Am 9. August 1999 ernannte der russische Präsident Boris Jelzin den ehemaligen KGB-Agenten Wladimir Putin zum Ministerpräsidenten Russlands und erklärte ihn zu seinem Wunschnachfolger. Die Ernennung Putins kam für viele Beobachter völlig unerwartet. Bis zu diesem Zeitpunkt war er kaum in Erscheinung getreten. Es sollte nicht die einzige Überraschung bleiben. In den folgenden sechs Monaten überschlugen sich die Ereignisse, und selbst gestandene Russland-Experten wurden von den Entwicklungen überrascht. Die Popularitätswerte Putins stiegen von zwei Prozent im August auf über zwanzig Ende Oktober. Spätestens im November war er der beliebteste Politiker im Land. In der Nacht zum Jahr 2000 trat Boris Jelzin aus gesundheitlichen Gründen zurück und ernannte Putin zum Interimspräsidenten. Die Präsidentschaftswahlen im März 2000 gewann dieser schon im ersten Wahlgang mit großem Abstand vor dem Chef der Kommunisten, Gennadij Sjuganow. Anfang Oktober 1999 wurde die Partei Einheit/der Bär (Jedinstwo/Medwed) gegründet. Bei den Duma-Wahlen keine zwei Monate später erreichte sie mit 23.3% den zweitgrößten Stimmenanteil nur knapp hinter den Kommunisten (24.3%) (Vgl. z.B. Brudny 2001). Sowohl Putin als auch Einheit wurden von den meisten der sogenannten Oligarchen unterstützt.
Inhaltsverzeichnis
Rationale Oligarchen? 3
1. Theoretische Vorüberlegungen 5
1.1 Generelle Annahmen von rational choice 5
1.2 Warum Rational Choice? 6
1.3 Verwendete Konzepte 9
1.3.1 Virtual Economy 10
1.3.2 Theory of Moves 11
1.3.3 Nested Games 12
2. Jelzin und die Oligarchen 13
2.1 Die Kooperation von Kreml und Oligarchie 13
2.2 Kooperation der Oligarchen untereinander 15
3. „Open Season“? – Putin und die Oligarchen 17
3.1 Putins Motive und Möglichkeiten 17
3.2 Externe Ursachen für Putins größeren Handlungsspielraum 19
3.3 Russisches Roulette? Wen es traf und warum. 20
4. Methodenevaluation: Was nützt Rational Choice? 21
4.1 Stärken von rational choice 21
4.2 Schwächen von rational choice 24
Schlussbemerkungen: Rationale Oligarchen 26
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht mit Hilfe von spieltheoretisch basierten Rational-Choice-Modellen die Interaktion zwischen der russischen Kremlführung und den Finanzoligarchen während der Amtszeiten von Boris Jelzin und Wladimir Putin, um den Wechsel der Kreml-Politik gegenüber dieser Gruppe zu erklären.
- Analyse der Kooperationsdynamiken zwischen Kreml und Oligarchen.
- Untersuchung der Machtinteressen Putins und der Rezentralisierung des russischen Staates.
- Bewertung der Anwendbarkeit von Rational-Choice-Theorien auf das postsowjetische politische System.
- Kritische Evaluation der Modellbildung im Vergleich zu bestehender Russlandforschung.
Auszug aus dem Buch
Rationale Oligarchen?
Am 9. August 1999 ernannte der russische Präsident Boris Jelzin den ehemaligen KGB-Agenten Wladimir Putin zum Ministerpräsidenten Russlands und erklärte ihn zu seinem Wunschnachfolger. Die Ernennung Putins kam für viele Beobachter völlig unerwartet. Bis zu diesem Zeitpunkt war er kaum in Erscheinung getreten. Es sollte nicht die einzige Überraschung bleiben. In den folgenden sechs Monaten überschlugen sich die Ereignisse, und selbst gestandene Russland-Experten wurden von den Entwicklungen überrascht.
Die Popularitätswerte Putins stiegen von zwei Prozent im August auf über zwanzig Ende Oktober. Spätestens im November war er der beliebteste Politiker im Land. In der Nacht zum Jahr 2000 trat Boris Jelzin aus gesundheitlichen Gründen zurück und ernannte Putin zum Interimspräsidenten. Die Präsidentschaftswahlen im März 2000 gewann dieser schon im ersten Wahlgang mit großem Abstand vor dem Chef der Kommunisten, Gennadij Sjuganow. Anfang Oktober 1999 wurde die Partei Einheit/der Bär (Jedinstwo/Medwed) gegründet.
Zusammenfassung der Kapitel
Rationale Oligarchen?: Einleitende Darstellung der politischen Ereignisse rund um den Machtwechsel von Jelzin zu Putin und die anfängliche Rolle der Oligarchen.
1. Theoretische Vorüberlegungen: Einführung in die methodischen Grundlagen des Rational-Choice-Ansatzes und dessen spezifische spieltheoretische Konzepte.
2. Jelzin und die Oligarchen: Analyse der stabilen Kooperationsphase zwischen Kremlführung und Oligarchen unter Jelzin mittels des Modells der Virtual Economy.
3. „Open Season“? – Putin und die Oligarchen: Untersuchung der Machtverschiebung unter Putin und der selektiven Vorgehensweise gegen einzelne Oligarchen.
4. Methodenevaluation: Was nützt Rational Choice?: Kritische Diskussion der Stärken und Schwächen der verwendeten Methodik im Vergleich zu anderen politikwissenschaftlichen Studien.
Schlüsselwörter
Rational Choice, Oligarchen, Russland, Wladimir Putin, Boris Jelzin, Spieltheorie, Nested Games, Virtual Economy, Machtpolitik, Systemtransformation, Transformation, Post-Sowjetraum, Kreml, Politische Ökonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die veränderten politischen Beziehungen zwischen dem russischen Präsidenten und den einflussreichen Oligarchen von der Ära Jelzin bis zur Ära Putin unter Anwendung von Rational-Choice-Methoden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die ökonomische Machtbasis der Oligarchen, die politische Strategie des Kremls sowie die Frage nach der rationalen Entscheidungsgrundlage dieser Akteure.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu erklären, warum Putin im Gegensatz zu Jelzin eine konfrontative Politik gegenüber den Oligarchen verfolgte und warum er dabei gezielt einzelne Akteure traf.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt einen spieltheoretisch basierten Rational-Choice-Ansatz, insbesondere die Konzepte der Theory of Moves und Nested Games.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Kooperation unter Jelzin, die Analyse von Putins Machtstreben und die externe Beeinflussung der Handlungsspielräume durch die Finanzkrise.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Rational Choice, Russische Politik, Oligarchen, Machtkonzentration und Spieltheorie zusammenfassen.
Warum konnte Putin erfolgreicher gegen Oligarchen vorgehen als Jelzin?
Laut Arbeit liegt dies an der Zersplitterung der Oligarchenfront, der wirtschaftlichen Schwächung durch die Krise und Putins gestärkter Machtbasis sowie der Unterstützung durch die Bevölkerung.
Wie bewertet der Autor die Anwendbarkeit von Rational Choice?
Der Autor bewertet den Ansatz trotz theoretischer Einwände als gewinnbringend für die Präzision der Analyse, räumt aber ein, dass er an Grenzen stößt, wenn Akteure rein taktische Fehler begehen.
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- Sebastian Karcher (Author), 2002, Rationale Oligarchen - Eine Rational Choice Erklärung der Politik Jelzins und Putins gegenüber Russlands Finanzoligarchie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53810