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Wiederkehr der großen Mutter? Überlegungen zum erotischen Sadomasochismus

Titre: Wiederkehr der großen Mutter? Überlegungen zum erotischen Sadomasochismus

Écrit Polémique , 2020 , 47 Pages

Autor:in: Jasper Janssen (Auteur)

Sociologie - Relations et Famille
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Résumé Extrait Résumé des informations

Die folgende Schrift unternimmt den Versuch, sadomasochistische Sexualität als heterogene und komplexe Thematik zu charakterisieren. Folgende Frage steht dabei im Mittelpunkt: Bezeugt die rezente Popularität des erotischen Sadomasochismus die Insistenz menschlicher Natur - oder gerade deren kulturelle Wandelbarkeit?

Sexuell motivierte sadomasochistische'Praktiken stellten in den vergangenen Jahrzehnten ein beliebtes Sujet in Literatur, Film und Zeitschriften da; man denke etwa an die einhundert Millionen Mal verkaufte Romantrilogie "Shades of Grey" die überdies verfilmt und von einem Millionenpublikum gesehen wurde. Langsam weicht das abgenudelte Klischee der toughen, selbstbewussten Domina, dem Bewusstsein, dass sich unter sadomasochistischer Sexualität eine äußerst heterogene und komplexe Thematik verbirgt.

In ihrem bekannten Werk "Die Masken der Sexualität" bezieht Camille Paglia die Vokabel Sadomasochismus sowohl auf entsprechende erotische Praktiken als auch auf das in jeder denkbaren Gesellschaft vorhandene Potenzial an Aggression und Brutalität. Der wesentliche Zug des Menschen Natur sei die Sexualität. Und hier kommen Aggression und Gewalt ins Spiel: als eine ursprüngliche Triebenergie sei Sexualität ohne Aggression nicht zu haben. Sadomasochistische Praktiken seien schlicht Ausdruck der durch keine kulturellen Grenzen eingehegten 'Natur'. Bereits die im Rahmen antiker Fruchtbarkeitskulte üblichen drastischen Prozeduren hätten das prekäre Potenzial menschlicher Sexualität thematisiert und demonstriert. Welche Rolle spielt mit Blick auf den Sadomasochismus das Christentum? Könnte es sein, dass gerade die Abneigung der Christen gegen die zumeist als sündhaft empfundene "Natur" des Menschen sadomasochistische Intentionen stimuliert hat?' Überdies haben christliche Lehrer und Vordenker trotz ihrer skeptischen Haltung den Sex "diskursiviert" und insofern modernen psychologischen, medizinischen und sexualwissenschaftlichen Erörterungen vorgegriffen.

Im Fokus des letzten Abschnitts steht die Frage, wie gewalttätig diese Spielart der "Neosexualitäten" ist. Paglia wertet die Existenz sadomasochistischer Praktiken als Indiz gesellschaftlicher Dekadenz. Diese Wertung wäre dann gerechtfertigt, wenn sich im Kielwasser sexueller Liberalisierung ein Anstieg von Alltagsgewalt in westlichen Gesellschaften nachweisen lassen würde. Oder wenn zumindest Sadomasochist_innen im außer sexuellen Kontext von gängigen Normen, von gängiger Normalität abweichen würden.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

EINLEITENDE GEDANKEN

HINGABE

Die moderne Domina - ein Relikt matriarchaler Kultur?

Magna Mater

Der Kybele-Kult: Blut muss fließen!

