Maria Orans und ihre darstellungsverwandten byzantinischen Ikonen


Hausarbeit, 2014

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Namensbestandteile byzantinischer Marienikonen

3 Darstellungsverwandte Ikonen
3.1 Maria Orans
3.2 Maria Platytera
3.3 Maria Blachernitissa

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

[Hinweis: Alle Abbildungen mussten aus urheberrechtlichen Grunden von der Redaktion entfernt werden]

1 Einleitung

Schon Augustinus von Hippo schreibt in seinem Wert “De Trinitate VIII“, dass kein einheitliches Bild der Mutter Gottes existiert.1 Von den verbliebenen Zeugen aus fruh-, mittel- und spatbyzantinischer Zeit sind nur wenige Mariendarstellungen aus der Mosa- ik-, der Email-, sowie der Relief- und Elfenbeinkunst bekannt.2 Die derzeit noch existie- renden, unterschiedlichen Darstellungsformen, sowie die uneinheitliche Namensgebung der byzantinischen Marienikonen evozieren die Frage nach den bestehenden Grundty- pen und deren Weiterentwicklung.

In der folgenden Arbeit soll daher der Grundtypus der Maria Orans erlautert, sowie Pa- rallelen zu darstellungsverwandten byzantinischen Ikonen, der Maria Platytera und Blachernitissa aufgezeigt werden. Daruber hinaus werden Besonderheiten in Namenge- bung und Darstellung der Ikonen herausgearbeitet. Da die Namensgebung byzantini- scher Marienikonen eine besondere Stellung beim Verstandnis der Ikonen einnimmt, wird diese erklart, bevor dann die Ikonen der Maria Orans, der Platytera und der Blachernitissa, auch anhand von treffenden Beispielen, gedeutet werden.

2 Namensbestandteile byzantinischer Marienikonen

Seit mittelbyzantinischer Zeit bestimmt sich die Namensgebung von Marienikonen meist aus den Initialen MP = Meter und 0Y = Theou fur Mutter Gottes und weiteren Beinamen. Diese konnen sich zum einen aus der Haltung Mariens erklaren. Bezogen auf die in dieser Arbeit besprochenen Ikonen, ware dies die Maria Orans, die im Griechi- schen auch “Theomene“, die Furbittende, genannt wird. Sie halt ihre Hande bittend zu Gott empor. Andere Beinamen sind Ehrentitel Mariens, welche meist auf kirchliche Dogmen zuruckgehen, wie zum Beispiel die Maria Platytera, „die weiter ist als der Himmel“3. Daruber hinaus sind sogenannte Toponyme als Beinamen moglich. Diese leiten sich von der Ortsbezeichnung ab, wie etwa von Kirchen oder geografischen Na- men. Als Beispiel hierfur konnte die Blachernitissa herangezogen werden, welche ihren Namen der Theotokos-Kirche im Blachernen Viertel in Konstantinopel verdankt.4 Im nachsten Punkt wird versucht die drei darstellungsverwandten Ikonen, begonnen mit der Maria Orans, zu deuten.

