Die Unterzeichnung des Euratom-Vertrages und des Vertrages über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), genannt „Römischen Verträge“, am 25. März 1957 in Rom gilt als die Geburtsstunde der späteren Europäischen Union. Während der Euratom-Vertrag an das der 1951 geschaffenen Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) zu Grunde liegende Konzept der „sektoralen Integration“ in einem spezifischen Wirtschaftsbereich anknüpfte, erwies sich der EWG-Vertrag mit dem Ziel der Herstellung eines gemeinsamen Marktes als der eigentlich richtungweisende Vertrag für die Fortentwicklung der europäischen Einigung. Der Dualismus zweier Integrationsvorstellungen, der sich an den „Römischen Verträgen“ ablesen lässt, prägte bereits den Entstehungsprozess des Vertragswerks. Der „Methode Monnet“, also einer Addition von Teilintegrationen in verschiedenen wirtschaftlichen Bereichen, stand die Idee einer gesamtwirtschaftlichen „horizontalen Integration“ gegenüber. Die Initiative zu dem Prozess, der in den „Römischen Verträgen“ münden sollte, war von den Benelux-Staaten und den europäischen Institutionen der EGKS ausgegangen. Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg der Integrationsvorschläge war allerdings die Haltung der beiden bedeutendsten Länder der Sechser-Gemeinschaft, Deutschland und Frankreich, die jeweils für eine der beiden konkurrierenden Integrationsvorstellungen standen. Während Deutschland das Konzept der „horizontalen Integration“ favorisierte, neigte Frankreich zur „Methode Monnet“.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Von Paris nach Rom: Der Entstehungsprozess von EWG und Euratom
1.1. Die europäische „relance“
1.2. Der Spaak-Ausschuss und die Regierungsverhandlungen
1.3. Die Römischen Verträge: Inhalt und Bedeutung
2. Das „Römische Junktim“: Strategien und Handlungsmotive von Deutschland und Frankreich
2.1. Interessenlage und Positionierung
2.1.1. Frankreich
2.1.2. Deutschland
2.2. Deutsche und französische Interessen in Verhandlungsprozess und Verhandlungsergebnis
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Entstehungsprozess der Römischen Verträge von 1957, wobei der Fokus auf den strategischen Handlungsmotiven der Regierungen von Deutschland und Frankreich liegt. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, inwiefern das Vertragswerk das Resultat eines deutsch-französischen Interessengegensatzes und den daraus resultierenden Kompromiss darstellt.
- Analyse des europäischen Integrationsprozesses nach dem Scheitern der EVG.
- Gegenüberstellung der Integrationsmodelle: "horizontale Integration" versus "sektorale Integration".
- Untersuchung der nationalen Interessenlagen von Deutschland und Frankreich.
- Bewertung des "Römischen Junktims" als notwendigen Kompromiss für das Gelingen der Verträge.
- Betrachtung der institutionellen Architektur von EWG und Euratom.
Auszug aus dem Buch
2.2. Deutsche und französische Interessen in Verhandlungsprozess und Verhandlungsergebnis
„Die prinzipiellen Widerstände in Frankreich gegen einen gesamtwirtschaftlichen freien Markt oder in Deutschland gegen eine weitere sektorale Integration und Gängelung der Wirtschaft durch europäische Institutionen waren schwer zu überwindende Hindernisse. Man kann es geradezu als Wunder bezeichnen, dass die beteiligten dennoch zu einem Vertrag gelangten, der das Tor für jenen tiefgreifenden Integrationsprozess aufstieß, dessen Ende und eigentliches Ziel […] noch nicht abzusehen ist.“
Ein Wunder, wie Georg Brunn hier sagt, war es wohl doch nicht, dass sich die Sechsergemeinschaft und insbesondere Deutschland und Frankreich auf die Römischen Verträge einigen konnte, sondern eher das Ergebnis harter Verhandlungen, auf dem beide Seiten aus politischen Gründen bereit waren, Kompromisse zu machen. Dabei kam dem Verhandlungsumfeld die Lösung der Saarfrage im Saarabkommen vom 27. Oktober 1956 entgegen, welches das deutsch-französische Verhältnis mit der dort festgelegten Eingliederung des Saarlands in das Gebiet der Bundesrepublik von einer schweren Last befreite. Doch wie vertraten nun Deutschland und Frankreich ihre Interessen im Verhandlungsprozess und wo machten sie Konzessionen?
