Die folgende Schrift unternimmt den Versuch, sadomasochistische Sexualität als heterogene und komplexe Thematik zu charakterisieren. Folgende Frage steht dabei im Mittelpunkt: Bezeugt die rezente Popularität des erotischen Sadomasochismus die Insistenz menschlicher Natur - oder gerade deren kulturelle Wandelbarkeit?
Sexuell motivierte sadomasochistische'Praktiken stellten in den vergangenen Jahrzehnten ein beliebtes Sujet in Literatur, Film und Zeitschriften da; man denke etwa an die einhundert Millionen Mal verkaufte Romantrilogie "Shades of Grey" die überdies verfilmt und von einem Millionenpublikum gesehen wurde. Langsam weicht das abgenudelte Klischee der toughen, selbstbewussten Domina, dem Bewusstsein, dass sich unter sadomasochistischer Sexualität eine äußerst heterogene und komplexe Thematik verbirgt.
In ihrem bekannten Werk "Die Masken der Sexualität" bezieht Camille Paglia die Vokabel Sadomasochismus sowohl auf entsprechende erotische Praktiken als auch auf das in jeder denkbaren Gesellschaft vorhandene Potenzial an Aggression und Brutalität. Der wesentliche Zug des Menschen Natur sei die Sexualität. Und hier kommen Aggression und Gewalt ins Spiel: als eine ursprüngliche Triebenergie sei Sexualität ohne Aggression nicht zu haben. Sadomasochistische Praktiken seien schlicht Ausdruck der durch keine kulturellen Grenzen eingehegten 'Natur'. Bereits die im Rahmen antiker Fruchtbarkeitskulte üblichen drastischen Prozeduren hätten das prekäre Potenzial menschlicher Sexualität thematisiert und demonstriert. Welche Rolle spielt mit Blick auf den Sadomasochismus das Christentum? Könnte es sein, dass gerade die Abneigung der Christen gegen die zumeist als sündhaft empfundene "Natur" des Menschen sadomasochistische Intentionen stimuliert hat?' Überdies haben christliche Lehrer und Vordenker trotz ihrer skeptischen Haltung den Sex "diskursiviert" und insofern modernen psychologischen, medizinischen und sexualwissenschaftlichen Erörterungen vorgegriffen.
Im Fokus des letzten Abschnitts steht die Frage, wie gewalttätig diese Spielart der "Neosexualitäten" ist. Paglia wertet die Existenz sadomasochistischer Praktiken als Indiz gesellschaftlicher Dekadenz. Diese Wertung wäre dann gerechtfertigt, wenn sich im Kielwasser sexueller Liberalisierung ein Anstieg von Alltagsgewalt in westlichen Gesellschaften nachweisen lassen würde. Oder wenn zumindest Sadomasochist_innen im außer sexuellen Kontext von gängigen Normen, von gängiger Normalität abweichen würden.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITENDE GEDANKEN
HINGABE
Die moderne Domina - ein Relikt matriarchaler Kultur?
Magna Mater
Der Kybele-Kult: Blut muss fließen!
Deutung 1: Die Kastration als Opfer
Deutung 2: Kultischer Geschlechtswandel
EIN WEITES FELD: CHRISTENTUM UND SADOMASOCHISMUS
Sadomasochismus als Metapher
Wie die Keuschheit ins Christentum kam: Eunuchen für das Himmelreich
Exkurs: Der Zölibat: „Wer es fassen kann, der fasse es“. Oder: Hingabe
Die Erfindung der Perversionen: Der Einspruch des Michel Foucault gegen die Repressionshypothese
Die erregte Frömmigkeit: Das Lob der Peitsche
Phänomenologische Parallelen zwischen christlichen und sadomasochistischen Praktiken
Devote Christ_innen, devote Sadomasochist_innen
SM ALS INDIZ? SADOMASOCHISMUS UND MENSCHLICHE NATUR
Kulturpessimismus à la Paglia
Von Schlüsselherrinnen, Göttinnen und keuschen Männern
Die Liberalisierungthese
Was ist: erotischer Sadomasochismus?
Über das Gewalttabu
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische und phänomenologische Verbindung zwischen christlichen Praktiken der Selbstkasteiung und Askese sowie modernen sadomasochistischen Praktiken, um die Hypothese der „Wiederkehr der Großen Mutter“ im Kontext erotischer Machtstrukturen zu hinterfragen.
- Historische Herleitung von SM-Praktiken aus archaischen Kulten und christlicher Askese.
- Kritische Auseinandersetzung mit der These der „natürlichen“ menschlichen Aggression bei Camille Paglia.
- Analyse der Rolle von Gewalt und Macht in SM-Beziehungen und deren gesellschaftlicher Einordnung.
- Untersuchung der diskursiven Behandlung von SM-Praktiken durch Religion, Medizin und Zeitgeist.
