In dieser Arbeit vertrete ich die neue These, dass Penthesileas Liebe im Verlauf der Dramenhandlung nicht immer die selbe ist, sondern verschiedene Formen annimmt. Sogar das simultane Auftreten einzelner Formen ist in meinen Augen möglich, worin unter anderem die Tiefe dieses Meisterstücks begründet ist. Die Simultaneität, welche Anthony Stephens in der Dramaturgie des Stückes ausmacht, sehe ich also auch im Auftreten verschiedener Formen der Liebe. Diese Formen sollen in ihrer Motivation dargestellt werden - das Phänomen der Gewaltliebe wird auf diese Weise ausdifferenziert. Abschließend sollen sie eine Verortung im Handlungsverlauferfahren, um Wandlungen und Übergänge deutlich werden zu lassen. Ich glaube, so die der Penthesilea eigene Konzeption der Gewaltliebe adäquat erfassen zu können.
Dazu gehört zum einen der Wille, die Widersprüchlichkeit des Kleistschen Denkens zu akzeptieren und sich vor sinnentstellendem Geradebiegen zu hüten. Zum anderen der Anspruch, der Komplexität des Gegenstands gerecht zu werden, sowie die Fähigkeit, das zu können; denn der Gegenstand ist in der Tat äußerst vielschichtig. Während Wille und Anspruch vorhanden sind, wird sich die Fähigkeit erweisen müssen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Gestalten einer absonderlichen Liebe
2 Strukturell bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt
2.1 Verkehrte Liebe als Resultat eines verkehrten Gesetzes
2.2 Liebe als Jagd und Eroberung
2.3 Unverstandene und missverstandene Liebe
2.4 Individuell-pathologische Liebe
3 Handlungsbedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt
3.1 Negation der Liebe
3.2 Übermaß an Liebe
3.3 Liebe als Opferung
3.4 Gewalt als Sprache der Liebe
4 Dramentechnisch bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt: Liebe und Tod als „dramaturgische Joker“
5 Konklusion: Verortung im Handlungsverlauf
6 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die komplexe und oft gewaltvolle Verschränkung von Liebe und Tod in Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“. Ziel ist es, diese Verbindung in ihrer strukturellen, handlungsbedingten und dramaturgischen Bedingtheit zu analysieren und aufzuzeigen, wie Kleist durch die Zuspitzung dieser Widersprüche eine neue Konzeption der „Gewaltliebe“ entwickelt.
- Die strukturelle Determination durch das Amazonengesetz und gesellschaftliche Normen.
- Die Deutung von Liebe als Jagd, Eroberung und Kampf der Geschlechter.
- Das Phänomen der missverstandenen Sprache und die Unmöglichkeit intersubjektiver Verständigung.
- Die psychologische und pathologische Dimension der Liebe sowie ihre Darstellung als Opfer.
- Die dramaturgische Funktion der extremen Zuspitzung von Liebe und Tod als Mittel zur Erzeugung von Tragik.
Auszug aus dem Buch
2.2 Liebe als Jagd und Eroberung
Damit gelangen wir zu einem zweiten, vielleicht noch grundsätzlicheren Punkt. Traditionell ist in der männlichen Welt die Auffassung von Liebe als Eroberung weit verbreitet. Es gilt, eine Festung einzunehmen, und die Metaphorizität dieser Wendung sollte nicht überschätzt werden. Eroberung ist Sache der Gewalt. In der Penthesilea begegnet diese Form der Liebe im Bild der Jagd, auf der sich beide Protagonisten befinden, und zwar sowohl in der Rolle des Jägers wie in der des Gejagten. Besonders explizit artikuliert Achill die hier angesprochene Auffassung der Liebe:
ACHILL: [...] den Wagen dort
Nicht ehr zu meinen Freunden will ich lenken,
Ich schwör’s, und Pergamos nicht wieder sehn,
Als bis ich sie zu meiner Braut gemacht,
Und sie, die Stirn bekränzt mit Todeswunden,
Kann durch die Straßen häuptlings mit mir schleifen.9
Es steht hier also keine Zuneigung im Mittelpunkt, sondern erstens der Wunsch, sein Gegenüber zu besitzen und zweitens der Druck, sich beweisen zu müssen – und zwar eher auf Kosten der Geliebten als zu ihrem Guten. Ja, Achill kalkuliert gar den Tod Penthesileas ein.10 Liebe erscheint so als Kampf der Geschlechter11 – ein Gedanke, den Feministinnen heute aufgreifen, indem sie konsequent die Rolle der Angegriffenen mit der des Angreifers tauschen. Insofern ist Penthesilea ein feministischer Prototyp, denn sie verhält sich genau so. Sie hegt die gleichen Gedanken und Mordgelüste wie Achill, wenn sie sagt:
Ich nur, ich weiß den Göttersohn zu fällen.
