Die Entwicklung des Bankensystems der Russischen Föderation


Magisterarbeit, 2005
87 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

I. Die Entwicklung des Bankensystems im historischen Überblick
a. Vom Geldverleih zum Online-Banking
b. Russische Banken vor 1917
c. Banken als Staatsorgane

II. Die Strukturreformen seit Ende der 80er Jahre
a. Liberalisierung des Bankensystems
b. Die Krise von 1998 (Ursachen und Auswirkungen auf die Banken)

III. Die heutige Struktur des Bankensystems, Kritik und Vorschläge
der Weltbank
a. Gesetzeslage und Kontrollorgane
i. Die Rolle der Zentralbank
ii. Zahlungsverkehr
iii. ARCO – Agentur für Bankenrestrukturierung
b. Die Staatsbanken
i. Sberbank – der Goliath
ii. Regierungsbanken
c. Russische Privatbanken
i. Die Rolle im Wirtschaftsleben
ii. „Taschenbanken“
d. Ausländische Bankhäuser in Russland
i. Gesetzliche Beschränkungen
ii. KMB-Bank - erfolgreiches Projekt für den Mittelstand

IV. Perspektiven für die weitere Entwicklung

Literaturliste

Kurze Zusammenfassung

In meiner Arbeit werde ich zuerst die historische Entwicklung der Banken beleuchten. Dabei richte ich mein Augenmerk insbesondere auf die kurze, aber wechselvolle Geschichte der russischen Banken bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion.

Im zweiten Kapitel der Arbeit untersuche ich die ersten Schritte der Reformierung des Bankensystems unter Gorbatschow und Jelzin und die Ursachen für ihr Scheitern, das sich in der Krise von 1998 manifestierte.

Im Hauptteil der Arbeit analysiere und bewerte ich die heutige Struktur der russischen Bankenlandschaft sowie die bestehenden Rahmenbedingungen und Gesetze. Eine der wichtigsten Quellen meiner Untersuchungen bilden die Vierteljährlichen Berichte der Weltbank, deren Aufsätze und Schriften zu den Reformen der letzten Jahre. Meiner Analyse lege ich außerdem russische Bankengesetze zu Grunde. Ich untersuche Dokumente der Zentralbank und bewerte Berichte verschiedener russischer und europäischer Finanzexperten, um Objektivität zu wahren.

Im vierten Kapitel betrachte ich die Perspektiven und die Möglichkeiten der Entwicklung der Banken in Russland in den nächsten Jahren. Ich befasse mich hierfür detailliert mit der Einführung der Einlagensicherung. Diese Maßnahme ist unter Experten umstritten und stößt auf eine energische Ablehnung der Weltbank. Ich werde die Argumente der Weltbank benennen und sie den Argumenten der russischen Regierung und der Zentralbank gegenüberstellen. Außerdem gehe ich in diesem Kapitel auf die erst ansetzende Entwicklung des Hypothekenmarktes und des Marktes für Konsumentenkredite ein.

Einleitung

Das Ziel dieser Arbeit ist das Bankensystems der Russischen Föderation zu untersuchen und zu analysieren.

Der Brockhaus definiert Banken als „Unternehmen, die Bankgeschäfte betreiben, wenn der Umfang dieser Geschäfte einen in kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetrieb erfordert.“ [[1]]

Eine starke Industrienation braucht starke Banken. Die Banken sind die Adern der Geldwirtschaft, die alle ihre Glieder verbinden und mit Geldmitteln versorgen. Kapital ist - neben den Köpfen – der wichtigste Rohstoff der modernen Wirtschaft, und es sind die Banken, die diesen Rohstoff dorthin lenken, wo er benötigt wird: zu den Unternehmen. Sie stellen den Zahlungsverkehr und damit die Arbeitsteilung und den Ablauf der Wirtschaftsprozesse sicher. Ein funktionierendes Bankensystem ist unabdinglich für eine prosperierende Marktwirtschaft.

Die Entwicklung des Bankensystems in Russland verlief immer unstetig und schwierig. Zur Zarenzeit litten sie unter unausgereiften Gesetzen. In der Sowjetunion wurde ihre Rolle stark beschnitten und auf wenige administrative Funktionen begrenzt. Die Umstellung auf die Marktwirtschaft brachte die Notwendigkeit der Veränderung des Bankenwesens mit sich. Die Rolle der Banken wurde von der russischen Regierung lange Zeit unterschätzt. Allzu lange sahen viele, die wirklich Einfluss auf die russischen Banken hatten, sie nur in der Rolle als Financiers des Staates, als Instrument, um die ehemalige staatliche Großunternehmen finanziell am Leben zu erhalten, und auch als ein Mittel schnell reich zu werden. Der Missbrauch des Bankensystems und eine verfehlte Geld- und Finanzpolitik nach 1990 waren wesentliche Ursachen der Wirtschaftskrise in der Mitte der 90er und der Finanzkrise des Jahres 1998.

Eine aktive Förderung der Banken und Schaffung von gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein marktwirtschaftlich funktionierendes Bankensystem findet erst heutzutage statt.

