Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists "Penthesilea"


Hausarbeit, 2000
19 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung: Gestalten einer absonderlichen Liebe

2 Strukturell bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt
2.1 Verkehrte Liebe als Resultat eines verkehrten Gesetzes
2.2 Liebe als Jagd und Eroberung
2.3 Individuell-pathologische Liebe
2.4 Unverstandene und missverstandene Liebe

3 Handlungsbedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt
3.1 Negation der Liebe
3.2 Übermaß an Liebe
3.3 Liebe als Opferung
3.4 Gewalt als Sprache der Liebe

4 Dramentechnisch bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt: Liebe und Tod als „dramaturgische Joker“

5 Konklusion: Verortung im Handlungsverlauf

6 Literatur

Non multa

1 Einleitung: Gestalten einer absonderlichen Liebe

Nein, nicht nur der exzessive Gebrauch der Teichoskopie. Nicht bloß die langen Botenberichte. Auch nicht allein die für das damalige Publikum inkommensurable Modernität des Stücks. Nein, all das reicht nicht aus zur Erklärung des Faktums, dass fast 70 Jahre vergehen mussten, bis Kleists Penthesilea im Lichte einer späteren Zeit erstmals aufgeführt wurde. Es war und ist das unbehagliche Grauen in der Penthesilea, das früher wie heute selbst die eifrigsten Fürsprecher des Stücks vor ihrer eigenen Sympathie erschrecken lässt. Sie isst ihn wirklich auf, die Penthesilea den Achill. Ein ungemein schrilles, verstörendes Ende.

Verstörend vor allem deshalb, weil alles aus Liebe geschieht, dem positivsten aller Begriffe. Ins Gegenteil verkehrt: das ist Tragödie. In der Penthesilea ist die Liebe, „vom Grauen durchblutet“[1], ein einziges großes Rätsel. So widersprüchlich die Persönlichkeit Penthesileas ist, so widersprüchlich ist ihre Liebe. Es gibt kein Schema, das sie auch nur annähernd zu fassen vermag. Die allermeisten Interpreten haben das übersehen. Das ist ihr großer Fehler. Denn um das Phänomen Liebe bei Kleist zu begreifen, muss man es aus verschiedenen Perspektiven betrachten und dabei Widersprüche gelten lassen.

Betrachtend – oder: phänomenologisch verfahrend – stellt man fest, dass in der Penthesilea Liebe mit Gewalt gekoppelt auftritt und unweigerlich Tod nach sich zu ziehen scheint: Liebe erscheint nicht in Form von Liebesgewalt, sondern als Gewaltliebe. Auf phänomenaler Ebene lässt sie sich – und das versteht diese Arbeit als ihre erste Aufgabe – als Grundtypus der Liebe herausstellen.

Über das gemeinsame Auftreten von Liebe, Tod und Gewalt gibt also schon die Oberflächenstruktur des Dramas dem Interpreten bereitwillig Auskunft. Fragt man hingegen nach der Vereinbarkeit der Liebesphänomene, was nichts anderes heißt, als zu versuchen, sie unter eine Motivation zu subsumieren, so werden schnell die unkittbaren Brüche zwischen ihnen offenbar. Es sticht ein Gefälle zwischen Phänomen und Motivation ins Auge: Äußerlich ist Liebe mit Gewalt und Tod verbunden – ein singulärer Grund dafür ist aber nicht auszumachen. Es handelt sich hierbei keinesfalls um jene Art der Unplausibilität, die Resultat schlampiger Arbeit ist. Im Gegenteil: Die Widersprüchlichkeit der Liebe stellt eine Form des perpetuierten Paradoxes dar, für welches Kleist – nicht nur in der Penthesilea – eine ausgesprochene Vorliebe zeigt. Widersprüche werden nicht aufgelöst, sondern bleiben bis zum Schluss bestehen. Keine Hegelsche Dialektik, die Fortschritt aus Widersprüchen zeugt. Statt dessen: Stillstand. Aber ein Stillstand, der vor Spannung vibriert, der schier zerreißt vor innerem Drängen.

