Allama Muhammad Iqbal und seine politische Philosophie


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie von Allama Muhammad Iqbal

3.Westliche und östliche Einflüsse auf Iqbals Gedankengut
3.1 Westliche Einflüsse
3.2 Östliche Einflüsse

4. Historischer Hintergrund

5. Metaphysische Grundlage von Iqbals politischem Denken
5.1 Religiöse Grundmotivation
5.2 Die Konzeption von Gott
5.3 Das menschliche Ego - Freiheit und Unsterblichkeit
5.4 Der ‘Superman’ oder ‘Perfect Man’
5.5 Die Millat

6. Die Politische Philosophie
6.1 Der ideale Staat: Theokratie-islamische Demokratie
6.2 Die westliche Demokratie, Imperialismus, Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus
6.3 Iqbal und die Nation/Nationalismus
6.4 Iqbal und das Gesetz

7. Zusammenfassung und Bewertung

8. Literatur

1. Einleitung

Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich Allama Muhammad Iqbal und seine politische Theorie untersuchen. Zuerst werde ich Iqbals Lebenslauf darstellen, um dessen Einflüsse, seine vielschichtigen Betätigungsfelder und Interessengebiete aufzudecken. Daraufhin werde ich aufzeigen inwieweit er von östlichen und westlichen Denkern in seinem Werk beeinflußt wurde. Um die Bedeutung und die Gründe für sein Handeln und Denken weiter zu erhellen, werde ich einen kurzen Abriß über die Geschichte der Muslime in Indien folgen lassen. Da Iqbals politische Theorie auf seinen religiös philosophischen Anschauungen basiert werde ich daraufhin die wichtigsten seiner metaphysischen Konzepte - das ursprünglich religiöse des Menschen, Gott, das 'Individuelle Ego', den 'Perfect Man', die Millat - diskutieren. Diesen wird die politische Theorie Iqbals folgen. Die, da Iqbal sie nur wenig ausarbeite, wird am idealen Staat Iqbals, an seiner Einstellung zu Kapitalismus, Kommunismus und Nationalismus und zu seinen Reformvorschlägen des islamischen Gesetzes dargelegt werden.

