Hermeneutik und Hermeneutik-Kritik

Ein Stundenprotokoll zu den Grundzügen einer philosophischen Hermeneutik


Vorlesungsmitschrift, 2019

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Einstieg

Gegenstand des Seminares ist die Lektüre: „Wahrheit und Methode - Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ von Hans-Georg Gadamer. Zu Beginn der Sitzung wird erwähnt, dass in den ersten Sitzungen zunächst Vorgriffe von Gadamers Gedankenkonzept entwickelt werden, sodass ein erstes, genaues Verständnis des Lektüretextes sehr subtil werden könne. Lernen sei immer eine Überforderung und ein Verhältnis von Verstehen und Nicht-Verstehen. Die philosophische Hermeneutik ist eine Kunstlehre des Verstehens und stellt Fragen, unter welchen Bedingungen wir verstehen und was mit dem Begriff „Verstehen“ gemeint ist. Der hermeneutische Zirkel ist die zentrale Denkfigur der Hermeneutik. Gadamer stellt in seiner Lektüre den Unterschied zwischen dem ontologischen hermeneutischen Zirkel und den methodischen hermeneutischen Zirkel vor.

Der methodische hermeneutische Zirkel versteht das Verhältnis des Interpreten1 und des Interpretandums2 als ein äußerliches Verhältnis. Man tritt als Subjekt dem Text als Objekt gegenüber.

Der ontologische3 hermeneutische Zirkel untersucht die Verbundenheit des Interpreten und des Interpretandum. Der Begriff der Verbundenheit hat in Gadamers Lektüre mindestens zwei Bedeutungen, die im Seminar behandelt werden. Verbundenheit kann einerseits bedeuten, dass der Interpret Teil des Interpretandum ist: Der, welcher die Tradition zu verstehen versucht, ist immer auch schon durch die Tradition bestimmt. Verbundenheit kann andererseits bedeuten, dass das, was zu verstehen ist, immer schon durch den Verstehenden bestimmt wurde. Das Interpretandum ist also Teil des Interpreten.

Im methodischen hermeneutischen Zirkel wird Verstehen als Leistung eines Subjektes, und im ontologisch hermeneutischen Zirkel als ein Geschehen gedeutet.

Einleitend zur Seminarsitzung wird Martin Heidegger zitiert: „Die Auslegung von Etwas als Etwas wird […] durch Vorhabe, Vorgriff und Vorsicht fundiert. Auslegung ist nie ein voraussetzungsloses Erfassen eines Vorgegebenen. So ist das, was „dasteht“, nichts anderes als die […] Vormeinung des Auslegers.“4 Wir gehen immer schon mit einer Vormeinung an Texte heran und haben eine Vormeinung von Etwas. Das Zitat betont jedoch zusätzlich, dass eine Auslegung nicht ohne die Vormeinung des Auslegers verstanden werden kann und darf daher als eine radikal konstruktivistische Verstehenstheorie verstanden werden kann. Das was wir verstehen, geht auf im Verstehen: Wir konstruieren den Gegenstand selbst, den wir verstehen. Im weiteren Verlauf der Sitzung werden Textabschnitte aus Gadamers Werk vorgelesen und besprochen.

Diskussion zum Textabschnitt 1

Zum ersten Textabschnitt wird zuerst das Fremdwort vitiosum geklärt: Ein vitiosum sei ein zirkulärer Anstoß: Ein logisch unzulässiger Beweis, bei dem das zu Beweisende offen oder verdeckt schon in den Prämissen steckt. In den Sätzen: „ Alle rechte Auslegung muss sich gegen die Willkür von Einfällen und die Beschränktheit unmerklicher Denkgewohnheiten abschirmen und den Blick >auf die Sachen selber< richten […].“5 6 und „Wer einen Text verstehen will, vollzieht immer ein Entwerfen.“7 , scheint ein Widerspruch zu stecken, da zum einen Denkgewohnheiten abgelegt und zum anderen das Entwerfen notwendig für ein Textverständnis sei. Der Anspruch, dass der Text eine Sinnganzheit ergibt, kann jedoch erst im weiteren Fortsetzen der Lektüre erhoben werden. Gadamer beschreibt das Textverstehen als ein zirkuläres System: Jedes Textverständnis setzt ein Vorverständnis voraus und jedes Textverständnis verführt zu einem weiteren Vorverständnis, welches wieder Voraussetzung für ein erweitertes Textverständnis ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

Die Vorstellung des Verstehens ähnelt also einer hermeneutischen Spirale, die mit einer wiederkehrenden Reflexion einhergeht, da nicht wieder bei dem ersten Vormeinung begonnen wird, sondern diese durch das Textverständnis revidiert und geändert wird: Wir erkennen nur das, was wir selbst konstruiert haben. Interpreten sind beispielsweise vorgeprägt durch Erziehung, Freunde und Umwelt. Das Verständnis vom Text hat eine eigene Dimension, die unsere Vormeinung bestätigen, modifizieren oder widerlegen kann. Texte können durch Hypothesen, empirische Erfahrung und Revision unsere Vormeinung verändern. Dadurch können wir im Idealfall am Ende der Spirale eine Reflexion unser eigenen Vormeinungen bilden und den Text als solchen verstehen, sodass Vormeinung und Gegenstand übereinstimmen. Andererseits kann der hermeneutischen Zirkel auch Irritation auslösen, sodass kein Textverständnis mehr da ist oder den Gegenstand selbst als unverständlich begriffen wird. Nach der Korrespondenztheorie ist das Textverständnis wahr, wenn die Vormeinung mit dem Gegenstand korrespondiert. Die Frage, die sich im Plenum stellt, ist, was das Kriterium der Korrespondenz zwischen Vormeinung und Gegenstand sei. Hier wird folgender Beispielsatz zur Veranschaulichung beigetragen: „Eine Gruppe Fußballfans gehen zu einem Kiosk, um sich Getränke zu kaufen. Als sie beim Kiosk ankamen, bemerkten sie, dass sie ihre Handtaschen vergessen haben.“ Problematisch sei hier, dass der Gegenstand immer ausschließlich durch den Gedanken wahrgenommen werden würde. Der Vormeinung zu entspringen scheint nicht möglich zu sein, jedoch könnte sich der Interpret mithilfe der Vernunft von Vormeinungen distanzieren und diese reflektieren. Der Dozent Dr. Ingo Elbe stellt die These auf, dass die einzige Rettung der Korrespondenztheorie durch einen skeptischen, kritischen, metaphysischen Realismus erfolge könne. Diese These soll in den weiteren Seminarsitzungen der Veranstaltung wieder aufgegriffen werden.

Diskussion zum Textabschnitt 2

Es bildet sich eine Verständnisfrage zum Begriff „Bewährung“, die sich durch den Satz: „ Es gibt hier keine andere >Objektivität< als die Bewährung, die eine Vormeinung durch ihre Ausarbeitung findet.8 9, ergibt. „Die Bewährung der Vormeinung am Text“ hält Gadamer scheinbar für einen sachangemessenen Entwurf. „ Was kennzeichnet die Beliebigkeit sachunangemessener Vormeinungen anders, als dass sie in der Durchführung zunichtewerden?10 Die Vormeinungen werden also bei der Bewährung falsifiziert. Genauso kann aber auch der Text falsifiziert werden. Das Sachunangemessene werden wir uns durch die Irritation mit unseren Vormeinungen bewusst.

Diskussion zum Textabschnitt 3

Zunächst stellt sich die Frage,11 was Gadamer unter der „Anerkennung der wesenhaften Vorurteilshaftigkeit allen Verstehens“ versteht. Gadamer versuche den Begriff des Vorurteils zu rehabilitieren und sagt, dass der Begriff in Verruf geraten ist, einen Anspruch hat Vernunft herbeizuführen und sich von den Begriffen Glaube und Tradition differenzieren lässt. Das Vorurteil sei per se nicht negativ, es könne aber etwas Negatives daraus entstehen, wie beispielsweise in der Justiz. Das Vorurteil sei jedoch Teil der Aufklärung und stehe dieser nicht antagonistisch gegenüber. Gadamer scheint hier zu unterstellen, dass ein „Vorurteil gegen die Vorurteile“ als ein aufklärerischer Gedanke konnotiert wird. Das Bild von Aufklärung, welches Gadamer hier entwirft, ist eine Mystifizierung der Begriffsgeschichte des Vorurteils. Außerdem arbeitet er mit unpräzisen Begriffen, wie beispielsweise mit der Entmachtung der Überlieferung. Entmachtung der Überlieferung könnte einerseits heißen, dass der blinde Glaube an die Tradition nicht weiter besteht12 oder könnte anderseits bedeuten, dass die Bestimmung des menschlichen Denkens durch die Tradition vollständig zu negieren ist.

Diskussion zum Textabschnitt 4

In dem letzten Textabschnitt scheint Gadamer die Wissenschaft als eine Disziplin zu bezeichnen, welche nach objektiven Erkenntnissen sucht und die Vorurteile ausschalten will, die jedoch nicht den Weg zur Erkenntnis mithilfe der Vorurteile sucht. Laut Gadamer gehe der Wissenschaftler ohne Vorurteile an die Wirklichkeit heran, nimmt eine passive Position ein und lässt sich die Vorurteile über ein Tafelbild bestimmen. Hier weist der Dozent auf Kants Erkenntnistheorie hin, welche behauptet,13 dass wir ohne die Begriffe, die wir durch die Erfahrung mitgebracht haben, den Gegenstand begreifen können. Gadamer scheint hier eine Karikatur der Wissenschaft zu zeichnen, um sich von dieser zu differenzieren. Die Sätze „ Die Begründung, die methodische Sicherung erst (und nicht das sachliche Zutreffen als solches), gibt dem Urteil seine Dignität. Das Fehlen der Begründung läßt in den Augen der Aufklärung nicht anderen Weisen der Gültigkeit Raum, sondern bedeutet, daß das Urteil keinen in der Sache liegenden Grund hat, >unbegründet< ist.“, sorgen für eine Irritation. Gadamer scheint folgenden Gedanken der Aufklärung zu zuschreiben: Wenn wir das Urteil nicht methodisch begründet haben, dann ist das Urteil unbegründet und damit ein Vorurteil. Gadamer erklärt, dass dieser Gedanke keine andere Art der Geltung eines Urteils zulässt. Es gebe zusätzlich eine andere Weise der Geltung, die Gadamer als erstes als „sachliches Zutreffen als solches“ bezeichnet und zweitens als einen „in der Sache liegenden Grund der Gültigkeit“. Was meint Gadamer mit dem „sachlichen Zutreffen als solches“ ? Gibt es ein sachliches Zutreffen als Teil der Erkenntnis oder existiert gar kein sachliches Zutreffen? Was ist mit der „anderen Weise“ gemeint ? Es scheint offenbar eine andere Art von Gültigkeit zu existieren als die der kritischen Prüfung mithilfe einer Methode. Diese Fragen werden in den nächsten Sitzungen die Diskussion anleiten.

Anhang

Textabschnitt 1:

„Wir gehen daher nochmal auf Heideggers Beschreibung des hermeneutischen Zirkels ein, um die neue grundsätzliche Bedeutung , die die Zirkelstruktur hier gewinnt, für unsere Absicht fruchtbar zu machen. Heidegger schreibt: >> Der Zirkel darf nicht zu einem vitiosum, und sie es auch zu einem geduldeten, herabgezogen werden. In ihm verbirgt sich eine positive Möglichkeit ursprünglichsten Erkenntnis, die freilich in echter Weise nur dann ergriffen ist, wenn die Auslegung verstanden hat, daß ihre erste, ständige und letzte Aufgabe bleibt, sich jeweils Vorhabe, Vorsicht und Vorgriff nicht durch Einfälle und Volksbegriffe vorgeben zu lassen, sondern in deren Ausarbeitung aus den Sachen selbst her das wissenschaftliche Thema zu sichern.<<