3 Darstellungsverwandte Ikonen

3.1 Maria Orans

Bis zum Konzil von Ephesus im Jahre 431, wodurch der Jungfrau Maria die Gottesmut- terschaft an Jesus Christus zugesprochen wurde und sie den Titel “Theotokos“ erhielt, ist die Ikone haufig ohne das Christuskind dargestellt.5 So auch im Fall der Maria Orans: Die in Gebetsstellung dargestellte Ikone lasst sich auf die „Orans“, die altchrist- liche Grabeskunst zuruckfuhren.6 In den romischen Katakomben waren sogenannte „O- ranten“ haufig auf den Sarkophagen abgebildet. Nach DETZEL sind Oranten „Bilder der in der Seligkeit gedachten Seelen der Verstorbenen, welche fur die Hinterbliebenen be- ten, damit auch diese das gleiche Ziel erlangen.“7 Folglich bedeutet die lateinische Na- mensgebung Mariens so viel wie “betende“ oder “bittende“ Maria. Die Darstellung der betenden Marienikone ohne Christuskind entstammt der fruhbyzantinischen Zeit. Dies wurde bereits mit Goldglasern des 4. Jahrhunderts bezeugt, welche die Orantin abbil- den.8 Da sich die Ikone auf die Zeit vor dem byzantinischen Bilderstreit zuruckfuhren lasst, ist dieser Marientypus jedoch selten erhalten.9 Zu dieser Zeit wurde Maria als Orantin meist mit anderen Personen unterhalb der Theophanie, der Erscheinung Gottes, dargestellt.10 AuBerhalb von Byzanz, insbesondere nordlich der Alpen, ist der Typus der Maria Orans selten anzutreffen. Bekannte Medien, auf denen die Ikone haufig abgebil- det wird, sind Stein- oder Marmorreliefs, Email-Platten, Schmuck, Metalle, Medaillons, Fresken und Mosaiken.11

Ein fruhes Beispiel einer Maria Orans ist ein Grabstein aus dem 6. Jahrhundert aus Arles.12 Maria ist darauf mit aufgelosten Haaren als jugendliche Tempelmagd zu sehen. Sie ist in einer langen Dalmatica mit Clavi gekleidet. Die Darstellung als junges Mad- chen lasst auf den ersten Blick nicht erkennen, dass es sich hierbei um die Jungfrau Ma­ria handelt. Lediglich eine Inschrift uber ihrem Haupt (Maria Virgo Minester de Tem- pulo Gerosale - Jungfrau Maria Diener aus dem Tempel in Jerusalem) lasst erkennen, dass es sich hierbei um die Gottesmutter Maria handelt. Der Grabstein bezeugt die Die- nerschaft Mariens, die von ihren Eltern Anna und Joachim in den Tempel gefuhrt wird, um dort ein gottgeweihtes Leben zu fuhren.13

Die neueren Zeugnisse byzantinischer Marienikonen in Gebetshaltung entstammen je- doch der mittelbyzantinischen Zeit. Diese Zeit wurde von einer besonderen Kunstfertig- keit beherrscht, der Mosaikkunst. Das Besondere dieser Kunst sind die goldenen Mosa- ikplattchen, die “Goldtesserae“, welche groBflachig die Kirchenwande bedecken und das Sonnenlicht reflektieren.14 Zahlreiche Marienikonen und andere christliche Bild- themen wurden mittels einer solch edlen Technik der Bevolkerung prasentiert.

So auch das byzantinische Apsis-Mosaik der Sophien-Kathedrale in Kiew, aus dem 11. Jahrhundert:15 Man sieht Maria, auf einem leicht angedeuteten Suppedaneum stehend, in der klassischen Gebetshaltung. Ihr Untergewand ist ein langes dunkelblaues Kleid, vermutlich aus Purpur, welches an der Hufte mit einem Gurtel zusammengehalten wird und ihre FuBe zur Halfte bedeckt. Der daruber liegende Schutzmantel, das Maphorion, bedeckt ihren Kopf und ihre Schultern. Maria tragt unter der Kopfbedeckung zusatzlich eine Haube, die ihre Haare verdeckt und das Obergewand auf dem Kopf halt. Um den Gurtel hangt ein kleine weiBe Mappula, ein kaiserliches, mit einem Kreuz besticktes Tuch. Mittels ihrer noblen Kleidung und dem goldenen Hintergrund wird ihre Nobilitat unterstrichen. Zusatzlich ist das Maphorion auf ihrer Stirn und jeweils rechts und links ihrer Brust mit drei Kreuzen besetzt, womit ihre Jungfraulichkeit symbolisiert wird. Daneben sind uber ihrer rechten und linken Hand die Initialen fur Mutter Gottes einge- arbeitet. Daruber hinaus ist im Halbrund der Apsis zusatzlich die Inschrift “In ihr ist Gott. Sie kann nicht wanken. Gott steht ihr bei von Tag zu Tag.“ in groBen Lettern zu erkennen. Die Ikone der Sophien-Kathedrale in Kiew beeindruckt zum einen durch ihre GroBe von 5,5 Metern, zum anderen durch die detailreiche Ausgestaltung des Mosaiks, was gut am Faltenwurf des herabfallenden Maphorion und den Farbabstufungen der Ikone zu erkennen ist. Ebenso anschaulich gestaltet sind die ausdrucksstarken Gesichts- zuge der Mutter Gottes, wobei hier vor allem die groBen Augen hervortreten.16 Nach den Ausfuhrungen DECKERS zu Folge geht diese Ikone auf ein aus dem 5. oder 6. Jahr- hundert stammendes Vorbild aus Konstantinopel zuruck. Hierbei konnte es sich um das Vorbild der Blachernitissa, was moglicherweise das dunkelblaue Maphorion Mariens zu erkennen gibt. Die Ikone der Blachernitissa wird jedoch in Punkt 3.3 erlautert.17