2. Biographie von Allama Muhammad Iqbal

Iqbal wurde am 9.11.18771 in Sialkot, im nordwestlichen Punjab, Indien, in eine islamische Familie kaschmirischen Ursprungs als jüngster von 7 Geschwistern geboren. Sein Vater, Shaik Noor Mohammad, ein kleiner Handelsmann, setzte sich tief mit Mystizismus und Spiritualität auseinander. Der Lehrer von Iqbal bezeichnete ihn als ‘ungeschulten Philosophen’. Iqbal besuchte die High School und das College in Sialkot, wo er unter anderem Arabisch und Persisch studierte und begann Gedichte zu schreiben. 1895 begab er sich nach Lahore, um Philosophie im Government College zu studieren. 1897 erwarb er seinen Bachelor of Arts. In dieser Zeit wurden seine Gedichte publik und erfreuten sich großer Beliebtheit. Während er seinen Master of Arts anstrebte, besuchte er gleichzeitig das Law College, welches er aber nicht abschloß. Im Laufe des Jahres 1901 veröffentlichte Iqbal einige Gedichte, die im sofortigen Ruhm einbrachten. Im September 1905 begab er sich nach England, wo er in Cambridge am Trinity College unter dem Neohegelianer McTaggart und James Ward studierte und mit einem Bachelor of Arts in Philosophie abschloß. Nach einigen Reisen in Europa und einem Semester in Heidelberg schrieb Iqbal 1907 seine Arbeit zur Erlangung des Doktorgrades an der Universität München unter Prof. F. Hommel über persische Metaphysik. Nach seiner Rückkehr nach England studierte er an der London School of Political Science, wo er sein Zertifikat als Rechtsanwalt erhielt. 1908 lehrte er für ein halbes Jahr an der London University als Professor für Arabisch. Am 27.7.1908 kehrte er nach Lahore zurück. Dort unterrichtete er am Government College Arabisch und Philosophie und war nach seiner Zulassung als Anwalt an verschiedenen Gerichten tätig. Er scheint als Anwalt hoch anerkannt gewesen zu sein, da das Hohe Gericht eine Anordnung an die Provinzgerichte erließ erst zu tagen, wenn Iqbal am Nachmittag, nach dem Schulunterricht, anwesend sein könne. Nach zweieinhalb Jahren gab Iqbal den Lehrberuf auf, da er sich als Anwalt dort nicht frei ausdrücken dürfe, und behielt nur die Anwaltspraxis, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. 1922 wurde Iqbal als Anerkennung für seine literarischen und philosophischen Werke von der britischen Regierung zum Ritter geschlagen, mehrere europäische Universitäten erkannten im den Titel eines Ehrendoktors zu. Obwohl er sich persönlich nicht besonders für eine politische Karriere interessierte, überzeugten ihn Freunde in der 1926er Wahl für das Punjab Legislative Council zu kandidieren, welche er auch gewann. In seiner Amtszeit setzte er sich vor allem für die Prohibition, die Minimalisierung von Grund - und Bodensteuer, gegen die Verunglimpfung von Religionsgründern und gegen die Erklärung der britischen Regierung, das alles Land von Grund auf ihnen gehöre, ein. 1928 gab er in Madras eine Vorlesung über den Islam, die unter dem Namen ‘The Reconstruction of Religious Thought in Islam’ als Buch veröffentlicht und bekannt wurde. 1930 präsidierte er über die jährliche Sitzung der All Indian Muslim League in Allahabad. Danach wurde er zum Präsident der Muslim Conference gewählt. In dieser Zeit vertrat er öffentlich die Zwei-Nationen Theorie, die später zur Gründung Pakistans führen sollte. 1931 und 1932 nahm er als Mitglied der Indisch-Muslimischen Delegation an der zweiten und dritten Round Table Conference in England teil, welche die Frage behandelte, wie eine neue Verfassung Indiens aussehen und wie sich der Weg zur Selbstbestimmung gestalten könne. Jeweils im Anschluß daran unternahm er Reisen in Europa und hielt Vorträge an verschieden Universitäten. Bis Iqbal 1935 seine Stimme verlor, verdiente er sein Geld als Anwalt. Als er gegen Ende seines Lebens schwer am Herzen erkrankte, zog er sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Am 20.4.1938, 3 Jahre nach dem Tod seiner dritten Frau, starb er.

(Vgl. Qasimi 1977:4-6, 9-29; Schimmel 1963: 35-60)

3. Westliche und östliche Einflüsse auf Iqbals Gedankengut

Iqbals Gedankengut wurde sowohl von philosophischen Einflüssen aus dem Westen als auch aus dem Osten geprägt. Er betrachtete zwar den Imperialismus und Kapitalismus des Westens als Gefahr für den Islam, war aber der Meinung, daß die europäische Philosophie ein Medium sein könne, um die Muslime zurück zu ihren eigenen Wurzeln zu führen.

Iqbal schrieb 1910: „I confess I owe a great deal to Hegel, Goethe, Mirza Ghalib, Mirza Abdul Qadir Bedil und Wordsworth. The first two led me into the „inside“ of things, the third and fourth taught me how to remain oriental in spirit and expression after having assimilated foreign ideals, and the last saved me from atheism in my student days.“ (Siddiqi in Schimmel 1963:316).

(Vgl. Schimmel 1963:316-319)

3.1 Westliche Einflüsse

Dem Platonismus (Platon 428-348 B.C.) stand Iqbal sehr kritisch gegenüber, denn er sah in dieser rationalen Philosophie und deren Einfluß auf die islamische Kultur den Verursacher des Niedergangs derer, da die Rationalität niemals „the human heart into communion with the ultimate reality“ (Schimmel 1963:319) bringen könne. Der aristotelischen (Aristoteles 384-322 B.C.) Philosophie brachte Iqbal zwar zu Beginn Bewunderung entgegen, grenzte sich aber später von ihr ab, da diese den Prinzipien des Koran von creatio ex nihilo und dem dynamischen Gottesbild widersprach.

