Foucaults Biomacht im Angesicht aktueller globaler Herausforderungen der Menschheit

Philosophische Überlegungen zu einer ethisch vertretbaren Biopolitik der Zukunft am Beispiel der Gentechnik


Hausarbeit, 2020

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Deskriptive Betrachtung der Gesellschaft anhand Foucaults Machtbegriffs
2.1 Gesellschaft und Macht
2.2 Disziplinäre und regulatorische Technologie
2.3 Biomacht im 21. Jahrhundert

3. Normative Betrachtung der Biomacht am Beispiel der Gentechnik
3.1 Nach Hannah Arendts Machtverständnis
3.2 Nach Hans Jonas´ Verantwortungsethik

4. Ethische Richtlinien für eine Politik der Zukunft
4.1 Im Hinblick auf die Gentechnik im Speziellen
4.2 Im Hinblick auf die Biomacht im Allgemeinen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie bereits von Michel Foucault mit seinem Begriff der „Biomacht“ beschrieben, hat sich die Macht des Menschen über die Jahrhunderte stetig ausgeweitet. Mittlerweile dringt sie in den Ursprung des Menschen selbst - in seine menschliche Natur - ein und wirft damit zahlreiche ethische sowie politische Fragestellungen in Bezug auf zukünftige Handlungsweisen auf.

Meine schriftliche Ausarbeitung mit dem Titel „Foucaults Biomacht im Angesicht aktueller globaler Herausforderungen der Menschheit: Philosophische Überlegungen zu einer ethisch vertretbaren Biopolitik der Zukunft am Beispiel der Gentechnik“ intendiert daher, Foucaults Theorie der Biomacht auf die aktuellen globalen Herausforderungen der Menschheit wie die Nutzung von Gentechnik anzuwenden und somit deren Aktualität aufzuzeigen. Auf Grundlage dieser deskriptiven Konzeption von Machtverhältnissen sollen ethische Richtlinien für einen moralisch angemessenen Umgang mit der Biomacht vorgestellt werden.

Zunächst muss jedoch ein Blick auf die bestehenden Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft geworfen werden. Hierfür soll Michel Foucaults theoretisches Konzept der Biomacht in seinen groben Zügen erläutert werden. Vorerst wird allerdings zu klären sein, wie sich die Notwendigkeit einer Herrschaft generell konstituiert. Dies soll anhand Thomas Hobbes´ philosophischen Konstrukts des „Leviathan“ geschehen. Im Anschluss soll die Einteilung der Machtausübung in eine disziplinäre und in eine regulatorische Technologie diese laut Foucault veraltete Vorstellung von Machtverhältnissen erneuern. In einem nächsten Schritt möchte meine Erörterung darlegen, wie sich die regulatorische Technologie, die in der sogenannten Biomacht mündet, in den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wiederfinden lässt.

Die Feststellung, dass die heutige Weltbevölkerung von der Biomacht durchdrungen ist, wirft schließlich die Frage nach einem angemessenen moralischen Umgang mit dieser auf. Auf der Suche nach Antworten soll zum Einen Hannah Arendts Machtverständnis und zum Anderen Hans Jonas´ Verantwortungsethik herangezogen werden, um exemplarisch am Beispiel der Gentechnik allgemeingültige ethische Richtlinien als Orientierung für eine Biopolitik der Zukunft vorzuschlagen. Zu guter Letzt sollen universelle ethische Prinzipien als Fundament der zukünftigen politischen Verfahrensweisen im Umgang mit der Biomacht ausformuliert werden. Schlussendlich werde ich versuchen, ein Fazit meiner zusammengetragen Aspekte zu ziehen.

