und Konkurrenz (vgl. ebd.: 4-5; Kolb: 91), mit Privatisierung (vgl. Nordmann 2013: 9-10), und dazu zählt auch die Privatisierung von sozialer Sicherung (vgl. Hälterlein 2015: 107), bei gleichzeitiger Stärkung des Unternehmertums (vgl. Nordmann 2013: 25) und der Kombination von Gewinnmaximierungstendenzen (vgl. Graf 2019: 14) mit Fortschritt und Wachstum (vgl. Nordmann 2013: 26). Das Leben wird als ein großer Wettbewerb begriffen, Aufstiegschancen (vgl. ebd.: 24) bieten sich nun jedem einzelnen, der die entsprechende Leistung zeigt. Jeder erhält prinzipiell die gleichen Chancen und Freiheiten, jedoch werden ebenso Ungleichverhältnisse gefördert: „Aber bürgerliche Gesellschaft und Marktkapitalismus funktionieren durch das Grundprinzip, durch Geld und/oder Leistung nach festgelegten Maßstäben positionale und hierarchische Ansprüche, kurz Machtansprüche zu begründen“ (Nordmann 2013: 25).

So werden Menschen zu „neoliberalen Subjekten“ (ebd.: 4-5), die in gegenseitiger Konkurrenz zueinander stehen und sich ständig neu erfinden und verbessern müssen:

„Far from Adam Smiths's creature propelled by the natural urge to 'truck, barter, and exchange,' today's homo oeconomicus, is an intensely constructed and governed bit of human capital tasked with improving and leveraging its competitive positioning and with enhancing its (monetray and non-monetary) portfolio value across all of its endeavors and venues“ (Brown 2015: 10).

Ein Effekt ist die Ausgrenzung und Abhängung der Individuen, der sich auch auf soziale Kontexte überträgt – und zu einer isolierten perspektive des Einzelnen führt (Fraueneder/Mairitsch/Ries 2007: 237). Mögliche Auswirkungen dessen schildern Illouz und Han in ihren Gesellschaftsbeschreibungen, die ausschlaggebend werden für die Schwierigkeiten der zeitgenössischen Liebessuche: Narzissmus, Erschöpfung, aber auch die Anhebungen der Ansprüche auf einen potenziellen Partner und Ausformulierung der Wünsche und Vorlieben, die einem konsumkapitalistischen System entspricht. Einen weiteren, wichtigen Ökonomisierungsprozess in diesem Kontext stellt die Rationalisierung dar (vgl. Bergmann 2011: 51) – die sich zum Beispiel berechnend auf die Auswahl der zukünftigen Liebespartner/-innen auswirkt, aber vor allem das Einbringen formaler Kriterien in Entscheidungs- und Bewertungsprozesse bewirkt, was dem Gebot der Effizienz in Zeiten eines wachsenden Angebots an Konsumierbarem entspricht. Ökonomisierung bedeutet in diesem Sinne nicht nur eine Monetarisierung des Menschen, seiner Bedürfnisse und Gefühle – sondern auch die Aufspaltung des Subjekts und seiner Identität in vergleichbare, konkurrenz- und entwicklungsfähige Bündel von Qualitäten und Merkmalen.

2.1 Neoliberalistische Konzepte bei Byung-Chul Han

Die Gesellschaft, die Han in seinen Büchern beschreibt, beruht vor allem auf dem Übergang von der Foucaultschen Disziplinar- zur Leistungsgesellschaft (Han 2010: 17). War die Disziplinarmacht noch von einer repressiven Machtausübung durch Verbote und Kontrolleinrichtungen (Han 2013c: 75) geprägt, deren Imperativ das Sollen war (Han 2013a: 15), so verwandelt sich nun das disziplinarische „Nein“ (Han 2010: 18) in ein leistungsorientiertes „ Yes, we can “ (ebd.). Die Negativität der Disziplinargesellschaft wird durch „[d]as entgrenzte Können “ ersetzt, welches laut Han„das positive Modalverb der Leistungsgesellschaft“ ist (Han 2010: 18). Dies steigert unweigerlich die gesamtgesellschaftliche Produktivität, denn „[d]er neoliberale Imperativ der Leistung verwandelt die Zeit in Arbeitszeit“ (Han 2013b: 48); Das neoliberale Subjekt hat nun die Freiheit, sich selbst zu entfalten, ohne dass ihm eine fremde Autorität Aufgaben oktroyiert (Han 2016: 53-54) – und „beutet sich freiwillig aus in der Illusion, dass [es] sich verwirklicht“ (ebd.: 25). Diese Selbstverwirklichung wird somit zu einer ausbeutbaren Leistung im Namen der Freiheit. So ist die neoliberale Freiheit des Einzelnen keine schöpferische Freiheit im eigentlichen Sinn:

Du kannst übt sogar mehr Zwang aus als Du sollst. Der Selbstzwang ist fataler als der Fremdzwang, weil kein Widerstand gegen sich selbst möglich ist. Das neoliberale Regime verbirgt seine Zwangsstruktur hinter der scheinbaren Freiheit des einzelnen Individuums, das sich nicht mehr als unterworfenes Subjekt (subject to), sondern als entwerfendes Projekt begreift“ (Han 2013a: 16-17).