Iqbals Philosophie von Zeit und Raum wurde stark durch Einsteins (1879-1955 A.D.) Relativitätstheorie geprägt, welchen er jedem Muslim zu studieren empfahl.

Zu seiner Studienzeit in Cambridge unter McTaggart war Iqbal stark von Hegel (1770-1831 A.D.) beeinflußt, dessen Philosophie er als „an epic poem in prose“ (Iqbal in Schimmel 1963:321) bezeichnete und mit einigen seiner Definitionen arbeitete. Später grenzte er sich stark von ihm ab und bezeichnete ihn als „a hen which lays eggs from sheer phantasy without the presence of the cock“ (Iqbal in Schimmel 1963:322).

In manchen Vorstellungen Iqbals wird auch der Einfluß von Fichte (1762-1814 A.D.) deutlich. Iqbal war besonders von dessen Vorstellungen eines dynamischen Ausblicks auf das Leben und dessen Glauben an ewige Weiterentwicklung beeindruckt. Ebenso fühlte er sich von der prophetischen Philosophie Bergsons (1859-1914 A..D.) stark angezogen und übernahm dessen Konzept der zwei Ebenen der Zeit in sein eigenes Konzept.

Einen sehr großen Einfluß auf Iqbal übte Nietzsche (1844-1900 A.D.) aus, dessen Konzept der drei Entwicklungsstufen des Egos Iqbal stark beeinflußten, obwohl er abstritt, diese Idee von Nietzsche übernommen zu haben. Mit vielen Ideen Nietzsches war Iqbal im Einklang. Ablehnend stand er Nietzsches Konzept der ewigen Wiederkehr gegenüber, da diese fatalistische Weltsicht nicht der Realität entspräche und der Glaube an eine solche den Menschen die Aktivität zum Handeln und sich Weiterentwickeln nehmen würde. Das Dilemma Nietzsches allerdings sei, das er seine Konzepte ohne einen Gott verwirklichen wolle.

Von den westlichen Poeten bewunderte er vor allem Goethe (1749-1832 A..D.), „ It is not until I had realized the infinitude of Goethe’s imagination that I discovered the narrow breadth of my own.“ (Iqbal in Schimmel 1963:331). Iqbal sah in Goethe eine der Leitfiguren seines Lebens. Bei ihm fand er seine Ideen der Persönlichkeitsentwicklung, die Idee der Dualität von Gott und dem Teufel und sein Gottesbild bestätigt.

(Vgl. Schimmel 1963:319-333; Shaukat Ali 1978:29-53)

3.2 Östliche Einflüsse

Obwohl Iqbal in einer relativ frühen Phase seines Lebens mit der westlichen Philosophie bekannt wurde, blieb seine Hauptwurzel die östliche Philosophie.

Hierbei setzte er sich vor allem mit der klassischen persischen und der Urdu Poesie und Philosophie auseinander. Ebenso blieb er nicht unbeeinflußt durch die indische Philosophie und die klassische indische Literatur seines Heimatlandes, wobei er sich vor allem durch die Upanishaden, die Vedanta Philosophie und die Ramayana inspirieren ließ.

Ideen persischer Philosophen, wie Molla Sadra2 und Hadi Sabzawari, die er in seiner Doktorarbeit über persische Metaphysik diskutierte, flossen später in seine Philosophie über die Zeit ein, ebenso wie die Ideen des mittelalterlichen Persers Abdul Karim al-Jili (1365-1408 A.D.)über den perfekten Menschen.

