Chaucers Canon's Yeoman's Tale gehört zu unrecht zu den vereinzelten Canterbury Tales, denen von der Kritik – wenn man in der Chaucer-Rezeption überhaupt davon sprechen kann – wenig Beachtung geschenkt wurde. War dies doch der Fall, so gingen die interpretatorischen Ansätze oftmals nicht sehr weit und erschöpften sich in einer, zweifellos wichtigen, historischen Einordnung. Folgerichtig wurde die Tale zumeist betrachtet als eine historische Quelle zum Themenkomplex Alchemie im Mittelalter – und als eine Abrechnung mit 'falschen', weil nur von ihrer Goldgier geleiteten Alchemisten, der man eine persönliche Racheabsicht Chaucers zugrunde legte.
Erst in den letzten Jahren erweiterte sich das Blickfeld der Rezipienten, und es kamen andere oder doch zumindest weitere Deutungsmöglichkeiten ins Spiel. Die vordergründige Handlung wurde zunehmend 'demaskiert' und gedeutet als eine versteckte, selbstreflexive Auseinandersetzung und Abrechnung Chaucers mit seinem bisherigen Leben und Tun.
In der vorliegenden Arbeit werde ich ähnlich vorgehen. Um Hintergründe und Kontext zu verdeutlichen, beschäftige ich mich zunächst mit dem historischen Rahmen, vor dessen Hintergrund die Handlung sich abspielt. Über die Auseinandersetzung mit Chaucers Quellen und eventuellen Vorbildern für seine Figuren, die Frage nach der Gattungszugehörigkeit der Tale und 'technischen', d.h. sprachlichen Details, komme ich schließlich zur Kernfrage: Wofür steht die Alchemie? Und was ist die Geschichte 'hinter der Geschichte'?
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. CHAUCERS CANON'S YEOMAN'S TALE: HISTORISCHE HINTERGRÜNDE, STRUKTUR UND 'MORAL'
2.1 HINTERGRÜNDE UND ANSCHAUUNGEN MITTELALTERLICHER ALCHEMIE AM BEISPIEL DER CANON'S YEOMAN'S TALE
2.1.1 Die Haltung der Obrigkeit
2.2 HINTERGRÜNDE UND STRUKTUR DER CANON'S YEOMAN'S TALE
2.2.1 Quellen
2.2.2 Gattung
2.2.3 Sprachliche und stilistische Besonderheiten
2.3 'THE DREAD OF SOMETHING AFTER DEATH': DIE CANON'S YEOMAN'S TALE ALS RESÜMEE EINES LITERARISCHEN LEBENS
2.3.1 Alchemie und Schriftstellerei
2.3.2 Beziehungen zwischen den literarischen Hauptfiguren und ihrem Schöpfer
2.3.3 Einsicht und späte Reue: Der Schluss der Canon's Yeoman's Tale
3. SCHLUSS
4. BIBLIOGRAPHIE
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Chaucers Canon's Yeoman's Tale nicht nur als historisches Dokument alchemistischer Praktiken, sondern primär als eine tiefgreifende, selbstreflexive Metapher für Chaucers eigenes literarisches Schaffen und seine späte Sinnsuche. Die zentrale Forschungsfrage hinterfragt, wofür die Alchemie in diesem Werk symbolisch steht und inwieweit die Erzählung als metaphorische Bilanz eines literarischen Lebens fungiert.
- Historische und strukturelle Einordnung der Canon's Yeoman's Tale im Kontext mittelalterlicher Alchemie.
- Analyse der Tale als bewusste, ironisch-distanzierte Parodie auf alchemistische Abhandlungen.
- Untersuchung der sprachlichen Besonderheiten als Ausdruck einer "künstlichen" elitären Abgehobenheit.
- Aufarbeitung der engen Korrelation zwischen den alchemistischen Betrugsmechanismen und der literarischen Produktion.
- Interpretation des Schlusses als Ausdruck von Chaucers Suche nach religiöser Rechtfertigung und "literarischer Buße".
Auszug aus dem Buch
2.1 Hintergründe und Anschauungen mittelalterlicher Alchemie am Beispiel der Canon's Yeoman's Tale
"By the late fourteenth century, alchemy had become the study of studies, as encompassing as – and often becoming – the search for the key to all mythologies. It was at once a hermeneuticist's dream and a pragmatician's nightmare, superbly ambiguous and supremely alluring" (Lambdin, S. 350). Zu Chaucers Zeiten kann also die Alchemie als die Mutter aller Wissenschaften gelten, deren Einfluss und Verlockungen gewaltig sind. Zum einen motiviert sie sich durch einen zutiefst menschlichen Wissensdurst; man will den Dingen auf den Grund gehen und ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Auf der anderen Seite aber haftet ihr ein etwas zweifelhafter Ruf an; beim bloßen Wissen um den Aufbau der Materie wollen es die wenigsten belassen. Der Stein der Weisen soll für sie auch ein Stein des Reichtums werden.