Hier dieses Eisen soll, Gefährtinnen,
Soll mit der sanftesten Umarmung ihn,
(Weil ich mit Eisen ihn umarmen muss!)
An meinen Busen schmerzlos niederziehn.12
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Gestalten einer absonderlichen Liebe: Die Einleitung führt in die Problematik des Werkes ein, die durch die untrennbare und verstörende Verbindung von Liebe, Gewalt und Tod gekennzeichnet ist.
2 Strukturell bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt: Dieses Kapitel beleuchtet, wie gesellschaftliche Gesetze und die Persönlichkeit der Protagonisten eine grundlegende Determination schaffen, die zur Gewaltliebe führt.
3 Handlungsbedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt: Hier wird analysiert, wie sich die Beziehung zwischen den Charakteren im Verlauf des Dramas durch spezifische Handlungen und extreme Emotionen verschärft.
4 Dramentechnisch bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt: Liebe und Tod als „dramaturgische Joker“: Der Autor erläutert, dass die extremen Pole Liebe und Tod als existenzielle Erfahrungen bewusst zur Steigerung der dramatischen Wirkung eingesetzt werden.
5 Konklusion: Verortung im Handlungsverlauf: Das Fazit fasst die verschiedenen Facetten der Gewaltliebe zusammen und verortet sie in der tragischen Entwicklung des Dramas.
6 Literatur: Verzeichnis der herangezogenen wissenschaftlichen Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Penthesilea, Liebe, Gewalt, Tod, Gewaltliebe, Amazonengesetz, Geschlechterkampf, Wahnsinn, Opferthematik, Sprache, Dramaturgie, Tragödie, Eroberung, Narzissmus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der ambivalenten Darstellung von Liebe im Drama „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist, wobei insbesondere die untrennbare Verknüpfung von Liebe mit Gewalt und Tod im Zentrum der Betrachtung steht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören gesellschaftliche Determinanten wie das Amazonengesetz, die psychologische Ebene von Liebe als Kampf oder Jagd sowie die dramaturgische Funktion, die diese extremen Gefühlslagen für die Tragik des Stücks erfüllen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die verschiedenen Formen der „Gewaltliebe“ zu identifizieren, in ihrer Motivation darzustellen und sie abschließend in den Handlungsverlauf des Dramas einzuordnen, um die Widersprüchlichkeit des Kleistschen Denkens zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine phänomenologische Herangehensweise und verknüpft dabei werkimmanente Analyse mit erkenntnistheoretischen sowie diskursanalytischen Ansätzen, um die widersprüchlichen Liebesphänomene zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Nähe von Liebe, Tod und Gewalt in strukturelle, handlungsbedingte und dramaturgische Kategorien unterteilt und jeweils anhand von Textstellen und Interpretationen untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gewaltliebe, Geschlechterkampf, Tragödie, Pathologie, Sprache als Kommunikationsproblem und die spezifische Dramaturgie von Kleist charakterisiert.
Warum betrachtet der Autor das Amazonengesetz als entscheidend?
Das Gesetz wird als strukturelle Ursache der Entmenschlichung und der notwendigen Gewaltanwendung in der Liebe gesehen, da es die individuelle Zuneigung zugunsten einer anonymen Staatsraison unterdrückt.
Inwiefern spielt der Selbstmord der Penthesilea eine besondere Rolle?
Der Selbstmord wird nicht nur als Ende, sondern als Akt autonomer Selbstopferung gedeutet, mit dem die Protagonistin der Unerträglichkeit einer durch den Mord an Achill sinnlos gewordenen Welt zu entfliehen versucht.
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- Anonym (Author), 2000, Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists "Penthesilea", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55784