Arbeiten islamischer Philosophen wie Averroes oder Avicenna erschienen ihm zu eingeschränkt. Hingegen rein theologische Arbeiten wie die Ibn al-Jauzis oder Ash’arite und historische Arbeiten wie die Ibn Khalduns ( um 1400 A.D.), dessen Geschichtsbild er übernahm, waren für ihn sehr wichtig. Ebenso setzte er sich stark mit den verschiedenen Interpretatoren des Islamischen Rechtes auseinander.

Wenn man den Stil Iqbals betrachtet wird deutlich, das er sehr viel nach klassischen Vorbildern der persischen Mystiker schrieb. In seinen Werken werden vor allem klassische östliche Werke zitiert.

Einer seiner Gegner war der mittelalterliche Mystiker Ibni-i-Arabi (1165-1240 A.D.), welcher pantheistische Gedanken in den Islam eingeführt hatte, wogegen sich Iqbal wehrte und mit seinen Schriften versuchte, dessen Einfluß auf die islamische Weltsicht zu tilgen.

Ebenso hatte der von der Sufitradition verehrte Mystiker Husain ibn Mansur al-Hallaj Einfluß auf ihn, welchen er als ein Beispiel des gelebten Glaubens ansah.

Den mittelalterlichen Poet und Mystiker Maulana Rumi (1207-1273 A.D.), dessen Sohn den Orden der tanzenden Derwische gründete, betrachtete Iqbal als einen Advokaten der spirituellen Weiterentwicklung, der Idee der Liebe zwischen einem personalen Gott und den Menschen und dem ursprünglich religiösen des Menschen. Für Iqbal wurde Maulana Rumi der spirituelle Führer und blickt hinter vielen seiner Gedanken und Ideen hervor, wie zum Beispiel hinter seinen Konzepten des Ego, des 'Perfect Man' und der Liebe.

Der Theologe Sheik Ahmad Sirhindi (1564-1624 A.D.), der zur Zeit der Moghulenherrschaft in Indien lebte, inspirierte Iqbal in seinen Betrachtungen über die Beziehung zwischen Gott und den Menschen.

(Vgl Schimmel 1963:333-377.; Shaukat Ali 1978:53-72)

4. Historischer Hintergrund

Die Geschichte der Mohammedaner in Indien begann im Jahre 712, als unter General Muhammad bin Qasim Sind erobert wurde und wodurch der Islam erstmals Einzug hielt. Kurz danach wurde der Punjab durch Sultan Mahmud Ghazni annektiert. 1192 eroberte Shahabuddin Ghori das Königreich Dehli. Von diesem Zeitpunkt an bis 1526 regierten muslimische türkische oder afghanische Dynastien von Dehli. Nach dem Untergang dieser -Dynastien war die islamische Macht in den Sultanaten von Bengalen, Jaunpur, Gujrat und Malwa repräsentiert.

Dem Hinduismus, der für seine absorbierende Kraft bekannt ist, gelang es nicht den Islam zu integrieren. Aufgrund der Unterschiede des Islam zum Hinduismus entstand eine kompakte ideologische islamische Gemeinschaft. Von Anfang an bestand ein cleavage zwischen den Hindus und den Moslems, der die Gesellschaft auf einer vertikalen Ebene teilte. Die Angehörigen beider Religionen lebten friedlich nebeneinander, verbanden oder vermischten sich aber nicht.

1526-1707 übernahmen die Moghulen die islamische Herrschaft im Indopakistanischen Subkontinent. Die beiden bedeutensten Herrscher dieser Dynastie, Akbar und Aurangzed, welcher für die Reinheit der moslemischen Lebensweise kämpfte, vertraten erstmals die Vorstellung von einer eigenen Nationalität der Moslems in Indien. Parallel dazu vertreten war die Meinung, daß die indischen Muslime ein Teil der indischen Bevölkerung seien. Diese beiden Bewegungen zogen sich bis 1947 durch die Geschichte der Muslims und Hindus in Indien.

