Das Konzept Accountability bei NGOs. Wie hat die Organisation Oxfam International im Zuge des 2018 publizierten Skandals Verantwortung übernommen?


Hausarbeit, 2018

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Oxfam im Fokus eines Skandals. Eine Einleitung3

2. Theorie
2.1. NGOs als globale Akteure5
2.2. Das Konzept Accountability.7
2.3. Die Wirkungsweisen von Accountability..8
2.4. Kritik und Problematiken in der praktischen Anwendung von Accountability..10

3. Oxfam
3.1. Der Skandal um Oxfam. Eine chronologische Aufarbeitung.12
3.2. Accountability bei Oxfam...13
3.3. Maßnahmen durch Oxfam..15

4. Fazit und Forschungsausblick
4.1. Accountability? Fazit..17
4.2. Forschungsausblick.18

1. Oxfam im Fokus eines Skandals. Eine Einleitung

Diese wissenschaftliche Arbeit soll das politikwissenschaftliche Konzept der Rechenschaftspflicht und Verantwortungsübernahme bei Nongovernance Organisationen (NGO), thematisieren, und dieses anhand des aktuellen Falles mit dem Skandal um die Organisation Oxfam, welcher Anfang 2018 publik wurde, betrachten.

Durch den ständigen Wandlungsprozess der internationalen Politik hat diese in den letzten Jahrzehnten einen rapiden Zuwachs an neuen Akteuren erfahren, wozu zu einem großen Teil auch NGOs gehören. Dabei handelt es sich um nichtstaatliche Organisationen, die für verschiedene Themen werben, wie zum Beispiel Grundrechte oder Umweltschutz. Die Organisation Oxfam International gehört zu den weltweit größten nichtstaatlichen Organisationen, so beschreibt sie sich auf ihrer eigenen Homepage als einen Zusammenschluss aus 20 Unterorganisationen, die in insgesamt mehr als 90 Ländern weltweit aktiv sind.

„Around the globe, Oxfam works to find practical, innovative ways for people to lift themselves out of poverty and thrive. We save lives and help rebuild livelihoods when crisis strikes. And we campaign so that the voices of the poor influence the local and global decisions that affect them. In all we do, Oxfam works with partner organizations and alongside vulnerable women and men to end the injustices that cause poverty.“ (Oxfam International o.A. (a))

Die Geschichte von Oxfam UK, eine der Hauptunterorganisationen des internationalen Verbands, lässt sich bis ins Jahr 1942 zurückverfolgen. Damals warb das „Oxford Committee for Famine Relief“, von welchem auch der Name der Organisation stammt, für Nahrungsmittel, die in das damalig besetzte Griechenland gesendet werden und der hungernden Bevölkerung helfen sollten. Damit gehört Oxfam UK zu einer der ersten Hilfsorganisationen, welche auch humanitäre NGOs genannt werden. Auch mit der Gründung des Dachverbandes Oxfam International im Jahr 1995 kann die Organisation zwar eine langjährige Expertise und eine Historie an erfolgreichen Projekten vorweisen, doch trotzdem begann das Jahr 2018 für Oxfam mit negativen Schlagzeilen, die breite mediale Resonanz erlangten (Oxfam International o.A. (b)). Erstmals publiziert wurden interne Details über das

Fehlverhalten von Mitarbeitenden der NGO während des Haiti-Einsatzes durch die ZeitschriftThe Timesim Februar des Jahres. Dabei wurde bekannt, dass es zu mehreren Fällen von sexuellem Fehlverhalten gegenüber den weiblichen Betroffenen des schwerwiegenden Erdbebens 2010 in Haiti durch Oxfam- Mitarbeitende in 2011 kam. Doch dies wurde nicht durch eine öffentliche Stellungnahme seitens der Organisation bekannt, sondern durch interne, vertrauliche Papiere, die zu den Journalisten der genannten Zeitschrift gelangten, und die Organisation letzten Endes nach sieben Jahren zur Offenlegung der internen Informationen zwangen. Dieser Vertuschungsversuch seitens Oxfam wurde international geächtet, und die Reaktionen dazu bezeugen nicht nur ein verlorengegangenes Vertrauen in die genannte Organisation, sondern auch in den gesamten Sektor. Dies hat sich nun im Verlauf der letzten Monate auf unterschiedlichste Weise auf Oxfam und NGOs allgemein ausgewirkt (vgl. O'Neill 2018(a); Carolei 2018).

