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"Er schreibt über mich, also bin ich..." Das Selbstverständnis der deutschen Literaturkritik

Am Beispiel von Marcel Reich-Ranicki und Martin Walsers "Tod eines Kritikers"

Title: "Er schreibt über mich, also bin ich..." Das Selbstverständnis der deutschen Literaturkritik

Thesis (M.A.) , 2005 , 116 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Magistra Artium Binia Ehrenhart (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Der Papst ist als Botschafter Gottes auf Erden, um die Menschen das heilige Testament zu lehren. Er ist in seinen Entscheidungen und Taten unfehlbar. Er wurde ernannt, um den Menschen die Kirche Christi und deren Gebote näher zu bringen und sie so auf dem tugendhaften Weg Gottes zu geleiten. Durch den Glauben an den Papst und seine Lehren können die Menschen ein besseres Leben führen.
Der Literaturpapst, den es wie den der Kirche nur einmal geben kann, arbeitet im Dienste der Literatur. In ihrem Namen prangert er literarische Missstände und vor allem deren Verursacher an, um den Menschen die bestmögliche Literatur aufzeigen zu können. Außerdem handelt auch er in dem Glauben, die Menschen durch seine Gebote vor Schlimmem, in diesem Fall schlechter Literatur, zu bewahren und ihnen Besseres anzubieten. Sein Ziel ist es, durch die getroffene Auswahl erzieherisch auf die Leser einzuwirken. Marcel Reich-Ranicki ist in einer Reihe mit Christian Adolf Klotz, Paul Lindau und Alfred Kerr seit vielen Jahren der Erste, der wieder als Literaturpapst bezeichnet wird. Auch wenn dieser Titel weder bei den dreien vor Reich-Ranicki noch bei ihm selbst oft wohlwollend oder anerkennend benutzt wurde, so drückt er dennoch eines aus: Der Papst ist der Oberste seiner Zunft, seine Meinung ist, auch wenn sie oft angegriffen wird, niemals belanglos oder gar ignorierbar. Sogar die Gegner von Marcel Reich-Ranicki müssen zugeben, dass jede seiner Kritiken zumindest wahrgenommen wird. Freiwillig oder nicht, alle im Literaturbetrieb müssen sich mit ihm auseinandersetzen. Da sich Reich-Ranicki allerdings lieber als Anwalt der Literatur sieht, der sie gegen Behandlungen und Misshandlungen aller Art verteidigt, überlässt er es seines Erachtens den Rezipienten, ein endgültiges Urteil über ein Werk zu fällen. Er erhebt auch keinen Anspruch auf Wahrheit bei seinen Kritiken, allerdings versteht er es durch Polemisierung, Vereinfachung und Zuspitzung seine Leser oder sein Publikum zu beeinflussen. Schon seit Beginn seiner Karriere scheiden sich die Meinungen über die Art und Weise, wie Reich-Ranicki mit Autoren und deren Werken umgeht und auch wie mit ihm umgegangen wird. Ein Ereignis übertrifft 2002 aber alles in der literarischen Welt bisher da Gewesene. Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ führt bereits vor dessen Erscheinen zu einem Skandal.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. Deutsche Päpste