Nach dem Tod Aurangzeds 1707 zerfiel das Moghulenreich. Der Einfluß der britischen, französischen und holländischen Siedlungen wuchs. Die kleinen muslimischen Nachfolgerreiche zerfielen, sobald die British East India Company sich im Wettbewerb mit den anderen europäischen Handelsmächten durchgesetzt hatte.

1843 wurde Sind, der älteste Landstrich im Besitz der Moslems, von den Briten, sowie 1856 ganz Oudh annektiert. 1857 war nur noch Hyderabad als ein größeres muslimisches Reich unabhängig. 1858 übernahm die Britische Krone die Regentschaft über ganz Indien.

In der Folgezeit hatten die Muslime stärker als die Hindus durch die Unterdrückung der Briten zu leiden. Muslimischer Besitz wurde konfisziert, Häuser zerstört und zu Spottpreisen an Hindus verkauft. Vor der britischen Herrschaft hatten Hindus und Moslems ohne offene Feindseligkeiten nebeneinander gelebt, durch den Einfluß der Briten entstand eine offene Feindschaft. Die Benachteiligung der Moslems schürte deren Abneigung gegen die Hindus, die es zudem vorzogen der Politik der Briten zu folgen, und die Moslems immer stärker diskriminierten. Diese gerieten dadurch in immer größere politische, ökonomische und physikalische Auseinandersetzungen mit den Hindus. Insgesamt führte diese Entwicklung für die Muslime zu einem sinken der Bildung, des Prestiges und der ökonomischen Ressourcen.

Sir Ayed Ahmad Khan (1817-1898 A.D.), der Gründer der Aligarh Bewegung, setzte sich zu dieser Zeit an allen Fronten für seine Glaubensbrüder ein und gab ihnen einen Sinn für eine separate Existenz, wobei er sich dabei auf den Indopakistanischen Subkontinent beschränkte.

1887 wurde der indische Nationalkongreß gegründet, dessen Ziel die Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien war. In diesem kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems herrschten, da jede Partei ein Indien nach ihren Idealen durchsetzen wollte.

1892 wurde das Punjab Legislative Council gegründet, 1906 die All Indian Muslim League. 1909 wurden mit der Morley Minto Reform des Indian Councils den Muslims separate Wahlkreise zugestanden, womit diese wesentlich besser als vorher repräsentiert waren. 1917 folgten die Montagu-Chelmsford Reforms, welche die separaten Wahlkreise weiterhin tolerierte.

Nach dem ersten Weltkrieg erfolgte, nach der Periode der Ausbrüche von Feindseligkeit, welche durch die Briten ausgelöst worden war, eine Annäherung zwischen Hindus und Moslems. Diese wurde vor allem durch die muslimische Khilafat Bewegung ausgelöst, die sich unter anderem dafür einsetzte, heilige Plätze der Muslims für diese zu sichern. 1916 beschloß der Lucknow Pakt diese Einheit. Der Kongreß und die Muslim League arbeiteten zusammen für die Unabhängigkeit. Getrennte Wählerschaften sollten den moslemischen Einfluß sichern. 1923 zeigten sich, ausgelöst durch die Shudi-Sangathin Bewegung der Hindus, Brüche in dieser Einigkeit, da das Ziel dieser Bewegung die Reduzierung der muslimischen Bevölkerung entweder durch Bekehrung oder durch militärische Ausmerzung war.

Iqbal setzte sich 1928 für die Idee einer All-Parties Muslim Conference (Später All-India Muslim Conference) ein, welche dann auch von 1930 bis 1934 tagte. Diese war in Fraktionen eingeteilt, deren Hauptführer Muhammad Ali Jinnah und Mian Muhammad Safi waren. Iqbal hatte in dieser Zeit die ideologische Führung aller muslimischen Inder inne. Iqbal schlug die Bildung einer starken politischen Organisation der Moslems vor. Es sollte eine echte Massenpartei gegründet werden, deren Ziele die politische und kulturelle Bildung der Massen sein sollte. 1930 schlug Iqbal auf der jährlichen Versammlung der Muslim League in Allahabad die Bildung eines eigenen Staates für die indischen Muslime vor. Obwohl er 1930 festgestellt hatte, daß er weder Parteiführer sei, noch die Führerschaft eines anderen anerkennen würde, vertraute er sich 1936 ganz Jinnahs politischer Führung an. Am 14. August 1947, 9 Jahre nach dem Tod Iqbals, wurde der Staat Pakistan mit einer Population von 76 Millionen als größter muslimischer Staat der Welt gegründet.