I. Die Entwicklung des Bankensystems im historischen Überblick

Die wichtigsten Aufgaben der Banken sind unter anderem Kreditversorgung, Zahlungsverkehr und Geldanlage. [[2]]

Banken werden in den seltensten Fällen gegründet, um Aufgaben zu erfüllen, es sei denn es handelt sich um staatliche oder gemeinnützliche Geldinstitute. Meistens ist das Ziel der Gründer viel trivialer - Geld. So wird es wohl auch bleiben so lange Geld quasi ein Synonym des Wortes Macht ist. Einen interessanten Dialog über den Zweck von Banken führt die Hauptfigur eines Romans von Andreas Eschbach - John Fontanelli (F) mit seinem Mentor (M):

- F: „Wozu brauchen wir eine Bank?“
- M: „Um Geld zu kontrollieren“
- F: „Aber wie kann eine Bank das Geld anderer Leute kontrollieren? ...der Inhaber des Kontos kann es doch jederzeit abheben und damit machen, was er will?“
- M: „Das ist bei den meisten Geldanlagen keineswegs so. Abgesehen davon heben niemals alle Leute ihr Geld ab; das wäre der Ruin einer Bank. Nein, über das Geld, das die Kunden uns geben, können wir erst einmal verfügen.“… Daraufhin wirft Fontanelli ein, dass die Bank darauf Zinsen zahlen müsse. Und die Marge zwischen dem was man von den Kreditnehmern bekommt und an Kunden zahlen müsse, sei nicht so groß. Das sehe aber nur auf den ersten Blick so aus, meint der Lehrer und erklärt: …„Das Geschäft einer Bank funktioniert so: Angenommen, wir haben 100 Millionen an verfügbaren Einlagen. Davon müssen wir eine gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve, sagen wir, zehn Prozent [[3]], einbehalten, den Rest, in dem Fall also 90 Millionen Dollar, können wir als Kredit vergeben. Nun muss derjenige, der einen Kredit bei uns aufnimmt, seinerseits ein Konto haben, womöglich sogar bei uns – was umso wahrscheinlicher ist, je größer wir als Bank sind, …– also landet das Geld, das wir ihm gegeben haben wieder bei uns. [[4]] Wir verfügen idealerweise nach der Kreditvergabe über weitere 90 Millionen …, von denen wir wieder, abzüglich Mindestreserve, 81 Million als Kredit vergeben können, der wieder in unseren Kassen landet, und so weiter. Auf dieser Weise können aus 100 Millionen Einlage bis zu 900 Millionen Darlehen werden, auf die wir besagte zehn Prozent Zinsen erheben, summa summarum also ein Zinsertrag von 90 Millionen. Sieht das wie ein gutes Geschäft aus?“ [[5]]

Im Grunde erklärte der Mann das Ziel des Privatkunden- und des Kreditgeschäftes und warum die Banken so versessen darauf sind ständig zu wachsen und Kunden zu akquirieren. Selbstverständlich entstehen der Bank auch Kosten, aber sie stehen in keinem Vergleich zu den Profiten, wenn eine Bank gut geführt wird.

a. Vom Geldverleih zum Online-Banking

Bereits aus dem alten Babylon werden Zeugnisse über reges Finanzleben überliefert. Die Geldverleiher des Hauses „Igibi“ kontrollierten das Geschäftsleben der Stadt. Sie gaben Kredite, nahmen Einlagen an und vertraten ihre Kunden bei Geldgeschäften jeglicher Art. [[6]]

Im antiken Griechenland waren Priester die ersten, die Einlagen der Bevölkerung annahmen. Bedingt durch aktive Handelstätigkeiten der griechischen Police, entwickelte sich ein diversifiziertes Finanzsystem. Aus der Zeit sind auch erste Gesetze über die Finanztätigkeit bekannt, in denen die Rechte und Pflichten der Gläubiger und Kreditoren aufgeführt waren.

Das alte Rom übernahm das griechische Finanzsystem. Aber das Geschäft wurde stärker reguliert. So waren die Geschäftsleute verpflichtet, genauestens Buch über alle getätigten Geschäfte zu führen, einmal in chronologischer Reihenfolge (adversarium) und parallel dazu im Hauptbuch (Codex rationum mensae). Im Hauptbuch hatte jeder Kunde eine eigene Seite, aufgeteilt in Kredit- (acceptum ferre) und Debitteil (expensum ferre). Beide Bücher mussten im Streitfall dem Gericht vorgelegt werden. [6] Damit entstand ein Vorläufer, der im Mittelalter in Venedig eingeführten doppelten Buchführung, die dann allgemeine Verbreitung erfuhr.

Nach dem Fall des Weströmischen Reiches ging das Finanzgeschäft in West- und Mitteleuropa für mehrere Jahrhunderte stark zurück.

Eine Renaissance erlebte das Geldgeschäft im hohen Mittelalter. Angesicht des Bevölkerungswachstums und der Aktivierung des Handels, wurden die Dienste der Geldverleiher wieder gefragt. Mit der Zeit bekam die Verleihstube auch ihren heutigen Namen. Italienische Geldverleiher und Wechsler pflegten damals ihre Geschäfte auf einem langen bankartigen Tisch zu erledigen (ital. banco). Der Name bürgerte sich in ganz Europa ein und aus einem Geldverleiher wurde Bankier.

Im späten Mittelalter stiegen zwei Händlerfamilien, die gleichzeitig auch Bankiers waren, quasi zu Herrschern Europas auf. Die Fugger nördlich der Alpen und die Medici südlich davon. Sie finanzierten Kriege, entschieden über Kaiser und Päpste und häuften unermessliche Vermögen an. Dabei verwendeten Fugger ein sehr lukratives Finanzierungsmodell. Die Könige und Fürsten, die sich von ihnen Geld liehen, mussten als Sicherheit Silber oder Kupferminen verpfänden. Eine Geschäftspraxis, die bereits unter Jakob Fugger dazu führte, dass die Familie ein Monopol für Silber und Kupfer in Europa erwarb. [[7]]

Zur gleichen Zeit kam es zu einer interessanten Entwicklung in der „Bankenlandschaft“ Europas. Große Gold- und Silberschmieden entwickelten sich zu Banken. Zuerst war es ein unbeabsichtigtes Nebengeschäft. Die Kunden (meistens Kaufleute) hinterlegten beim Juwelier Geld oder Schmuck zur Verwahrung. Im Gegenzug stellte der Juwelier dem Kunden eine Urkunde über den Erhalt der Ware aus – die Geburtsstunde des Wechsels. Denn der moderne Wechsel ist nichts anderes als „eine in bestimmter Form abgefasste Urkunde, in der die unbedingte Verpflichtung verbrieft ist, an den berechtigten Inhaber eine bestimmte Geldsumme zu bezahlen“[[8]].

