Fahren Sie, werter Leser, ein Dieselfahrzeug? Dann wissen Sie über die neue, ab 2005 gültige EU-Schadstoffrichtlinie sicherlich schon Bescheid: demnach darf der Tagesgrenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub - dessen Hauptbestandteil die in Dieselabgasen enthaltenen Rußpartikel sind - an nicht mehr als 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Bei weiteren Überschreitungen sind die betroffenen Kommunen dazu verpflichtet, Fahrverbote auszusprechen. Bei einer Nichtbefolgung dieser Auflage müssen die „Defektierer“ (die also trotz Grenzwertüberschreiung kein Fahrverbot aussprechen) mit einer Klageflut rechnen da mit Inkrafttreten dieses neuen Gesetzes dasRecht auf saubere Luftdurch jedermann einklagbar geworden ist. Lassen Sie sich diesen Satz nochmals durch den Kopf gehen: saubere Luft - ein Gut, dasjedemzugänglich ist, fürjedenselbstverständlich ist, an demjederinteressiert ist - ist einklagbar geworden! Wie kann das sein, dass etwas, was jeder will, scheinbar erzwungen werden muss? Die Erklärung ist ebenso simpel wie logisch: „Luft“ ist ein Kollektivgut, d. h.niemandkann von ihrem Konsum ausgeschlossen werden (noch ist es so, dass der Mensch ein Lungenatmer ist!), unabhängig davon, ob er diese als korporativer oder individueller Akteur durch Abgase (Auto, Industrie, etc. ...) verpestet oder durch weitestgehende Reduzierung „seiner“ Emissionen zum Gut „saubere Luft“ beiträgt. In den allermeisten Fällen ist eine Reduktion des Schadstoffausstoßes mit höheren Kosten verbunden, so dass jeder daran interessiert ist, dass möglichst viele andere in die Produktion des öffentlichen Guts investieren und man selbst somit als Trittbrettfahrer partizipieren kannsei es, indem man „einfach“ die saubere Luft atmet oder indem man diversen Sanktionen und Auflagen aufgrund von Grenzwertüberschreitungen durch die Arbeit der anderen entgeht. Das Paradoxon an dieser Situation ist, dass das, was jeder will - die saubere Luft -nichtproduziert wird, das, das niemand wünscht - verpestete Luft - jedoch sehr wohl. Diese Situation ist unter dem Schlagwort der „Tragedy of the Commons“ populär geworden und lieferte vielen Theoretikern jedwelcher Disziplin Diskussionsstoff. Besonders von Brisanz ist vor Allem, wie Konsumenten zu einem nachhaltigem Umgang mit Allmenderessourcen bewegt werden können. Kann dies wirklich nur und ausschließlich durch Sanktionen bewerkstelligt werden? Welche weiteren Faktoren könnten noch eine Rolle spielen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Olsons „Theorie des kollektiven Handelns“ und ihre Modifikationen
3. Spezifikation von Ostroms Allmende-Begriff
4. Die Lösung für das Allmende-Dilemma: Nachhaltigkeit
5. Faktorenkatalog
5.1 Restriktion des Zugangs
5.2 Umweltangepasstheit
5.3 Partizipation
5.4 Monitoring
5.5 Sanktionierbarkeit
5.6 Konfliktregulierung
5.7 Autonomie
5.8 Eingebettete Unternehmen
6. Die Empirie: Niedergang der Internet-Allmende „Kazaa“
7. Kritische Würdigung von Olsons Logik und Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den Untergang der Internet-Allmenderessource "Kazaa" unter Anwendung des Faktorenkatalogs von Elinor Ostrom. Dabei wird analysiert, inwieweit das Fehlen spezifischer institutioneller Rahmenbedingungen zur nachhaltigen Bewirtschaftung von Allmendegütern zum Zusammenbruch des Tauschsystems führte und wie die Theorie des kollektiven Handelns von Mancur Olson in diesem Kontext zu bewerten ist.
- Analyse der Theorie des kollektiven Handelns nach Mancur Olson
- Spezifikation des Allmende-Begriffs nach Elinor Ostrom
- Darstellung der Faktoren für eine nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung
- Empirische Fallstudie zum Niedergang der Tauschbörse Kazaa
- Kritische Reflexion über die Anwendbarkeit klassischer Theorien auf digitale Güter
Auszug aus dem Buch
5.1 Restriktion des Zugangs
„Nur Mitglieder haben Zugang zur Allmende, und es ist genau festgelegt, wer Mitglied ist und wer nicht“ (Diekmann/Preisendörfer, 2001: S. 92). Ein notwendiges, nicht aber hinreichendes (!) Kriterium zur nachhaltigen Bewirtschaftung einer Allmende ist es, klare Grenzen zu definieren, wo die Allmende genau beginnt und endet und wer wie viele Einheiten aus dem Ressourcensystem entnehmen darf. Damit soll zum einen Trittbrettfahrern der Zugang verwehrt werden, zum anderen sollen Zuständigkeiten geklärt werden, d. h. was für wen bewirtschaftet wird. Es ist also zwingend notwendig, dass eine (von den potentiellen Nutzern) anerkannte übergeordnete Instanz vorhanden ist, die andere von Zugangs- und Aneignungsrechten ausschließen und somit eine Übernutzung der Allmende verhindern kann.