Zusammenfassend kann zur Rolle Iqbals in der Geschichte Indiens gesagt werden, daß er der Architekt des muslimischen Nationalismus in Indien war und aktiver Kämpfer für die Freiheit des indischen Volkes im Sinne der Ablösung vom British Empire war, da seiner Meinung nach das ganze Volk unter der wirtschaftlichen Unterdrückung der Briten zu leiden hatte.

(Vgl. Husein 1975:140-147; Vahid 1974:36-40; Vahid 1993:108-111)

5. Metaphysische Grundlagen von Iqbals politischem Denken

Da Iqbal vor allem als Denker, Poet und religiöser Philosoph einzuordnen ist, ist es unerläßlich seine Metaphysik zu betrachten, da diese die Grundlage seines politischen Denkens ist.

5.1 Religiöse Grundmotivation

Religiöse Motive sind die Basis, auf der sich Iqbals Philosophie und politische Philosophie entwickelte. Die ultimative Grundbedeutung, die er der Religion beimißt, drückt sich in folgendem Zitat aus:

„Religion, in its more advanced forms, rises higher than poetry. It moves from individual to society. In its attitude towards the ultimate reality it is opposed to the limitations of man; it enlarges his claims and holds out the prospect of nothing less than a direct vision of reality.“ (Iqbal 1986:1). Religion wird also die Rolle der größten Bedeutung sowohl im Leben von Individuen als auch von Nationen zugeschrieben.

Iqbal war für eine Überarbeitung des Islams aus dem Hintergrund der heutigen Zeit, sowohl mit dem Wissen aus West und Ost und mit den politischen und religiösen Randbedingungen. Dieses Werk gelang ihm in seinen Vorlesungen zu ‘The Reconstruction of religious thought in Islam’.

(Vgl. Schimmel 1963:72-74)

5.2 Die Konzeption von Gott

In der ersten Phase seines Lebens vertrat Iqbal noch eine pantheistisch, mystische Auffassung. Unter dem Einfluß seiner Lehrer in Cambridge wurde diese zu einem theistischen Pluralismus.

In der Zeit, in der Iqbal seine politische Theorie entwickelte, vertrat er eine stark monotheistische islamische Gottesauffassung. Es war die Gottesdefiniton des Koran „Say: Allah is one: All things depend on Him. He begetteth not, and he is not begotten; And there is none like unto Him.“ (in Iqbal 1986:62). Gott ist also einzigartig, allmächtig, ewig und allwissend. Als Betonung der Individualität gebe ihm der Koran den Namen Allah. Diese Individualisierung bedeute nach Iqbal allerdings nicht, das Gott eine menschliche Gestalt zugeschrieben werde, sondern solle den allumfassenden Aspekt Allahs betonen.

Er glaubte an die Verwirklichung eines höheren Zwecks in der Weltgeschichte. Die Realität war für ihn eine „eternal spiritual purpositive creativity“ (Varma 1995/96:440).

In Iqbals Begriffswelt war Gott das ‘Ultimate Ego’ oder ‘Absolute Ego’, welches für ihn „creative infinite spirit and spontaneous intensive energy“ (Vahid 1995/96:441) bedeutete. Die endlichen Egos würden nicht irgendwann in dem unendlichen Ego auf gehen, sondern durch dieses eine pointiertere Definition und Richtungsweisung erfahren.

