Christa Wolfs "Medea". Die bewusste Zerstörung der Anerkennung Medeas als Instrument zur eigenen Machtsicherung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

12 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Begriffserklärung
2.1 Der Begriff Anerkennung
2.2 Der Begriff Macht
2.3 Der Begriff Neid

3 Vergleich von Kolchis und Korinth
3.1 Kulturelle Unterschiede in der Rollenverteilung
3.2 Das Machtgefüge
3.3 Zerstörung der Anerkennung

4 Figurenanalyse
4.1 Agameda
4.2 Akamas
4.3 Medea

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit behandelt Themen wie Andersartigkeit, Machtsicherung, Neidmotive und An- und Nichtanerkennung in dem Werk Medea. Stimmen von Christa Wolf.

Wolf schreibt in Medea. Stimmen die Mythenhandlung nicht primär um, sondern versucht diese aus der Innenperspektive der mythischen Figuren selbst zu erzählen. Sie wendet die mittels Euripides formierte Variante der Kindsmörderin um.1 Der neue Deutungsansatz des alten Mythos folgt einer Abweichung von der Tradition, nämlich dass Medea überhaupt keine Kindsmörderin gewesen ist. Christa Wolfs Medea stellt nicht nur eine gänzlich andere Figur dar, sie beschließt auch aus der Antagonistin eine Art Heldin zu formieren, die nichts anderes versucht, als den Menschen in Korinth zu helfen. Durch ihr emanzipiertes Wesen und ihre Andersartigkeit wird Medea jedoch zur Gefahr für das Königreich Korinth, was ihren Ausschluss fordert und letztendlich zu ihrer Verbannung führt. Die Begriffe Neid und Macht stellen eine große Relevanz im Werk dar und müssen für die Verständlichkeit geklärt werden. Eine zentrale Rolle wird auch die Nichtanerkennung bzw. die Entziehung der Macht der Protagonistin durch den Einfluss fremder Mächte tragen. Es soll die Frage geklärt werden, wie es zur Aberkennung Medeas kommen konnte und welche Faktoren hierbei eine Rolle im Hinblick auf die eigene Machtsicherung der anderen Parteien spielen. Ein Augenmerk wird bei dieser Gelegenheit auf zwei tragende Stimmen, Akamas und Agameda, gelegt, die Medea aus Gründen der eigenen Machtsicherung nicht anerkennen wollen.

Das Ziel der Arbeit ist, ein emanzipiertes Frauenbild anhand einer außergewöhnlichen Persönlichkeit darzustellen. Medea nimmt die Rolle einer beeindruckenden Heldin ein, die mit ihrer Lebensweise voll von Humanität, Wissen, Güte und Charakterstärke ihre Zeit und Gesellschaft hoch überragt. Begriffserklärung

1.1 Der Begriff Anerkennung

Als Synonyme für den Terminus Anerkennung werden vom Duden die Begriffe Würdigung, Lob, Achtung und Respektierung vorgeschlagen.2 Dabei steht die Anerkennung des Menschen im Vordergrund. Anerkennung anderer Menschen schließt Verpflichtungen ihnen gegenüber ein, die von ihrer Respektierung als Personen bis hin zur Würdigung ihrer Leistungen reicht. Axel Honneth bezieht sich bei der Definition von Anerkennung darauf, dass jeder Mensch primär an der Wahrung einer Form von Selbstachtung interessiert ist, die auf die Anerkennung durch ihrerseits anerkannte Interaktionspartner angewiesen ist.3 Insofern kann es schwerwiegende Folgen für jeden Einzelnen haben, die Anerkennung von anderen Menschen zu verlieren, wie auch in Medeas Fall.

1.2 Der Begriff Macht

Der Begriff Macht wird als Gesamtheit der Mittel und Kräfte, die jemandem oder einer Sache anderen gegenüber zur Verfügung stehen, bezeichnet. Mit Macht kann auch der Besitz einer politischen, gesellschaftlichen, öffentlichen Stellung und Funktion gemeint sein und die damit verbundene Befugnis, Möglichkeit oder Freiheit, über Menschen und Verhältnisse zu bestimmen.4 In Medea. Stimmen spielt der Machterwerb eine tragende Rolle, da die Machtsicherung als Instrument von Akamas und Agameda eingesetzt wird, um die Anerkennung Medeas zu zerstören.

