Illusionsbildung im Bilderbuch am Beispiel von "Johanna im Zug". Hat die Metafiktion illusionsbildendes oder illusionsstörendes Funktionspotential?


Bachelorarbeit, 2020

47 Seiten, Note: 1,13


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Anhangsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Der Illusionsbegriff nach Werner Wolf
2.1.1 Prinzipien der Illusionsbildung
2.1.2 Charakteristika des illusionistischen Erzählens
2.2 Illusionsstörung

3 Das BilderbuchJohanna im Zug

4 Analyse des BilderbuchsJohanna im Zug
4.1 Illusionsbildende Prinzipien und Charakteristika inJohanna im Zug
4.2 Metafiktion inJohanna im Zug
4.2.1 Explizite Metafiktion
4.2.2 Implizite Metafiktion

5 Fazit und Ausblick

6 Primärliteratur

7 Sekundärliteratur

8 Anhang

Anhangsverzeichnis

Abbildung 1: Prinzipen, Ziele und Merkmale 31

Abbildung 2: Kategorien der Illusionsbildung 32

Abbildung 4 33

Abbildung 5 33

Abbildung 6 34

Abbildung 7 34

Abbildung 8 35

Abbildung 9 35

Abbildung 10 36

Abbildung 11 36

Abbildung 12 37

Abbildung 13 37

Abbildung 14 38

Abbildung 15 38

Abbildung 16 39

Abbildung 17 39

Abbildung 18 40

Abbildung 19 40

Abbildung 20 41

Abbildung 21 41

Abbildung 22 42

Abbildung 23 42

Abbildung 24 43

Abbildung 25 43

Abbildung 26 44

Abbildung 27: Skala des Funktionspotentials 44

1 Einleitung

„AberDUhast mich doch erfunden.

Dann musst du auch wissen, wie ich heiße!“

– Schweinchen Johanna zur Zeichnerin1

Dieses Zitat aus dem mehrfach ausgezeichneten2BilderbuchJohanna im Zugvon Kathrin Schärer zeigt exemplarisch eine der metafiktionalen Spielarten, die in dem hier zu analysierenden Werk Anwendung finden. Wiprächtiger-Geppert und Lüscher Mathis bezeichnen das Buch zudem als „Paradebeispiel eines metafiktionalen Textes für Kinder.“3

Die Selbstreflexion des Fiktionscharakters ist ein bekanntes Phänomen der Erwachsenenliteratur, welches aber schon lange nicht mehr nur als Technik postmoderner und/oder experimenteller Erzählliteratur angesehen werden kann und sich zusehends auch in der heutigen Kinder- und Jugendliteratur etabliert hat4. Die Auswirkungen metaisierender Verfahren auf die kindliche Leserschaft5wurden unteranderem von Scherer et al. untersucht. Ihre Ergebnisse der Bilderbuchrezeptionsforschung stellen das Element der Metafiktion im vorliegenden Kinderbuch als komplexe Herausforderung dar.6Auf Grund der häufigen Perspektivwechsel und der dominanten Thematisierung der eigenen Artifizialität stufen sie „Johanna im Zug [zudem als] eine literar-ästhetische Herausforderung für Rezipient(inn)en aller Lebensalter“7ein.

Das vorliegende Kinderbuch bietet auch mit einem Blick auf Schulunterricht großes Potential. Persönlich schätze ich das Bilderbuch als überaus geeignet ein, um Schülerinnen und Schülern die Vielfältigkeit des Mediums sowie den Facettenreichtum der Erzählstrukturen nahe zu bringen. Zudem wird gerade auch anJohanna im Zugdeutlich, dass es sich bei dieser Art der Literatur keineswegs nur um Werke für Kinder handelt.

Interesse und Aktualität des Untersuchungsgegenstandes sind damit für die vorliegende Arbeit nicht von der Hand zu weisen. Die Auswirkungen der Metafiktion sollen in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht weiter in Bezug auf liter-ästhetische Bildung, sondern auf ihr illusionsbildendes Funktionspotential hin untersucht werden.