2. Deskriptive Betrachtung der Gesellschaft anhand Foucaults Machtbegriffs

2.1 Gesellschaft und Macht

Maßgeblich geprägt wurde das Verständnis von Machtverhältnissen in einer Gesellschaft durch die nach dem mythischen Seeungeheuer benannte und einflussreiche Schrift „Leviathan“ des Philosophen und Staatstheoretikers Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert. Um zu Michel Foucaults Begriff der „Biomacht“ übergehen zu können, soll nun die der Herrschaft zugrunde liegende Grundidee näher beleuchtet werden. In Abgrenzung zu dieser bis ins 18. Jahrhundert vorherrschenden Vorstellung eines allmächtigen Souveräns wird Foucault anschließend sein Machtverständnis begründen. (Vgl. Foucault 1999, S. 276-279)

Als Kontraktualist erkannte Thomas Hobbes die Notwendigkeit der Konstituierung eines vom Souverän gesetzten positiven Rechts für ein friedliches Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft. Er sah in der Vertragsschließung die unumgängliche Konsequenz, welche aus der ungezähmten Natur des Menschen resultiert. Diese besagt Hobbes zufolge, dass menschliche Wesen in ihrem Urzustand nicht zu einem harmonischen Leben in einer Gemeinschaft fähig sind. Diesen ursprünglichen Zustand führt er dabei als ein Gedankenexperiment durch. Dieses zielt auf die menschliche Person in ihrem rohen Zustand, das heißt ohne jedes Regelwerk als Rahmenbedingung, ab. Es handelt sich daher um einen fiktiven Zustand, den es auf diese Weise nie gegeben hat und ebenso nie geben wird, da Menschen schon immer in geregelten Gemeinschaften zusammen gelebt haben. In diesem natürlichen Zustand sind alle Individuen im Grunde gleich. Dennoch bestreitet Hobbes nicht, dass Unterschiede sowohl körperlicher als auch geistiger Natur vorhanden sind. Eine physisch eher schwache Person ist jedoch in der Lage, durch List, zum Beispiel in Form eines Zusammenschlusses mit anderen, den Stärkeren besiegen zu können. In diesem Naturzustand geht es den menschlichen Wesen einzig und allein um ihr Überleben, ohne dabei Rücksicht auf ihre Mitmenschen zu nehmen. Schließlich befinden sie sich alle in einem „natürlichen Kriegszustand“ (ebd., S. 169). Getreu dem Motto „homo homini lupus est - der Mensch ist des Menschen Wolf“ (Schumacher 2013) herrscht ein Kampf jeder gegen jeden vor, da jedes Individuum nach seinem naturgegebenen Überlebensinstinkt handelt, welcher ausschließlich das Eigeninteresse im Blick hat. (Vgl. Horn / Scarano 2013, S. 166-177)

In dieser beschriebenen Ausgangsposition gibt es keinerlei Eigentum, demgemäß hat jeder „ein Recht auf alles“ (ebd., S.169). Darüber hinaus existieren weder Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit,

noch Recht und Unrecht. Demzufolge lassen sich Handlungen nicht als gerecht oder ungerecht einordnen. Erst durch die Hand des Souveräns in Gestalt eines Staates entsteht ein Anspruch auf Besitztümer und ein öffentliches sowie übertragbares Recht. Einzig und allein durch Einführung eines gesetzten Rechts können anwendbare Gesetze geschaffen werden, an welchen sich Taten messen lassen. Zuvor bestehen bloß individuelle Maßstäbe von Gut und Böse. Solche subjektiven Einschätzungen führen unweigerlich zu Konflikten. (Vgl. ebd., S. 166-177)

Die genannten Bedingungen des Naturzustandes können für den Menschen, der nach Hobbes von Natur aus nach Harmonie und Frieden strebt, also keineswegs wünschenswert sein. Gerechtigkeit sei somit im „Gesetz der Natur“ (ebd., S. 169) zu suchen, denn dieses sei „Quelle und Ursprung der Gerechtigkeit“ (ebd.) und damit auch der Schlüssel zu einem friedlichen gesellschaftlichen Zusammenleben. Hobbes´ Begründung der Notwendigkeit der Machtausübung in Gestalt eines Souveräns baut daher auf dem Naturrecht auf, welches sich aus seinem fiktiven Naturzustand ableitet. Es beinhaltet die nachfolgende Maxime, die heute unter dem Namen der „Goldenen Regel“ bekannt ist: „Füge einem anderen nicht zu, was du nicht willst, daß man dir zufüge“ (ebd., S. 175). Folglich müssen alle Bürgerinnen und Bürger dieselben Rechte zugestanden bekommen, denn sie sind von Natur aus gleich und sollen es somit auch unter dem Staat sein. (Vgl. ebd., S. 166-177)