1.3 Der Begriff Neid

Abschließend soll noch der Begriff Neid näher definiert werden. Die Definition des Begriffs Neid lässt sich folgendermaßen beschreiben: Neid wird als Empfindung oder Haltung beschrieben, bei der jemand einem andern dessen Besitz oder Erfolg nicht gönnt und selbst haben möchte, unabhängig davon ob es sich um materielle Besitztümer, körperliche und geistige Vorzüge, Talente oder Positionen handelt.5

2 Vergleich von Kolchis und Korinth

2.1 Kulturelle Unterschiede in der Rollenverteilung

Zwischen Mann und Frau in Korinth und Kolchis herrschen große Unterschiede vor. Die Frauen in Kolchis sprechen mit ihrer eigenen Stimme im Vergleich zu den Korinther Frauen, sie erfahren sich also als Subjekt und werden auch als solches wahrgenommen. Jason und die Argonauten merken selbst an, wie „übertrieben“ die Kolcher ihre Frauen halten und verstehen nicht, dass die Meinung der Frauen als wesentlich angesehen wird.6 Bei den Korinthern wird eine Frau bereits als Wilde bezeichnet, wenn sie eine eigene Meinung hat und auch auf dieser beharrt, wobei der Roman offen lässt, ob hier das Recht auf „autonomes weibliches Denken“ gemeint ist oder die „Unfähigkeit zur Kompromissbildung“.7 Luserke-Jaqui sieht in der Opferung der Iphinoe ein stellvertretendes Opfer für die „Auslöschung der Frauen aus der Geschichte“. Die Ausgrenzung und Vertreibung Medeas, der Mord an der Königstochter Iphinoe und der Selbstmord der Glauke legen ein Zeugnis davon ab, wie barbarisch sich in Wahrheit eine Gesellschaft verhält, die sich für zivilisiert hält.8

2.2 Das Machtgefüge

Medea und die anderen Kolcher gelangen durch Jason und seine Argonauten nach Korinth, wo sie als Flüchtlinge aufgenommen werden. Später entdeckt Medea jedoch, dass auch die Stadt Korinth auf ein Verbrechen gegründet ist, ebenso wie ihrer Heimat Kolchis. Kolchis verließ sie aufgrund der Menschenopfer, auch jenes an ihrem Bruder, nur um herauszufinden, dass in Korinth ebenfalls Menschenopfer geschehen, die zur Machterhaltung erbracht wurden. Die Ermordung der Königstochter Iphinoe versuchen Akamas und Kreon jedoch zu vertuschen.

„Ich bin mit Jason gegangen, weil ich in diesem verlorenen, verdorbenen Kolchis nicht bleiben konnte.“9

Medea wird Stück für Stück aus der Machtsphäre in Korinth, dem Palastbezirk, ausgeschlossen, aber nicht als Fremde, sondern als Andersdenkende. Um das menschliche Miteinander überhaupt erst möglich zu machen, müssen sich die Einwanderer eine eigene Utopie am Rand der Stadt schaffen, wo auch Medea Unterschlupf bei den anderen Flüchtlingen und Einwanderern findet. Als oberstes Handlungsprinzip in Korinth dient der Machterhalt. Wolf selbst beschreibt Personen wie Akamas als „brutalen Machtpolitiker“ und Agameda als „Denunziantin aus enttäuschter Liebe“.10 Im Gegensatz dazu steht Leukon, dieser fungiert als Zeuge innerhalb der Macht, da er die Intrigen und Machtkämpfe in Korinth durchschaut. Doch auch er kann Medea nicht retten, weil sie ihre Identität nicht preisgeben will und durch ihre Fremdheit „absolut nichtintegrierbar“ bleibt.11

2.3 Zerstörung der Anerkennung

Die Zerstörung der Anerkennung zur eigenen Machtsicherung wird vorrangig ausgelöst durch Neid und Angst vor Medeas Macht, Wissen und Andersartigkeit. Als Konsequenz daraus entwickelt sich die Entziehung der Macht und Anerkennung Medeas. Bei Medea. Stimmen tritt das Neidmotiv bei Agameda, der ehemaligen Schülerin Medeas, auf. Neid wirkt bei dieser Person als zerstörerische Kraft. Medea wird zu einem unschuldigen Opfer von Verhältnissen, in denen Macht und Moral notwendigerweise auseinanderfallen.12 Sie wird sozusagen von der Gesellschaft in eine Opferrolle gewiesen, weil sich die Machtinhaber von Medeas Fremdheit, aber auch ihrer Überlegenheit bedroht fühlen.

3 Figurenanalyse

In Christa Wolfs Medea. Stimmen treten mehrere Gegenstimmen zu Medea selbst auf, wobei ihr beinahe alle Personen ihre Anerkennung entziehen wollen. Akamas und Agameda fungieren in Medea als Antagonisten und Gegenspieler Medeas. Als These soll die bewusste Zerstörung der Anerkennung Medeas als Instrument zur eigenen Machtsicherung herangezogen werden. Die Machtsicherung kann im Hinblick auf die beiden Gegenspieler Medeas auf zwei verschiedene Aspekte ausgelegt werden. Agameda sichert sich ihre eigene Macht indem sie Medeas Anerkennung zerstört, aufgrund von persönlichen Gründen, wobei Akamas keine persönliche Abneigung gegen Medea verfolgt. Akamas und Agameda wollen durch die Aberkennung von Medea Macht erlangen beziehungsweise ihre Macht bewahren; beide aus verschiedenen Motiven und Gründen, wie bei der nachfolgenden Figurenanalyse geklärt werden soll. Medea genießt bereits Anerkennung in unterschiedlicher Hinsicht, sei es die Anerkennung ihrer Heilkunst oder die Anerkennung ihres Wissens und Schönheit. Margaret Atwood schreibt: „Was wären Sie bereit, zu glauben, zu akzeptieren, zu vertuschen, zu tun, um Ihre eigene Haut zu retten oder sich in der Nähe der Macht zu halten? Wen wären Sie bereit zu opfern?“13 Atwood sieht in Medea eine Art Studie über das Verhalten von Menschen, wenn sie großem Druck ausgesetzt werden und Macht zu einer greifbaren Eventualität wird. Auch Büch ist sich der Tatsache bewusst, dass das Geschehen in Medea eine Studie über die Macht und ihre Wirkungsweisen impliziert.14