Werner Wolf ordnet in seiner Abhandlung von 1993 Metafiktion als illusionsstörendes Element ein8. Hauthal et al. postulieren jedoch, dass „Metaisierungsverfahren mehrfachcodiert und im Hinblick auf ihr Funktionspotential ambivalent“9seien. Sie fassen Metafiktion als Bestandteil einer großen Bandbreite von verschieden metaisierenden Techniken auf und ordnen ihnen sowohl illusionsbrechendes wie auch -bildendes Funktionspotential zu. Im Verlauf dieser Arbeit werden deswegen die illusionsbildenden Prinzipien und Charakteristika von Werner Wolf erläutert und in der darauffolgenden Analyse auf das Kinderbuch angewendet. Wolf bezieht sich mit seinen Ausführungen auf ästhetische bzw. narrative Illusion, die Übertragung seiner Schemata aufJohanna im Zugstellt somit zugleich eine neue Art und Weise der Analyse des Bilderbuches dar. Besonderer Schwerpunkt der Analyse soll auf den metaisierenden Verfahren liegen, um die Frage zu klären, ob die Metafiktion im vorliegenden Kinderbuch illusionsbildendes oder illusionsstörendes Funktionspotential birgt.

Zur Grundlage der Analyse wird dafür im ersten Teil der Arbeit zunächst die Theorie der Illusionsbildung dargelegt und die Probleme einer einheitlichen Terminologie des Begriffes Metafiktion näher erläutert. Im Folgenden werden an Hand exemplarischer Text- und Bildbeispiele die verschiedenen Metaisierungsphänomene im BilderbuchJohanna im Zugdargelegt, um im Weiteren deren illusionsbildendes Funktionspotential einordnen zu können. Abschließend wird ein zusammenfassendes Fazit dieser Analyse erfolgen sowie ein Ausblick auf weitere mögliche Untersuchungen oder neu aufgekommene Fragestellungen gegeben.

2 Theoretische Grundlagen

Die folgenden Ausführungen beziehen sich primär auf Werner WolfsÄsthetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst: Theorie und Geschichte mit Schwerpunkt auf englischem illusionsstörenden Erzählen. Obgleich sein Werk schon 1993 publiziert wurde, ist es auch heute noch aktuell und gilt als Standardwerk zur Illusionsbildung/ -störung. Weitere aktuellere Publikationen von Hauthal et al.10und Wenzel11dienen ebenfalls zur Erläuterung des Fachgebietes.

2.1 Der Illusionsbegriff nach Werner Wolf

„Die Imitation lebensweltlicher Wahrnehmung und Erfahrung durch das Werk“12ist laut Wolf eines der Ziele welche die Illusionsbildung zu erreichen versucht. Imitation im Sinne der Illusionsbildung bezieht sich hier auf den Bereich der Ästhetik. Ästhetische Illusion lässt sich insofern deutlich von nicht-ästhetischer abgrenzen, da das hier behandelte Phänomen „nicht nur durch Illusion, sondern auch durch Distanz bedingt ist.“13Durch den „charakteristischen Moment der Distanz […] [welcher] in der Trugwahrnehmung wie in der Halluzination […] fehlt,“14wird die ästhetische Illusion von dem Konstrukt der Unwahrheit bzw. Lüge abgegrenzt. Wolf postuliert weiter, dass ästhetische Illusion rekonstruierbar ist und mittels einer notwendigen Rezeptionsdistanz des Lesers Illusionen sowie Illusionsbrüche stets als Mittel der Ästhetik zu verstehen sind.15„Einem zentralen Moment der Illusion steht bei gelingender ästhetischer Illusion eine nur untergeordnete – freilich unverzichtbare – Distanz gegenüber.“16Die Rezeption, wie das Betrachten eines Bildes, das Lesen eines Buches birgt die erstenatürlicheFiktionsmarkierung, welche als Auslöser dieser Distanz wirkt. Durch die Zweidimensionalität des Mediums ist immer ein Bewusstsein über die Artifizialität des Werkes gegeben. Eine weitere,künstlicheMarkierung kann innerhalb des Textes liegen durch Eingangs- oder Schlussformulierungen wie ‚Es war einmal‘ oder ‚Ende‘. Diese Distanzauslöser verschwinden jedoch bei einer gelingenden Illusionsbildung so weit hinter der Erzählung selbst, dass sie tendenziell gar nicht oder nur minimal als Störungen wahrgenommen werden.17Ein weiterer Auslöser von Distanz liegt laut Wolf in der ästhetischen Einstellung des Lesers und verweist auf den raumzeitlichen Kontext der Rezeption sowie auf eine „ganz allgemein […] bestimmte Ausrichtung des Interesses auf ein Wahrnehmungsobjekt.“18Hier nimmt er Bezug zu Goffman19und dessen Unterscheidung zwischenprimaryundsecondary frameworks. „Erstere werden bei Handlungen oder Ereignissen in Anschlag gebracht, die als 'real' angesehen werden, letztere bei 'fiktiven'. Ästhetische Einstellung ist dabei als Sonderfall einer Wahrnehmung zu 'secondary-frame'-Bedingungen anzusehen.“20Diese Bedingungen der Wahrnehmung erweitert Wolf zudem um die Begriffefictioundfictum, womit er einerseits auf die Gemachtheit eines fiktiven Textes abzielt und zum anderen auf dessen Erfundenheit. Die ästhetische Einstellung, die ein Leser mitbringen sollte, bildet sich auf Grundlage kultureller, erlernter Konventionen sowie der Distanz, die im Rahmen der ästhetischen Rezeption, also unter den Bedingungen des secondary-frames, entsteht. Diese erwerbbare und kulturabhängige Einstellung ist rationaler Natur und formt das Gespür des Lesers für die Artifizialität eines Werkes. Sie allein macht es erst möglich Fiktionsindizien zu erkennen und richtig zu dechiffrieren.21Wolf erörtert den Begriff der ästhetischen Distanz weiter als Bewusstsein über Fiktion sowie das Bewusstsein des fictio-Status und bezieht sich damit auf alle formalen Aspekte, die ein Werk und seine Gemachtheit ausmacht sowie auch auf alle vom Rezipienten selbst mitgebrachten Aspekte des Bewusstseins.22Die richtige Rezeptionseinstellung zusammen mit einer konstanten kritisch-reflexiven Distanz ermöglichen dem Leser folglich, in ein Werk einzutauchen und sich illusionieren zu lassen.