Die Erfüllung dieser Forderung nimmt sich die übergeordnete Gewalt vor, welche Hobbes als „Leviathan“ betitelt. Die Einführung des Souveräns schlägt sich in einem Vertragsabschluss der Gesellschaftsmitglieder untereinander nieder. Dieser Gesellschaftsvertrag kann auch als „Herrschaftsbegründungsvertrag“ (Schaal / Heidenreich 2016, S. 99) bezeichnet werden, da er die Unabdingbarkeit einer höher gestellten Macht zu begründen versucht. Mit dem vertraglichen Abkommen verzichtet ein Jeder nun auf sein „Recht auf alles“ (ebd., S.169) und somit auch auf das Recht, Gewalt auszuüben. Er übergibt diese Freiheit an den Staat, den „Leviathan“. Diese Übergabe darf allerdings nur aus freien Stücken geschehen und vor dem Hintergrund, einen Vorteil durch den Vollzug dieser Handlung zu erhalten. Dieser besteht darin, dass der Staat fortan im Gegenzug für den Schutz der in der Gemeinschaft lebenden Individuen verantwortlich ist. Er allein hat das Recht, aber vor allem auch die Pflicht, Gewalt auszuüben, um die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger zu garantieren. Der Gesellschaftsvertrag wird also aus reinem Eigeninteresse und aus Zweckmäßigkeit geschlossen. Er ist deshalb legitim, da die Betroffenen freiwillig und gleichermaßen auf ihre Freiheit verzichten und daraus einen Nutzen ziehen: „Durch die ihm von jedem einzelnen im Staate verliehene Autorität steht ihm so viel Macht und Stärke zur Verfügung, die auf ihn übertragen worden ist, dass er durch den dadurch erzeugten Schrecken in die Lage versetzt wird, den Willen aller auf den innerstaatlichen Frieden und auf gegenseitige Hilfe gegen auswärtige Feinde hinzulenken.

[…] Er ist das ,Schwert´, durch das der einheitsstiftende Vertrag erst wirksam und damit gültig wird“ (ebd., S. 97). Sobald der Staat dieser Aufgabe jedoch nicht mehr gerecht wird, verliert er seine Legitimität, da er dann sein im Gesellschaftsvertrag festgehaltenes Versprechen gebrochen hat. (Vgl. ebd., S. 83-102)

Die Vertragserfüllung seitens der Bürgerinnen und Bürger erfolgt aus Angst vor Zwangsgewalt. Daher muss die zu erwartende Bestrafung durch die staatliche Gewalt für den Vertragsbrecher schwerer wiegen als der Vorteil, welcher durch den Vertragsbruch entsteht. Denn die Prämisse der auf Verträgen beruhenden Gemeinschaften lautet: „Abgeschlossene Verträge sind einzuhalten“ (Horn / Scarano 2013, S. 169). Anderenfalls verliert der Vertrag seinen Wert. Seine Wirkungsweise ist also darauf angewiesen, dass man auf seine Einhaltung vertrauen kann. Allein der Zweifel an einem Abkommen ist nicht mit der vertraglichen Ordnung vereinbar, weshalb Vertragsabschlüsse ausnahmslos verbindlich sind. Das Nicht-Brechen eines Abkommens lässt sich somit als eine „Regel der Vernunft“ (ebd., S. 172) bezeichnen und stellt deshalb ein natürliches Gesetz dar. Denn die menschliche Natur verbietet es, Handlungen zu vollziehen, welche die eigene Person schädigen könnten. Einen Vertragsbruch setzt Hobbes demnach mit Unrecht sowie Ungerechtigkeit gleich. Somit wurde dem Vertragspartner, dessen Vertrag gebrochen wurde, Unrecht angetan. Dem gegenüber ist alles, was dem Vertrag entspricht, gerecht. Die Erfüllung der verbindlichen Gesetze ist nach Hobbes auch durchaus jedem zumutbar, da deren Einhaltung einer bloßen Bemühung der einzelnen Person bedarf. (Vgl. ebd., S. 166-177)