Mit der Zeit erkannten die Juweliere, dass Jahre vergehen können, bis das Hinterlegte zurückgefordert wird, sprich der Wechsel gezogen wird. Die Wechsel wurden zunehmend als Zahlungsmittel für größere Transaktionen verwendet. Bedenkt man, dass die Kölner Mark, die Standartwährung in Mitteleuropa Ende des 15. Anfang des 16. Jahrhunderts, ein Silberbarren mit 230 Gramm Gewicht war [7], erscheint der Wechsel schlicht praktischer. Die Tatsache, dass die ausgestellten Wechsel bis zu ihrem Verfallsdatum von einem Kaufmann auf den Nächsten überschrieben und nicht vorher gezogen wurden, ermutigte die Juweliere mehr Wechsel auszustellen, als sie Einlagen hatten. Denn solange nicht alle Remittenten vor der Tür standen, konnte der Schwindel auch nicht auffliegen. [[9]] Der Wechsel im Mittelalter war somit die Vorstufe zum Papiergeld.

Einen Meilenstein in der Geschichte des Bankensystems markierte im Jahr 1694 die Gründung der Bank of England. In der extrem angespannten Lage der öffentlichen Finanzen schlug Willliam Paterson vor, durch eine Gläubigergemeinschaft der Regierung ein Darlehen von 1,2 Millionen Pfund gegen 8 Prozent Zinsen zu gewähren. Im Gegenzug sollten die Zeichner als Direktoren und Anteilseigner zur neuen Gesellschaft Bank of England vereinigt werden und letztere das Recht erhalten, in Höhe des Darlehens Banknoten auszugeben und Bankgeschäfte zu betreiben. [[10]] Das Novum dabei war, dass die Banknoten somit nicht nur für Geldeingang, sondern auch für Geldausgang ausgestellt wurden, das heißt sie waren nicht über Rücklagen gedeckt. Die Praxis, die die Juweliere des Mittelalters zu verbergen pflegten, wurde legalisiert. Freilich ohne, dass es die breite Öffentlichkeit erfuhr. Kurz darauf bekam die Bank of England das wichtige Privileg, dass außer ihr in England keine Bankgesellschaft mit mehr als sechs Teilhabern Noten ausgeben dürfe. Nach und nach übernahm sie die Aufgaben einer Zentralbank, ohne auf die Funktionen einer Geschäftsbank zu verzichten. Bank of England wurde zugleich zum Vorbild für die Notenbanken in anderen Staaten. So begründete Napoleon 1800 die Banque de France nach dem gleichen Muster.

Die Praxis der Ausgabe von nicht gedeckten Banknoten, die im Krieg gegen Napoleon massiv ausgeweitet wurde, führte dazu, dass die Noten (namentlich in den Jahren 1804, 1809, 1811, 1814) beim Umtausch gegen Bares ein ansehnliches Disagio (bis zu 30 Prozent) verloren. [10] Somit ereignete sich zum ersten Mal eine beträchtliche Banknoten (Papiergeld) Entwertung. Um die Ausgabe nicht gedeckter Noten auf ein gewisses Maß einzuschränken, wurde 1844 durch die Peelsche Bankakte (benannt nach dem damaligen Premierminister Robert Peels) erlassen. Das Recht auf Notenausgabe für Banken mit weniger als sechs Teilnehmern wurde dadurch aufgehoben (außer für bereits bestehende). Die Bank of England durfte laut der Peelschen Bankakte nicht mehr als 14 Millionen Pfund ungedeckte Noten ausgeben. Die Höhe der gedeckten Noten wurde für sie nicht beschränkt. Dabei wird die Currency-Theorie angewendet. Dieses Denkmodell hält den Betrag, den ein Land in Banknoten zum Geldverkehr benötigt, für relativ konstant. Es wurde daher von der Bank, in Höhe des Notenumlaufs, volle Golddeckung für die Währung verlangt, abgesehen von einem kleinen Rest ungedeckten Geldes. [10]

Die Bankakte von 1844 gab der Bank von England fortan das alleinige Recht zur Ausgabe von Banknoten in England und Wales. Private Banken, die die gleichen Rechte zuvor hatten, durften sie unter der Voraussetzung behalten, dass sie in Höhe der ausgegebenen Banknoten Sicherheiten hinterlegten. Einige englische Banken setzten die Ausgabe ihrer Noten fort, bis die letzte von ihnen in den 1930er Jahren übernommen wurde. Alte schottische und nordirische Privatbanken haben diese Rechte heute noch. [10]

In Deutschland wurde im Jahr 1875 die Reichsbank als Aktiengesellschaft gegründet. Sie war mit dem alleinigen Recht Banknoten zu drucken ausgestattet. In den USA wurde eine Zentralbank The Federal Reserve im Jahr 1913 [[11]] neu gegründet, nachdem die erste amerikanische Zentralbank in den 1830er Jahren von Präsident Andrew Jackson aufgelöst wurde. Damit wurde die Emission von Dollarnoten gebündelt.