Illusionierung lässt sich also als „ein Phänomen beschreiben, das sich zwischen zwei Polen Distanz und Illusion bewegt, wobei beide Pole selber nicht besetzt werden dürfen“.23Das Mit- und Erleben einer anderen, fiktionalen Welt und Wirklichkeit funktioniert laut Wolf jedoch nur dann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Diese sind unter den sechs Prinzipien der Illusionsbildung bekannt und werden im Folgenden genauer erklärt.24

2.1.1 Prinzipien der Illusionsbildung

Das erste Prinzip der Illusionsbildung nennt Werner Wolf dasPrinzip derkonkreten Welthaftigkeit, welches sich mit allen Situationen, Figuren und beschriebenen Objekten befasst, die zur Plastizität der fiktiven Welt beitragen. Es geht hierbei darum, dass illusionistische Erzähltexte versuchen sollten die lebensweltlichen Bedingungen der Rezipienten zu berücksichtigen und eine fiktive Welt zu erschaffen, die sich als „eine völlig unabhängige und objektiv wahrnehmbare Wirklichkeit“25darstellt. Ebenfalls unter der Prämisse der Anschaulichkeit steht folglich also auch die Darstellung von Raum und Zeit.

Wolf argumentiert, dass mittels einer großen Anschaulichkeit „Unbestimmtheitsstellen“26eingedämmt werden können. Diese sind jedoch auch für die Aufrechterhaltung des Interesses an der Erzählung wichtig. Ein Mangel, wie ein Überfluss an Details, kann somit zur Störung bis hin zur Brechung der Illusion führen.

DieMediumsadäquatheitist das zweite Prinzip und beschäftigt sich mit der Einhaltung von Grenzen, welche ein Medium vorgibt. Im Vordergrund steht, wie dem Namen bereits zu entnehmen ist, das Medium und die Wahrnehmungscharakteristika, die es leisten kann. Sprachliche und narrative Grenzen nicht zu überschreiten und somit auf den Konstruktcharakter aufmerksam zu machen ist grundlegend. „Als besonders problematisch erweist sich hierbei die Handhabung der Deskription in illusionsbildenden Texten.“27Dem Prinzip der anschaulichen Welthaftigkeit entsprechend, sollte sich die Deskription nach Anschaulichkeit und Plastizität richten. Dennoch kann es auch durch übermäßig lange deskriptive Textpassagen zur Überreizung des narrativen Mediums kommen. Beschreibungen dieser Art dürfen folglich im Text keine dominante Rolle einnehmen und müssen sich adäquat in den Sinnzusammenhang der Erzählung einfügen. Eine längere Aneinanderreihung von Beschreibungen muss aber nicht zwingend illusionsstörend wirken, wenn diese eng an die Thematik des Werks geknüpft ist und die Stringenz der Erzählung stützt. Mediumsadäquatheit bezieht sich des Weiteren auf die Grenzen der Narrativik. Die Vermischung der Erzählebenen sollte ebenso vermieden werden wie Unklarheit in Bezug auf die Figurenrede.28Missverständnisse bei der Zuordnung von Gesagtem innerhalb einer Erzählung oder undeutliche erzählerische Vermittlung können die Illusion des Lesers brechen, da dieser sich mit der Auflösung der Unklarheiten befassen muss.