Ein anderes Beispiel einer Maria Orans ist ein Gewolbemosaik, bestehend aus vier Me- daillons, in der Narthex der Klosterkirche Hosios Lukas in Griechenland: In den vier Medaillons werden jeweils Maria Orans, daneben die Erzengel Michael und Gabriel mit Johannes dem Taufer abgebildet. Die eher unubliche Darstellung der Maria Orans ohne Heiligenschein in einem Clipeus, lasst weniger Details zu, da nur der Oberkorper Mari- ens zu sehen ist. Dennoch werden die wesentlichen Attribute dargestellt: Ihre Initialen, oberhalb ihrer linken und rechten Hand sowie die drei Kreuze auf ihrem Kopf und ih- rem linken und rechten Armelbund, die ihre Jungfraulichkeit demonstrieren. Ansonsten ist sie wie ublich mit nach oben ausgebreiteten Armen und dem Untergewand aus Pur­pur mit daruber liegendem Maphorion und Haube dargestellt. Trotz ihrer eher neben- sachlichen Rolle in der Vierergruppe, beeindruckt die Ikone durch die Goldtesserae, welche den Faltenwurf ihres Maphorion hervorhebt und ihr so eine edle Ausstrahlung und Lebendigkeit verleiht.18

Ein weiteres Beispiel ist eine Maria als Orantin aus dem 12. Jahrhundert.19 Im Unter- schied zu den zwei vorangegangenen Beispielen wurde diese Ikone auf eine Holztafel gemalt. Die Gebetshaltung druckt sie aus, indem sie beide Arme weit ausgebreitet in den Himmel streckt. Ihre Hande sind dabei im Vergleich zu anderen Ikonen stark nach auBen gerichtet. Wie auch bei der Ikone aus Kiew und dem Kloster in Griechenland, ist sie in einem langen dunkelblauen Kleid dargestellt, woruber sie ein langes Maphorion tragt, das ihren Kopf mit der Haube und ihre Schultern bedeckt. Das Obergewand ist hier jedoch in sattem Rot dargestellt, was zusammen mit dem leidenden Gesichtsaus- druck Mariens auf ihre Leidenschaft zu Jesus Christus und seiner Passion hindeuten konnte. Die Ikone ist im Vergleich zu anderen Darstellungen der Maria Orans eher schlicht mit nur wage zu erkennenden Attributen dargestellt. Dies ruhrt vermutlich da­her, dass es sich bei dem Werk um ein Gemalde handelt, wobei die Ikone moglicher- weise mit Tempera auf Holz gemalt wurde und somit schlechter erhalten ist, als das Apsis-Mosaik der Gottesmutter Orans in Kiew. In Bezug auf diese Replik aus dem 12. Jahrhundert erwahnen ONASCH und SCHNIEPER, dass die erste Ikone der Maria Orans aus Jerusalem stammt, wobei sie spater nach Konstantinopel gebracht wurde. Das Ori­ginal ist heute nicht mehr erhalten, es existieren jedoch viele Nachbildungen dieses Gemaldes. Dem Bild werden verschiedene Bezeichnungen zugeschrieben: Zum einen wird ihr der Name „Mutter Gottes Diakonissa“ zugeschrieben, der die Dienerschaft Ma- riens im Tempel von Jerusalem aufgreift, zum anderen wird sie auch „Unerschutterliche Mauer“ genannt, da ihr der Abbruch der Belagerung durch die Russen im Jahre 860 zugeschrieben wurde. Die dem Ereignis vorausgegangene Predigt uber den unuberwind­lichen Schutz Mariens durch den Patriarchen Photios und die darauffolgende Flucht der Russen uber den Meeresweg, brachte der Ikone zusatzlich den Namen „Gottesmutter von den tausend Schiffen“ ein.20

