Thomas Mann versteht den "Zauberberg" gattungsgeschichtlich als Ausdruck eines Künstlertums, das sich zwischen den Epochen in der Schwebe hält. Der Schwebezustand zwischen Alt und Neu platziert den Roman gattungsgeschichtlich auf der Nahtstelle zwischen dem traditionellen und dem modernen Gattungstyp.
Im Rahmen dieser Arbeit stellen sich Fragen nach den weltanschaulichen und historisch-gesellschaftlichen Hintergründen von Manns Modernität und Fragen nach der für den Zauberberg spezifischen Art und Weise der Weiterentwicklung des traditionellen Formkanons der realistischen Schreibweise. Zweifel an der Angemessenheit des herkömmlichen Formkanons machen eine "Revision der Grundlage (seines) Künstlertums" notwendig. "Selbsterforschung und Selbstbehauptung" sind die Ziele eines beginnenden Reflexionsprozesses, der die Darstellungsmöglichkeiten der Gattung im historisch-gesellschaftlichen Kontext einer Welt problematisiert, die, nach der pessimistisch-nihilistischen Grundstimmung der Zeit, "aus den Fugen geraten ist."
Die Unterbrechungen der Arbeiten am Zauberberg deuten an, dass die Frage nach den Darstellungsmöglichkeiten präziser gefasst werden muss. Mann arbeitet auf die poetologische Anpassung der Gattung an den veränderten historisch-gesellschaftlichen Kontext hin. Der Wechsel vom Bewusstsein des "selbstverständlich und unbewusst (in sich) ruhenden Seins" zu der Auffassung der "Bewegung alles Ruhenden" markiert im Prozess der romantheoretischen Reflexionen und Entwicklungen den Sprung von der geschlossenen zur offenen Form: Werk und Wirklichkeit bleiben aufeinander bezogen. Die Zweifel an der Adäquatheit des traditionellen, linearen Erzählens werden durch die Annäherungen des Romanautors an die Schopenhauersche Metaphysik noch vertieft.
Inhalt
Einleitung
1. Notwendigkeit weltanschaulicher Bezugsrahmen
1.1 Formen des Offenen und evolutionierende Struktur
1.2. Komparatistischer Bezugsrahmen
2. Thomas Mann, Der Zauberberg
2.1. Dynamisierung der Struktur
2.1.1.Das Dreigestirn Wagner, Schopenhauer, Nietzsche
2.1.2. Musikalisches und literarisches Leitmotiv
2.1.3.Magisches nunc stans und Kreisstruktur des Romans
2.2. Castorps Flucht ins Metaphysische
2.2.1. Castorps Erkrankung
2.2.2. Eros und Todessympathie
2.3. Der Zauberberg als echter Initiationsroman
3. Die Episode Oxen of the Sun im Ulysses von James Joyce
3.1. Beziehungen zwischen Mann und Joyce
3.2. Metempsychose, Parallaxe und Unbestimmtheit
3.3. Mythologische Bezugsrahmen
3.4. Dialog der Texte
3.5. Analogie Stilgenese - Ontogenese
4. Julio Cortázar, Rayuela
4.1. Physikalisches Weltbild und Unbestimmtheit
4.2. Fiktionalisierung der Romantheorie
4.3. Aleatorische Poetik der Kapitelkombinatorik
4.3.1. Dialektik von Form und Offenheit
4.3.2. Oliveiras Bildungsreise
4.3.3. Kapitelkombinatorik als destrucción de formas
5. Tradition, Moderne, Postmoderne: statt einer Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetischen und strukturellen Formen des "Offenen" in bedeutenden Romanen der Moderne, wobei der Fokus insbesondere auf der narrativen Dynamisierung durch intertextuelle und leitmotivische Verfahren liegt, um das Spannungsfeld zwischen traditioneller Geschlossenheit und moderner Formauflösung zu ergründen.
- Analyse der musikalisch-leitmotivischen Struktur in Thomas Manns "Der Zauberberg"
- Untersuchung von Raum-Zeit-Konzeptionen und Mythos als strukturgebende Elemente
- Vergleich der Romantheorien und Poetiken bei Thomas Mann, James Joyce und Julio Cortázar
- Reflexion über den Einfluss von Schopenhauers Philosophie und Wagners Musikästhetik auf die Romanform
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Musikalisches und literarisches Leitmotiv
Wie die Umdeutung Wagners zum "Prosaiker" schon zeigt, ist der Vorbildcharakter der Musik für die Romanpoetik Manns in einem umfassenderen Begriff des Epischen zu sehen. Er zeigt den Ehrgeiz der problematischen Gattung nach Erweiterung der traditionellen Darstellungsformen in Richtung auf die angestrebte Dynamisierung und Komplizierung der Form. Nietzsches Vorwurf, in der Musik Wagners "lebe" das Ganze nicht mehr, sie sei "zusammengesetzt, gerechnet, künstlich, ein Artefakt", muss Manns Interesse an gewissen Elementen der Kompositionstechnik dieser Musik geweckt und vertieft haben. Wegen des "träumerischen Zustands", in den die Hörer durch das Musikdrama versetzt werden, verwandelt sich die nüchterne Komposition in das "opus metaphysicum", als das Nietzsche die "Tristan"-Musik rühmt. Auch dieses Darstellungsziel richtet Manns Interesse auf die Kompositionslehre Wagners, sucht er doch selbst nach geeigneten Kunstmitteln und epischen Formen, die es erlauben, Schopenhauersche Philosopheme nicht nur inhaltlich - wie in den Buddenbrooks -, sondern auch strukturell - wie später im Zauberberg - zu integrieren.
