Die vorliegende Arbeit erläutert, inwiefern die digitale dyadische Kommunikation zwischen Personen mit bestehender sozialer Beziehung Einfluss auf die Kommunikation im analytisch systemtheoretischen Sinne nach Luhmann hat. Mithilfe eines konstruierten Fragebogens und der anschließenden qualitativen Inhaltsanalyse wird versucht der offenen Frage auf den Grund zu gehen.
Die moderne Gesellschaft zeichnet sich besonders durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche aus. Die digitale Online-Kommunikation, wie wir sie heute kennen, hat sich nun seit mehreren Jahren bewährt und ihre Spuren hinterlassen. Doch wie ist es mit den "klassischen" Kommunikationstheorien? Insbesondere mit dem systemtheoretischen Ansatz der Kommunikation nach Luhmann? Niklas Luhmann hinterließ sichtlich Spuren in der Welt der Soziologen, doch kann die Theorie auch die digitale Online-Kommunikation beschreiben oder muss diese ebenfalls, wie beispielsweise die Kommunikationsformen, angepasst werden?
Nach eingehender Analyse des systemtheoretischen Kommunikationsbegriffs und der empirisch erworbenen Daten ist die Theorie auch auf die digitale Online-Kommunikation anwendbar. Der Ablauf der Kommunikation bleibt ungeachtet der Nutzung der Kommunikationsform und -medium im Grunde genommen dieselbe. Einzig allein die Nutzungsmöglichkeiten der Kommunikationsmedien ändern sich, mit weitreichenden Folgen. Die temporär versetzte Annahme oder Ablehnung der Kommunikationsofferte wird anstelle der sich anbietenden synchronen Kommunikation präferiert genutzt, da insbesondere soziale Pressionen im Vergleich zur mündlichen Interaktion nicht unmittelbar zu erwarten sind. Dafür aber wird der Fokus vor allem auf das psychische Sinn-Verstehen gelegt, um mithilfe einer angemessenen Formulierung und Grammatik Missverständnisse zu vermeiden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 State of Art
3 Aufgabenstellung und Vorgehensweise
4 Systemtheorie nach Luhmann
4.1 Differenzierung von System und Umwelt
4.2 Soziale und psychische Systeme
4.3 Kommunikation in der soziologischen Systemtheorie
4.3.1 Universalmedium – „Sinn“
4.3.2 Kommunikation als Synthese von Information – Mitteilung – Verstehen
4.3.3 Ablauf der Kommunikation
4.3.4 Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation
4.3.5 Kommunikationsmedium Sprache (Verstehen)
4.3.6 Kommunikationsmedien Schrift und Internet (Verbreitung)
5 Empirische Analyse
5.1 Untersuchungsdesign
5.1.1 Untersuchungsmethode
5.1.2 Auswahlverfahren
5.1.3 Konstruktion des Erhebungsinstruments
5.2 Pretest
5.3 Ergebnisse
5.3.1 Fragebogen - Rohdaten
5.3.2 Qualitative Inhaltsanalyse
5.4 Reflexion
6. Fazit
7 Ausblick
8. Literaturverzeichnis
9. Anlage(n)
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welchen Einfluss die digitale dyadische Kommunikation zwischen Personen mit bestehender sozialer Beziehung auf die Kommunikation im analytisch systemtheoretischen Sinne nach Niklas Luhmann hat und ob der theoretische Erklärungsansatz für diese spezifische Kommunikationsform angepasst werden muss.
- Analyse des systemtheoretischen Kommunikationsbegriffs nach Luhmann
- Untersuchung digitaler schriftlicher Kommunikation in dyadischen Beziehungen
- Empirische Erhebung mittels eines konstruierten Fragebogens
- Qualitative Inhaltsanalyse zur Bewertung der Auswirkungen digitaler Medien
- Gegenüberstellung von digitaler Kommunikation und mündlicher Interaktion
Auszug aus dem Buch
4.3.6.2 Digitale Kommunikation
Das Internet erlaubt die Verbreitung von Informationen in einem immensen, noch nie dagewesenen Maße. Miteinander vernetzte internetfähige Geräte ermöglichen sowohl eine raumzeitlich-soziale Entkoppelung der Kommunikation als auch eine simultan ablaufende Mitteilung von Information und Verstehen. Diese kann wiederum gespeichert und in Formen der bereits bekannten Kommunikationsmedien (Ton, Schrift, Bild) für „alle“ auf unbegrenzte Zeit verfügbar gemacht werden. (vgl. Thye, 2013, S. 80 f.)