Die Freiheit unterwirft sich so dem Kapital – es „erzeugt eigene Bedürfnisse, die wir fälschlicherweise als unsere eigenen Bedürfnisse wahrnehmen“ (Han 2014: 16). Es kommt zu einer ontologischen Last des Selbst (Han 2016: 87-88), die durch den Leistungsimperativ verursacht wird und das Leistungssubjekt auf Dauer krank macht; Depressionen und Burn-Out sind die Folgen (Han 2013a: 16). Als „eine Schaffens- und Könnensmüdigkeit “ zeigt sich die Depression, und das „Nicht-Mehr-Können-Können führt zu einem destruktiven Selbstvorwurf und zur Autoagression [sic!]. Das Leistungssubjekt befindet sich mit sich selbst im Krieg. […] Die Depression ist die Erkrankung einer Gesellschaft, die unter dem Übermaß an Positivität leidet“ (Han 2010: 20-21).

Das Selbstbild wird flüchtig und muss ständig neu entworfen werden (Han 2016: 35), da sich das Subjekt dem Beschleunigungszwang des Kapitalismus unterordnet (ebd.: 101). Treffend formuliert Han (2016: 54):„Ich optimiere mich zu Tode. Die neoliberale Herrschaft versteckt sich hinter der illusorischen Freiheit“ – und stärkt die Effizienz des Handelns des Einzelnen gleichzeitig mit dem Ego zulasten seiner sozialen Integration (ebd.: 71). So geht die Verbindung zum Negativraum des Anderen verloren und fördert eine Positivgesellschaft des ständigen Vergleichs: „Die Bemühung um Authentizität, nur sich selbst zu gleichen, löst einen permanenten Vergleich mit Anderen aus. Die Logik des Ver -Gleichens lässt das Anderssein ins Gleichsein umschlagen“ (ebd.: 29-30). Es entsteht ein „Terror des Gleichen“ (ebd.: 9), der die Selbstbezogenheit und dadurch den Narzissmus jedes Einzelnen fördert, indem die Erfahrung des Anderen zugunsten des konsumierbaren Erlebnis und konform gemachter Diversität verschwindet (vgl. Han 2016: 29-30, 2016: 31). Es verschwindet das Soziale aus dem Leben: „Man giert nach Erlebnissen und Erregungen, in denen man aber sich immer gleich bleibt. Man akkumuliert Friends und Follower, ohne je einem Anderen zu begegnen“ (ebd.). Schließlich verschwindet so auch der Eros (Han 2013a: 5-6). Zusammen mit diesem beseitigt der Kapitalismus auch „das gute Leben“ (ebd.: 31), das im Tod eine Alterität und die Verbindung zum Anderen sieht. An die Stelle des „guten Lebens“ tritt nun das „bloße Leben“, das sich um die Angst vor dem Tod und so dessen totaler Verneinung dreht:

„Die Positivgesellschaft, aus der die Negativität des Todes gewichen ist, ist eine Gesellschaft des bloßen Lebens, die einzig von der Sorge beherrscht ist, ‚das Überleben in der Diskontinuität zu sichern‘. Es ist das Leben eines Knechtes. Diese Sorge um das bloße Leben, um das Überleben nimmt dem Leben jede Lebendigkeit, die ein sehr komplexes Phänomen darstellt. Das nur Positive ist leblos. Die Negativität ist wesentlich für die Lebendigkeit“ (ebd.: 36-37).

Die Folge für die von Han beschriebene Gesellschaft besteht in der Obszönität des Kapitalismus (ebd.: 31), die zu einer sinnentleerten (Han 2016: 19) Beschleunigung und einem richtungslosen Wachstum (ebd.) der Produktionsverhältnisse führen, die die neoliberale Gesellschaft beschreiben. Die „Ökonomie des Überlebens“ macht den „Unternehmer seiner selbst“ zu seinem eigenen Knecht (vgl. ebd.: 36-37). Han führt diese Obszönität weiter bis zum Ersterben der Zeitlichkeit selbst, nicht zuletzt durch die Gegenwart des Digitalen:

„Leben wir heute nicht in einer Zeit des Untoten, in der nicht nur das Geborensein, sondern auch das Sterben unmöglich geworden ist? […] Das bloße Leben, das es um jeden Preis zu verlängern gilt, ist ohne Geburt und ohne Tod. Die Zeit des Digitalen ist ein postnatales und postmortales Zeitalter“ (Han 2013b: 46).