Auszug aus dem Buch
EINLEITENDE GEDANKEN
Mit der Schwächung politischer und religiöser Autorität (...) wird Hierarchie nunmehr in der Sexualität reaffirmiert, und zwar in der archaisierenden Gestalt des Sadomasochismus (...) Der Sadomasochismus ist von kalter Förmlichkeit und nichts weiter als die komprimierte Darstellung der biologischen Struktur von Sexualität. Jeder Orgasmus ist entweder Beherrschung oder Unterwerfung: beide sexuellen Erfahrungsmöglichkeiten stehen grundsätzlich beiden Geschlechtern zur Verfügung und sichh sowohl bei Gruppen wie bei Paaren und Einzelnen. (Camille Paglia, Masken der Sexualität)
Ich habe in meinem Titel den Begriff Erotischer Sadomasochismus gewählt. Damit nehme ich eine Abgrenzung vor. Denn während einmal mit der Benennung Sadomasochismus eine Reihe von sexuellen Praktiken verhandelt wird, existiert, daraus abgeleitet, eine - so stellte es bereits 1940 Theodor Reik fest - entsexualisierte Variante: im täglichen Sprachgebrauch werden bestimmte Verhaltensweisen mit den Begriffen 'sadistisch' bzw. 'masochistisch' etikettiert. Überdies hat der Begriff 'sadomasochistisch' bereits vor Jahrzehnten in den Sozialwissenschaften Furore gemacht, ich erinnere nur an die von Erich Fromm geprägte Vokabel sadomasochistischer Sozialcharakter.2 Sexuell motivierte 'sadomasochistische' Praktiken stellten in den vergangenen Jahrzehnten ein beliebtes Sujet in Literatur, Film und Zeitschriften da; auch wenn erst die weltweit mehr als einhundert Millionen Mal verkaufte Romantrilogie Shades of Grey, die überdies verfilmt und von einem Millionenpublikum gesehen wurde, eine große Öffentlichkeit mit der Thematik der BDSM-Praktiken konfrontiert hat. So weicht das abgenudelte Klischee der toughen, selbstbewussten Domina, die in schwarzes Leder oder Latex gehüllt reifen Männern den Hintern versohlt, langsam dem Bewusstsein, dass sich unter sadomasochistischer Sexualität eine äußerst heterogene und komplexe Thematik verbirgt. Es gibt immerhin Handlungen und Begierden, deren sadomasochistischer Charakter bis heute umstritten ist, so Formen der möglicherweise extrem schmerzhaften Body Modification.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITENDE GEDANKEN: Einführung in die Begriffsdefinition des erotischen Sadomasochismus und Abgrenzung zum alltagssprachlichen Gebrauch des Begriffs.
HINGABE: Untersuchung der historischen Ursprünge von Hingabe, Kastrationsmythen und der Rolle der Großen Mutter in archaischen Kulten.
EIN WEITES FELD: CHRISTENTUM UND SADOMASOCHISMUS: Analyse der Parallelen zwischen christlicher Askese, Zölibat und sadomasochistischen Elementen der Selbstkasteiung.
SM ALS INDIZ? SADOMASOCHISMUS UND MENSCHLICHE NATUR: Kritische Diskussion über die menschliche Natur, das Gewalttabu und die Frage der Normalisierung von SM-Praktiken in der heutigen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Sadomasochismus, BDSM, Christentum, Askese, Körperlichkeit, Macht, Gewalt, Camille Paglia, Michel Foucault, Selbstkasteiung, Religion, Sexualität, Geschlechterrollen, Subkultur, Normalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die historischen und theoretischen Verbindungen zwischen christlich-religiösen Askeseformen und den Praktiken des modernen Sadomasochismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen die Geschichte von Kastrationsmythen, die Kritik an der Repressionshypothese, die Analyse von Machtstrukturen und die Frage nach dem menschlichen Gewalttabu.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob SM-Praktiken als eine Form der Wiederkehr archaischer Mythen verstanden werden können und wie sich die gesellschaftliche Wahrnehmung zwischen Gewalt, Macht und Lust konstituiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine kulturwissenschaftliche und diskursanalytische Methode, die sich auf Literaturanalysen, theologische Quellen und soziologische Theorien (u.a. Foucault, Elias, Paglia) stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben den historischen Wurzeln in Kybele-Kulten auch die Entwicklung christlicher Askese, die Kontroverse um Michel Foucaults Analysen und die moderne BDSM-Kultur detailliert betrachtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wesentlichen Begriffe sind Sadomasochismus, Christentum, Askese, Macht, Gewalt, Diskurs und die historische Entwicklung menschlicher Sexualmoral.
Welche Bedeutung hat der „Kybele-Kult“ für die Argumentation des Autors?
Der Kybele-Kult dient als archaisches Beispiel für rituelle Selbstkastration und Hingabe, was der Autor als frühen Vorläufer für spätere asketische Praktiken identifiziert.
Wie bewertet der Autor die Rolle des „Zölibats“ im Vergleich zu SM-Praktiken?
Der Autor interpretiert den Zölibat nicht nur als sexuelle Abstinenz, sondern als eine Form der rituellen Selbstdisziplinierung und Hingabe, die Parallelen zu sadomasochistischen Unterwerfungsmechanismen aufweist.
Was sagt der Autor zur „Liberalisierungsthese“?
Die These besagt, dass die zunehmende moderne Toleranz gegenüber SM-Praktiken mit einem generellen Wandel im Sexualdiskurs korreliert, wobei die Einvernehmlichkeit des Aktes zum neuen ethischen Maßstab geworden ist.
- Citar trabajo
- Jasper Janssen (Autor), 2020, Wiederkehr der großen Mutter? Überlegungen zum erotischen Sadomasochismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542467