Ausschlaggebend für die Unabdingbarkeit einer Herrschaftsinstanz und deren Rechtfertigung bei Hobbes ist demnach ihre Notwendigkeit für ein harmonisches menschliches Zusammenleben. Herrschaft fußt also ausschließlich auf zweckrationalen Gründen. Michel Foucault erklärt dieses Herrschaftsmodell jedoch für veraltet. Stattdessen schlägt er vor, die Art der Machtausübung in zwei verschiedene Formen von Machttechnologien einzuteilen - in die disziplinäre und die regulatorische Technologie (vgl. Foucault 1999, S. 287). Was genau er unter diesen Begrifflichkeiten versteht, soll im Folgenden geklärt werden.

2.2 Disziplinäre und regulatorische Technologie

Der Begriff der „Technologie“ ist hierbei nicht im alltäglichen Sprachgebrauch zu verstehen. Er geht auf das griechische Substantiv „téchne“ zurück, welches auf den Verben „schreinern“ und „zimmern“ fußt, und hebt vielmehr auf eine bestimmte Art der Wissensanwendung ab (vgl. Bartels

2010, S. 198-199). Neben der weitreichenden Bedeutung des Technologie-Begriffs liegt den folgenden Ausführungen ein Menschenbild zugrunde, welches das menschliche Wesen als „Homo Faber“, also als den schaffenden Menschen, vorstellt (vgl. Dauwalter 2018).

Foucault führt als eine Technologie der Machtausübung die disziplinäre Technologie ein, die dem Philosophen zufolge im 17. und 18. Jahrhundert vorzufinden sei. Das 19. Jahrhundert hingegen werde von der regulatorischen Technologie dominiert. Foucault spricht auch von einer „[...] Unterscheidung zwischen der regulatorischen Technologie des Lebens und der disziplinären Technologie des Körpers [...]“ (Foucault 1999, S. 287). (Vgl. ebd., S. 278-279)

Charakteristisch für die Disziplinartechnik ist, dass in deren Mittelpunkt, ähnlich wie bei Thomas Hobbes, der Souverän steht, welcher beständig nach Machtsicherung und folglich auch nach Machtausweitung strebt. Als Objekt der Machtausübung kann der menschliche Körper gelten, den der Souverän mittels Züchtigung zu unterwerfen und auszubeuten versucht, um beispielsweise dessen Arbeitskraft zu steigern. Der Mensch wird demgemäß als Mittel zum Zweck verwendet. Überwachung, Kontrolle und Dressur durch Institutionen wie Schulen, Kasernen und Werkstätten dienen dabei als Methoden der Unterwerfung. Folgerichtig besagt die Machtausübung nach der disziplinären Technologie, dass allein der Souverän jederzeit über Leben und Tod des einzelnen Bürgers und der einzelnen Bürgerin bestimmen kann. Daher lässt sich diese Machttechnologie auch unter dem Leitspruch „Sterben machen und leben lassen“ (ebd., S. 277) subsumieren. (Vgl. ebd., S. 276-279)

Der Tod ist für das Individuum demgemäß jederzeit allgegenwärtig und wird als eine Art Übergang zwischen den Mächten des Diesseits und den des Jenseits angesehen: „Der Tod war jener Moment, in dem man von der Macht des Souveräns hier auf Erden in jene andere Macht des Souveräns des Jenseits überging “ (ebd., S. 286). Folglich kann sich das menschliche Geschöpf dem Beherrschtwerden unter keinen Umständen entziehen, nicht einmal nach seinem Tod. (Vgl. ebd.)

