I. Einleitung
Mit der sogenannten „First Fleet“, die am 18. Januar 1788 in der Botany Bay nahe des heutigen Sydney vor Anker ging, kamen nicht nur die ersten britischen Strafgefangenen nach Australien, sondern auch Deutschsprachige, ein Navigator und ein Sträflingsaufseher. Dieses Datum, wie auch die folgenden Tage (bis zum 7. Februar 1788), da die erste britische Kolonie auf australischem Boden – New South Wales – gegründet wurde, sollte bereits auf die Rolle Australiens nicht nur als 20.000 Kilometer entfernter „Abschiebekontinent“ für unliebsame Strafgefangene, sondern auch als Auswanderungsziel für unzählige Gruppen und Individuen, die aus politischen, wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen in den darauffolgenden zweihundert Jahren ihre Heimat hinter sich ließen, vorausdeuten. Unter den Einwanderern befand sich stets eine beachtliche Zahl an Deutschen oder Deutschsprachigen, die sich im 19. Jahrhundert vornehmlich in den Goldgräberorten wie auch in den sechs Kolonien des damaligen Australiens niederließen oder geschlossene homogene deutsche Siedlungen bildeten.
Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den Phasen der Emigration Deutschsprachiger nach Australien – dies unter Berücksichtigung der Entstehung von Sprachinseln – wie auch auf der Entwicklung ihrer Muttersprache angesichts der englischsprachigen Dominanz bzw. politischer und historischer Ereignisse, die einen erheblichen Einfluss auf den Gebrauch des Deutschen ausübten. Im folgenden seien die linguistischen Merkmale des Deutschen in Australien nachskizziert. Vor diesem Hintergrund ist abschließend zu untersuchen, in welcher Weise von deutschen Sprachinseln in Australien gesprochen werden kann. Dies impliziert eine Untersuchung unter Berücksichtigung der definitorischen Bestimmungen von Sprachinseln nach dem heutigen Stand der Forschung. Ist es denn möglich, von deutschen Sprachinseln in Australien zu sprechen? Und welche Faktoren könnten sich Sprachinsel stabilisierend auswirken, unter welchen Bedingungen lösen sich Sprachinseln auf?
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Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Phasen der deutschsprachigen Besiedlung Australiens
III. Die Entwicklung des Deutschen in Australien
III.1 Von 1838 bis 1872
III.2 Von 1914 bis 1945
III.3 Von 1945 bis 1970
III.4 Von 1970 bis heute
IV. Linguistische Merkmale des Deutschen in Australien
IV.1 Dialektale Merkmale
IV.2 Lexikalische Merkmale
IV.3 Phonologische Merkmale
IV.4 Englische Entlehnungen und ihre grammatikalische Integration
IV.5 Syntaktische Merkmale, „code-switching“
V. Ist es möglich, von deutschen Sprachinseln in Australien zu sprechen?
VI. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Emigration deutschsprachiger Personen nach Australien und analysiert, inwieweit sich dabei stabile Sprachinseln bilden konnten. Dabei wird der Fokus auf den Sprachwandel unter dem Einfluss der englischsprachigen Dominanz sowie auf die soziolinguistischen Bedingungen für den Erhalt oder die Auflösung dieser Sprachgemeinschaften gelegt.
- Historische Phasen der deutschsprachigen Einwanderung nach Australien
- Linguistische Analyse von Dialekt, Wortschatz, Phonologie und Syntax des australischen Deutsch
- Untersuchung von Sprachinseln und deren definitorischen Voraussetzungen
- Einfluss von Politik, Religion und Bildungswesen auf den Spracherhalt
- Rolle von Medien und Vereinen für die moderne deutschsprachige Gemeinschaft
Auszug aus dem Buch
IV.2 Lexikalische Merkmale
Bereits die ersten deutschsprachigen Siedler entlehnten Wörter aus dem Englischen und integrierten diese in ihr Vokabularium. Während in der Kirche, im religiösen Leben also, die Sprache Martin Luthers genügte, so wurden in den Bereichen Farm, Obst- und Weinbau Wörter aus dem Englischen entlehnt, zumeist dann, wenn für das zu Bezeichnende kein deutsches Äquivalent vorhanden war. Solche englischen Transferenzen waren beispielsweise Buggy (Pferdewagen), die Fence (Zaun) und die Paddock (unbebautes Feld). Clyne nennt weitere Faktoren, die die Transferenz eines englischen Lexems motivierten:
Ein englisches Lexem wird gebraucht, wenn es die Wahl eines regionalbedingten Wortes vermeidet, dass dem Gesprächspartner aus einer anderen Gegend nicht geläufig ist (z.B. butcher für Metzger, Fleischer, Schlachter);
ein englisches Lexem entspricht mehreren deutschen Lexemen (z.B. put für hängen, legen, setzen, stellen etc.);
ein englisches Lexem ermöglicht es, eine Konstruktion zu umgehen, die das Gedächtnis bzw. die Satzplanungsmechanismen vor dem Hintergrund von Distanzstellung, Verbendstellung oder einer höheren Valenz belasten würde (z.B. watchen statt ansehen, zusehen und listen für anhören, zuhören).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung skizziert die historische Rolle Australiens als Auswanderungsziel für Deutschsprachige und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Entstehung und Auflösung von Sprachinseln.