Deutung 1: Die Kastration als Opfer

Deutung 2: Kultischer Geschlechtswandel

EIN WEITES FELD: CHRISTENTUM UND SADOMASOCHISMUS

Sadomasochismus als Metapher

Wie die Keuschheit ins Christentum kam: Eunuchen für das Himmelreich

Exkurs: Der Zölibat: „Wer es fassen kann, der fasse es“. Oder: Hingabe

Die Erfindung der Perversionen: Der Einspruch des Michel Foucault gegen die Repressionshypothese

Die erregte Frömmigkeit: Das Lob der Peitsche

Phänomenologische Parallelen zwischen christlichen und sadomasochistischen Praktiken

Devote Christ_innen, devote Sadomasochist_innen

SM ALS INDIZ? SADOMASOCHISMUS UND MENSCHLICHE NATUR

Kulturpessimismus à la Paglia

Von Schlüsselherrinnen, Göttinnen und keuschen Männern

Die Liberalisierungthese

Was ist: erotischer Sadomasochismus?

Über das Gewalttabu

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die historische und phänomenologische Verbindung zwischen christlichen Praktiken der Selbstkasteiung und Askese sowie modernen sadomasochistischen Praktiken, um die Hypothese der „Wiederkehr der Großen Mutter“ im Kontext erotischer Machtstrukturen zu hinterfragen.

  • Historische Herleitung von SM-Praktiken aus archaischen Kulten und christlicher Askese.
  • Kritische Auseinandersetzung mit der These der „natürlichen“ menschlichen Aggression bei Camille Paglia.
  • Analyse der Rolle von Gewalt und Macht in SM-Beziehungen und deren gesellschaftlicher Einordnung.
  • Untersuchung der diskursiven Behandlung von SM-Praktiken durch Religion, Medizin und Zeitgeist.

Auszug aus dem Buch

EINLEITENDE GEDANKEN

Mit der Schwächung politischer und religiöser Autorität (...) wird Hierarchie nunmehr in der Sexualität reaffirmiert, und zwar in der archaisierenden Gestalt des Sadomasochismus (...) Der Sadomasochismus ist von kalter Förmlichkeit und nichts weiter als die komprimierte Darstellung der biologischen Struktur von Sexualität. Jeder Orgasmus ist entweder Beherrschung oder Unterwerfung: beide sexuellen Erfahrungsmöglichkeiten stehen grundsätzlich beiden Geschlechtern zur Verfügung und sichh sowohl bei Gruppen wie bei Paaren und Einzelnen. (Camille Paglia, Masken der Sexualität)

Ich habe in meinem Titel den Begriff Erotischer Sadomasochismus gewählt. Damit nehme ich eine Abgrenzung vor. Denn während einmal mit der Benennung Sadomasochismus eine Reihe von sexuellen Praktiken verhandelt wird, existiert, daraus abgeleitet, eine - so stellte es bereits 1940 Theodor Reik fest - entsexualisierte Variante: im täglichen Sprachgebrauch werden bestimmte Verhaltensweisen mit den Begriffen 'sadistisch' bzw. 'masochistisch' etikettiert. Überdies hat der Begriff 'sadomasochistisch' bereits vor Jahrzehnten in den Sozialwissenschaften Furore gemacht, ich erinnere nur an die von Erich Fromm geprägte Vokabel sadomasochistischer Sozialcharakter.2 Sexuell motivierte 'sadomasochistische' Praktiken stellten in den vergangenen Jahrzehnten ein beliebtes Sujet in Literatur, Film und Zeitschriften da; auch wenn erst die weltweit mehr als einhundert Millionen Mal verkaufte Romantrilogie Shades of Grey, die überdies verfilmt und von einem Millionenpublikum gesehen wurde, eine große Öffentlichkeit mit der Thematik der BDSM-Praktiken konfrontiert hat. So weicht das abgenudelte Klischee der toughen, selbstbewussten Domina, die in schwarzes Leder oder Latex gehüllt reifen Männern den Hintern versohlt, langsam dem Bewusstsein, dass sich unter sadomasochistischer Sexualität eine äußerst heterogene und komplexe Thematik verbirgt. Es gibt immerhin Handlungen und Begierden, deren sadomasochistischer Charakter bis heute umstritten ist, so Formen der möglicherweise extrem schmerzhaften Body Modification.