Der Stellenwert der Natur sei bei der ebenen beschriebenen Technologie nur am Rande erwähnt, da auf diesen nicht weiter eingegangen wird. Man kann allerdings sagen, dass sich der Mensch überwiegend nach der Natur und deren Ressourcen richtet. Diese wird hingegen bei der regulatorischen Technologie eine tragende Rolle spielen. (Vgl. ebd., S. 276-295)

Die wie bereits erwähnt nach Foucault vorwiegend im 19. Jahrhundert vorfindliche regulatorische Technologie kann als Modifikation der disziplinären Technologie gelten. Das heißt, dass die Disziplinartechnologie nicht einfach durch eine neue Form ersetzt wird. Vielmehr wirken disziplinäre und regulatorische Technologie zusammen (vgl. ebd., S. 289-290). Im Kontrast zur disziplinären Art der

Machtausübung liegt der Fokus bei der regulatorischen Technologie allerdings nicht auf der Souveränitätsmacht, sondern auf der Ganzheitlichkeit und den Gesamtprozessen des Belebten sowie der Biomacht, die im Verlauf noch näher bestimmt werden soll. Sie richtet sich also auf die gesamte menschliche Gattung und somit auf das Leben selbst. Nicht mehr der einzelne, individuelle Körper soll gezüchtigt werden. Vielmehr geht es hierbei um die Kontrolle aller biologischen Prozesse, der gesamten menschlichen Gattung also, und damit letztlich um die Unterwerfung der Natur unter den Menschen (vgl. ebd., S. 280-282).

Während bei der disziplinären Technologie die Machtausübung über die Institutionen stattfindet, hebt Foucault bei der regulatorischen Technologie auf eine Regulierung der Bevölkerung durch den Staat ab. Den Begriff der „Bevölkerung“ versteht er dabei wie folgt: „Es ist ein neuer Körper: ein multipler Körper mit zahlreichen Köpfen, der [...] zumindest nicht zwangsläufig zählbar ist“ (ebd., S. 283). Der Philosoph denkt die Bevölkerung als eine globale Masse, die von global wirkenden Mechanismen durchzogen ist. Bilanzierend kann von einer „Verstaatlichung des Biologischen“ (ebd., S. 276) gesprochen werden. Denn der Staat als Akteur verfolgt nun die Lebenserhaltung anhand der Herstellung globaler Gleichgewichtszustände in der Welt, wodurch natürliche Zufälligkeiten gemindert werden sollen. (Vgl. ebd. und S. 283-285)

Demzufolge werden jegliche Maßnahmen, die zu einer Verlängerung des Lebens beitragen, eingeleitet. In diesem Zusammenhang spricht Foucault davon, dass der Staat beabsichtigt, sogenannte „Sicherheitsmechanismen [...] zu errichten und das Leben zu optimieren [...]“ (ebd., S. 284). Hierunter fällt beispielsweise die Gentechnik als ein möglicher Regulierungsmechanismus sowie alle anderen Formen von Interventionsmaßnahmen. In diesem neuen Zeitalter rückt das Wohlergehen des Menschen in den Vordergrund. Der Mensch wird nicht weiter für die Machtvergrößerung des Staates missbraucht. Er wird zum Selbstzweck. (Vgl. ebd., S. 284-287)

Gleichzeitig findet eine Abwertung des Todes statt. Dieser verkörpert fortan die Grenze der Macht: „[...] Jetzt, da die Macht vor allem eingreift, um das Leben zu verbessern, [...] wird der Tod als Endpunkt des Lebens mit einem Schlag natürlich zum Schlußstein, zur Grenze, zum Ende der Macht“ (ebd., S. 286), so Foucault. Mit dem Ende des Lebens endet auch jede Form der Machtausübung. Zusammenfassen lässt sich die regulatorischen Machttechnologie mit dem Leitspruch „Leben machen und sterben lassen“ (ebd., S. 285). (Vgl. ebd., S. 285-287)

Hinter diesem Leitsatz verbirgt sich allerdings ein Paradoxon: Denn wie kann der Staat das Sterbenlassen überhaupt zulassen, wenn doch die unbedingte Erhaltung des Lebens Ziel jeder staatlichen Bemühung ist? Immerhin fordern zum Beispiel Kriege unzählige unnatürliche Tode. Und das