Insgesamt erlebten Europa und Nordamerika im 19. und 20. Jahrhundert mehrere Bankenkrisen, wobei sich herausstellte, dass die Größe der Banken eine wichtige Rolle für die Stabilität des Systems spielte. Kanada litt beispielsweise nicht weniger als die USA unter der „Grossen Depression“. Die kanadischen Banken zeigten sich aber deutlich widerstandsfähiger gegenüber der Krise. Zwischen 1923 und 1985 wurde keine einzige Bankinsolvenz in Kanada registriert. Demgegenüber gehen in den USA in Jahren 1932-33 Reihenweise Banken Bankrott, so dass Präsident Franklin D. Roosevelt im Winter 1932/33 die Banken zeitweilig schließen lässt, um den Kollaps des Bankensystems zu vermeiden. [[12]] Dabei lagen zwischen Kanada und den USA keine System- sondern lediglich Strukturunterschiede vor. In Kanada dominierten große Banken mit landesweiten Filialenetzen. In den USA war es den Banken bis 1982 dagegen untersagt, in anderen Bundesstaaten, als dem Ursprünglichen, Filialen zu eröffnen und Banken zu übernehmen. [12] So blieben amerikanische Banken vergleichsweise klein und anfällig für „Dominoeffekte“ in Krisenzeiten. Das heißt, wenn eine Bank in einem Bundesstaat Pleite ging, riss sie oft auch benachbarte Geldhäuser mit sich, weil die Menschen in Panik die Konten bei ihnen leer räumten. Dabei konnten diese Banken durchaus gesund sein. Da sie aber über keine Bankenfilialen in anderen, „ruhigen“ Bundesstaaten verfügten, die ihnen mit Liquidität aushelfen konnten, fielen sie wie Dominosteine – eine nach der anderen. Die Aufhebung der territorialen Beschränkungen hatte einen massiven Konsolidierungsprozess unter amerikanischen Banken in Gang gesetzt und machte das Bankensystem insgesamt stabiler.

Angesichts der Tatsache, dass die Weltwirtschaftskrise fast alle Staaten der Welt in Mitleidenschaft zog, wurde die Notwendigkeit der Schaffung internationaler Organisationen für Krisenbewältigung erkannt. Im Jahr 1930 wurde in Basel die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) als „Bank der Zentralbanken“ gegründet. Zur ihren Hauptaufgaben gehören die Förderung der Zusammenarbeit der Zentralbanken, die Gewährung von Finanzhilfen an die Zentralbanken vor allem bei Stützungsaktionen für unter Spekulationsdruck geratene Währungen und Unterstützung bei der Bewältigung der Schuldenkrisen [[13]]. Am 27.12.1945 wurden als Sonderorganisationen der UNO zwei wichtige internationale Organisationen gegründet – der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Die Aufgabe des IWF besteht vor allem in der Vergabe von Krediten an Mitgliedsländer während der Finanzkrisen. Außerdem gehören die Förderung der Stabilität der Währungen und die Beseitigung von Beschränkungen im Devisenverkehr zum Arbeitsbereich des IWF. Die Weltbank soll mit gezielter Kreditvergabe die Armut in Entwicklungs- und Transformationsländern bekämpfen und den Regierungen in Finanz- und Wirtschaftsfragen beratend zur Seite stehen. [[14]]

Die vergangenen zwanzig Jahre werden durch Digitalisierung des Banken- und Geldgeschäftes gekennzeichnet. Das Geld wird in Form von Bytes und Bits transferiert. Auch für Privatpersonen wurde der Umgang mit Kredit-, Geldkarten und Online-Banking alltäglich. Das Papiergeld immer stärker aus dem Leben verdrängt und durch digitales Geld ersetzt wird.

b. Russische Banken vor 1917

Die Entwicklung eines Bankensystems begann in Russland viel später als in den europäischen Ländern. Man kann sie von der Gründung der ersten russischen Bank bis heute in fünf Phasen unterteilen:

Die erste beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts und geht bis 1860. Das ist die Periode der Entstehung und Existenz staatlicher Banken.

Die zweite - von 1860 bis 1917 – ist die Phase der Entstehung der Privatbanken und Modernisierung und Entwicklung der Staatlichen Banken.

Die dritte – zwischen 1917 und 1930 – ist die Entstehung eines neuen Bankensystems nach der Oktoberrevolution.

Die vierte – von 1932 bis 1987 – ist die Zeit des sowjetischen Bankensystems.

Und die fünfte – von 1988 bis heute – ist die Entwicklung eines modernen Bankensystems, das den Anforderungen der Marktwirtschaft entspricht. Wobei sie auch in die Zeit vor und nach 1999 unterschieden werden sollte.

Erste Phase

Den Beginn der ersten Phase der Entwicklung läutet die Gründung der Staatlichen Kreditbank im Jahr 1733 ein. Sie erfüllte aber höchstens die Funktion eines staatlichen Lombards. 1754 erfolgte die Gründung von zwei weiteren Staatlichen Kreditanstalten – eine für den Adel und die andere für Kaufleute, die ihnen kurzfristig Kredite gegen Hinterlegung von Land, Ware oder Edelmetallen einräumten. Die beiden Banken wurden aber schnell geschlossen, da zu viele Kreditnehmer die Kredite nicht zurückzahlten. Das gleiche Schicksal ereilte zwei 1764 zur Förderung des Handels gegründete Banken.

1772 wurden erste Banken eröffnet, die Sichteinlagen annahmen, ab 1775 auch andere Einlagen. Sie vergaben kurzfristige Kredite, bei durch Immobilien garantierten Sicherheiten.

1797 wurde eine Unterstützungsbank für den Adel ins Leben gerufen, die den adligen Kunden langfristige Darlehen einräumte. Die Besonderheit dabei war, dass sie nicht mit Geld sondern mit Banknoten ausbezahlt wurden, die aber von allen staatlichen Stellen und auch von Privatpersonen als Zahlungsmittel akzeptiert werden mussten. Somit entstand in Russland zum ersten Mal eine Art Papiergeld, mit dem Unterschied, dass die Banknoten zu einem gewissen Prozentsatz verzinst wurden.

1817 entstand die Staatliche Kommerzbank, die außer Annahme von Einlagen und der Kreditvergabe zum ersten Mal in Russland auch Giroverkehr für ihre Kunden erledigte. Zudem genoss die Bank zwei wichtige Privilegien: die Einnahmen der Bank wurden nicht besteuert und sie wurden nicht zur Finanzierung der Staatsausgaben verwendet. Die Bank eröffnete bis 1860 zwölf Niederlassungen.

