Seit den 70er Jahren werden die Begriffe „Lernendes Unternehmen“, „Lernende Organisation“ und „Organisationslernen“ breit diskutiert. Die wissenschaftlichen Beiträge dazu entstammen überwiegend der Betriebswirtschaftslehre, der Industriesoziologie und der Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Insbesondere in der Managementlehre, der Organisationsentwicklung in Wirtschaft und Verwaltung erfreuen sich die Begriffe einer unübersehbaren Beliebtheit, deren heute geradezu inflationärer Gebrauch eine Suchabfrage über die Internet-Suchmaschine Google im deutschsprachigen Raum zeigt. AlsStringeingegeben liefert Google 33400 Treffer, die von Buchveröffentlichungen, Aufsätzen und Hausarbeiten über Consultingbüros bis zu Managementportalen verweisen. Die „Lernende Organisation“ als Konzept zur systemischen Rationalisierung wird meist in Bezug auf die industrielle Produktion thematisiert, wenngleich auch Ansätze zu dessen Adaption in den Dienstleistungsbereich und in staatliche Verwaltungen zu beobachten sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung und Zielsetzung
2. Die Lernende Organisation
2.1 Annäherung an einen Begriff
2.2 Tragende Elemente des Konzepts
3. Lernen, ein zentraler Begriff der L.O.
3.1 Lernen am Arbeitsplatz
3.2 Merkmale organisationalen Lernens
4. Inkonsistenzen im Konzept des „Lernenden Unternehmens“
5. Zusammenfassung und Kritik
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht kritisch das Konzept der „Lernenden Organisation“ unter Berücksichtigung pädagogischer und ökonomischer Perspektiven. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem unternehmerischen Rationalisierungsanspruch und der humanistischen Bildungsauffassung aufzuzeigen sowie auftretende Inkonsistenzen im Konzept zu analysieren.
- Entstehungsgeschichte und ideologische Wurzeln der Lernenden Organisation
- Strukturelle Elemente wie Dezentralisierung und Gruppenarbeit
- Die pädagogische Dimension des Lernens am Arbeitsplatz
- Dequalifizierungsrisiken und Auswirkungen auf die berufliche Identität
- Kritische Diskussion der Vereinbarkeit von Ökonomie und Bildung
Auszug aus dem Buch
Karrierechancen und Machtverlust
In der dualen Ausbildung der Bundesrepublik korrespondieren die verschiedenen Ausbildungsgänge trotz vielfältiger Überlappungen zu benachbarten Berufsbildern mit der Berufsstruktur in unserem Beschäftigungssystem. „Das gilt nicht allein für die vom jeweiligen Ausbildungsgang produzierten berufsfeld- oder berufsbezogenen Fähigkeitsmuster, sondern auch im Hinblick auf soziale Akzeptanzen und Erwartungen, die sich auf der Basis einer abgeschlossenen Ausbildung an berufliche Arbeit richten. Mit dem Absolvieren eines Ausbildungsganges verknüpfen sich also nicht nur inhaltliche Vorstellungen von den Arbeitsaufgaben, sondern auch bestimmte Erwartungen an Kooperations- und Herrschaftsbeziehungen, Karriereaussichten, Beschäftigungssicherheit, Einkommen, Status, Prestige u.a.“ (GEORG/SATTEL/SCHMITZ 1991, S. 117). Die Dezentralisierung von Entscheidungen und der damit einhergehende Hierarchieabbau macht traditionelle Karrierewege dann kaum noch möglich. Wenn das mittlere Management inklusive der Meisterposition stark ausgedünnt oder ganz aufgelöst wird, können Angestellte und Arbeiter nur noch höchst selten eine weiterführende berufliche Zielvorstellung entwickeln und die Forderungen hinsichtlich der Motivation und der Bereitschaft zur Übernahme einer Firmenphilosophie werden dadurch m.E. problembehaftet sein.