In den internationalen Medien fällt diesbezüglich oftmals der Begriff „accountability“, was laut dem Cambridge Dictionary als: „[...]the fact of being responsible for what you do and able to give a satisfactory reason for it [...]“ (Cambridge Dictionary o.A.) definiert wird. Es umschreibt also eine Rechenschaftspflicht für die eigenen Handlungen gegenüber mindestens einer weiteren Person, oder einer anderweitigen Instanz.

In der Forschung zu NGOs gab es lange Zeit nur wenig Konsens darüber, wie Accountability als Konzept am effizientesten angewandt werden sollte. Dies ist nicht zuletzt auch mit der Problematik verbunden, dass NGOs keine homogene Gruppe an Organisationen sind, und daher starre Instrumente und Regulierungen unter Umständen auch mehr Schaden als nutzen anrichten könnten (vgl. Unerman/O'Dwyer 2006: 313).

Diese wissenschaftliche Arbeit soll sich dementsprechend dem Konzept Accountability widmen - und dieses gemäß des Forschungsstandes aufarbeiten -, und inwieweit Oxfam als Organisation diesbezüglich vorgeht.

Dafür werden zuerst die verwendeten Konzepte und Begrifflichkeiten, die bei dieser Thematik eine Rolle innehalten, betrachtet und analysiert. Besonders relevant sind an dieser Stelle die näheren Auseinandersetzung mit NGOs als Akteure im internationalen Raum, sowie das Konzept von Accountability bei NGOs, auf welchem letzten Endes der Fokus dieser Arbeit liegen soll. Es sollen grundlegende

Eigenschaften sowie Schwachstellen des Konzeptes erschlossen werden. In Anschluss daran soll im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit die Leistung erbracht werden, diese Konzepte auf das Fallbeispiel anzuwenden, beziehungsweise zu überprüfen, inwieweit diese Konzepte angewandt oder missachtet wurden seitens Oxfam. Accountability bei NGOs ist ein äußerst komplexes Thema, dass auch heute noch einige Forschungsdesiderate aufweist. Mit dieser wissenschaftlichen Grundlage ist deutlich, weshalb diese Thematik forschungsrelevant ist, da es sich mit dem Umfang des Skandals und dessen mediale Aufmerksamkeit um einen Präzedenzfall handelt. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass die Aktualität des Forschungsgegenstandes dazu führt, dass Berichte von dem Vorgehen von Oxfam weitestgehend aus journalistischen Beiträgen und eigenen Statements der Organisation entnommen werden mussten.

2. Theorie

2.1 NGOs als globale Akteure

Zu Beginn ist eine nähere Definition von NGOs, im deutschen Sprachgebrauch Nichtregierungs-Organisationen (NRO), notwendig. Das erste Merkmal einer NGO lässt sich direkt über den Namen selbst schlussfolgern, und zwar dass es sich hierbei um Organisationen handelt, die kein direktes strukturelles Mitglied einer Regierung sind. Ebenfalls zählen sie nicht zu profitorientierten Organisationen, wie es zum Beispiel transnationale Unternehmen würden. Man kann Oxfam zusätzlich als eine

INGO bezeichnen, was zusäzlich noch den internationalen Handlungsraum der Organisation charakterisiert, und sie damit von kleineren, lokalen NGOs abgrenzt (vgl. Unerman/O'Dwyer 2006: 307; Stroup/Wong 2017: 2).

NGOs sind zudem eine nichteinheitliche Gruppierung an Organisationen mit unterschiedlichen Gewichtungen und Formen. Dies bedeutet auch, dass es keine allgemeingültige Definition gibt, die den Begriff allumfassend abgrenzt. Daher besteht seitens Forschung die Bemühung, eine Art Typologie für NGOs zu formulieren, die einen möglichst großen Teil dieser Organisationen umfassen soll.

Diese Typen hier einleitend anzuführen ist forschungsrelevant, da es sich bei ihnen um eine zwar sehr weitläufige, aber auch gängige Einteilung handelt, wenn es um NGOs geht - zudem können mit diesen unterschiedlichen Formen auch multiple Versionen von Accountability verbunden sein.