Ein weiterer „Paradigmenwechsel“ (ebd.: 98) vollzieht sich laut Han im Übergang von der Überwachungs- zur Transparenzgesellschaft, die sich freiwillig ausleuchtet. Das Bentham-Panoptikum, das noch von der autoritären Überwachung durch den „Big Brother“ (ebd.: 97-98) geprägt war, wird durch das digitale Panoptikum ersetzt, in dem sich die User freiwillig preisgeben. Die „Biomacht“ Foucaults wird durch die „Psychomacht“ ersetzt – weil sie effektiver ist und das Innere des Menschen nach außen kehrt:

„Die Psychopolitik ist in der Lage, mithilfe digitaler Überwachung Gedanken zu lesen und zu kontrollieren. Die digitale Überwachung löst die unzuverlässige, ineffiziente, perspektivische Optik des Big Brother ab“ (ebd.).

Die Transparenz der heutigen Gesellschaft äußert sich als Zwang, denn sie lässt sich ausbeuten und ist ökonomisch effektiv. Menschen präsentieren sich im Netz detailliert selbst und hinterlassen Daten über ihre Vorlieben und ihr Verhalten. Sie formen sich so zu handelbaren Waren, denn „ Ausleuchtungist Ausbeutung. Die Überbelichtung einer Person maximiert die ökonomische Effizienz. Der transparente Kunde ist der neue Insasse, ja der Homo sacer des digitalen Panoptikums“ (Han 2013c: 80). Diese Selbstausstellung hat weitere schwerwiegende Folgen für Han (2013a: 44-45): „die Pornographisierung der Gesellschaft“ - die Sexualität wird kapitalistisch zum konsumierbaren Porno umgeformt. Pornografisch ist dabei die komplette Sichtbarkeit und Transparenz des neoliberalen Subjekts, die kein erotisches Geheimnis mehr birgt (Han 2013c: 27) – der Eros und die Negativität verschwinden also durch die Transparenz. Dadurch entrückt zu guter Letzt die Konsumentscheidung des „ Gefällt-mir “ (Han 2013b: 90) das neoliberale Subjekt seiner politischen Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungsmacht – denn die selbstbezogene, positive Verfolgung der Eigeninteressen setzt keine „Verantwortung für die Gemeinschaft“ (ebd.) voraus. Das neoliberale Subjekt sei laut Han letztendlich kein politisch handlungsfähiger Bürger mehr (ebd.), sondern selbstbezogen, verunsichert und ängstlich (vgl. Han 2016: 22, 2016: 48-49). So kommt es nicht nur zu einer Krise der Gratifikation (vgl. Han 2016: 33) und „psychischer Insolvenz“ (Han 2013a: 17-18), sondern zudem auch auf globaler Ebene zu Fremdenhass und Krieg und Ungleichheit (Han 2016: 21-22), die noch befördert wird von einer wirtschaftlichen Logik, die sich am „Eigennutz orientiert“ (ebd.: 26).

2.2 Der emotionale und der skopische Kapitalismus bei Eva Illouz

Am besten lassen sich die Mechanismen, die bei Illouz den Veränderungen der zeitgenössischen Liebe zugrunde liegen, durch ihre Konzepte des „emotionalen“ und des „skopischen Kapitalismus“ beschreiben. Als erste Grundlage tritt der Konsumkapitalismus in den Vordergrund. Illouz spricht unter anderem vom „Dualismus des Konsumkapitalismus“ (Illouz/Wirthensohn 2017: 26), der einen „wirkungsmächtigen Raum gemeinsamer Symbolik geschaffen“ (ebd.: 25) hat, der sich einerseits allen Gesellschaftsschichten eröffnet, und „andererseits bedarf er der Konzentration von Reichtum und der Legitimation sozialer Teilungen, um sich selbst zu erhalten und zu reproduzieren“ (ebd.: 26). Klassengrenzen zerfallen zugunsten einer Zersplitterung der Gesellschaft „in immer kleinere Gemeinschaften von Konsum- oder Lebensstil-Gruppen“ (ebd.: 25-26). Diese Spezialisierung von Interessen und Bedürfnissen hängt nicht zuletzt mit der Bildung eines „emotionalen Kapitalismus“ zusammen:

„Der emotionale Kapitalismus ist eine Kultur, in der sich emotionale und ökonomische Diskurse und Praktiken gegenseitig formen, um so jene breite Bewegung hervorzubringen, die Affekte einerseits zu einem wesentlichen Bestandteil ökonomischen Verhaltens macht, andererseits aber auch das emotionale Leben - vor allem das der Mittelschichten - der Logik ökonomischer Beziehungen und Austauschprozesse unterwirft“ (Illouz 2007: 12).