II. Phasen der deutschsprachigen Besiedlung Australiens: Dieses Kapitel beschreibt die ersten Wellen der Einwanderung, insbesondere die Gründung lutherischer Siedlungen wie Klemzig und Hahndorf durch Emigranten aus Preußen.
III. Die Entwicklung des Deutschen in Australien: Der Hauptteil analysiert chronologisch den Spracherhalt und -wandel, beginnend bei der Pionierzeit über die Weltkriege bis zur heutigen Situation im multikulturellen Australien.
IV. Linguistische Merkmale des Deutschen in Australien: Das Kapitel bietet eine tiefgehende linguistische Analyse der Besonderheiten des australischen Deutsch in Bezug auf Dialekt, Lexikon, Phonologie, Grammatik und Syntax.
V. Ist es möglich, von deutschen Sprachinseln in Australien zu sprechen?: Hier wird der theoretische Sprachinselbegriff kritisch auf die historischen Gegebenheiten in Australien angewandt.
VI. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die aktuelle Vitalität der deutschen Sprache auf dem australischen Kontinent.
Schlüsselwörter
Australien, deutsche Einwanderung, Sprachinseln, Sprachwandel, Soziolinguistik, Assimilation, Mehrsprachigkeit, Deutsch als Muttersprache, Sprachkontakt, Interferenz, Siedlungsgeschichte, Religion, Sprachminderheit, Community Languages, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Geschichte der deutschsprachigen Einwanderung nach Australien sowie die damit verbundenen linguistischen Prozesse der Sprachveränderung und des Spracherhalts.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die historische Besiedlung durch deutsche Gruppen, der Einfluss der englischsprachigen Umgebung, die Bildung von Sprachinseln und die heutige Rolle der deutschen Sprache in der australischen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu analysieren, wie sich das Deutsche unter dem Einfluss historischer und politischer Ereignisse verändert hat und ob die Bezeichnung "Sprachinsel" historisch und definitorisch auf deutsche Siedlungsgemeinschaften in Australien zutrifft.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich primär um eine soziolinguistische Analyse, die auf bestehender Forschungsliteratur, statistischen Daten und qualitativen Belegen zur Sprachverwendung basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Darstellung der Einwanderungsphasen und eine detaillierte sprachwissenschaftliche Untersuchung der phonologischen, lexikalischen und syntaktischen Eigenheiten des in Australien gesprochenen Deutsch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Schlüsselwörter sind unter anderem: Sprachinsel, Migration, Assimilation, Sprachwandel, australisches Deutsch und Community Languages.
Welche Rolle spielten die beiden Weltkriege für das Deutsche in Australien?
Die Weltkriege wirkten als Katalysatoren für eine starke Assimilationspolitik, die zu einer drastischen Monolingualisierung führte und den Gebrauch des Deutschen im öffentlichen und schulischen Raum weitgehend verbot oder unterdrückte.
Wie bewertet die Arbeit die heutige Situation des Deutschen in Australien?
Die Arbeit konstatiert, dass das Deutsche zwar in seinem Status hinter andere Einwanderersprachen zurückgefallen ist, aber aufgrund moderner Kommunikationsnetzwerke, Medien und des Bildungsangebots derzeit nicht in seiner Präsenz bedroht ist.
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- Anonym (Author), 2002, Sprachinselforschung - Deutsche Sprachinseln in Australien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5399