Das vorliegende Werk geht einer zentralen Frage der Deutschdidaktik nach: Mit welchen Ansätzen lässt sich die Textkompetenz von Grundschülern – im Sinne der Fähigkeiten und Fertigkeiten, die für das Verfassen von Texten benötigt werden – fördern? Unter diesem Blickwinkel ergibt sich zugleich eine Reihe weiterer Fragestellungen. So sind zunächst Überlegungen darüber anzustellen, wie die Größe Text sich überhaupt definieren lässt und welche Kriterien eine solche sprachliche Einheit erfüllen muss. Darüber hinaus ist in Erfahrung zu bringen, wie die Textproduktion funktioniert, über welche Fähigkeiten ein Schreiber zur Konstitution von Texten verfügen sollte und inwieweit diese in der Pri-marstufe überhaupt bereits vorausgesetzt bzw. ausgebildet werden können. Bei der Beschäftigung mit der skizzierten Thematik ist die Tatsache zu nutzen, dass das „Schreiben“ von Texten als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand sich in den letzten Jahrzehnten „im Umbruch“ befindet – es sind also Erkenntnisse jüngerer textlinguistischer Ansätze und der neueren Schreibforschung, die sich seit Anfang bzw. Ende der 70er Jahre herausgebildet haben, heranzuziehen, um Aussagen über geeignete, theoretisch fundierte didaktische Ansätze zur Förderung der Textkompetenz in der Grundschule zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Textlinguistische Grundlagen
2.1 Text und Textualität
2.1.1 Textbegriffe
2.1.2 Text und Textualität aus Sicht der Prototypentheorie
2.1.3 Textverständnis nach Nussbaumer
2.1.4 Fazit
2.2 Kriterien der Textualität
2.2.1 Kohäsionsmittel
2.2.2 Kohärenz vs. Kohäsion
2.2.3 Thema
2.2.4 Funktion
2.2.5 Fazit
3 Textproduktion und Schreibentwicklung
3.1 Modelle der Textproduktion
3.1.1 Das Schreibprozessmodell nach Hayes und Flower
3.1.2 Das Schreibprozessmodell Ludwigs
3.1.3 Das aktuelle Schreibprozessmodell von Hayes
3.1.4 Fazit
3.2 Theorien zur Schreibentwicklung
3.2.1 Bereiters Modell zur Schreibentwicklung
3.2.2 Ontogenetische oder institutionsgeleitete Entwicklung?
3.2.3 Das Schreibentwicklungsmodell nach Feilke
3.2.4 Fazit
4 Zum Schreibunterricht in der Grundschule
4.1 Textkompetenz
4.2 Zur Entwicklung schulischer Textproduktion
4.3 Textlinguistisch und schreibtheoretisch fundierte Ansätze zur Förderung der Textkompetenz
4.3.1 Didaktische Sequenzierung des Schreibprozesses
4.3.2 Das Zürcher Textanalyseraster als Hilfe zum Textverfassen
4.3.3 Schreibkonferenzen
4.3.4 Schreiben am Computer
4.3.5 Fächerübergreifendes Schreibcurriculum
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht theoretisch fundierte Ansätze der Deutschdidaktik zur Förderung der Textkompetenz bei Grundschülern, indem sie Textproduktion als einen komplexen, prozessorientierten Handlungszusammenhang analysiert. Sie beleuchtet das Spannungsfeld zwischen kognitiven Schreibanforderungen und den individuell variierenden Schreibfähigkeiten von Lernenden.
- Textlinguistische Bestimmungen von Textualität und Kohärenz
- Kognitive und prozessorientierte Modelle der Textproduktion
- Schreibentwicklung im Kindesalter und ihre institutionelle Bedingtheit
- Didaktische Konzepte (z.B. Schreibkonferenzen, Textanalyseraster)
- Förderung der Schreibkompetenz durch authentische und adressatenorientierte Schreibanlässe
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Das Schreibprozessmodell Ludwigs
Auch für Ludwig, der seinen Schreibbegriff auf handschriftliche expositorische Texte eingrenzt (Ludwig 1983a, S. 37 ff.), ist der Schreibprozess vor allem durch seine Komplexität und Dynamik im Sinne der Interaktivität innerhalb der einzelnen Teilprozesse selbst wie auch bezüglich ihres Verhältnisses zueinander gekennzeichnet. Auf der Grundlage des auf die kognitiven Schreibprozesse beschränkten Modells von Hayes und Flower akzentuiert Ludwig folgende Komponenten des Textproduktionsprozesses: die motivationale Basis, konzeptionelle, innersprachliche und motorische Prozesse sowie redigierende Aktivitäten (ebd., S. 44 ff.).