Das nächste Prinzip der Illusionsbildung nennt Wolfdie Sinnzentriertheit der Textwelt, welches besagt, dass die fiktive Welt des Textes weitestgehend auf den Erfahrungshorizont des Rezipienten und dessen Lesererwartungen zugeschnitten sein sollte. Wahrnehmung wird durch individuelle, psychische und physische Gegebenheiten des Lesers bedingt, wie auch durch kulturell-historisch überlieferte inhaltliche und formale Schemata. Diesen Schemata gilt es bei der Sinnzentriertheit der Textwelt gerecht zu werden. Die fiktive Welt sollte folglich auf die Lebenswelt abgestimmt werden, darf mit ihr aber auch brechen, wenn dies im Rahmen eines Genres den Erwartungen des Lesers entspricht. Hier spielt auch die eingangs erläuterte Rezeptionseinstellung eine große Rolle, da die Kenntnis über genrespezifische Konventionen den Leseprozess vereinfacht und damit illusionsfördernd wirkt. Ebenfalls im Rahmen der Sinnzentriertheit ist hier das Ambiguitäts- und Widerspruchsverbot zu nennen, welches ein zentrales Element der Illusionsbildung ist.29Dies drückt aus, dass der Text sprachlich wie narrativ sinnvoll und für den Leser leicht in der Rezeption seien soll. Dennoch bedeutet es keineswegs, dass eine Erzählung keine Stellen der Unbestimmtheit aufkommen lassen darf - im Gegenteil. Die Auffüllung entstehender Lücken seitens des Rezipienten ist ein wichtiger und gewünschter Aspekt im Lesen und Erleben einer Geschichte. Die „Durchsetztheit mit Unbestimmtheitsstellen […] widerspricht der geforderten Übereinstimmung mit den Anschauungsformen der Erfahrung allerdings ebensowenig [sic!] wie etwa dem Prinzip anschaulicher Welthaftigkeit - sofern die Unbestimmheitsstellen nicht übermäßig vermehrt sind“.30

Wolfs viertes Prinzip der Illusionsbildung ist diePerspektivität. Dieses bezieht sich auf den Betrachtungswinkel, welcher dem Rezipienten vom Werk vorgegeben wird. „Illusionstexte bieten diese Perspektive dem Leser als Einstieg in ihre Fiktionswelt an und geben ihm somit die Möglichkeit, seine Distanz zu der im Text dargestellten Welt zu überwinden.“31Lobsien sagt zu dieser Gebundenheit des Blickwinkels, „seine Perspektive führt in die dargestellten Gegenstände keine Ordnung ein, die vorher nicht bereits vorhanden wäre, sondern trifft schon auf eine solche latente Ordnung, die vom impliziten Autor als dem Subjekt des textkonstituierenden Akts festgelegt ist.“32Die Erzählinstanz gibt also ihre Sicht sowie die Reihenfolge der Ereignisse der Geschichte vor; während der Rezeption des Sujets müssen folglich seitens des Leser etwaige Unbestimmtheiten gefüllt werden, um die Fabel der Erzählung rekonstruieren zu können.

Lobsien33und auch Wolf unterteilen die Perspektivität noch weiter in Blickpunkt, Partialität der Ansichten/Abschattung und Horizont.34Der Blickpunkt bezieht sich auf eine Markierung des Perspektivwechsels, um eine Illusion aufrecht zu erhalten. Abschattung oder Partialität der Ansichten betreffen die bereits angesprochenen Leerstellen oder Unbestimmtheiten in der Wahrnehmung des Rezipienten. Durch das aktive Füllen dieser Stellen wird der Leser stark an das Werk gebunden und ein intensiver Leseprozess wird befördert. Der Begriff Horizont ist als Sinnhorizont zu verstehen und wird zumeist kaum thematisiert, da er nur schwer greifbar ist. Der Sinnhorizont ist der lebensweltliche Erwartungs- und Erfahrungshorizont des Lesers. Zugunsten einer stabilen Illusion sollten Zufälle in einer Geschichte sowie schwer einzuordnende Flashbacks oder Vorverweise nur im geringen Maße eingesetzt werden, da sie gegebenenfalls diesen Sinnhorizont übersteigen könnten. Die Identifikation des Rezipienten durch die Vorgabe des Blickwinkels und eine ausreichende Perspektivwechselmarkierung sind nach diesem Prinzip grundlegende Bausteine für die Illusionsbildung.