Zur Verdeutlichung möchte ich dies mit Hilfe der Walliser Bauern von Törbel exemplifizieren, die ihre Allmenden (im ursprünglichsten Sinne übrigens, denn deren Allmenden sind alpine Weideflächen!) seit Jahrhunderten äußerst erfolgreich ohne Überweidung bewirtschaften. Den Wallisern muss bereits im Jahre 1517 klar gewesen sein, dass ein öffentliches Gut ohne das Ausschlussprinzip nicht bestehen kann. Dies ist aus einem schriftlich fixierten Regelkatalog zu entnehmen, aus dem eine Regel besagt, dass „Fremde, die sich in Törbel ansiedeln, (...) damit noch kein Anrecht auf die Allmende [erhalten]“ (Diekmann / Preisendörfer, 2001: S. 90). Die Partizipation an der Weidefläche ist also noch an andere Faktoren geknüpft – und genau deswegen habe ich eingangs in diesem Absatz betont, dass Grenzen zwar notwendig, nicht aber hinreichend sind: nur die Schließung der Grenzen alleine genügt nicht, da auch Aneigner „nur“ Menschen mit opportunistischen Interessen sind Auch sie können so viele Ressourceneinheiten aus der Allmende entnehmen, bis diese zerstört ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Problem kollektiver Güter und das Paradoxon der "Tragedy of the Commons" ein, illustriert anhand der EU-Schadstoffrichtlinie.
2. Olsons „Theorie des kollektiven Handelns“ und ihre Modifikationen: Dieses Kapitel erläutert die ökonomische Logik eigennütziger Akteure und das daraus resultierende Trittbrettfahrer-Problem in Organisationen unterschiedlicher Größe.
3. Spezifikation von Ostroms Allmende-Begriff: Hier wird der Begriff der Allmenderessource von öffentlichen Gütern abgegrenzt und die Problematik der Ressourceneinheiten und deren Subtrahierbarkeit verdeutlicht.
4. Die Lösung für das Allmende-Dilemma: Nachhaltigkeit: Das Kapitel definiert den Begriff der Nachhaltigkeit als zukunftsfähige Bewirtschaftungsform unter Berücksichtigung ökonomischer und sozialer Dimensionen.
5. Faktorenkatalog: Einführung und Erläuterung von Ostroms acht Bauprinzipien für langlebige Allmende-Institutionen.
6. Die Empirie: Niedergang der Internet-Allmende „Kazaa“: Anwendung des erarbeiteten Faktorenkatalogs auf die Filesharing-Plattform Kazaa, um das Scheitern des dortigen peer-to-peer-Systems zu erklären.
7. Kritische Würdigung von Olsons Logik und Fazit: Kritische Reflexion der Anwendbarkeit des Faktorenkatalogs sowie eine zusammenfassende Bewertung der theoretischen Ansätze.
Schlüsselwörter
Allmenderessource, Kollektivgut, Trittbrettfahrer-Problem, Mancur Olson, Elinor Ostrom, Nachhaltigkeit, Faktorenkatalog, Kazaa, peer-to-peer, Ressourcenbewirtschaftung, Monitoring, Sanktionierbarkeit, Autonomie, Rational Choice, Internet-Allmende
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Allmenderessourcen nachhaltig bewirtschaftet werden können und warum manche Systeme, wie etwa die Tauschbörse Kazaa, an den Herausforderungen der kollektiven Nutzung scheitern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Theorie des kollektiven Handelns, das Allmende-Dilemma, die Bauprinzipien von Institutionen nach Elinor Ostrom und deren empirische Anwendung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Fehlen spezifischer institutioneller Faktoren den Untergang einer Allmenderessource begünstigt und welche Lösungsansätze die sozialwissenschaftliche Forschung hierzu bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Herleitung auf Basis von Olson und Ostrom, kombiniert mit einer deduktiven Fallstudie (Analyse der Internet-Plattform Kazaa).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen des kollektiven Handelns sowie Ostroms Faktorenkatalog (Restriktion des Zugangs, Monitoring, Sanktionen etc.) detailliert erläutert und im Anschluss auf den Fall Kazaa übertragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kritische Begriffe sind Allmenderessource, Trittbrettfahrer-Problem, Nachhaltigkeit, Institutionen und Ressourcenbewirtschaftung.
Wie unterscheidet sich eine Allmende von einem öffentlichen Gut in dieser Arbeit?
Der entscheidende Unterschied ist die Rivalität im Konsum: Während öffentliche Güter nicht rivalisierend sind, führt bei einer Allmende die Entnahme von Ressourceneinheiten zu einer Verknappung für andere Nutzer.
Warum ist das "Monitoring" für das Funktionieren von Kazaa so wichtig?
Das Monitoring ist entscheidend, um den Beitrag der einzelnen Nutzer zur Tauschbörse (Upload-Rate) sichtbar zu machen, was bei Kazaa aufgrund der Anonymität und mangelnder technischer Umsetzung weitgehend unmöglich ist.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Anwendbarkeit von Ostroms Prinzipien?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Ostroms Faktoren einen zukunftsweisenden Weg bieten, deren Umsetzung in der Praxis jedoch hochkomplex ist und an der menschlichen Eigenschaft des Opportunismus scheitern kann.
- Citation du texte
- Daniela Schießer (Auteur), 2005, Analyse des Untergangs der Internet-Allmenderessource www.kazaa.com, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54266