II. Traditionsbezüge in der deutschen Literaturkritik

1. Historischer Rückblick anhand ausgewählter Beispiele

1.1. Lessing: Negation als pädagogische Funktion

1.2. Goethe: Verächter der Kritik

1.3. Drittes Reich: Propaganda statt Kritik

1.4. DDR: Schreiben mit gelähmter Hand

1.5. Heute: Multimediale Inszenierung

2. Der Platz der Literaturkritik im medialen Zeitalter eine systemtheoretische Betrachtung

3. Der deutsch-deutsche Literaturstreit und die Frage nach der Autorität des Autors

3.1. Der „Fall“ Christa Wolf oder: Die Verantwortung eines Schriftstellers

3.2. Autorenkonzepte

III. Der Aufstieg des Marcel Reich-Ranicki

1. Prägungen und Grunderfahrungen

2. Sein Einstieg in die Literaturkritik der BRD

3. Die „Macht“ eines Kritikers

3.1. Grass: Kalkulierender Artist mit monumentalen Missgeschicken

3.2. Böll: Die Galionsfigur

3.3. Bachmann: Opfer feministischer Vorurteile

4. Das Showtalent Reich-Ranicki

IV. „Tod eines Kritikers“ und der deutsche Literaturskandal

1. Das Streitobjekt

2. Verlauf der Kontroverse

3. Der Roman als Angriff auf die Person Reich-Ranicki

3.1. Vorgeschichte Walser- Reich-Ranicki

3.2. „Ein großes Stück Postmoderne“

4. Der Roman unter dem Antisemitismus-Verdikt

4.1. Vorgeschichte eines Antisemitismusverdachts

4.2. „Tod eines Kritikers“ als Spielmodell der Komödie

5. Resümee

V. Das Ende der Papstära?

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das Selbstverständnis der deutschen Literaturkritik der letzten zwei Jahrzehnte. Im Zentrum steht dabei die Frage, warum Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ einen derart heftigen Literaturskandal auslöste und inwiefern Marcel Reich-Ranicki, als prägende Medienfigur, eine zentrale Rolle in der Funktionsweise und dem Selbstverständnis der deutschen Literaturkritik einnimmt.

  • Historische Traditionslinien der Literaturkritik von Lessing bis zur DDR.
  • Die systemtheoretische Einordnung der Literaturkritik im modernen Mediensystem.
  • Der Einfluss von Marcel Reich-Ranicki auf den Literaturbetrieb und seine Methoden.
  • Die Analyse des „Literaturstreits“ um Christa Wolf und den Literaturskandal um Martin Walser.
  • Die Bedeutung von Autorenkonzepten für die literarische Interpretation.

Auszug aus dem Buch

II. Traditionsbezüge in der deutschen Literaturkritik

Kritik an Literatur gab es bereits in der Antike. Dazu kann zum Beispiel die „skeptische Hinterfragung der großen Erzählungen des Mythos durch eine programmatisch vom Logos geleitete, ostentativ rationalistische und wissenschaftliche Philosophie“ der Kritik an Texten im Allgemeinen zugeordnet werden. Weiterhin gab es Textstellen in klassischen griechischen und römischen Dichtungen, die „urteilend auf kanonisierte Werke und Autoren“ Bezug genommen haben oder es wurde in Metatexten der Vorteil des einen gegenüber dem anderen Werk besprochen. In der Spätantike und dem Mittelalter „avancierte [die Literaturkritik] zu einem Instrumentarium der philologischen Sicherung, der sprachlichen und sachlichen Kommentierung und Auslegung des überlieferten Kanons und des Wissens über dessen Autoren.“

Erst im 17. Jahrhundert kann von dem Kritikertum wie es heute verstanden wird gesprochen werden, als mehr und mehr Dichter sich in die Literatur einbrachten und es galt, ihre Texte für die Leserschaft, zum Beispiel im Hinblick auf ihren Stil, ihre Ästhetik oder ihre Moral, von einander unterscheidbar zu machen. Der Dichter war immer der ältere Bruder des Kritikers, von dem sich dieser emanzipieren musste, zu dem, was heute unter einem Kritiker verstanden wird: „[J]ene Instanz, die zwischen Autor und Publikum vermittelt und die erst aufkommen konnte, seit es eine literarische Öffentlichkeit gibt, die an die Entstehung des Buchmarkts gebunden ist.“

Zusammenfassung der Kapitel

I. Deutsche Päpste: Einführung in das Selbstverständnis des Literaturkritikers als moralische Instanz am Beispiel von Marcel Reich-Ranicki und dem aufkommenden Walser-Skandal.

II. Traditionsbezüge in der deutschen Literaturkritik: Historische Entwicklung der Kritik sowie eine systemtheoretische Einordnung ihrer Funktionen und des Literaturstreits nach der deutschen Wiedervereinigung.