(Vgl. Vahid 1995/96:440-441)

5.3 Das menschliche Ego - Freiheit und Unsterblichkeit

Für Iqbal ist der Mensch - anders als bei den Hindus, die an Wiedergeburt glauben - ein endliches Wesen, das vor der Geburt nicht existierte und nach dem Tod nicht mehr physisch auf dieser Welt existieren wird. Das Ich ist keine Illusion. Nach Iqbal besteht die Bedeutung des Egos darin, daß das Universum aus der Stärke der einzelnen Egos entsteht. Allerdings muß dieses Ego erst entwickelt werden, da sonst der Mensch nicht mehr als ein Objekt ist. Der Anstoß für die Entwicklung des Egos muß vom Menschen selbst kommen. Qualitäten, welche die Entwicklung des Egos bilden und erhalten sind nach Iqbal Liebe, Mut, Kreativität und Gleichgültigkeit gegenüber weltlichem Besitz. Nach Iqbal gibt es drei Schritte in der Entwicklung des Egos: Der erste Schritt ist die Realisierung der kreativen Möglichkeiten, was die Individualität ausmacht. Der zweite Schritt ist das eigene Ego innerhalb des Kontext zu anderen Egos zu sehen, welches der soziale Aspekt ist. Der dritte Schritt ist die Realisierung Gottes und das eigene Ego im Licht des göttlichen Bewusstseins zu sehen und dadurch einen Teil der Kraft Gottes zu assimilieren. Durch diese Arbeit an sich kann das Ego die Möglichkeit erlangen, Freiheit zu erfahren und durch Liebe kann das Ego unsterblich werden. Das Leben der Menschen ist ein kreativer Prozeß, der zweckgerichtet ist. Für Iqbal war die Entwicklung der Egos aller Menschen sehr wichtig, da diese damit ihren Lebenszweck erfüllen. So schreibt R. A. Nicholson: „For Iqbal self-consciousness, individuality, is all in all. He never tires of preaching the gospel of self-knowledge, self-affirmation, and self-development. The pith of life is action, its end is spiritual and moral power which grow from obedience and self-control.“ (in Shaukat Ali 1978:160).

Die Inspiration Iqbals für die Konzeption der Entwicklung des Ego des Menschen kann bei Maulana Rumi gefunden werden, den Iqbal sehr verehrte. Maulana Rumi beschreibt drei Kategorien von Menschen, den Toren, den Halbweisen und den Weisen. Rumis weiser Mensch ist eine Verkörperung von Licht und einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Iqbal fügte diesen Charakteristiken noch die Eigenschaften von Kraft und Bestimmung hinzu und gestaltete so sein ‘individual Ego’.

(Vgl. Shaukat Ali 1978:158-166; Varma 1995/96:443-444)

5.4 Der ‘Superman’ oder ‘Perfect Man’

Das Konzept Iqbals vom ‘Superman’ gründet auf dem Koran, dessen Beispielfigur dafür Mohammad selbst ist.

Der ‘perfect man’ ist die höchste Entwicklungsstufe, die ein Mensch - ein ‘Individual Ego’ - auf Erden erreichen kann. Seine größten, nicht meßbaren Qualitäten sind Kraft, Vision, Aktion und Weisheit, der Weg besteht aus Selbstdisziplin. In seiner perfekten Form kann er das Schicksal aufheben und seine eigene Bestimmung schaffen. Das Ziel des ‘Perfect Man’ ist es das Universum und Gott ganz in sich aufzunehmen. Einem solchen Menschen kann die Vizeregentschaft Gottes auf Erden anvertraut werden, der diese im Sinne Gottes regieren wird. In der Konzeption Iqbals wird nicht diskutiert, wann sich dieser Mensch auf Erden entwickeln wird. Sicher für ihn ist aber, das die Menschheit das Potential hat, einen derartigen Menschen hervorzubringen.