Zusammenfassung der Kapitel

EINLEITENDE GEDANKEN: Einführung in die Begriffsdefinition des erotischen Sadomasochismus und Abgrenzung zum alltagssprachlichen Gebrauch des Begriffs.

HINGABE: Untersuchung der historischen Ursprünge von Hingabe, Kastrationsmythen und der Rolle der Großen Mutter in archaischen Kulten.

EIN WEITES FELD: CHRISTENTUM UND SADOMASOCHISMUS: Analyse der Parallelen zwischen christlicher Askese, Zölibat und sadomasochistischen Elementen der Selbstkasteiung.

SM ALS INDIZ? SADOMASOCHISMUS UND MENSCHLICHE NATUR: Kritische Diskussion über die menschliche Natur, das Gewalttabu und die Frage der Normalisierung von SM-Praktiken in der heutigen Gesellschaft.

Schlüsselwörter

Sadomasochismus, BDSM, Christentum, Askese, Körperlichkeit, Macht, Gewalt, Camille Paglia, Michel Foucault, Selbstkasteiung, Religion, Sexualität, Geschlechterrollen, Subkultur, Normalisierung

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beleuchtet die historischen und theoretischen Verbindungen zwischen christlich-religiösen Askeseformen und den Praktiken des modernen Sadomasochismus.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zu den Kernbereichen zählen die Geschichte von Kastrationsmythen, die Kritik an der Repressionshypothese, die Analyse von Machtstrukturen und die Frage nach dem menschlichen Gewalttabu.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Es wird untersucht, ob SM-Praktiken als eine Form der Wiederkehr archaischer Mythen verstanden werden können und wie sich die gesellschaftliche Wahrnehmung zwischen Gewalt, Macht und Lust konstituiert.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor nutzt eine kulturwissenschaftliche und diskursanalytische Methode, die sich auf Literaturanalysen, theologische Quellen und soziologische Theorien (u.a. Foucault, Elias, Paglia) stützt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden neben den historischen Wurzeln in Kybele-Kulten auch die Entwicklung christlicher Askese, die Kontroverse um Michel Foucaults Analysen und die moderne BDSM-Kultur detailliert betrachtet.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die wesentlichen Begriffe sind Sadomasochismus, Christentum, Askese, Macht, Gewalt, Diskurs und die historische Entwicklung menschlicher Sexualmoral.

Welche Bedeutung hat der „Kybele-Kult“ für die Argumentation des Autors?

Der Kybele-Kult dient als archaisches Beispiel für rituelle Selbstkastration und Hingabe, was der Autor als frühen Vorläufer für spätere asketische Praktiken identifiziert.

Wie bewertet der Autor die Rolle des „Zölibats“ im Vergleich zu SM-Praktiken?

Der Autor interpretiert den Zölibat nicht nur als sexuelle Abstinenz, sondern als eine Form der rituellen Selbstdisziplinierung und Hingabe, die Parallelen zu sadomasochistischen Unterwerfungsmechanismen aufweist.

Was sagt der Autor zur „Liberalisierungsthese“?

Die These besagt, dass die zunehmende moderne Toleranz gegenüber SM-Praktiken mit einem generellen Wandel im Sexualdiskurs korreliert, wobei die Einvernehmlichkeit des Aktes zum neuen ethischen Maßstab geworden ist.

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Résumé des informations

Titre
Wiederkehr der großen Mutter? Überlegungen zum erotischen Sadomasochismus
Auteur
Jasper Janssen (Auteur)
Année de publication
2020
Pages
47
N° de catalogue
V542467
ISBN (ebook)
9783346179890
ISBN (Livre)
9783346179906
Langue
allemand
mots-clé
Sadomasochismus Sexualwissenschaften Gewalt und Macht
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Jasper Janssen (Auteur), 2020, Wiederkehr der großen Mutter? Überlegungen zum erotischen Sadomasochismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542467
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Extrait de  47  pages
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