III. Der Aufstieg des Marcel Reich-Ranicki: Detaillierte Analyse des Werdegangs, der methodischen Ansätze und der mediale Macht des einflussreichsten Kritikers der BRD.

IV. „Tod eines Kritikers“ und der deutsche Literaturskandal: Untersuchung des Walser-Skandals unter Berücksichtigung von Vorwürfen des Antisemitismus und der medialen Dynamiken.

V. Das Ende der Papstära?: Reflexion über den Wandel des Kritikerberufs im Zeitalter neuer Medien und das Schwinden des klassischen Literaturpapsttums.

Schlüsselwörter

Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Martin Walser, Tod eines Kritikers, Literaturskandal, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Antisemitismus, Literaturstreit, Mediengesellschaft, Autorenkonzepte, Rezension, Feuilleton, Literaturwissenschaft, Machtausübung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Magisterarbeit?

Die Arbeit analysiert das Selbstverständnis der deutschen Literaturkritik anhand ihrer historischen Entwicklung und ihrer Rolle im modernen Mediensystem, fokussiert auf die kontroverse Figur Marcel Reich-Ranicki und den Literaturskandal um Martin Walsers „Tod eines Kritikers“.

Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?

Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der historischen Genese der Literaturkritik (von Lessing bis zur DDR), der Anwendung der Systemtheorie nach Niklas Luhmann sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der medialen Macht und den Bewertungsmethoden von Literaturkritikern.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Mechanismen zu schaffen, warum und wie Literaturkritik gesellschaftliche Skandale produziert und inwiefern der Kritiker dabei sowohl Anwalt der Literatur als auch eine machtvolle Instanz ist.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Die Arbeit kombiniert historische Recherche mit systemtheoretischen Ansätzen von Niklas Luhmann, um das Kommunikationssystem der Literaturkritik und die Rolle des Kritikers als Beobachter zu analysieren.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Traditionslinien, die Untersuchung von Marcel Reich-Ranickis Kritikpraxis (anhand von Beispielen wie Grass, Böll und Bachmann) sowie eine detaillierte Aufarbeitung des Walser-Skandals.

Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit zusammenfassen?

Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Martin Walser, Literaturskandal, Systemtheorie, Mediengesellschaft, Antisemitismus, Literaturstreit, Autorenkonzepte.

Wie bewertet die Autorin die Rolle der Literaturkritik bei Antisemitismusvorwürfen?

Sie weist darauf hin, dass im „Fall Walser“ eine mediale Eigendynamik entstand, bei der der Text weniger als literarisches Werk, sondern primär als moralischer „Test“ betrachtet wurde, was den literarischen Diskurs zugunsten politischer Vorverurteilung verengte.

Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der „Papstära“?

Sie postuliert, dass die Zeit des klassischen, allein dominierenden „Literaturpapstes“ durch die Pluralisierung der Medien und eine veränderte Rezeption vorbei ist, auch wenn einzelne Persönlichkeiten wie Reich-Ranicki in den Medien weiterhin präsent blieben.

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Details

Title
"Er schreibt über mich, also bin ich..." Das Selbstverständnis der deutschen Literaturkritik
Subtitle
Am Beispiel von Marcel Reich-Ranicki und Martin Walsers "Tod eines Kritikers"
College
University of Potsdam  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Grade
1,3
Author
Magistra Artium Binia Ehrenhart (Author)
Publication Year
2005
Pages
116
Catalog Number
V56443
ISBN (eBook)
9783638511117
ISBN (Book)
9783656757528
Language
German
Tags
Untersuchungen Selbstverständnis Literaturkritik Jahrzehnte Beispiel Marcel Reich-Ranicki Martin Walsers Kritikers
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Magistra Artium Binia Ehrenhart (Author), 2005, "Er schreibt über mich, also bin ich..." Das Selbstverständnis der deutschen Literaturkritik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56443
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