3.1 Agameda

In Agamedas inneren Monolog kristallisiert sich mit ihren Erinnerungen an Kolchis ihr Hass auf Medea heraus. Medea ist im Vergleich zu Agameda äußerlich eine sehr schöne Frau, eine begabte und weise Heilerin und handelt selbstständig nach ihrem eigenen Willen. In mehreren Situationen wird auch die Verschiedenheit zwischen Medea und Agameda beschrieben. Agameda heuchelt Bestaunen der Korinthischen Reichtümer vor und erzählt selbst von den primitiven Zuständen in Kolchis, um von den geschmeichelten Korinthern großzügigere Zahlungen für ihre heilpraktischen Leistungen zu bekommen. Sie ist bereit den nötigen Preis dafür zu zahlen, um nicht „niemand zu sein“ und um in eine höhere Existenzform aufzusteigen.15

Agameda hat sich als Schülerin Medeas stets nach einem ausdrücklichen Anzeichen von Liebe gesehnt und strebte nach der Anerkennung Medeas. Außerdem hat sie nie die mütterliche Ersatzliebe bekommen, die sich Agameda innigst von Medea erhofft hatte.

Medea, die große Heilerin, lag da, rat- und hilflos, […] endlich würde mein innigster Wunsch wahr werden, der meine Kindheit bestimmt hat, ich, ich würde ihre Helferin sein, […] sie pflegen, ihr dienen, mich unentbehrlich machen, und endlich würde ich empfangen, wonach mich noch immer so gräßlich [sic!] verlangte, ihre Dankbarkeit. Ihre Liebe.16

Im Fall der Agameda wird hierbei eine Machtforderung gegenüber Medea ersichtlich, die sich in körperlicher und geistiger Überlegenheit äußert. Die Bezeichnung Medeas als „große Heilerin“ bringt die grundlegende Bewunderung, die ihr Agameda entgegenbringt, zum Ausdruck. Die Theorie Agameda handelt aus purem Neid gegenüber Medea, kann ebenfalls bestätigt werden. Agameda wird nicht nur die mütterliche Ersatzliebe verweigert, sondern es wird ihr auch die Unterlegenheit in Bezug auf Medea vielfach unterbreitet. Die bereits erwähnte Definition des Neidbegriffes, bei der es heißt „jemand gönnt einem andern weder dessen Besitz noch Erfolg“ unterstreicht selbst am besten, wie explizit Agameda Medea beneidet. Der „persönliche in Neid und zurückgewiesenem Anlehnungswunsch genährte Hass“ Agamedas endet schließlich öffentlichkeitswirksam in einer Hetzjagd auf Medea.17 Neid kann in dieser Hinsicht als zerstörerische Macht wirken und es wird in dem Charakter der Agameda gut veranschaulicht, wie schmal der Grat zwischen Liebe und Hass ist und wie schnell sich Bewunderung ins Gegenteil wenden kann, nämlich zu einer bewussten Zerstörung.

[...]


1 Vgl. Büch 2002: 76

2 Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Anerkennung (Stand vom 10.02.2019)

3 Vgl. Honneth 2011

4 Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Macht (Stand vom 10.02.2019)

5 Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Neid (Stand vom 10.02.2019)

6 Vgl. Göbel-Uotila 2005: 240

7 Vgl. Luserke-Jaqui 2002: 223

8 Ebd.: 224

9 Wolf 2013: 98

10 Wolf 2011: 286

11 Vgl. Göbel-Uotila 2005: 295

12 Vgl. Wolf 2011: 287

13 Wolf 2011: 299

14 Vgl. Büch 2002: 98

15 Vgl. Wolf 2013: 74

16 Wolf 2013: 69

17 Vgl. Büch 2002: 93

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Christa Wolfs "Medea". Die bewusste Zerstörung der Anerkennung Medeas als Instrument zur eigenen Machtsicherung
Hochschule
Pädagogische Hochschule Oberösterreich
Note
1,6
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V536747
ISBN (eBook)
9783346145574
ISBN (Buch)
9783346145581
Sprache
Deutsch
Schlagworte
christa, wolfs, medea, zerstörung, anerkennung, medeas, instrument, machtsicherung
Arbeit zitieren
Sarah Hagenauer (Autor), 2019, Christa Wolfs "Medea". Die bewusste Zerstörung der Anerkennung Medeas als Instrument zur eigenen Machtsicherung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536747

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