1824 öffnete in Riga die erste Sparkasse ihre Türen. Am 10 Juni 1839 trat die Verordnung über die Schaffung von Bauernkassen in Kraft, die der Landbevölkerung (freien Bauern) das Sparen ermöglichen sollte. Zwei Jahre später, am 30 Oktober 1841 erließ die Regierung eine Verordnung über die Gründung von Sparkassen in St. Petersburg und Moskau. Als interessantes Detail ist zu vermerken, dass die Sberbank sich heute auf dieses Jahr bezieht und in ihrem Logo „gegründet 1841“ trägt.

Zweite Phase

Mitte der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts offenbarte sich eine drastische Unterentwicklung des Landes gegenüber den westeuropäischen Staaten. Der Krimkrieg zeigte dies in aller Deutlichkeit. Um die Defizite zu beseitigen, wurden durchgreifende Reformen beschlossen. Neben der Abschaffung der Leibeigenschaft, erfuhr auch das Bankensystem grundlegende Veränderungen. Im Grunde waren die Banken bis dahin lediglich staatliche Behörden mit den Befugnissen Zinsen auf Einlagen zu zahlen und Kredite zu vergeben. Eine wachstumsorientierte Wirtschaft braucht aber Banken, die effizient wirtschaften und aktiv und langfristig investieren. Die Regierung entschied, dass diese Ziele mit staatlich geführten Banken nicht zu erreichen waren und einige von ihnen aus diesem Grund aufzulösen seien. Ab 1860 wurden bis dato existierende staatlich geführte Banken nach und nach geschlossen oder an andere Besitzer veräußert. Auf der Grundlage der Staatlichen Kommerzbank entstand am 31. Mai 1860 die Staatsbank Russlands. Damit begann die zweite Phase der Entwicklung des russischen Bankensystems. Die Bank wurde dem Finanzminister unterstellt und bekam die Aufgaben die Währungsstabilität zu wahren, „den Handel zu beleben, sowie das Geld- und Kreditsystem zu festigen“[[15]]. Die Staatsbank blieb aber weiterhin auch eine Geschäftsbank. Sie nahm Einlagen auch von Privatpersonen an, vergab Kredite, bediente Wechsel.

Zugleich entstanden private Geschäftsbanken, Genossenschaftsbanken und Stadtsparkassen in allen Teilen des Landes. Knapp 20 Jahre später gab es 33 privaten Kommerzbanken, über 800 Genossenschaftsbanken und 232 städtische Volksbanken. Die geringe Anzahl der Privatbanken sollte nicht über ihre wirtschaftliche Bedeutung für das Land hinwegtäuschen. So verfügte die größte dieser Banken die Asovsko-Donskoj Bank im Jahr 1914 über 92,1 Mio. Rubel Eigenkapital. Sie kontrollierte das Glas- und Zementindustrie des Landes, besaß Stahl-, Zucker-, sowie Textil-Fabriken und herrschte über Schifffahrt- und Eisenbahngesellschaften. Aktien von neun russischen Privatbanken wurden bis 1913 an der Berliner Börse gehandelt, danach an den Börsen in Paris und London [[16]].

Um die Einlegerbasis zu verbreitern, den Arbeitern und den Bauern den Zugang zu den Kreditinstitutionen zu erleichtern, wurden ab 1889 Werkkassen und ab 1891 Post- und Telegraphenkassen eröffnet. Gemäß der Verordnung aus dem Jahr 1895 wurden alle Sparkassen verstaatlicht und der Staat übernahm die Garantie für die getätigten Einlagen. Damit kam zum ersten Mal das Instrument der Einlagensicherung im russischen Bankensystem zum Einsatz. [[17]]

Trotz der Bemühungen der Regierung das Kreditwesen zu modernisieren, blieb die Bankendichte in Russland gegenüber den westeuropäischen Staaten sehr gering So existierten in Russland im Jahr 1903 etwa 2139 Kreditanstalten für die Vergabe von Kleinkrediten. Das bedeutete 51400 Bewohner auf eine Kreditanstalt. Zur gleichen Zeit kamen in Deutschland 4800 Bewohner auf eine Kreditanstalt und in Österreich-Ungarn 8800. [[18]] Damit konnte in Russland ein viel kleinerer Anteil der Bevölkerung und Unternehmer Banken nutzen.

Insgesamt zeigt sich das russische Bankensystem am Vorabend des Ersten Weltkrieges als nicht ausgereift und unzureichend. Die Ursache dafür ist im Fehlen eines allgemeinen Bankengesetzes zu suchen. Die Regierung erließ zwischen 1860 und 1914 dutzende Verordnungen und Gesetze für verschiedenste Bankenarten, führte Reformen durch, um sie dann wieder zurückzunehmen oder zu novellieren. Das führte dazu, dass viele Gesetze und Normen sich widersprachen und mehr Chaos als Ordnung stifteten. Bezeichnend ist zum Beispiel, dass der Begriff „Bank“ in keinem dieser Gesetze eindeutig definiert wurde.

c. Banken als Staatsorgane

Die dritte Phase in der Geschichte des russischen Bankensystems brach im Zuge der Oktoberrevolution an. Gemäß den Vorgaben von Wladimir Lenin wurde am 8. Dezember 1917 das Dekret über die Auflösung aller staatlichen Banken außer der Staatsbank erlassen. Kurze Zeit später am 27. Dezember wurden per Gesetz alle privaten Geldhäuser verstaatlicht und dessen Aktiva und Passiva der Staatsbank einverleibt. [[19]] Sie selbst wurde in Volksbank Russlands umbenannt und dem Volkskomitee für Finanzen unterstellt. 1918 wurde die Geschäftstätigkeit von ausländischen Banken in Russland verboten und deren Besitz beschlagnahmt. 1920 löste die Revolutionsregierung die Volksbank Russlands auf. Deren Aufgaben übertrug sie an das Volkskomitee für Finanzen.