„Akte des Konsums und Gefühlsleben“ (ebd.) verschmelzen so miteinander. Was Illouz die „ Koproduktion von Gefühlen und Waren “ (Illouz/Adrian/Honneth 2018: 23) nennt, ist, dass nun Waren hergestellt werden, die spezielle Emotionen hervorrufen sollen, das heißt, dass Gefühle „vermarktet“ werden (ebd.: 39), dadurch „ sind [sie] ein Teil der Bedeutung der Ware, vor allem aber sind sie die zugleich erworbene und hergestellte Ware“ (ebd.: 34). Dadurch entstehen sogenannte „Gefühlswaren“ (ebd.: 23): „Gefühle werden also nicht nur vermarktet und kommodifiziert, sondern auch im Kontext bestimmter Konsumakte hervorgerufen und geprägt“ (Illouz/Adrian/Honneth 2018: 39). Der emotionale Kapitalismus gründet so eine „Sprache des Selbst“ (Illouz 2007: 161): „In der Kultur des emotionalen Kapitalismus haben sich die Emotionen in Entitäten verwandelt, die bewertet, inspiziert, diskutiert, verhandelt, quantifiziert und kommodifiziert werden“ (Illouz 2007: 161). Der Erfolg der Vermarktung von Gefühlen gründet hier für Illouz auf einer Selbsterzählungsweise, die die Mängel des Selbst als Problemursache darstellt, und mit psychologischen Strategien, die sich zum Beispiel als Selbsthilfe-Produkte vermarkten lassen, auszugleichen versucht (ebd.).

An dieser Stelle unterscheiden sich die Konzepte von Han und Illouz. Han kritisiert bei Illouz ein mangelndes Unterscheidungsvermögen von Gefühlen und Emotionen (Han 2014: 62-63) und sieht den Aufstieg der Emotion nicht schon durch die materielle Ware begünstigt:

„Nicht der Gebrauchswert, sondern der emotive oder kultische Wert ist konstitutiv für die Ökonomie des Konsums. Illouz trägt ebenso wenig dem Umstand Rechnung, dass erst im Kapitalismus der immateriellen Produktion die Emotion an Bedeutung gewinnt. Erst heute avanciert die Emotion zum Produktionsmittel“ (Han 2014: 62-63).

[...]


1 Der Lesbarkeit zuliebe wird in dieser Arbeit das generische Maskulinum für den Ausdruck „Partner“ verwendet.

2 Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Reihenfolge der Namensnennung und einer möglichen Bewertung, beziehungsweise Vorrangstellung eines Wissenschaftlers/ einer Wissenschaftlerin gegenüber dem/ der anderen. Wenn auch der Aufbau der folgenden Kapitel zuerst Standpunkte von Byung-Chul Han und dann von Eva Illouz nennt, so trifft dies allein keine Aussage über ihre Wertigkeit.

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Liebe im digitalen Zeitalter. Über die Ökonomisierung des zeitgenössischen Liebeslebens und der Partnerwahl
Autor
Jahr
2020
Seiten
73
Katalognummer
V535286
ISBN (eBook)
9783964872111
ISBN (Buch)
9783964872128
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökonomisierung, Eva Illouz, Byung-Chul Han, Liebe, Liebessoziologie, Neoliberalismus, Eros, Partnersuche, Körper, Internet, Online-Dating, digitaler Liebesmarkt, der Andere, romantische Liebe, Liebesentwürfe, emotionaler Kapitalismus, skopischer Kapitalismus, Begehren, Datafizierung, Fantasie, Pornografisierung, virtuelle Begegnung, Geschlechterverhältnisse, Partnerwahl, Konsum, Romantik, Kapitalismus, virtuelle Partnersuche
Arbeit zitieren
Fabiana Sophie Weller (Autor), 2020, Liebe im digitalen Zeitalter. Über die Ökonomisierung des zeitgenössischen Liebeslebens und der Partnerwahl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535286

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Liebe im digitalen Zeitalter. Über die Ökonomisierung des zeitgenössischen Liebeslebens und der Partnerwahl



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden