Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit (§ 1 Abs. 1 achtes Sozialgesetzbuch (SBG VIII)). Mit diesem Paragraphen wird eine der grundlegenden Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe beschrieben. Schwerpunkt der Kinder- und Jugendhilfe sind die Leistungen, die in § 2 Abs. 2 SBG VIII genannt werden. Zu denen gehören auch die Heimerziehung und die betreuten Wohnformen (Nr. 4). Dies ist jedoch nur eine von vielen Unterstützungsangeboten für junge Menschen und ihren Familien in Belastungs- und Krisensituationen.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) (2014), lebten Ende des Jahres 2014 rund 72.000 junge Menschen in Heimen oder sonstigen betreuten Wohnformen nach § 34 SBG VIII. In § 34 S.1 SBG VIII ist Heimerziehung als eine Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht definiert. Der Begriff „Einrichtung“ wird jedoch im Gesetz nicht näher definiert. Dementsprechend ist auch das Angebot an Heimformen sehr differenziert. Im Zuge der Modernisierung nimmt die Individualisierung in der sozialen Arbeit immer mehr an Bedeutung in der Sozialen Arbeit zu. Um den individuellen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden, werden im Heimalltag zahlreiche Methoden eingesetzt, die das Ziel verfolgen, Erziehung gewährleisten zu können. Ohne die Integration methodischer Techniken ist professionelles und erfolgreiches Handeln in diesem Handlungsfeld nicht möglich.
„Allerdings hat die Heimerziehung aufgrund ihrer Geschichte bis heute gegen Vorurteile und Unverständnis in der Bevölkerung anzukämpfen. Denn es wird mit dem Begriff der Heimerziehung in der Öffentlichkeit weiterhin nicht selten eine anstaltsähnliche Unterbringung in großen Institutionen unter pädagogischer Strenge verbunden“ (Rätz et. al. 2014).
Aus dem oben Genannten entsteht die Frage, welchen Stellenwert Heimerziehung in der Vergangenheit hatte und wie die heutige Heimerziehung strukturiert ist. Des Weiteren soll die vorliegende Arbeit erörtern, welche Anforderungen an die professionellen Fachkräfte in der Heimerziehung gestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Entwicklungslinien der Heimerziehung
2.1 Heimerziehung in der Nachkriegszeit und die „Heimkampagne“
2.2 Heimerziehung in der DDR
2.3 Die Einführung des KJHG/SGB VIII
3 Organisation und Struktur der Heimerziehung
3.1 Inhalte und Ziele
3.2 Das differenzierte Leistungsangebot
3.2.1 Außenwohngruppe
3.2.2 Heilpädagogische/ therapeutische Heimgruppen
3.2.3 Familienähnliche Wohnformen
3.2.4 Verselbständigungsgruppe und Betreutes Wohnen
3.2.6 Geschlossene Unterbringung
3.3 Methoden der Heimerziehung
3.3.1 Pädagogische und therapeutische Methoden
3.3.2 Methoden zur Umsetzung der individuellen Erziehungsziele
4 Anforderungen an die Fachkräfte
4.1 Handlungskompetenz
4.2 Sozial- und Selbstkompetenz
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung, die heutige Organisationsstruktur und die methodischen Anforderungen in der Heimerziehung als Teil der Kinder- und Jugendhilfe, um daraus spezifische Kompetenzanforderungen an das Fachpersonal abzuleiten.
- Historische Entwicklung von der Nachkriegszeit über die DDR bis zur Einführung des SGB VIII
- Strukturelle Analyse aktueller Heimformen und deren Leistungsspektrum
- Methodische Ansätze in der pädagogischen Arbeit und deren Umsetzung im Alltag
- Anforderungsprofil an Fachkräfte (Handlungs-, Sozial- und Selbstkompetenz)
Auszug aus dem Buch
3.3 Methoden der Heimerziehung
„Wir verstehen unter Methoden in der stationären Jugendhilfe planmäßige, zielgerichtete und oftmals langfristige pädagogische oder therapeutische Interventionen, welche sich überprüfen lassen und Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen in ihrer Entwicklung fördern“ (Günder 2015, S. 193).