Ebenfalls einen wichtigen Faktor stelltdie Interessantheit der Geschichtedar. Trotz Berücksichtigung aller Prinzipien kann die Illusionsbildung scheitern, wenn das grundlegende Interesse des Lesers nicht geweckt wird. Sogar Gegenteiliges kann geschehen, wenn es gerade durch eine zu große Plastizität und Vorhersehbarkeit zur Distanzierung seitens des Rezipienten kommt, da die Ereignisse berechenbar und langweilig werden und die Erzählung zu wenig Leerstellen bietet. Diese Leerstellen befördern, wie bereits erwähnt, einen aktiven Leseprozess und sorgen für eine affektive Einbindung. Ziel ist also eine „gemäßigte Fremdheit“35, eine Ausgewogenheit zwischen Bestimmt- und Unbestimmtheit im Text. Ist eine Erzählung spannend und leicht zu rezipieren, bietet sie eine schnell zu greifende Fabel und somit eine überschaubare histoire-Ebene. Wird der Fokus hingegen zu sehr auf die discours-Ebene gelenkt, tritt Gegenteiliges ein und die Artifizialität des Textes gerät in den Vordergrund, was eine Störung der Illusion zur Folge haben kann.36

Alle vorgestellten Prinzipen können sich gegenseitig positiv wie negativ beeinflussen.37Dem Prinzip der Interessantheit der Geschichte sollte ein illusionistischer Text jedoch zu jeder Zeit entsprechen, da ein Mangel an Interesse die Illusionsbildung stören oder gar das Weiterlesen gefährden kann.

Das letzte Prinzip nennt Wolf dasCelare-artem-Prinzip:die Transparenz des Mediums und die Verschleierung der Fiktionalität. Dies besagt, dass eine Illusion immer dann gefährdet ist, wenn der Kunstcharakter im Text zum Vorschein kommt und somit verdeckt werden muss. Das Celare-artem stellt damit nicht nur eine Bedingung dar, sondern auch zugleich ein Hauptziel der narrativen Illusionsbildung.

Schon die vorangegangenen Prinzipien können der Verschleierung der Künstlichkeit dienlich sein und stellen Grundsätze dar, um das Bild einer natürlichen Textwelt zu malen. Da ihr primäres Ziel jedoch jeweils auf einem anderen Fokus liegt, verschreibt sich das Celare-artem in erster Instanz der Verhüllung der Artifizialität. Lobsien beschreibt hier eine Ambivalenz, ein wirkungsästhetisches Dilemma, mit welchem das Werk umgehen muss. Einerseits soll der Eindruck eines selbstbestimmten Leseprozesses vermittelt werden, andererseits soll die Aktivität des Lesers durch den Text gelenkt und vorgesteuert werden.38Scheitert dieser Balanceakt kann dies die Illusionsbildung nachhaltig hemmen. Das Celare-artem-Prinzip hat weiter zur Aufgabe den secondary-frame-Status, zu dessen Bedingungen rezipiert werden soll, zu verhüllen. Dieser Status muss verdeckt werden, um „das Fiktionsbewusstsein und damit die Distanz des Lesers in eine Latenz [zu drängen].“39Das Prinzip teilt sich in zwei Gegenstandsbereiche: „die Verschleierung der fictio- und der fictum-Natur des Kunstwerks als Gegenstück und Ergänzung zu dessen Wahrscheinlichkeit und Interessantheit.“40

Zur Verschleierung des fictio-Status gibt Wolf zwei Möglichkeiten an. Erstens das Verbot einer expliziten Thematisierung des Mediums. Zweitens die Verwendung des Mediums und seiner Elemente in solcher Art und Weise, dass „auch sein implizites ‚foregrounding‘41verhindert wird.“42Historisch unterschiedliche Gattungskonventionen müssen dabei aber immer berücksichtigt werden, da manche Beleuchtung des Mediums wirkungsästhetisch erlaubt bzw. konventionell üblich ist.