Der Motivation kommt nach Ludwig eine elementare Bedeutung zu, die über „das Zustandekommen, die Intensität und die Dauer des Schreibprozesses“ (ebd., S. 49) entscheidet. Im Gegensatz zu Hayes und Flower versteht er diesen Aspekt nicht nur als eine der Textproduktion vorausgehende Komponente innerhalb des Aufgabenumfelds, sondern hauptsächlich als eine dem Schreibvorgang selbst entspringende: Da der Schreiber beim Verfassen seines Textes – im Unterschied zur Gesprächssituation – über keinen direkten Kontakt zum Rezipienten verfügt, tritt anstelle eines Kommunikationspartners das sich sukzessiv entwickelnde Schreibprodukt, das den Autor mit zunehmendem Fortschreiten einerseits dazu motiviert, seinen Text zu vollenden, ihn andererseits jedoch auch „an seine eigenen Worte bindet“ (ebd., S. 49). In diesem Sinne muss der entstehende Text vom Schreiber immer wieder auf seine Verständlichkeit hinsichtlich des potenziellen Adressaten überprüft werden (Merz-Grötsch 2000, S. 93), sodass der entfaltete Schreibprozess durch permanente Revisionsprozesse (s.u.) geprägt ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Fragestellung zur Förderung der Textkompetenz in der Grundschule ein und skizziert den Aufbau der Arbeit von den textlinguistischen Grundlagen bis zu konkreten didaktischen Ansätzen.
2 Textlinguistische Grundlagen: In diesem Kapitel werden grundlegende Definitionen von „Text“ und „Textualität“ aus verschiedenen linguistischen Perspektiven erarbeitet und die zentralen Kriterien Kohäsion, Kohärenz, Thema und Funktion erläutert.
3 Textproduktion und Schreibentwicklung: Hier werden kognitive Prozessmodelle der Textproduktion (Hayes/Flower, Ludwig) sowie Theorien zur kindlichen Schreibentwicklung (Bereiter, Feilke, Ossner) detailliert analysiert und deren Implikationen für Schreibanfänger diskutiert.
4 Zum Schreibunterricht in der Grundschule: Dieses Kapitel widmet sich der praktischen Umsetzung und Vorstellung konkreter didaktischer Methoden zur Förderung der Textkompetenz, einschließlich Schreibkonferenzen, Analyseraster und dem Einsatz digitaler Medien.
5 Schlussbetrachtung: Die abschließende Betrachtung fasst die theoretischen und didaktischen Erkenntnisse zusammen und plädiert für einen prozessorientierten, lernersensitiven Schreibunterricht, der die Schreibkompetenz als erwerbbare Fähigkeit begreift.
Schlüsselwörter
Textkompetenz, Textproduktion, Schreibentwicklung, Schreibprozess, Kohärenz, Kohäsion, Textualität, Schreibdidaktik, Grundschule, Schreibkonferenz, Metakognition, Textsorten, Schreibstrategien, prozessorientierter Unterricht, Schreibanlässe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie Textkompetenz bei Grundschülern durch theoretisch fundierte didaktische Ansätze effektiv gefördert werden kann, wobei der Schreibprozess als komplexes, zielgerichtetes Handeln im Mittelpunkt steht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die linguistische Bestimmung von Texten, psychologische Modelle der Schreibproduktion, entwicklungspsychologische Erkenntnisse zur kindlichen Schreibentwicklung sowie praktische schreibdidaktische Methoden für den Grundschulunterricht.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage lautet, mit welchen Ansätzen sich die Textkompetenz von Grundschülern – definiert als die Fähigkeit zum Verfassen von Texten – unter Berücksichtigung neuester Erkenntnisse der Schreibforschung fördern lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die durch eine fundierte Literaturanalyse sowie durch die Heranziehung kognitionswissenschaftlicher und textlinguistischer Modelle ein fundiertes Verständnis von Textproduktion und Schreibentwicklung konstruiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine textlinguistische Fundierung der Textbegriffe, die Darstellung kognitiver Schreibprozessmodelle, eine Analyse der Schreibentwicklung unter ontogenetischen Gesichtspunkten und die Vorstellung spezifischer didaktischer Verfahren wie Schreibkonferenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Textkompetenz, Textproduktion, Schreibprozess, Kohärenz, Kohäsion, Schreibdidaktik, Grundschule, Schreibkonferenz und prozessorientierter Schreibunterricht.
Warum spielt das "Zürcher Textanalyseraster" eine Rolle?
Es dient als Instrument zur objektiven und reflektierten Auseinandersetzung mit Schülertexten, um gemeinsam Kriterien für gelungene Texte zu entwickeln und das Sprechen über Schreibqualität zu fördern.
Welche Bedeutung hat der Einsatz des Computers beim Schreiben?
Der Computer wird als Werkzeug betrachtet, das durch die Trennung von Verfassen und Fixierung kognitive Entlastung bietet und durch seine mediale Attraktivität motivationale Anreize schafft.
Welche Rolle spielt die Motivation beim Schreibenlernen?
Die Motivation ist laut Ludwig und Hayes eine treibende Kraft, die maßgeblich über die Intensität und Dauer des Schreibprozesses bestimmt und durch authentische, selbstbestimmte Schreibanlässe gestärkt wird.
- Quote paper
- Sonja Schulz (Author), 2005, Wie lässt sich Textkompetenz in der Grundschule fördern? Eine Analyse von Ergebnissen aus Textlinguistik und Schreibforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56243