In Bezug auf Banken schrieb der Revolutionsführer: „Die Bankenpolitik sollte nicht bei der Verstaatlichung der Banken stehen bleiben. Sie soll langsam, aber unumkehrbar darauf zuführen, aus Banken ein Apparat der Regulierung und Finanzierung des gesamten sozialistisch organisierten Wirtschaftsleben des Landes zu schaffen.“[[20]] Es ist bezeichnend, dass diese Vision Lenins nicht von ihm selbst, sondern erst unter seinem Nachfolger Josef Stalin verwirklicht wurde. Denn bereits ein Jahr nach der Auflösung der Volksbank zwang die katastrophale Wirtschaftslage die Regierung, den Wirtschaftskurs zu ändern und die „Neue Ökonomische Politik“ (NÖP) zu starten.

Die Durchführung der NÖP verlangte nach einer Wiederherstellung des Bankensystems. 1921 wurde die Staatsbank revitalisiert. 1922 entstanden Konsumbanken und die Industriebanken. Zwischen 1922 und 1924 wurde wieder eine ganze Reihe von verschiedenen Kreditinstituten gegründet, so dass die Bankenlandschaft wieder vielschichtig wurde. 1924 wurde die Vneshtorgbank (zu Deutsch „Außenhandelsbank“) als Aktiengesellschaft gegründet [[21]], zu deren Gesellschaftern neben dem Staat auch Handelskooperative gehörten, also nicht staatliche Organisationen.

Die rasche Vermehrung von Kleinunternehmen im Handwerk, im Verkauf und in der Landwirtschaft begünstigt die Entwicklung von Genossenschaftsbanken. Die meisten Banken dieser Art gewährten Unternehmen aus allen Branchen Kredite, um Risiken zu streuen. Die im Grunde marktwirtschaftlich und nicht „sozialistisch“ agierenden Genossenschaftsbanken schlossen sich schnell zu Syndikaten zusammen. Sie kontrollierten bereits 1926/27 fast den gesamten Kreditmarkt, so dass sie die staatlichen Banken praktisch marginalisierten. Außer der wirtschaftlichen Bedeutung hatte diese Entwicklung auch eine enorme politische Brisanz. Es entstand eine erfolgreiche Mittelschicht. Sie hatte ihren Erfolg aber nicht dem sozialistischen Wirtschaftsstill, sondern einer marktwirtschaftlich orientierten Politik der NÖP zu verdanken. Diese Tatsache stellte den Führungsanspruch der KPdSU in Frage, den sie nicht nur in der Politik, sondern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens beanspruchte.

Vierte Phase

Um ihre Kontrolle über die Wirtschaft wieder herzustellen, wurden zuerst die Banken entmachtet. 1927 erließ das Zentralkomitee der KPdSU das Gesetz „Über die Prinzipien des Aufbaus des Kreditsystems“. Gemäß diesem Gesetz wurden alle bislang selbständig agierenden Banken der Staatsbank unterstellt. Das Recht auf eigenständige Zinspolitik wurde ihnen entzogen. In den nächsten zwei Jahren wurden die Banken jeglicher Selbständigkeit beraubt und zum Finanzierungsinstrument der staatlichen Planwirtschaft degradiert. Damit ging Lenins Traum von einem „Apparat der Regulierung und Finanzierung“ fünf Jahre nach seinem Tod in Erfüllung.

Den Kleinunternehmen, die sich über Genossenschaftsbanken finanzierten, wurde die finanzielle Grundlage entzogen, weil sie von staatlicher Seite keine Kredite bekamen.

Das „Bankensystem“ war seit den 30er Jahren ausschließlich für die Finanzierung der Fünf-Jahrespläne der Regierung ausgelegt. Gemäß der Verordnung des Zentralkomitees der KPdSU bedürften die „Finanzierungskredite“ an staatliche Unternehmen keine Rückzahlung. Das heißt die Banken stellten faktisch keine Kredite aus, sondern leiteten Subventionen an staatliche Unternehmen. Es begann die vierte Phase in der Geschichte des russischen Bankensystems.

Ab 1932 sah die Bankenlandschaft hierarchisch und gradlinig aus. Der Staatsbank der UdSSR unterstanden fünf auf Finanzierung von Industrie, Handel und Landwirtschaft spezialisierte Banken: die Selchosbank (Landwirtschaftsbank), die Zekombank (Bank für Baufinanzierung), die Prombank (Industriebank), die Torgbank (Handelsbank) und die Vneshtorgbank. Dazu kamen Sparkassen, die für Privatpersonen zugänglich waren, und die die Aufgabe hatten, die Einlagen der Bevölkerung anzunehmen, staatliche Obligationen abzusetzen (zu Stalins Zeiten auch zwangsweise) und Lose der staatlichen Lotterie zu verkaufen.

Ende der 50er Jahre erfuhren die spezialisierten Banken einige Veränderungen. 1957 wurde die Torgbank geschlossen, da die Fischfangkooperativen, die bis dahin zu den größten Kunden der Bank gehörten, aufgelöst wurden. Die restlichen Kunden der Bank verteilten sich auf die Selchosbank und die Zekombank. Die wiederum wurden am 07.04.1959 auf Beschluss des Präsidiums des Obersten Rates der UdSSR aufgelöst und ihre Aufgaben auf die Staatsbank und die Prombank übertragen. Die letztere wurde in Strojbank (Bank für den Aufbau) umbenannt.

Die Staatsbank und die Strojbank agierten im Inneren des Landes, wobei die erste eher für kurzfristige und die Letztere für langfristige Kredite zuständig waren. Die Vneshtorgbank war ausschließlich zur Finanzierung des Außenhandels berechtigt.

1962 wurde der Staatsbank die Zuständigkeit für die Sparkassen übertragen, die vorher dem Finanzministerium unterstellt waren [[22]]. Dadurch bekam sie den Zugriff auf die Depositen der Bevölkerung, die sie im Folgenden für die Finanzierung der Volkwirtschaft einsetzte.