insbesondere in Zeiten, in denen es dank der Atommacht möglich ist, die gesamte Menschheit auszurotten. Als Antwort führt der Denker an dieser Stelle den Rassismus an. Spricht man Menschen die Wertigkeit ihres Lebens oder gar das Menschsein ab, so kann es legitim sein, diejenigen Menschen auszugrenzen oder gar gezielt zu töten. Diesen Aspekt weiter auszuführen, würde den Rahmen meiner Hausarbeit jedoch sprengen, daher soll ihm nicht weiter nachgegangen werden. Möglicherweise ist ebenso die Gentechnik Ergebnis dieses Paradoxons: Um Menschen nicht mehr eines natürlichen Todes sterben lassen zu müssen, greift der Staat zu der Option, der Natur jeglichen Einfluss auf das Menschliche zu entziehen und somit das Leben selbst dahingehend zu verändern, dass der Tod letzten Ende überwunden werden kann. Diese Aktualität von Foucaults Theorie der Biomacht soll im darauffolgenden Kapitel dargelegt werden. (Vgl. ebd., S. 293-295)

Die von mir erstellte, nachfolgende Tabelle zeigt eine zusammenfassende Gegenüberstellung der beiden Machttechnologien nach Foucault:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Vgl. ebd., S. 276-295)

Den Grundstein der eben beschriebenen Eingriffe der regulatorischen Technologie in die Natur bildet die Biomacht. Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Vorstellung Foucaults, dass die Macht auf das Leben gerichtet ist (vgl. ebd., S. 288). Die Art und Weise, wie diese Biomacht nun konkret eingesetzt wird, umschreibt der Begriff der „Biopolitik“. Der Beschluss staatlicher Maßnahmen zur Kontrolle der biologischen Gesamtprozesse verkörpert Foucault zufolge somit eine neue Dimension der Politik (vgl. ebd., S. 282-284). Foucaults grundlegendes Machtverständnis sowie das der Biomacht und dessen Bezug zum 21. Jahrhundert soll nun ausgeführt werden.

2.3 Biomacht im 21. Jahrhundert

Foucault reagiert mit seiner Philosophie auf die sich vollziehenden gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit in Form von zahlreichen Neuerungen der Technik. Da der Fortschritt der Menschheit auch nach Foucaults Tod nicht innehält, möchte ich nun die Aktualität der Biomacht aufzeigen. Denn das Fortschreiten der Technik hat die Menschen vor neuartige, globale Herausforderungen gestellt. Dieser anhaltende Fortschritt ist laut Foucault auf die stetige Zunahme des Weltwissens zurückzuführen. Mit dem Wissenszuwachs nimmt ebenso die Macht des Menschengeschlechts zu. Es gilt aber auch der Umkehrschluss: Wissen schafft nicht nur Macht, Macht schafft gleichwohl Wissen: ,,Macht ist ein produktives Prinzip in der Gesellschaft. Sie bringt Wissen hervor, erschafft durch Kontrolle das Individuum und ganze Institutionen und Techniken” (Frank 2016, S. 32), so Foucault. Es entsteht also ein Kreislauf, in welchem sich Wissen und Macht ständig weiter anhäufen und somit linear wachsen. (Vgl. Frank 2016, S. 32)

In Abgrenzung zu Hobbes´ Machtverständnis nimmt Foucault Macht nicht als ein Zustand wahr. Vielmehr sei sie ein Akt, sie stecke in den Beziehungen und liege nicht bei den einzelnen Individuen selbst: „Insgesamt wird Macht eher ausgeübt als besessen“ (Glaubitz 2019) (vgl. Glaubnitz 2019). Diesem Konzept zugrunde liegende Annahme ist das, was Foucault mit dem Begriff des „Dispositivs“ umschreibt. Hierbei scheint seine konstruktivistische Weltsicht durch: „Wir Menschen [...] weisen in Gegenwart und Geschichte und vorausplanend auch für die Zukunft der Wirklichkeit Bedeutung zu. Damit erschaffen wir Wirklichkeit in gewisser Weise [...]“ (Jäger 2000). Oder anders formuliert: „Nicht die Wirklichkeit spiegelt sich im Bewußtsein [...]“ (ebd.), vielmehr formt der Mensch die Wirklichkeit nach seinem Bewusstsein (vgl. ebd.).