Mann interessiert sich dabei nicht für den "Theatraliker" Wagner, der bombastische Bayreuther Kult hat ihn eher abgestoßen. Sein Interesse galt auf der inhaltlichen Ebene der Umsetzung des Mythos und der psychologischen Motivierung der dramatischen Bühnenhandlung. Formal ist Wagners Verwendung des Leitmotivs der in kompositionstechnischer Hinsicht wesentlichste Orientierungspunkt. In der Princeton-Einführung in den Zauberberg unterstreicht Mann erneut den Einfluss, den die "Kunst Richard Wagners" auf seine Produktion ausgeübt hat und präzisiert im Folgenden: "... und besonders folgte ich Wagner auch in der Benutzung des Leitmotivs, das ich in die Erzählung übertrug, und zwar nicht, wie es noch bei Tolstoi und Zola, auch noch in meinem Jugendroman Buddenbrooks der Fall ist, auf eine bloß naturalistisch charakterisierende, sozusagen mechanische Weise, sondern in der symbolischen Art der Musik ... Die Technik, die ich dort übte, ist im Zauberberg in einem viel weiteren Rahmen auf die komplizierteste und alles durchdringenste Art angewandt."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Notwendigkeit weltanschaulicher Bezugsrahmen: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen und die methodische Herangehensweise an die Untersuchung von Romanen, die sich zwischen traditionellen und modernen Gattungstypen bewegen.
2. Thomas Mann, Der Zauberberg: Der Hauptteil analysiert, wie Mann durch die Integration von Wagner-Motiven und Schopenhauers Metaphysik eine offene Struktur und ein neues Verständnis von Zeit und Wirklichkeit erschafft.
3. Die Episode Oxen of the Sun im Ulysses von James Joyce: Dieser Abschnitt beleuchtet intertextuelle Dialoge und die analytische Parallelschaltung von Stilgenese und Ontogenese in Joyces Werk unter Berücksichtigung der Beziehung zu Mann.
4. Julio Cortázar, Rayuela: Hier wird die aleatorische Poetik und die Kapitelkombinatorik analysiert, die als "Zerstörung der Formen" die Postmoderne in Cortázars Roman einleiten.
5. Tradition, Moderne, Postmoderne: statt einer Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Befunde zu den verschiedenen Formen des Offenen und ordnet sie in den literaturgeschichtlichen Kontext ein.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Der Zauberberg, James Joyce, Ulysses, Julio Cortázar, Rayuela, Leitmotivik, Schopenhauer, Richard Wagner, Romantheorie, Erzählstruktur, Metaphysik, Offene Form, Dekadenz, Intertextualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Gestaltung "offener" Erzählformen in Schlüsselwerken der Moderne, insbesondere durch Techniken der intertextuellen und strukturellen Dynamisierung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Romanpoetik, die philosophische Fundierung epischer Werke durch Metaphysik sowie die musikalische Strukturierung narrativer Texte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Autoren wie Thomas Mann, James Joyce und Julio Cortázar durch spezifische Kompositionstechniken die Grenzen traditioneller, linearer Erzählformen sprengen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine komparatistische und strukturalanalytische Methode angewandt, um Textstrukturen, Leitmotivik und das Verhältnis von Inhalt und Form zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse von Manns "Zauberberg", Joyces "Ulysses" und Cortázars "Rayuela" hinsichtlich ihrer jeweiligen Poetik und Strukturkonzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Moderne, Offenes Kunstwerk, Leitmotiv, Schopenhauersche Philosophie, Metaphysik und intertextuelle Kombinatorik.
Wie integriert Thomas Mann Schopenhauers Metaphysik in "Der Zauberberg"?
Mann nutzt Schopenhauers Vorstellungen vom "Willen" und der "Welt als Vorstellung", um Zeit und Raum als relative Kategorien im Roman aufzulösen und eine zirkuläre, "magische" Struktur zu erzeugen.
Welche Rolle spielt das Zigarren-Motiv "Maria Mancini"?
Es fungiert als polyfunktionales Leitmotiv, das den Protagonisten Hans Castorp sowohl mit dem metaphysischen Bereich des Todes als auch mit der bürgerlichen Welt verbindet und seine psychische Disposition widerspiegelt.
Was bedeutet der Begriff "Entbildungsprozess" im Kontext von "Der Zauberberg"?
Kristiansen verwendet diesen Begriff, um aufzuzeigen, dass Castorps Aufenthalt im Sanatorium nicht zu einer klassischen Integration, sondern zur Auflösung seines bürgerlichen Wirklichkeitsverständnisses führt.
- Citation du texte
- Dr. Paul Forssbohm (Auteur), 1988, Formen des Offenen. "Der Zauberberg" von Thomas Mann, die "Oxen of the Sun"-Episode im "Ulysses" von James Joyce und "Rayuela" von Julio Cortázar (Band 2), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540722