Die Vneshtorgbank hatte Mitte der 80er 17 Niederlassungen in der Sowjetunion und eine in der Schweiz. Außerdem wurde in einer Reihe europäischer Länder Banken mit sowjetischer Beteiligung gegründet, um die Abwicklung des Außenhandels für Unternehmen zu erleichtern. Die wichtigsten davon sind die Eurobank (Paris), Moscow Narodny Bank (London mit Niederlassungen in Beirut und Singapur), Ost-West Handelsbank (Frankfurt am Main), East-West United Bank (Luxemburg) und Donaubank (Wien).

Obwohl Ende der 60er Jahre die direkte Finanzierung von Betrieben, sprich die reine Subventionierung beendet wurde, blieb das Grundprinzip erhalten. Die Banken in der UdSSR hatten die Aufgabe die Kontrolle und die Stimulierung der gesamten finanzwirtschaftlichen Tätigkeiten von Unternehmen durchzuführen und deren Planerfüllung zu überwachen. [[23]] Was geschah aber, wenn der Plan erfüllt oder sogar übererfüllt wurde, die hergestellte Ware aber keiner haben wollte, so dass der Kredit nicht zurückgezahlt werden konnte? Die nahe liegende und richtige Antwort, dass der Plan fehlerhaft oder wirtschaftlich sinnlos war, durfte nicht gegeben werden. Denn per Definition bezeichnet Planwirtschaft (besser: Zentralverwaltungswirtschaft) eine Wirtschaftsordnung, in der die ökonomischen Prozesse einer Volkswirtschaft, insbesondere die Produktion und die Verteilung von Gütern und Dienstleistungen planmäßig und zentral gesteuert werden. Eine Planwirtschaft ist hierarchisch aufgebaut, das heißt die Einzelpläne der Wirtschaftssubjekte (Haushalte, Betriebe) müssen sich dem (politisch beschlossenen und in der Regel als Gesetz verkündeten) Gesamtplan unterordnen. Dieser wiederum übernimmt sowohl die Zuteilung der Waren an die Wirtschaftsteilnehmer, als auch die vielfältigen Abstimmungen zwischen ihnen. [[24]] Das heißt, ein Bankangestellter, der eine Änderung des Betriebsplanes verlangte, forderte gleichzeitig:

a) eine Korrektur im Gesamtplan. Denn ein Betrieb ist immer nur ein Glied in der Wirtschaftskette. Dies wäre eine Mammutaufgabe mit ungewissen Aussichten auf Erfolg, angesichts der starren Kommandostrukturen.
b) eine Änderung des vom ZK der KPdSU verabschiedenden Gesetzes (Plan = Gesetz). Das heißt eine Anzweifelung der Richtigkeit der vom ZK getroffenen Entscheidung.

Kaum ein Bankangestellte wollte seine Karriere und unter Umständen sogar seine Freiheit im Kampf gegen die Windmühlen eines politisch und ökonomisch irrsinnigen Systems riskieren. Die Bankangestellten konzentrierten sich zusehends nur auf die Erfüllung strenger administrativer Normen für die Unternehmensfinanzierung, ohne dass Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit im Ansatz Beachtung fanden. Jegliche Initiativen der Unternehmen wurden von der Regulierungswut im Keim erstickt.

So begann Mitte der 70er eine Ära der Ignoranz, Heuchelei und Vetternwirtschaft, die in der Geschichtsschreibung den Namen „die Periode des Stillstandes“ bekam und den Niedergang der Sowjetunion einläutete. Das System, dem seit Ende der 70er Jahre, mit Ausnahme von Andropov, senile Greise vorstanden, zerstörte sich selbst.

II. Die Strukturreformen seit Ende der 80er Jahre

Laut den Umfragen zur Bewertung der Tätigkeit des letzten sowjetischen Präsidenten, die im März dieses Jahres angesichts des 20. Jahrestages der Perestroika gemacht wurden, sehen die Meisten der Befragten den größten Verdienst Gorbatschows in der Demontage der „sowjetischen Idiotie“ an. [[25]]

Obwohl die Ergebnisse der von ihm angestoßenen Reformen ambivalent gesehen werden, ist jedoch ihre enorme Tragweite für das politische und ökonomische System des Landes, ja sogar der ganzen Welt, unbestritten.

Im Zuge der wirtschaftlichen Neuausrichtung der UdSSR erfuhr auch das Bankensystem grundlegende Veränderungen. Es begann die fünfte Phase in der Entwicklung des russischen Bankensystems.

a. Liberalisierung des Bankensystems

1987 beschloss das Zentralkomitee der KPdSU, das Bankensystem zu modernisieren. Dafür sollten auf der Grundlage der Staatsbank, die weiterhin die Bank der Banken blieb, drei neue Branchenbanken entstehen. Von den drei, besteht heute nur noch Vneshekonombank, als Verwalterin der Auslandsschulden des Staates. Die beiden anderen Banken, die der Landwirtschaft und Baubranche helfen sollten, wurden kurze Zeit nach der Gründung wieder in die Staatsbank integriert, da ihre Tätigkeiten und die der Staatsbank sich zumeist überschnitten und chaotische Verhältnisse in dem Kreditinstitut stifteten, das fast zwanzig Jahre lang keine Veränderungen gekannt hatte. Außerdem wurden die Sparkassen aus der Staatsbank ausgegliedert und in Sberbank unbenannt.

1988 erließ das Zentralkomitee das Gesetz „über Kooperative“ (Bildung von Wirtschaftsgenossenschaften). Dieses Gesetz läutete den Übergang der UdSSR zur Marktwirtschaft ein, da es zum ersten Mal seit 60 Jahren Privatpersonen die Gründung von Unternehmen erlaubte. Das Gesetz sah keine Branchenbeschränkung für die zu gründenden Unternehmen vor. So entstand im August 1998 die erste private Geschäftsbank der UdSSR. Begünstigt durch die Einfachheit der Gründung – eine Bankgenossenschaft wurde wie jede andere Wirtschaftkooperative behandelt – kam es zu einem regelrechten Gründungsboom. Am ersten Januar 1989 existierten bereits 43 private Geschäftsbanken, ein Jahr später 224 und Ende 1991 – 1357 Banken.