Von Goethe ist das Diktum überliefert: „Es gebe ein Unschönes in der Natur, ein Beängstigendes, mit dem sich die Dichtkunst bei noch so kunstvoller Behandlung weder befassen noch aussöhnen könne.“[2] Verstehen wir „können“ potentiell, so hat sich Goethe getäuscht: sie kann, Kleist beweist es. Verstehe wir „können“ ethisch, so hat Kleist eine Regel gebrochen, die Goethe aufgestellt hat. Aber ganz gleich, wie wir es verstehen: Ohne Erklärung der absonderlichen Liebe der Penthesilea, ohne Analyse ihrer Verknüpfung mit Gewalt und Tod, ohne dies ist ein Verständnis des Stückes nicht zu haben. Einem Chirurgen gleich, werde ich mir deshalb die Hände schmutzig machen, Unschönes ans Licht bringen, ja hier und da sogar eine Geschwulst sezieren müssen.

In dieser Arbeit vertrete ich die neue These, dass Penthesileas Liebe im Verlauf der Dramenhandlung nicht immer die selbe ist, sondern verschiedene Formen annimmt. Sogar das simultane Auftreten einzelner Formen ist in meinen Augen möglich, worin unter anderem die Tiefe dieses Meisterstücks begründet ist. Die Simultaneität, welche Anthony Stephens in der Dramaturgie des Stückes ausmacht[3], sehe ich also auch im Auftreten verschiedener Formen der Liebe. Diese Formen sollen in ihrer Motivation dargestellt werden – das Phänomen der Gewaltliebe wird auf diese Weise ausdifferenziert. Abschließend sollen sie eine Verortung im Handlungsverlauf erfahren, um Wandlungen und Übergänge deutlich werden zu lassen. Ich glaube, so die der Penthesilea eigene Konzeption der Gewaltliebe adäquat erfassen zu können.

Dazu gehört zum einen der Wille, die Widersprüchlichkeit des Kleistschen Denkens zu akzeptieren und sich vor sinnentstellendem Geradebiegen zu hüten. Zum anderen der Anspruch, der Komplexität des Gegenstands gerecht zu werden, sowie die Fähigkeit, das zu können; denn der Gegenstand ist in der Tat äußerst vielschichtig. Während Wille und Anspruch vorhanden sind, wird sich die Fähigkeit erweisen müssen.

2 Strukturell bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt

Es scheint mir sinnvoll, zwischen strukturell und durch die Handlung motivierter Nähe von Liebe, Tod und Gewalt zu unterscheiden.[4] Strukturell bedingt, hat sie ihren Ursprung in Gesellschaftssystem, Persönlichkeit und Sprache. Nicht erst die Geschehnisse des Dramas führen sie herbei – schon vor Beginn der Handlung hat eine Determination der Protagonisten durch deren Umwelt stattgefunden. Strukturell bedeutet auch: zeitunabhängig. Strukturelle bedingte Nähe kann somit zu jeder Zeit des Stücks gegenwärtig sein.

2.1 Verkehrte Liebe als Resultat eines verkehrten Gesetzes

Könnte es sein, dass ein perverses Gesetz grauenvolle Taten nach sich ziehen muss? Kleists Stück bestätigt diese Vermutung auf seine Weise.

Es gehört zu den unbestreitbaren Stärken Kleists, immense Spannung durch die äußerst verzögerte Beantwortung einer von Anfang an drängende Frage erzeugen zu können. So in der Penthesilea: Zu Beginn des Stücks weiß niemand, warum Penthesilea in die Reihen der sich bekriegenden Heere auf der einen wie auf der anderen Seite gleichermaßen einfällt; weder das Griechenheer noch der Zuschauer. Es ist dem späten 15. Auftritt überlassen, Achill und das Publikum über die besondere Bewandtnis des Amazonengesetzes aufzuklären.

Dieses Gesetz, Edikt der Staatsgründerin Tanais, kann vieles erklären. Es verbietet den Amazonen, sich einen bestimmten Mann für das Rosenfest zu erkämpfen, unterdrückt also die individuelle Zuneigung, um anonyme Liebe an ihre Stelle treten zu lassen. Das bedeutet eine vollständige Objektivierung des Subjekts im Zeichen der Staatsraison, welche Kleist nicht hat gut heißen können. Auch wenn die Kantische Erkenntnistheorie von weitaus größerer Bedeutung für den Dichter war, darf wohl auch Kants Ethik herangezogen werden, um der Verwerflichkeit dieses Gesetzes auf den Grund zu gehen. Am genauesten trifft die dritte Form des kategorischen Imperativs, die sogenannte Selbstzweckformel, den Sachverhalt: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“[5] Dieses Gebot wird durch das Amazonengesetz missachtet. Es degradiert die Amazonen zu instrumentell verwendbaren Objekten.