Kurz gesagt: Wenn wir von Macht sprechen, sprechen wir über etwas, das über keinen materiellen Charakter verfügt. Daher kann Macht nicht in gleicher Weise besessen werden wie ein körperhafter Gegenstand. Sie muss daher als Dispositiv verstanden werden, welches der Theoretiker wie folgt definiert: „Was ich unter diesem Titel [...] festzumachen versuche, ist erstens ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfaßt. Soweit die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann“ (ebd.). Das theoretische Konstrukt des Dispositivs soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. In Bezug auf die Biomacht weist es jedoch darauf hin, dass Machtverhältnisse neu zu denken sind, nämlich in einem nicht greifbaren Sinne. (Vgl. ebd.)

Deutlich wird dies am Phänomen der Globalisierung, der globalen Verwobenheit des Lebens: Sowohl die Lebewesen der Erde als auch ihre Prozesse und Mechanismen sind heute so sehr wie nie zuvor miteinander verknüpft, wenn auch nicht unmittelbar sichtbar. Foucaults entfalteten philosophischen Überlegungen verbinden das Natürliche miteinander und während die Machtausübung in den vergangenen Jahrhunderten vorwiegend den Menschen im Blick hatte, wie anhand Hobbes´ Theorie der Souveränitätsmacht deutlich wird, richtet sie sich heute überwiegend auf die Natur. Und das in einem globalen Sinne, denn die Auswirkungen dieser Eingriffe in das Natürliche sind ebenfalls global. Hier sei der menschengemachte Klimawandel als das wohl prominenteste Beispiel zu erwähnen. Viele der Folgen, die die Eingriffe von Menschenhand in die Natur mit sich bringen, sind derzeit jedoch noch gar nicht absehbar. Dies betrifft neben der beständigen Umweltzerstörung unter anderem das Forschungsfeld der Künstlichen Intelligenz. Nun, da der Mensch imstande ist, selbst eine Form von Leben zu erschaffen, ist möglicherweise eine neue Definition des Lebendigen von Nöten. Wie lässt sich der Mensch noch von einem menschenähnlichen Roboter abgrenzen, wenn sie sich sowohl bezüglich ihrer Äußerlichkeiten als auch hinsichtlich ihrer Emotionalität nicht mehr unterscheiden lassen? Und wie können sie weiterhin kontrolliert werden, wenn sie dem Menschen gar geistig überlegen sind?

Mithilfe der Digitalisierung, die als eine weitere Form der anhaltenden Ausdehnung der Biomacht verstanden werden kann, soll die von Foucault beschriebene Minderung von Zufällen noch effektiver umgesetzt werden. Denn: Maschinen sind berechenbar. Doch glaubt man dem Philosophen Odo Marquard, ist es genau diese Zufälligkeit, die die Natur und somit auch den Menschen ausmacht. Was das menschliche Wesen überdies definiert, sind seine Geschichten. Das erkannte auch die Schriftstellerin Muriel Rukeyser als sie sagte: „The universe is made of stories, not of atoms“ (Takahito 2015). Marquard, der das Leben ebenfalls als ein Narrativ versteht, charakterisiert Geschichten „[...] als das, was passiert, wenn etwas dazwischenkommt“ (Precht 2016, S. 453). Er merkt an: „In der digitalen Welt jedoch läuft alles nach Plan. Ein Plan ist das Gegenteil einer Geschichte, er ist dann erfüllt, wenn nichts dazwischenkommt. In einer Welt der Pläne ohne Geschichten aber werden Menschen [...] an „narrativer Athrophie“ leiden, an einer Abmagerung und Auszehrung dessen, was ihrem Leben Wert und Sinn gibt“ (ebd.). (Vgl. ebd.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Foucaults Biomacht im Angesicht aktueller globaler Herausforderungen der Menschheit
Untertitel
Philosophische Überlegungen zu einer ethisch vertretbaren Biopolitik der Zukunft am Beispiel der Gentechnik
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Postmarxistische Politische Theorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V540892
ISBN (eBook)
9783346162670
ISBN (Buch)
9783346162687
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Praktische Philosophie, Ethik, Politische Philosophie, Politikwissenschaft, Michel Foucault, Hannah Arendt, Hans Jonas, Biomacht, Biopolitik, Gentechnik
Arbeit zitieren
Michelle Tannrath (Autor), 2020, Foucaults Biomacht im Angesicht aktueller globaler Herausforderungen der Menschheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540892

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