Zur Verschleierung der fictum-Natur einer Erzählung, welche laut Wolf noch wichtiger ist als die Verhüllung des fictio-Charakters, ist der zweite Gegenstandsbereich des Celare-artem-Prinzips. Illusion stützt sich auf die Vermittlung des impliziten Autors oder des Erzählers. Wichtig ist eine Autonomie der histoire gegenüber der Vermittlungsinstanz. Dem Prinzip Rechnung tragend heißt dies also, dass die notwendige Sinnzentriertheit nicht durch ein Übermaß zum Hindernis der Illusionsbildung wird. Mittels partieller Sinnzerstreuung kann dies verhindert werden. Die Zerstreuung kann beispielsweise durch die bereits erwähnte gemäßigte Fremdheit des Textes den fictum-Status indirekt verhüllen. Ein direkteres Verdecken kann durch verschiedenste Verfahren der Authentizitätsfiktion erreicht werden, die eine aktive Referenzillusion aufbauen. Der Verweis auf historische Fakten, Betonung des Wahrheitsgehaltes der Geschichte oder das Einbauen von lebensweltlichen Elementen in die fiktionale Textwelt wären mögliche Herangehensweisen.43

2.1.2 Charakteristika des illusionistischen Erzählens

Die im Vorfeld dargestellten Prinzipien unterscheiden sich von den nun folgenden Charakteristika44illusionistischer Narrativik primär darin, dass sie zur Entstehung ästhetischer und narrativer Illusion auf der Textoberfläche, statt in der Tiefenstruktur zu verorten sind.

Das erste von Wolf beschriebene Charakteristikum bezeichnet er alsHeteroreferentialität. Damit ist gemeint, dass der Text mit histoire und discours auf eine unabhängig bestehende Welt verweist und sich nicht mit der eigenen Vertextung befasst. Eine solche Thematisierung würde konträr zum Celare-artem Prinzip stehen. Zu beachten ist, dass es sich bei diesem Charakteristikum nicht um die Bildung einer Referenzillusion handelt. Die Heteroreferentialität stellt lediglich einen allgemeinen Verweis des Textes über sich selbst hinaus dar, ohne sich auf explizite Gegenstände der Lebenswelt des Lesers zu beziehen.45In Korrespondenz mit dem Celare-artem-Prinzip stehen ebenso dieZentralität der Geschichts-sowie eineUnauffälligkeit der Vermittlungsebene. Dies bedeutet, dass der histoire gegenüber dem discours größeres Gewicht zugewiesen werden muss und die Vermittlung durch ihre Transparenz dem Rezipienten nicht vordergründig ins Bewusstsein gerufen wird. Das vierte von Werner Wolf beschriebene Charakteristikum ist dieTendenz zur ernsten Darstellung der Geschehnisse.Sie lässt sich als Merkmal greifen, welches eine intensive Illusionierung kennzeichnet. Ihr Gegensatz ist die Komik, welche im Folgenden mit drei weiteren Techniken kurz erläutert wird.

2.2 Illusionsstörung

Metafiktion,die Entwertung der Geschichte,Komiksowiedie Auffälligkeit der Vermittlungzählen laut Werner Wolf zu illusionsstörenden bzw. -brechenden Narrativikverfahren.46Als Störung der Illusion versteht er grundlegend eine Gefährdung der Sekundär- und/oder Primärillusion durch bestimmte Verfahren die an der Textoberfläche auszumachen sind. Eine weitere Gefährdung liegt in der Aktivierung von latenter Distanz, die durch mangelnde „Identifikation des Lesers mit einem innerfiktionalen Perspektivzentrum“47ein Eintauchen in die Geschichte verhindert. Wolf postuliert, dass es sich bei diesen Verfahren um Potential handelt, deren Entfaltung ebenso von der Disposition des Rezipienten abhängig ist, wie auch vom inner-/außerliterarischen Kontext. Illusionsstörende Techniken stellen daher „keine hinreichenden, aber immerhin notwendige Kategorien [dar], mit denen sich illusionsstörende Texte von illusionsbildenden unterscheiden lassen.“48

Grundlegend sind die vier Verfahren wie eine Negativfolie der bereits erläuterten Charakteristika der Illusionsbildung zu verstehen. Der Heteroreferentialität steht die Autoreferentialität bzw. explizite Metafiktion gegenüber. Eine Entwertung der Geschichte verhält sich konträr zur Zentralität der histoire, sowie die Unauffälligkeit im Gegensatz zu Auffälligkeit der Vermittlung. Die Komik fungiert als Pendant zur tendenziell ernsten Erzählung.