Dies bringt auch eine Entmenschlichung mit sich. So verblendet Achill auch ist, er hat recht, wenn er die Amazonen als durch das Gesetz „beraubt, unmenschlich, frevelhaft“[6] bezeichnet. Der Naturzustand wird durch das Gesetz gestört und entartet auf diese Weise. Sinnfälligen Ausdruck erhält der Prozess durch die mutwillige Selbstverstümmelung der Amazonen, die sich um der Kampfkraft willen die rechte Brust herausreißen. Aber natürlich erfährt auch die Liebe eine Denaturierung: Sie wird auf ihre Fortpflanzungsfunktion eingeengt und ist insofern mit dem Tod verknüpft, als sie ausschließlich den Zweck hat, die durch den Tod entstandenen Lücken in den Heeresreihen wieder zu füllen:

PENTHESILEA: So oft nach jährlichen Berechnungen,

Die Königin dem Staat ersetzen will,

Was ihr der Tod entrafft, ruft sie die blühendsten

Der Frauen [...] und fleht, [...]

Den Segen keuscher Marsbefruchtung nieder.[7]

Das Amazonengesetz ist schon deshalb problematisch, weil es in sich widersprüchlich ist: Der männliche Gott Mars thront über dem Frauenstaat, dessen Entstehung ausgerechnet einer Vergewaltigung zu verdanken ist. Zudem ist es ein Gesetz, das aus „unnatürlichem Frevel und unnatürlicher Sünde“[8] hervorgegangen ist. Dass Recht aber nicht durch Unrecht erwirkt werden kann, illustriert schon die Geschichte des Michael Kohlhaas.

Eine direkte Verknüpfung von Liebe und Gewalt ergibt sich auch aus der Tatsache, dass Liebe bei den Amazonen nur durch die Anwendung von Gewalt – das Gefangennehmen von Männern – möglich ist. Die Jagd auf den Feind erscheint somit als Buhlen.

2.2 Liebe als Jagd und Eroberung

Damit gelangen wir zu einem zweiten, vielleicht noch grundsätzlicheren Punkt. Traditionell ist in der männlichen Welt die Auffassung von Liebe als Eroberung weit verbreitet. Es gilt, eine Festung einzunehmen, und die Metaphorizität dieser Wendung sollte nicht überschätzt werden. Eroberung ist Sache der Gewalt. In der Penthesilea begegnet diese Form der Liebe im Bild der Jagd, auf der sich beide Protagonisten befinden, und zwar sowohl in der Rolle des Jägers wie in der des Gejagten. Besonders explizit artikuliert Achill die hier angesprochene Auffassung der Liebe:

ACHILL: [...] den Wagen dort

Nicht ehr zu meinen Freunden will ich lenken,

Ich schwör’s, und Pergamos nicht wieder sehn,

Als bis ich sie zu meiner Braut gemacht,

Und sie, die Stirn bekränzt mit Todeswunden,

Kann durch die Straßen häuptlings mit mir schleifen.

[...]


[1] Földényi: Heinrich von Kleist (1999), S. 244.

[2] Zit. n. Müller: „Verwirrung des Gefühls“ (1974), S. 7.

[3] Vgl. Stephens: Heinrich von Kleist. The Dramas and the Stories (1994), S. 102.

[4] Vgl. Sieck: Kleists Penthesilea (1976), S. 140. Sieck unterscheidet zwischen „amazonischer“ und „besonderer“ Liebe. Das entspricht meiner Einteilung, wobei Sieck die beiden Kategorien nicht weiter ausdifferenziert, da sie für ihn homogene Felder darstellen.

[5] Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1957), S. 52.

[6] Kleist: Sämtliche Werke und Briefe (1993), S. 390.

[7] Ebd., S. 391

[8] Fricke: Gefühl und Schicksal bei Heinrich v. Kleist (1975), S. 102.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists "Penthesilea"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar II)
Note
1,0
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V55784
ISBN (eBook)
9783638506465
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung des zentralen Koplexes Liebe/Gewalt in Kleists "Penthesilea" unter ausführlicher Verwendung von Sekundärliteratur.
Schlagworte
Liebe, Gewalt, Heinrich, Kleists, Penthesilea
Arbeit zitieren
Anonym, 2000, Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists "Penthesilea", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55784

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