Die gängigsten Formen, in die eingeteilt wird, sind: welfare provision,advocacyundregulation.Was diese drei Typen gemeinsam haben ist, dass sie sich jeweils auf Handlungsbereiche beziehen, in welchen die jeweiligen beteiligten Staaten untätig oder oftmals auch handlungsunfähig sind. Der erste Typ, welfare provision, ist der Handlungstyp, den die Öffentlichkeit wohl am ehesten mit humanitären NGOs assoziiert. Hierbei steht vor allem die Lieferung von Hilfeleistungen in Katastrophengebieten in Form von Wasser und anderen lebensnotwendigen Ressourcen im Vordergrund. Diese Arbeitsform von NGOs erstreckt sich zusätzlich auch auf die Bereitstellung von sozialen Diensten. Dies ist klassischerweise eine der

grundlegenden Arbeitsformen, in welchen diese Organisationstypen aktiv sind. Advocacy hingegen ist vielmehr eine Handlungsform auf Metaebene, da es bei

dieser oftmals darum geht, die Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Missstände zu lenken, oder die Organisationen als eine Form von Interessensvertretung agieren können. Die durch NGOs zu vertretenen Gruppen können beispielsweise kulturelle Minderheiten in den jeweiligen Staaten, oder auch politisch Verfolgte sein – beides Gruppierungen, die seitens Regierungen öfter strukturell benachteiligt werden, und daher externe Hilfe benötigen (vgl. Beer et al. 2012: 3-5; Unerman/O'Dwyer 2006: 09 – 312).

Die dritte Arbeitsform ist Regulation. Dies bedeutet, wie im klassischen Verständnis des Begriffes, dass eine Form von Kontrolle auf bestimmte Instanzen ausgeübt wird. Durch Internationalisierungsprozesse haben sich auch hier die Mechanismen stark geändert. Von einer eher staatlichen Kompetenz hat sich das Feld der Regulation im internationalen Kontext, auch besonders durch die Teilhabe von NGOs, stark transformiert. Eine der üblichsten Möglichkeiten für NGOs, Einfluss auf beispielsweise transnationale Unternehmen auszuüben, nennt sich naming und shaming. Dies kann zum Beispiel eine Kampagne zu Tierversuchen eines großen Konzernes sein, der durch das öffentliche denunzieren dieser Praktiken von diesen abkehrt, um einen weiteren Reputationsschaden zu vermeiden. Diese Taktik funktioniert besonders dann, wenn der Gegenstand ein Thema ist, zu dem in der breiten Zivilgesellschaft eine eindeutige moralische Einstellung vorzufinden ist, gegen welche verstoßen wird – in diesen Fällen kann eine solche informelle Regulationsstrategie sehr erfolgreich sein (vgl. Beer et al. 2012: 7f.).

Hier sind die Abgrenzungen in der Anwendung allerdings nicht sehr strikt und es kommt zu Mischformen, wie auch das Fallbeispiel dieser wissenschaftlichen Arbeit eine ist. Bei diesen Hybridformen von NGOs ist es, besonders wenn die Organisationen sehr groß sind und international arbeiten, normal, mehr als nur einen Teilbereich der Typologie abzudecken. Hier ist als Beispiel Oxfam mit ihrem langjährigen Haiti-Einsatz zu nennen. Oxfam UK ist bereits seit 1978 in Haiti aktiv gewesen, und hat vor allem längerfristige Hilfe in Form von Sanitäranlagen, oder auch nachhaltige Behausungen für die Bevölkerung angeboten. Ebenfalls ist Oxfam schon lange Zeit eine Organisation, die auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Missstände im Land aufmerksam macht, und auf internationaler Ebene zum Beispiel die Vereinten Nationen dazu auffordert, die Ungerechtigkeiten, die die haitianische Bevölkerung erfährt, gemeinsam mit Oxfam zu bekämpfen.

Ebenso wird auch die Untätigkeit des Staates gegenüber seiner Bevölkerung angeprangert, was dem naming und shaming im Kontext der Regulation entspricht. Es lässt sich demnach aufzeigen, dass die Organisation Oxfam durch ihre Größe und ihre vielen Kompetenzen und Arbeitsfelder sehr komplex und vielschichtig arbeitet (vgl. Ansari 2010: 4).

Die Problematik, die bei NGOs jedoch unweigerlich entsteht, ist eine sehr grundsätzliche. Im Gegensatz zu anderen internationalen Instanzen obliegen NGOs keinerlei demokratische Prozesse wie Wahlen, seien es Direktwahlen durch Bürger*Innen, oder durch anderweitig gewählte Repräsentanten. Damit halten diese Organisation keine demokratische Legitimation inne. Deutlich wird dies besonders an den analysierten Handlungsmöglichkeiten, die durch ihren informellen Charakter ebenfalls negative Folgen haben können (vgl. Jordan 2005: 6).

Die Notwendigkeit von Kontrollmechanismen in diesem heterogenen Sektor ist demnach sehr präsent, weshalb sich nun im anschließenden Teil ausführlich mit Accountability bei NGOs auseinandergesetzt werden soll.