In der Studie von Günder (2015), bei der insgesamt 22 Heimleitungen und 26 Gruppenmitarbeiter(innen) nach den Methoden in ihrem Heim befragt worden sind, wurden Methoden wie die Strukturierung des Alltages, Beziehungsarbeit, Verhaltenstherapie, Einzelfallorientierung, systemische Elternarbeit genannt. Klassische Methoden der Sozialen Arbeit wie die Einzelfallhilfe oder Gruppenarbeit wurden nur sehr selten von den Befragten aufgeführt und wenn, auch nur ohne klare Zielsetzungen dahinter. Manche konnten nicht einmal eine einzige Methode nennen, die sie im Heimalltag benutzten. Fundierte Theorien bzgl. der genannten Methoden konnten hinzufügend auch nur die Wenigsten nennen. „Die vorgefundenen „Literaturfeindseligkeit“ lässt […] vermuten, dass ein nicht unerheblicher Teil der Institutionen nicht oder nur sehr wenig methodisch ausgerichtet ist, oder Methoden dort nur sehr unreflektiert zur Anwendung kommen“ (Günder 2015, S. 197).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der rechtlichen Grundlagen und Problemstellung der Heimerziehung in Deutschland.
2 Entwicklungslinien der Heimerziehung: Betrachtung der historischen Stationen von der Nachkriegszeit, über die DDR bis hin zur Etablierung des SGB VIII.
3 Organisation und Struktur der Heimerziehung: Analyse des gegenwärtigen Leistungsspektrums, verschiedener Wohnformen und methodischer Ansätze im Heimalltag.
4 Anforderungen an die Fachkräfte: Definition notwendiger Kompetenzbereiche, insbesondere Handlungs-, Sozial- und Selbstkompetenz für das pädagogische Personal.
5 Fazit: Kritische Reflexion des Themas mit Ausblick auf zukünftige Entwicklungen und den Bedarf an kontinuierlicher Professionalisierung.
Schlüsselwörter
Heimerziehung, Kinder- und Jugendhilfe, SGB VIII, Heimkampagne, Kollektiverziehung, Pädagogische Methoden, Milieutherapie, Handlungskompetenz, Sozialkompetenz, Selbstkompetenz, Fachkräfte, Kinderschutz, Lebensweltorientierung, Erziehungsziele, Wohngruppen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Heimerziehung in Deutschland als einem wesentlichen Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe, wobei die historische Entwicklung und die heutigen strukturellen sowie methodischen Rahmenbedingungen im Fokus stehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Geschichte der Heimerziehung, die Organisationsstruktur von Heimformen, eingesetzte pädagogische Methoden und die Anforderungen an professionelle Fachkräfte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Stellenwert der Heimerziehung zu klären und zu erörtern, welche spezifischen Kompetenzen Fachkräfte benötigen, um den komplexen Anforderungen in diesem Feld gerecht zu werden.
Welche wissenschaftlichen Grundlagen werden verwendet?
Es werden aktuelle gesetzliche Rahmenbedingungen des SGB VIII sowie fachwissenschaftliche Studien und Literatur zur Praxis der stationären Jugendhilfe herangezogen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Aufarbeitung, die Darstellung aktueller Strukturen und differenzierter Heimangebote sowie die detaillierte Analyse der methodischen Vorgehensweisen im Alltag.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Heimerziehung, Handlungskompetenz, Lebensweltorientierung, methodische Professionalität und das SGB VIII.
Welche Rolle spielt die „Heimkampagne“ für die Heimerziehung?
Sie markiert einen historischen Wendepunkt, der durch die Aufdeckung unhaltbarer Zustände in Heimen (wie Gewalt und unqualifiziertes Personal) zu einer Dezentralisierung und grundlegenden Reform der stationären Erziehung führte.
Warum ist die „systematische Elternarbeit“ laut Autorin so bedeutend?
Sie ist entscheidend, da Verhaltensauffälligkeiten von Kindern oft nicht allein auf das Individuum zurückzuführen sind, sondern das soziale Umfeld und die Herkunftsfamilie eine zentrale Rolle bei einer erfolgreichen Rückführung spielen.
Welche Kompetenzen sind für Mitarbeiter in der Heimerziehung essentiell?
Neben fachlichem Wissen (Handlungskompetenz) sind insbesondere soziale Empathie und eine ausgeprägte Selbstkompetenz notwendig, um in einem unvorhersehbaren Alltag professionell zu agieren und eine Vorbildfunktion auszuüben.
- Citar trabajo
- Jessica Johnsen (Autor), 2017, Heimerziehung als Teil des Handlungsfeldes Kinder- und Jugendhilfe. Geschichte, Struktur und erforderliche Kompetenzen der Fachkräfte, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540341