Die technisch/elektronisch – zum besseren Verständnis - digital vermittelte Kommunikation erlaubt es den Nutzern, in Echtzeit oder auch zweitversetzt aber stets unter physischer Abwesenheit miteinander zu kommunizieren. Sind die technischen Voraussetzungen gegeben, so ermöglicht die digitale Kommunikation trotz der raumzeitlichen-sozialen Trennung das Aufrechterhalten der Interaktion, genauer formuliert der physisch Abwesenden Interaktion. Es wird nun vielmehr ein eigener Kommunikationsraum mit eigener Zeit geschaffen. Alter (Sender) und Ego (Empfänger) sind theoretisch immer in Reichweite und trotz physischer Abwesenheit somit sozial gekoppelt. (vgl. Thye, 2013, S. 81 f.)
Durch die Möglichkeit des synchronen Dialogs entfällt die zeitversetzte Wirkung der Schrift. Auf jede Frage kann sofort eine Antwort erfolgen, jedes Missverstehen der Sinnofferte wird unmittelbar in der Anschlusskommunikation deutlich und Alter kann sofort eingreifend wirken. Die Möglichkeit der simultanen Verstehenskontrolle, mit dem Unterschied der Ausnahme der unterstützenden nonverbalen Kommunikation, ist erneut gegeben. Voraussetzung dafür ist die digitale Anwesenheit bzw. das „Online-Sein“, die als „elektronische Oralität“ (Thye, 2013, S. 187; zitiert nach Luhmann, 1989, S. 14) bezeichnet wird. Sie unterliegt, wie der (real persönlichen) Interaktion, dem Vollzugszwang, da sich zum Erhalt der sozialen Systems Kommunikation an Kommunikation unmittelbar anschließen muss. Sowohl Alter als auch Ego erwarten eine sofortige Antwort/Reaktion. Auch die elektronische Oralität (digitale Interaktion) unterliegt somit sozialen Pressionen. Die geringe Reaktionszeit lässt keine Zeit für das ausführliche Verfassen oder das wiederholte Lesen einer Nachricht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Hinführung zur Thematik der veränderten Kommunikation durch digitale Medien und Einordnung in den theoretischen Kontext nach Luhmann.
2 State of Art: Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur digitalen Kommunikation in Verbindung mit systemtheoretischen Ansätzen.
3 Aufgabenstellung und Vorgehensweise: Definition der Forschungsfrage, der Hypothese sowie der methodischen Vorgehensweise der Arbeit.
4 Systemtheorie nach Luhmann: Theoretische Grundlagen zur Systemdifferenzierung, Autopoiesis und den drei Komponenten der Kommunikation nach Luhmann.
5 Empirische Analyse: Durchführung, methodischer Aufbau und Darstellung der Ergebnisse einer qualitativen Befragung zu digitalen Kommunikationsgewohnheiten.
6. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Bewertung der Anwendbarkeit der Systemtheorie auf digitale Kommunikation.
7 Ausblick: Diskussion des weiteren Forschungsbedarfs hinsichtlich Erfolgsmedien und langfristiger gesellschaftlicher Veränderungen.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Niklas Luhmann, Digitale Kommunikation, Dyadische Kommunikation, Soziale Systeme, Kommunikationseinheit, Autopoiesis, Information, Mitteilung, Verstehen, Sinn, Soziale Pression, Internet, Qualitative Inhaltsanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Einfluss der digitalen Kommunikation auf den systemtheoretischen Kommunikationsbegriff nach Niklas Luhmann im Kontext dyadischer Beziehungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Systemtheorie, die Struktur von Kommunikationseinheiten, digitale Kommunikationsmedien sowie die empirische Untersuchung menschlichen Verhaltens bei der Nutzung digitaler Nachrichten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu klären, ob Luhmanns systemtheoretische Theorie auch die digitale Kommunikation beschreiben kann oder ob eine Anpassung der Theorie aufgrund technischer Neuerungen erforderlich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine Literaturanalyse zur theoretischen Fundierung und eine empirische Online-Befragung mit anschließender qualitativer Inhaltsanalyse zur Beantwortung der Forschungsfrage.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Kommunikation bei Luhmann und die anschließende Auswertung der empirischen Daten, um den Unterschied zwischen digitaler und persönlicher Interaktion zu beleuchten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Systemtheorie, Luhmann, digitale Kommunikation, soziale Systeme, Kommunikationseinheit, Sinn, Information, Mitteilung, Verstehen.
Wie unterscheidet sich digitale Kommunikation laut der Studie von persönlicher Interaktion?
Die Studie zeigt, dass digitale Kommunikation vor allem für unsensible, kurze Informationen genutzt wird, während vertrauliche oder intime Themen aufgrund der fehlenden nonverbalen Signale und des Bedürfnisses nach Vertraulichkeit bevorzugt in persönlicher Interaktion besprochen werden.
Führt die digitale Kommunikation zu einer Anpassung der Luhmannschen Theorie?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass der systemtheoretische Kommunikationsbegriff nach Luhmann nach wie vor anwendbar ist und nicht grundlegend angepasst werden muss.
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- Mounir Boukka (Author), 2019, Einfluss und Konsequenzen der digitalen Kommunikation auf die Systemtheorie nach Luhmann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536241