2.2. Das Konzept Accountability

Mit diesem breiten Handlungsfeld geht einher, dass es Beteiligte gibt, die ein Interesse an dem Verlauf und der Ergebnisse dieser Handlungen haben. Diese Personen oder Institutionen werden in der Forschung Stakeholder genannt. Der Grund für ein solches Interesse kann sehr unterschiedlich sein – es kann sich zum Beispiel auf ein finanzielles Investment oder auch eine Kooperation beziehen. Wenn Stakeholder erfahren wollen, inwieweit ihre finanziellen (oder anderweitigen) Ressourcen genutzt wurden, ist die Rechenschaftspflicht das Konzept, welches mögliche Mechanismen für die Beantwortung bietet (vgl. Ebrahim/Weisband 2007: 8).

Accountability ist in der Forschung zu NGOs eine ebenfalls sehr weitläufige Begrifflichkeit. Die grundlegende Bedeutung dieses Konzeptes ist, dass Accountability die Rechenschaftspflicht gegenüber einer Person oder einer anderweitigen Instanz bedeutet. Dies soll dafür sorgen, dass keine unmoralischen oder illegalen Vorkommnisse passieren, oder dass diese zumindest in der Retrospektive sanktioniert werden. In den vielen verschiedenen Accountability- Mechanismen liegt das größte Potential für eine längerfristige Regulierung des Sektors (vgl. Ebrahim/Weisband 2007: 2-4).

Trotz der Weitläufigkeit der Begrifflichkeit lassen sich grundsätzliche Charakteristika des Konzeptes Accountability festhalten. Es setzt voraus, dass bei den jeweiligen Organisationen Informationstransparenz vorliegt. Dies bedeutet, dass NGOs zum Beispiel die Zahlen ihrer Spender*Innen in ihren Berichten offenlegen, ebenso wofür diese Ressourcen verwendet wurden. Damit geht einher, dass die Organisation gleichermaßen eine eindeutige Argumentation darlegt, weshalb die Gelder so verwendet wurden. Diesen Charakteristika steht die letzte Komponente von Accountability gegenüber, die etwaige Sanktionen umfasst. Wenn es Defizite in der Umsetzung der vorhergehenden Bereichen gibt, muss ebenso die Möglichkeit bestehen, Sanktionen zu erheben – seitens der Stakeholder oder auch selbstregulierend durch die Organisation (vgl. Ebrahim/Weisband 2007: 5).

Diese verschiedenen Komponenten sind interdependent verbunden, sodass Accountability nur mit der Anwesenheit aller Aspekte funktioniert, ansonsten kann es unter der fehlenden Balance zu Konflikten kommen.

2.3. Die Wirkungsweisen von Accountability

Das Konzept Accountability selbst lässt sich zusätzlich noch in unterschiedliche Richtungen einteilen. Generell lässt sich Accountability in drei Wirkungsrichtungen anordnen: upward, downward und interne Accountability. Diese Einteilung ist zwar eine sehr grobe, und alleinstehend nicht ausreichend für eine detaillierte Analyse, allerdings lassen sich durch sie bereits erste Rückschlüsse zu den in Erwägung zu ziehenden Mechanismen machen. Die upward Accountability (im Deutschen aufwärtswirkende Accountability) wird auch formale oder hierarchische Accountability genannt, und entspricht am Ehesten dem regulären Verständnis von Rechenschaftspflicht, das auf staatlicher Ebene herrscht. Wie die Wirkungsrichtung aufwärts bereits anführt, handelt es sich um eine Form der Rechenschaftspflicht, die extern auf die Organisation einwirkt. Stakeholder, die eine aufwärtswirkende Rechenschaftspflicht einfordern, haben der Organisation in der Regel finanzielle Mittel für verschiedene Projekte gespendet. Dies können Regierungen, Unternehmen, Stiftungen oder anderweitige Spender*Innen sein (vgl. Unerman/O'Dwyer 2006: 310).

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Details

Titel
Das Konzept Accountability bei NGOs. Wie hat die Organisation Oxfam International im Zuge des 2018 publizierten Skandals Verantwortung übernommen?
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V538722
ISBN (eBook)
9783346162984
ISBN (Buch)
9783346162991
Sprache
Deutsch
Schlagworte
accountability, international, konzept, ngos, organisation, oxfam, skandals, verantwortung, zuge
Arbeit zitieren
Vanessa Kern (Autor), 2018, Das Konzept Accountability bei NGOs. Wie hat die Organisation Oxfam International im Zuge des 2018 publizierten Skandals Verantwortung übernommen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538722

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