[...]


1 Vgl. Detzel, H. (1894), S. 102.

2 Vgl. Schiller, G. (1980), S. 20.

3 Vgl. Schiller, G. (1980), S. 19 f.

4 Vgl. zu diesem Absatz Schiller, G. (1980), S. 19 f.; Deckers, J. G. (2007), S. 52.

5 Vgl. Ladner, G. B. (1996), S. 45; Wellen, G. A. (1961), S. 11 f.; zum Theotokos vgl. auch Deckers, J. G. (2007), S. 52.

6 Vgl. zur Darstellung der Maria Orans, auch “Theomene“ genannt, Punkt 2.

7 Detzel, H. (1894), S. 104.

8 Vgl. Wellen, G. A. (1961), S. 166.

9 Vgl. Schiller, G. (1980), S. 25; Bei dem byzantinischen Bilderstreit oder auch Ikonoklasmus genannt, von 726-843, stritten sich Ikonodulen (Ikonenverehrer) und Ikonoklasten (lehnten Ikonen ab) um die Erlaubnis der Ikonenverehrung. Vgl. hierzu Bertelli, C. (1989), S. 109.

10 Zur Darstellung und Bedeutung der Theophanie vgl. auch Wellen, G. A. (1961), S. 167 ff.

11 Vgl. zu diesem Abschnitt Detzel, H. (1894), S. 102-109; Wellen, G. A. (1961), S. 176.

12 Vgl. hierzu Abbildung 1 und Abbildung 2.

13 Vgl. zu diesem Abschnitt Wellen, G. A. (1961), S. 76.

14 Die Mosaiken der Hagia Sophia werden daher auch als der „goldene Himmel“ bezeichnet. Vgl. hierzu Nordhagen, P. J. (1989), S. 101 ff.

15 Vgl. hierzu Abbildung 8.

16 Vgl. zu der Gottesmutter Orans in Kiew auch Onasch, K./ Schnieper, A. (2007), S. 156; vgl. auch zur Maria Orans in der Hagia Sophia in Kiew Deckers, J. G. (2007) S. 52 und zur Darstellung der Ikone innerhalb der Kathedrale Deckers, J. G. (2007), S. 34, Abb. 34.

17 Vgl. Deckers, J. G. (2007), S. 52.

18 Vgl. Abbildung 5 und Abbildung 6.

19 Vgl. hierzu Abbildung 10.

20 Vgl. Onasch, K./ Schnieper, A. (2007), S. 156.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Maria Orans und ihre darstellungsverwandten byzantinischen Ikonen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Byzantinische Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Byzantinische Mariendarstellungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V538659
ISBN (eBook)
9783346173959
ISBN (Buch)
9783346173966
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Byzantinistik, Byzantinische Kunst, Marienikonen, Maria, Maria Orans, Ikonen, Byzanz, Christliche Kunst, Christentum, Nikopoia, Platytera, Blachernitissa, Kunstgeschichte, Kunst, Plastik, Gemälde, Altar, Kirche, Kult, Bild, Kultbild, Byzantinische Kunstgeschichte, Malerei
Arbeit zitieren
Victoria Landmann (Autor), 2014, Maria Orans und ihre darstellungsverwandten byzantinischen Ikonen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538659

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