Von verschiedenen Autoren wird vermutet, das Iqbal die Idee des ‘Superman’ von Nietzsche übernommen haben könnte. Bei geschichtlichen Nachforschungen ergab sich allerdings, das Iqbal sich zu dem Zeitpunkt der Konstruktion seines Superman noch nicht mit den Schriften Nietzsches befasst hatte, und eher von mittelalterlichen islamischen Philosophen als von Nietzsche inspiriert war, dessen ‘Superman’ zudem in wesentlichen Punkten von dem Iqbals abweicht. Wahrscheinlicher ist, das Iqbal seine Inspiration für die Gestaltung des ‘Perfect Man’ aus islamischen Kreisen bekam. Als erster Punkt muß hier Mohammad als erste Manifestation eines ‘Perfect Man’ genannt werden.

Maulana Rumi, ebenso wie Abdul Karim al-Jili hatten in ihren Philosophien ebenfalls einen ‘Perfect Man’. Für Rumi konnte Gott weder auf Erden noch im Himmel gefunden werden, sondern nur im Herzen eines ‘Perfect Man’. Für al-Jili war der ‘Perfect Man’ eine Figur, die nachdem sie drei Stadien der Entwicklung durchlaufen hatte, zwischen Himmel und Erde stand und somit zu einer Manifestation Gottes auf Erden würde: „...his eye becomes the eye of God, his word the word of God and his life the life of God...“ (Shaukat Ali 1978:66).

Im Konzept von al-Jili ist eine nahe Verwandtschaft zur Konzeption von Iqbal zu erkennen. Der Mensch muß drei Stadien der Entwicklung durchlaufen, bis er so perfekt ist, das er Gott auf Erden repräsentieren kann. Im letzten Punkt bleibt Iqbal allerdings eine Stufe unterhalb von al-Jili. Für diesen ist der ‘Perfect Man’ in einer gewissen Weise eine Manifestation von Gott, also ein nicht mehr weltliches Wesen, bei Iqbal bleibt der ‘Perfect Man’ im Gegensatz dazu ein irdischer Mensch, der durch seine Perfektion allerdings Gott repräsentieren kann.

(Vgl. Shaukat Ali 1978:48, 59-60, 65-67, 166-172; Vahid 1995/96:445)

5.5 Die Millat

Die einzelnen Individuen sind in einer Gemeinschaft, der Millat, zusammengeschlossen. Die Millat ist nach Iqbal eine weltweite Gemeinschaft von Gläubigen. Die Basis der Gemeinschaft ist der Glaube an die Einheit Allahs und das Prophetentum Mohammeds. Territorium, Rassenzughörigkeit, Kaste, Hautfarbe und Geld spielen in diesem Konzept keine Rolle. Die Ideale der Millat sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Sie fordert von jedem Mitglied Einheit im Herzen und Glaube. Vollständige Integration in die Millat ist das Ziel der Einzelnen, da diese sich nur in ihr vollständig entfalten können. Die Freiheit des Individuums wird den Entscheidungen der Millat untergeordnet.

Die Millat ist sowohl eine Verbindung von spirituellen Elementen als auch eine politische Gemeinschaft. Sie besitzt ein eigenes Ego, welches dieselben Attribute wie das ideale individuelle Ego besitzt.

[...]


1 Geburtsdatum umstritten, nach Vahid 1974:197.

2 Bei einigen der östlichen Denker war es mir leider nicht möglich die Lebensdaten anzugeben.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Allama Muhammad Iqbal und seine politische Philosophie
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Südasien Institut - Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Politische Theorie in Südasien
Note
1,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
24
Katalognummer
V542885
ISBN (eBook)
9783346171436
ISBN (Buch)
9783346171443
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Allama Muhammad Iqbal, politische Theorie, Unabhängikeit Indiens vom British Empire, Indien, Pakistan, Millat, Demokratie der Talente, Theokratischer Staat, Gründung Pakistans, Reform der Gesetze, Architekt Pakistans
Arbeit zitieren
Nicole Matthe (Autor), 1998, Allama Muhammad Iqbal und seine politische Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542885

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