Jedoch waren die meisten gegründeten Banken „Eintagsfliegen“. Sie wurden nur für kurze Zeit eröffnet, sammelten das Geld, der in geldwirtschaftlicher Sicht äußerst naiven sowjetischen Bevölkerung ein, und verschwanden, ohne ihre Versprechen gegenüber den Kunden zu erfüllen. Oder sie wurden eröffnet, um nur eine oder wenige Transaktionen oder Geschäfte für ihre Besitzer abzuwickeln.

Die Bevölkerung fiel entweder einer offensichtlichen Gaunerei oder der zum Himmel schreienden Inkompetenz von selbst ernannten Bankiers zum Opfer. Diese Tatsache untergrub jegliches Vertrauen der Menschen in die Privatbanken.

Das Zulassen der Bankentätigkeit, ohne gesetzliche Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, sprich ein Bankengesetz zu erlassen und eine Behörde für die Bankenaufsicht zu installieren, ist ein kapitaler Fehler der sowjetischen Regierung. Denn die „laisser faire“ – Strategie zog unsaubere und inkompetente Geschäftsleute wie ein Magnet an.

Erst 1991 kehrte eine gewisse Ordnung in das Bankensystem ein, da die Regierenden, nach mehr als zweijährigem Gesetzesvakuum, endlich erkannten, dass ein effizientes Bankensystem einen Rahmen verbindlicher Rechtsvorschriften braucht [[26]]. In Russland wurden am 2. Dezember Gesetze „Über Banken und Bankenaktivitäten in der RSFSR (Russische Sozialistische Föderalistische Sowjetrepublik)“ und „Über die Zentralbank der RSFSR “[[27]] erlassen. Damit wurde die Grundlage für eine Bankentätigkeit im Land geschaffen.

Die Gesetze vermochten das Vertrauen der Bevölkerung in das Bankensystem nicht wieder herzustellen. Außerdem hatte die Bevölkerung, dank der Freigabe der meisten Preise 1992 und der dadurch ausgelösten Hyperinflation, praktisch keine Ersparnisse mehr. Also bemühten sich die wenigsten privaten Geschäftsbanken um Privatkunden, sondern erschlossen sich andere Geldquellen.

Da die Preise für Bodenschätze 1992 zu den wenigen gehörten, die nicht freigegeben wurden, „kam dies einer offenen Einladung gleich: Wer etwa Erdöl kaufen und in den Westen weiterverkaufen konnte, würde Millionen oder gar Milliarden von Dollar verdienen“[[28]]. Die Banken, die sich an den Transaktionen beteiligten und/oder diese Geschäfte finanzierten, verdienten kräftig mit.

[...]


[1] Der Brockhaus - Wirtschaft, 2004, Stichwort: Banken, S. 67

[2] Der Brockhaus - Wirtschaft, 2004, Stichwort: Bankenrecht, S. 70

[3] Der aktuelle Reservesatz in Eurozone beträgt nur 2%.

[4] Hier unterläuft dem Autor ein kleiner Fehler – der jenige, an den der Kredit fließt, müsste ein Konto bei der selben Bank haben, damit das Geld die Bank nicht verlässt - nicht der Kreditnehmer selbst.

[5] Andreas Eschbach, 2003, S. 413 f.

[6] vgl. A. Karpinetz, „Geschichte der Entstehung des Bankgeschäfts“, 2001

[7] Martin Schlu, Fugger - Die Weltmacht, http://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/renaissance/frueh/fugger/fugger03.htm

[8] Der Brockhaus - Wirtschaft, 2004, Stichwort: Wechsel, S. 655

[9] D. Karasaev, „Russkij Journal“, 2000

[10] Wikipedia - freie Enzyklopädie

[11] www.federalreserve.gov

[12] Enzyklopädie «Кругосвет»®

[13] vgl. Der Brockhaus - Wirtschaft, 2004, Stichwort: BIZ, S. 69

[14] Der Brockhaus - Wirtschaft, 2004, Stichwort: IWF, S. 298 ff. und Stichwort: Weltbank, S. 658

[15] Aus der Satzung der russischen Staatsbank, S. 646, St. Petersburg, 1862.

[16] vgl. V. Polankov, 1995, S.166 f.

[17] vgl. D. Pashenzev, 28.08.2001, www.prvogizn.hl.ru

[18] vgl. D. Pashenzev, 28.08.2001, www.prvogizn.hl.ru

[19] vgl. Große Sowjetische Enzyklopädie, 1970, Stichwort: Banken, S. 610

[20] W. Lenin “Gesamtwerke” , 5e Ausgabe, Buch 36, S. 220

[21] vgl. Große Sowjetische Enzyklopädie, 1970, Stichwort: Vneshtorgbank, S. 602

[22] vgl. V. Dadalko, 1999, S. 157 f.

[23] vgl. Große Sowjetische Enzyklopädie, 1970, Stichwort: Vneshtorgbank, S. 607

[24] Quelle: Informationen zur Politischen Bildung 2003/IV

[25] A. Vinogradov, 11.03.2005, www.rbc.ru

[26] vgl. Joseph Stiglitz, 2002, S. 166

[27] im weiteren Verlauf meiner Arbeit benutze ich für die Bezeichnung der Zentralbank der RSFSR entweder den offiziellen englischsprachigen Namen Bank of Russia oder einfach Zentralbank.

[28] Joseph Stiglitz, 2002, S. 169

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des Bankensystems der Russischen Föderation
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
87
Katalognummer
V56410
ISBN (eBook)
9783638510868
Dateigröße
919 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Bankensystems, Russischen, Föderation
Arbeit zitieren
Magister Artium Stanislaw Sajdok (Autor), 2005, Die Entwicklung des Bankensystems der Russischen Föderation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56410

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