Die Ursprünge abendländischer Alchemie werden im alten Ägypten vermutet, und ihr von Beginn an schillernder Charakter mag damit zusammenhängen, dass ihr Ursprung in der Verquickung platonischer und aristotelischer Philosophie mit der herausragenden Metallarbeit der Handwerker Alexandrias vermutet wird (vgl. ebd., S. 346). Ziel der Alchemisten ist die Erzeugung edler Metalle aus unedleren durch eine Modifikation ihres Gehalts der vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer. Die 'Hierarchie' der Metalle führt von Kupfer über Eisen, Zinn und Blei bis hin zu Silber und Gold (vgl. ebd, S. 347). Eine Sonderposition nimmt dabei Quecksilber ein, das 'lebendige Silber', das durch 'mortification' zu festem Silber gemacht werden sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Forschungsrezeption und Formulierung des Ziels, die Tale als selbstreflexive Abrechnung Chaucers mit seinem Leben zu deuten.
2. CHAUCERS CANON'S YEOMAN'S TALE: HISTORISCHE HINTERGRÜNDE, STRUKTUR UND 'MORAL': Umfassende Untersuchung des historischen Kontextes, der Gattung und der literarischen Struktur.
2.1 HINTERGRÜNDE UND ANSCHAUUNGEN MITTELALTERLICHER ALCHEMIE AM BEISPIEL DER CANON'S YEOMAN'S TALE: Analyse der zeitgenössischen Wahrnehmung der Alchemie als Wissenschaft und ihre ökonomischen Motive.
2.1.1 Die Haltung der Obrigkeit: Erörterung der ambivalenten Einstellung von Kirche und Staat gegenüber alchemistischen Praktiken.
2.2 HINTERGRÜNDE UND STRUKTUR DER CANON'S YEOMAN'S TALE: Analyse der Quellen und der Einbettung der Erzählung in den Rahmen der Canterbury Tales.
2.2.1 Quellen: Identifizierung von Vorlagen und potenziellen realhistorischen Bezügen.
2.2.2 Gattung: Einordnung der Erzählung als eine ironische Parodie.
2.2.3 Sprachliche und stilistische Besonderheiten: Untersuchung des pseudo-wissenschaftlichen Jargons als Mittel zur Erzeugung ironischer Distanz.
2.3 'THE DREAD OF SOMETHING AFTER DEATH': DIE CANON'S YEOMAN'S TALE ALS RESÜMEE EINES LITERARISCHEN LEBENS: Untersuchung des Werkes als bilanzierendes Spätwerk Chaucers.
2.3.1 Alchemie und Schriftstellerei: Aufzeigen der Parallelen zwischen der Alchemie und der literarischen Buchproduktion.
2.3.2 Beziehungen zwischen den literarischen Hauptfiguren und ihrem Schöpfer: Interpretation von Canon und Yeoman als Repräsentanten des Autors.
2.3.3 Einsicht und späte Reue: Der Schluss der Canon's Yeoman's Tale: Deutung der Schlussverse als Bekenntnis zur religiösen Umkehr.
3. SCHLUSS: Zusammenfassende Bewertung der metaphorischen Selbstdarstellung Chaucers und Ausblick auf sein spättliterarisches Schaffen.
4. BIBLIOGRAPHIE: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Chaucer, Canon's Yeoman's Tale, Alchemie, Parodie, Sinnsuche, literarische Selbstreflexion, Metapher, Mittelalter, Religion, Canterbury Tales, Schriftstellerei, literarische Buße, Historik, Identität, Interpretation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Geoffrey Chaucers Canon's Yeoman's Tale vor dem Hintergrund seiner literarischen Entwicklung und interpretiert sie als ein komplexes, selbstreflexives Werk über die eigene Autorschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Geschichte der mittelalterlichen Alchemie, das Genre der Parodie, die Symbolik der "Vervielfältigung" sowie Chaucers Auseinandersetzung mit weltlicher Eitelkeit und religiöser Reue.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die alchemistischen Handlungen in der Erzählung als eine Metapher für den Prozess des Schreibens und für Chaucers Suche nach einer religiösen Sinnstiftung am Ende seines Lebens dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text durch den Vergleich mit historischen Quellen, die Untersuchung sprachlicher Stilmittel und die Gegenüberstellung mit Chaucers später Retraction erschließt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Alchemie, eine formale Analyse der Parodie-Struktur, sprachliche Detailanalysen des alchemistischen Jargons und eine psychologische Deutung der Figuren als "alter ego" des Autors.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Chaucer und Alchemie vor allem Parodie, Sinnsuche, literarische Selbstreflexion und Metaphorik.
Warum wird die Alchemie in der Arbeit als "Metapher für das Schreiben" bezeichnet?
Der Autor argumentiert, dass Chaucer Begriffe wie "to multiply" und den "Stein der Weisen" bewusst verwendet, um Parallelen zur betrügerischen Natur der literarischen Produktion und den Versuchen des Autors, Wissen zu "erzeugen", zu ziehen.
Welche Rolle spielt der "Schluss" der Erzählung für das Gesamtergebnis?
Der Schluss wird als Schlüsselmoment identifiziert, in dem der Autor die Fiktion verlässt und mittels einer religiösen, demütigen Stimme seine "literarische Buße" einleitet und die Suche nach weltlicher Erkenntnis als vergeblich erklärt.
- Quote paper
- Dietrich Arlart (Author), 2002, "We seken faste after felicitee. But we goon wrong ful often, trewely": Chaucers Canon´s "Yeoman´s Tale" als Metapher einer Sinnsuche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5446