In der Umstrukturierungsphase ist zudem insbesondere die mittlere Ebene mit einem doppelten Problem konfrontiert:
• Als ausführende Ebene trägt sie häufig die Hauptlast der Umstrukturierung und droht sich am Ende selbst wegzurationalisieren.
• Die Rationalisierungsgewinner verlieren dann mit der Neudefinition ihrer Rolle als Coach und Betreuer erheblich an Macht und Einfluss.
So nimmt es nicht weiter Wunder, wenn diese mittlere Führungsebene häufig als Saboteure und Bremser ausgemacht werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung und Zielsetzung: Einführung in die Thematik der Lernenden Organisation und Formulierung der leitenden Forschungsfragen hinsichtlich Rationalisierungsdruck und pädagogischer Sinnhaftigkeit.
2. Die Lernende Organisation: Historische Herleitung des Begriffs und Darstellung zentraler Merkmale wie Dezentralisierung und neue Vorgesetztenrollen.
3. Lernen, ein zentraler Begriff der L.O.: Beleuchtung der verschiedenen Lernebenen (Single-loop, Double-loop, Deutero-learning) sowie der Integration von Arbeiten und Lernen.
4. Inkonsistenzen im Konzept des „Lernenden Unternehmens“: Kritische Analyse der Risiken, insbesondere in Bezug auf Machtverlust, Dequalifizierung und die Auflösung traditioneller Berufsbilder.
5. Zusammenfassung und Kritik: Abschließende Diskussion der Ergebnisse und Einordnung des Konzepts in gesellschaftliche Entwicklungen und globale wirtschaftliche Zusammenhänge.
Schlüsselwörter
Lernende Organisation, Organisationslernen, Rationalisierung, industrielle Produktion, Berufsbildung, Dezentralisierung, Gruppenarbeit, Jobrotation, Wissensmanagement, Humankapital, Dequalifizierung, Beruflichkeit, Individualisierung, Unternehmenskultur, Personalentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema der Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit den Risiken und Inkonsistenzen, die mit der Einführung des Konzepts der „Lernenden Organisation“ in Unternehmen verbunden sind.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen der Wandel der Arbeitsorganisation, der Stellenwert von lebenslangem Lernen, die Rolle des Individuums in betrieblichen Strukturen und die Auswirkungen auf die berufliche Ausbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Die Arbeit analysiert kritisch, ob das Konzept der Lernenden Organisation tatsächlich zu einer Humanisierung der Arbeit beiträgt oder lediglich eine weitere Maßnahme zur Gewinnmaximierung darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verfolgt eine qualitative, theoretische Auseinandersetzung, indem sie verschiedene Positionen aus Literatur und Wirtschaftswissenschaften zusammenträgt und einer eigenen kritischen Analyse unterzieht.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der tragenden Elemente des Konzepts, die pädagogische Einordnung des Lernbegriffs sowie eine detaillierte Erörterung von Widersprüchen, wie z.B. Machtverlust und Dequalifizierungsrisiken.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Lernende Organisation, industrielle Rationalisierung, Dezentralisierung und die Spannung zwischen pädagogischer Bildung und ökonomischer Verwertung.
Warum wird die Rolle des mittleren Managements als kritisch bewertet?
Laut Arbeit gerät das mittlere Management unter Druck, da durch Hierarchieabbau einerseits ihre traditionellen Karrierewege wegfallen und sie andererseits oft als „Bremser“ der Umstrukturierung stigmatisiert werden.
Inwiefern beeinflusst das Konzept die berufliche Identität?
Das Konzept kann zu einer Auflösung klassischer Beruflichkeit führen, was laut Autor die Identitätsentwicklung erschwert und die Mobilität der Arbeitnehmer bei einem Betriebswechsel durch mangelnde Zertifizierbarkeit der Kompetenzen einschränkt.
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- B.A. Oskar Schäfer (Author), 2005, Risiken und Inkonsistenzen des Konzeptes einer Lernende Organisation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54853