Die Entwertung der histoire als Störelement im illusionistischen Erzähltext erweckt beim Leser den Eindruck, dass mit der Geschichte im Inneren etwas „nicht stimmt“49, wodurch erkennbar wird, dass es sich bei der dargestellten Realität im Text nicht um eine existierende Realwelt handelt. Raum, Figuren und Handlung verlieren an ihrer ursprünglichen Bedeutung als traditionelle Erzählelemente, womit eine Auffälligkeit der Vermittlung einher geht.50Die Sicht auf die Geschichte scheint hier „von außen“51getrübt zu werden, die discours-Ebene gewinnt an Übergewicht. Die Tendenz zur Komik kann durch Ironie und Sarkasmus oder parodistische Elemente ebenfalls illusionsstörend oder gar -brechend wirken. Da schwierige Formen der Komik, wie beispielsweise Sarkasmus52, in der Regel die entwicklungsbedingten Grenzen der kindlichen Rezipienten übersteigt, müssen besonders hier, grundlegend aber natürlich bei allen Techniken, die psychischen und soziokulturellen Rezeptionsvoraussetzungen der Leserschaft berücksichtigt werden.

Als viertes illusionsstörendes Element nennt Wolf die Metafiktion. Bei diesem Phänomen kann auf Grund seiner vielseitigen Verfahren „bislang noch nicht auf eine einheitliche Terminologie zurückgegriffen werden.“53Hauthal et al. fassen deswegen die verschiedenen Techniken unter dem Begriff der Metaisierung zusammen und auch Wolf bedient sich ‚Metafiktion‘ „in Ermangelung eines besseren und eingeführten Begriffs zur BezeichnungallerMetaformen der Erzählkunst.“54Er definiert Metaisierung als „transgenerisches und transmediales Phänomen, das im Einziehen einer Metaebene in ein semiotisches System (ein Werk, eine Gattung oder ein Medium) besteht, von der aus Metareferenz erfolgt.“55Allgemein lässt sich Metafiktion im Sinne von Patricia Waugh erklären als fiktionale Erzähltexte, die auf die Beziehung zwischen Fiktion und Wirklichkeit hinweisen, indem sie selbstreflexiv und systematisch auf ihre Artifizialität aufmerksam machen.56In Bezug auf den Leser erläutert Wolf zudem: „Metafiktional sind binnenfiktionale metaästhetische Aussagen und alle autoreferentiellen Elemente eines Erzähltextes, die […] den Rezipienten in besonderer Weise Phänomene zu Bewußtsein [sic!] bringen, die mit der Narrativik als Kunst und namentlich ihrer Fiktionalität (der fictio- wie der fictum-Natur) zusammenhängen.“57Diese autoreferentiellen Elemente sind für den Leser unterschiedlich leicht bzw. schwer zu greifen, da es sowohl explizite wie auch implizite Formen der Metafiktion gibt.

[...]


1Schärer, Kathrin 2009: Johanna im Zug, Abb. 11.

2Vgl. Orell Füssli Verlag (Hrsg.) o. J.: Johanna im Zug

3Wiprächtiger-Geppert, Maja; Lüscher Mathis, Regula 2014: Perspektivenübernahme als grundlegende Rezeptionskompetenz beim Verstehen zeitgenössischer Bilderbücher. In: Gabriela Scherer (Hrsg.): Bilderbuch und literar-ästhetische Bildung: aktuelle Forschungsperspektiven, S. 61.

4Vgl. Hauthal et al. 2012: Metaisierung in Literatur und anderen Medien. Theoretische Grundlagen, historische Perspektiven, Metagattungen, Funktionen, S. 2.

5Im Folgenden werden unter der maskulinen Verwendung des Wortes Leserinnen/Rezipientinnen wie Leser/Rezipienten zusammengefasst.

6Scherer, Gabriela 2014: „Wo siehst du das, dass die Fenster aus Zucker sind?“ – „Das steht im Text!“ Zum literar-ästhetischen Bildungspotenzial zeitgenössischer Bilderbücher. In: Gabriela Scherer (Hrsg.): Bilderbuch und literar-ästhetische Bildung: aktuelle Forschungsperspektiven, S. 76.