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung skizziert die historische Bedeutung der Römischen Verträge als Geburtsstunde der Europäischen Union und stellt die Leitfrage zur deutsch-französischen Interessenkonstellation.
1. Von Paris nach Rom: Der Entstehungsprozess von EWG und Euratom: Dieses Kapitel beschreibt den Weg vom Scheitern der EVG 1954 über die Konferenz von Messina bis zur Unterzeichnung der Verträge 1957.
1.1. Die europäische „relance“: Fokus auf die Wiederbelebung des europäischen Projekts durch Jean Monnet und den Anstoß der Benelux-Staaten.
1.2. Der Spaak-Ausschuss und die Regierungsverhandlungen: Darstellung der mühsamen Verhandlungsarbeit, des Spaak-Berichts und der finalen Einigung unter Berücksichtigung weltpolitischer Krisen.
1.3. Die Römischen Verträge: Inhalt und Bedeutung: Überblick über die Ziele der EWG und Euratom sowie die neue institutionelle Architektur der Gemeinschaften.
2. Das „Römische Junktim“: Strategien und Handlungsmotive von Deutschland und Frankreich: Analyse der nationalen Motive, die zur Verknüpfung der beiden Integrationsprojekte führten.
2.1. Interessenlage und Positionierung: Detaillierte Untersuchung der divergierenden wirtschaftlichen und politischen Interessen beider Länder.
2.1.1. Frankreich: Analyse der französischen Sicherheitsbedenken (incertitudes allemandes) und des Wunsches nach protektionistischer Agrarpolitik.
2.1.2. Deutschland: Untersuchung der Westintegration als oberste Prämisse Adenauers trotz wirtschaftsliberaler Vorbehalte.
2.2. Deutsche und französische Interessen in Verhandlungsprozess und Verhandlungsergebnis: Zusammenführung der Argumente und Erläuterung des erreichten Kompromisspakets.
Zusammenfassung: Resümee über die Bedeutung des politischen Willens zur Einigung, der über nationale Interessengegensätze siegte.
Schlüsselwörter
Römische Verträge, EWG, Euratom, Europäische Integration, Deutschland, Frankreich, Spaak-Ausschuss, horizontale Integration, sektorale Integration, Messina-Konferenz, Westintegration, Zollunion, Kompromiss, Gemeinsamer Markt, Interessenkonflikt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehungsgeschichte der Römischen Verträge von 1957 und untersucht dabei insbesondere die Strategien und Handlungsmotive der Regierungen von Deutschland und Frankreich.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die unterschiedlichen Integrationsvorstellungen (horizontale vs. sektorale Integration), der diplomatische Verhandlungsprozess sowie die politischen und wirtschaftlichen Interessenlagen der beiden Hauptakteure.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, inwiefern die Verhandlungen und das Vertragswerk selbst Ausdruck deutsch-französischer Interessengegensätze waren und wie ein tragfähiger Kompromiss erzielt werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politisch-historische Analyse, die auf dem Analysekonzept des liberalen Intergouvernementalismus nach Moravcsik basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Darstellung der Entstehungsprozesse (Teil 1) und eine vertiefende Analyse der deutsch-französischen Interessenkonstellation (Teil 2).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Europäische Integration, EWG, Euratom, Römische Verträge, Westintegration und deutsch-französisches Spannungsverhältnis geprägt.
Welche Rolle spielte die Saarfrage für die Verhandlungen?
Die Lösung der Saarfrage im Oktober 1956 wirkte entlastend auf das deutsch-französische Verhältnis und ebnete den Weg für Kompromisse bei den laufenden Vertragsverhandlungen.
Warum war das „Römische Junktim“ für die Einigung entscheidend?
Da Deutschland primär einen Gemeinsamen Markt wollte, Frankreich jedoch ein starkes Interesse an der Atomgemeinschaft hatte, konnte ein Vertragsabschluss nur durch die Kopplung dieser beiden Vorhaben ("Junktim") gelingen.
Wie unterschieden sich die Positionen von Adenauer und Erhard innerhalb der deutschen Regierung?
Während Adenauer aus politischer Raison auf die europäische Integration setzte, opponierte Wirtschaftsminister Erhard aus marktliberaler Sicht und präferierte eine weltweite Freihandelszone.
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- Gregor Waschinski (Author), 2005, Strategien und Handlungsmotive der Regierungen von Deutschland und Frankreich im Entstehungsprozess der 'Römischen Verträge', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54670