Was Heidegger hier sagt, ist zunächst nicht eine Forderung an die Praxis des Verstehens, sondern beschreibt die Vollzugsform des verstehenden Auslegens selbst. Heideggers hermeneutische Reflexion hat ihre Spitze nicht so sehr darin, nachzuweisen, daß hier ein Zirkel vorliegt, als vielmehr darin, daß dieser Zirkel einen ontologischen positiven Sinn hat. Die Beschreibung als solche wird jedem Ausleger einleuchten, der weiß, was er tut. Alle rechte Auslegung muss sich gegen die Willkür von Einfällen und die Beschränktheit unmerklicher Denkgewohnheiten abschirmen und den Blick >auf die Sachen selbst< richten (die bei Philologen sinnvolle Texte sind, die ihrerseits wieder von Sachen handeln). Sich dergestalt von der Sache bestimmen lassen, ist für den Interpreten offenkundig nicht ein einmaliger >braver< Entschluss, sondern wirklich >die erste, ständige und letzte Aufgabe<. Denn es gilt, den Blick auf die Sache durch die ganze Beirrung hindurch festhalten, die den Ausleger unterwegs ständig von ihm selbst her anfällt. Wer einen Text verstehen will, vollzieht immer ein Entwerfen. Er wirft sich einen Sinn des Ganzen voraus, sobald sich ein erster Sinn im Text zeigt. Ein solcher zeigt sich wiederum nur, weil man den Text schon mit gewissen Erwartungen auf einen bestimmten Sinn hin liest. Im Ausarbeiten eines solchen Vorentwurfs, der freilich beständig von dem her revidiert wird, was sich bei weiterem Eindringen in den Sinn ergibt, besteht das Verstehen dessen, was darsteht.“14

[...]


1 Interpret: Derjenige der versteht.

2 Interpretandum: Dasjenige, was verstanden wird.

3 Ontologie: Lehre vom Sein und deren Prinzipien

4 Heidegger, Martin (1977): Sein und Zeit. Online verfügbar unter https://pdfs.semanticscholar.org/b300/1a27c7559102f5021e65a03002a610493e86.pdf, zuletzt geprüft am 17.11.2019. S.162

5 Vgl. Gadamer, Hans-Georg (2010): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck. S. 270-271. Siehe Textabschnitt 1 im Anhang.

6 Ebd. S. 271.

7 Ebd. S. 271.

8 Vgl. Gadamer, Hans-Georg (2010): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck. S. 271-272. Siehe Textabschnitt 2 im Anhang.

9 Ebd. S. 272.

10 Ebd. S. 272.

11 Vgl. Ebd. S. 274-275. Siehe Textabschnitt 3 im Anhang.

12 Beispiel : Nur weil Jemand aufgrund der Herkunft König ist, heißt das nicht, dass er der bessere Herrscher ist.

13 Vgl. Gadamer, Hans-Georg (2010): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck. S. 275-276. Siehe Textabschnitt 4 im Anhang.

14 Gadamer, Hans-Georg (2010): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck. S. 270-271.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Hermeneutik und Hermeneutik-Kritik
Untertitel
Ein Stundenprotokoll zu den Grundzügen einer philosophischen Hermeneutik
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Human und Gesellschaftswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Hermeneutik des Verstehens. Hermeneutik und Hermeneutik-Kritik.
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V540071
ISBN (eBook)
9783346167569
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gadamer, Hans-Georg Gadamer, hermeneutischer Zirkel, Hermeneutik
Arbeit zitieren
Lara Bösking (Autor), 2019, Hermeneutik und Hermeneutik-Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540071

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