7Scherer 2014, S. 83.

8Vgl. Wolf, Werner 1993: Ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst: Theorie und Geschichte mit Schwerpunkt auf englischem illusionsstörenden Erzählen, S. 221.

9Hauthal et al. 2012, S. 8.

10Hauthal et al. 2012.

11Wenzel 2004: Einführung in die Erzählanalyse.

12Wolf 1993, S. 132.

13Bauer & Sander 2004: Zur Analyse der Illusionsbildung und der Illusionsbrechung. In Wenzel (Hrsg.): Einführung in die Erzählanalyse, S. 198.

14Wolf 1993, S. 33

15Vgl. Wolf 1993, S. 31-34.

16Edb., S. 44.

17Vgl. ebd., S. 35-36.

18Ebd., S. 37.

19Vgl. Goffman 1974 : Frame Analysis: An Essay on the Organization of Experience, S. 2.

20Wolf 1993, S. 38.

21Vgl. Wolf 1993, S. 38-39.

22Vgl. ebd., S. 41.

23Vgl. Bauer & Sander 2004, S. 198.

24Wolf 1993, S. 130-198.

25Bauer & Sander 2004, S. 201.

26Vgl. Wolf 1993, S. 86.

27Bauer & Sander 2004, S. 202-203.

28Vgl. ebd., S. 205.

29Vgl. Wolf 1993, S. 143.

30Ebd., S. 145.

31Bauer & Sander 2004, S. 210.

32Lobsien 1975: Theorie literarischer Illusionsbildung, S. 64.

33Vgl. Lobsien 1975, S. 68.

34Vgl. Wolf 1993, S. 151.

35Ebd., S. 187.

36Vgl. Wolf 1993, S. 177.

37Vgl. Bauer & Sander 2004, S. 213.

38Vgl. Lobsien 1975, S. 49.

39Wolf 1993, S. 190.

40Wolf 1993, S. 200.

41Foregrounding = „Auf-sich-selbst-Verweisens durch Deviation, durch das ein Systemelement auf sich selbst als different von seinem Kontext aufmerksam macht.“ (Wolf 2012: Metaisierung als transgenerisches und transmediales Phänomen: Ein Systematisierungsversuch metareferentieller Formen und Begriffe in Literatur und anderen Medien. In: Hauthal et al. (Hrsg.). Metaisierung in Literatur und anderen Medien, S. 33.)

42Wolf 1993, S. 191.

43Vgl. ebd., S. 196-198.

44Vgl. ebd., S. 199-207.

45Vgl. Wolf 1993, S. 203.

46Vgl. ebd., S. 208-212.

47Ebd., S. 209.

48Wolf 1993, S. 217.

49Ebd., S. 266.

50Vgl. Bauer & Sander 2004, S. 214.

51Wolf 1993, S. 266.

52Lypp 2000: Vom Kasper zum König. Studien zur Kinderliteratur, S. 88.

53Vgl. Nadj 2012: Formen und Funktionen gattungsspezifischer Selbstreflexivität in der fiktionalen Metabiographie am Beispiel von Carol Shields´ Swann. In: Hauthal et al. (Hrsg.). Metaisierung in Literatur und anderen Medien, S. 323.

54Wolf 2007, S. 37.

55Ebd., S. 38.

56Waugh 1984: Metafiction. The theory and practice of Self-Conscious Fiction, S. 2.

57Wolf 1993, S. 228.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Illusionsbildung im Bilderbuch am Beispiel von "Johanna im Zug". Hat die Metafiktion illusionsbildendes oder illusionsstörendes Funktionspotential?
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,13
Autor
Jahr
2020
Seiten
47
Katalognummer
V542644
ISBN (eBook)
9783346159632
ISBN (Buch)
9783346159649
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Metafiktion, Bilderbuch, Johanna im Zug, Illusionsbildung, Illusionsbrechung
Arbeit zitieren
Henrike Albert (Autor), 2020, Illusionsbildung im Bilderbuch am Beispiel von "Johanna im Zug". Hat die Metafiktion illusionsbildendes oder illusionsstörendes Funktionspotential?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542644

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Illusionsbildung im Bilderbuch am Beispiel von "Johanna im Zug". Hat die Metafiktion illusionsbildendes oder illusionsstörendes Funktionspotential?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden