Seit Anfang der 80er Jahre wird auf internationaler Ebene das Thema der Modernisierung der öffentlichen Verwaltung unter dem Paradigma des New Public Management (NPM), beziehungsweise des Neuen Steuerungsmodells (NSM) wissenschaftliche diskutiert. Jedoch bei der praktischen Umsetzung wurde häufig festgestellt, dass diese Neuorientierung nicht reibungslos verläuft. In einigen Ländern, wie beispielsweise in Deutschland, wird die Verwaltung sogar als besonders veränderungsresistent empfunden. Als eine mögliche Grundlage wurde daher das Konzept der Organisations- und Verwaltungskultur herangezogen, um sowohl die Widerstände gegen die Modernisierung zu erklären als auch um neue Möglichkeiten für einen Wandel in der Verwaltung zu gestalten. Ziel dieser Arbeit ist es daher das Konzept der Organisation- und Verwaltungskultur zu erläutern und ihre Bedeutung für die Veränderungsfähigkeit der Verwaltung in Deutschland aufzuzeigen. Dazu wird zunächst der Begriff Organisationskultur definiert und verdeutlicht um ihn anschließend auf die öffentliche Verwaltung anwenden zu können. Anschließend soll durch einen Vergleich zwischen der Verwaltungskultur nach dem alten Steuerungsmodell und den geforderten Prinzipien des neuen Modells verdeutlicht werden, inwiefern die Verwaltungskultur einen Modernisierungsprozess beeinflussen kann. Mit einer empirischen Einzelfallstudie soll abschließend gezeigt werden, wie eine mögliche kulturfreundliche Umsetzung des Neuen Steuerungsmodells aussehen kann.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II.1 Organisationskultur – Definitionen und Konzepte
II.1 Definition
II.2 Das Organisationskulturkonzept in der Organisationstheorie
II.3 Das 3-Ebenen Modell nach Schein
III. Organisationskultur vs. Verwaltungskultur
IV. Verwaltungskultur in Deutschland
IV.1 Artefakte der deutschen Verwaltung – Strukturen und Prozesse
IV.2 Werte und Normen der deutschen Verwaltungskultur
V. Das Neue Steuerungsmodell (NSM) und Verwaltungskultur
VI. Das Neue Steuerungsmodell und Verwaltungskultur in der Empirie
VI.1 Die experimentelle Projektorganisation der Reformverwaltung und ihr Einfluss auf die Verwaltungskultur
VI.2 Reorganisation des Projekts und Ergebnisse
VII. Schlussbetrachtung: Organisationskultur ein alternativer Steuerungsansatz?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Organisations- und Verwaltungskultur für die Modernisierung öffentlicher Verwaltungen in Deutschland. Ziel ist es, die Veränderungsresistenz der Verwaltung gegenüber dem Neuen Steuerungsmodell (NSM) durch eine kulturanalythische Perspektive zu erklären und aufzuzeigen, wie Reformprozesse unter Einbeziehung kultureller Faktoren erfolgreicher gestaltet werden können.
- Grundlagen der Organisationskultur und das 3-Ebenen-Modell nach Schein
- Abgrenzung von Organisationskultur und Verwaltungskultur
- Analyse der deutschen Verwaltungskultur als Bewahrungskultur
- Gegenüberstellung von klassischem Bürokratiemodell und Neuem Steuerungsmodell
- Empirische Fallstudie zur Implementierung von Reforminstrumenten
Auszug aus dem Buch
II.3) Das 3-Ebenen Modell nach Schein
Das 3-Ebenen Modell nach Schein ermöglicht eine Differenzierung der Organisationskultur nach ihrem Grad der Sichtbarkeit, Bewusstheit und Zugänglichkeit. Auf diese Weise lässt sich nach Schein die Kultur jeder Organisation auf der Basis der drei Ebenen – die Ebene ihrer Artefakte, ihrer Werte und ihrer Grundprämissen – studieren (siehe Abb.1). Gleichzeitig scheint dieses Konzept die beiden sehr unterschiedlichen Grundpositionen über das Phänomen Organisationskultur, wie oben dargestellt, vertikal zu vereinen.
Die erste Ebene bilden in diesem Modell die Artefakte. Sie befinden sich an der Oberfläche jeder Organisation und sind mit menschlichen Sinnen zwar leicht zu erfassen, jedoch nicht leicht zu entschlüsseln. Dazu gehören Symbolsysteme wie die Sprache oder sichtbare Strukturen und Prozesse in einer Organisation. Als Beispiel führt Schein die Pyramiden an. Diese wurden sowohl von den Mayas als auch von den Ägyptern gebaut, haben jedoch in beiden Kulturen unterschiedliche Bedeutungen. Die Kunstwerke lassen sich zwar beschreiben, jedoch der noch nicht ihr tieferer Sinn.
Die Zweite Ebene besteht aus den bekundeten Werten. Sie sind dem einzelnen Mitglied mehr oder weniger bewusst. Sie sind eine Ansammlung von Lösungsannahmen zu einem Problem, die sich in der Organisation bewährt haben und von den Mitgliedern im Kollektiv akzeptiert werden. Diese kommen entweder explizit in Organisationsleitsätzen oder implizit im Verhalten Einzelner oder Gruppenverhalten zum Ausdruck.
Bei Grundprämissen hingegen handelt es sich um vorausgesetzte und nicht direkt zugängliche Vorannahmen über die Wirklichkeit. Zu diesem sogenannten Kulturkern zählen Prämissen über das Weltbild, den Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen. Sie gelten dabei als grundlegend für das Begreifen und Verstehen der oberen beiden Ebenen, da der Kulturkern Wertvorstellungen und Artefakte begründet und damit das Gesamtverhalten der Organisationsmitglieder.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Verwaltungsmodernisierung ein und formuliert das Ziel, die Rolle der Verwaltungskultur bei der Implementierung des Neuen Steuerungsmodells zu untersuchen.
II.1 Organisationskultur – Definitionen und Konzepte: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Organisationskultur und stellt zwei unterschiedliche theoretische Strömungen sowie das 3-Ebenen-Modell nach Schein vor.
III. Organisationskultur vs. Verwaltungskultur: Das Kapitel differenziert zwischen allgemeiner Organisationskultur und spezifischer Verwaltungskultur, wobei letztere stärker durch politische Rahmenbedingungen geprägt ist.
IV. Verwaltungskultur in Deutschland: Hier wird die deutsche Verwaltungskultur als eine durch Stabilität, Regelbindung und das Beamtentum geprägte Bewahrungskultur charakterisiert.
V. Das Neue Steuerungsmodell (NSM) und Verwaltungskultur: Das Kapitel stellt die Prinzipien des NSM den etablierten Merkmalen des alten Bürokratiemodells gegenüber.
VI. Das Neue Steuerungsmodell und Verwaltungskultur in der Empirie: Anhand einer Fallstudie wird aufgezeigt, wie Reformbemühungen scheitern oder modifiziert werden müssen, wenn sie kulturelle Gegebenheiten ignorieren.
VII. Schlussbetrachtung: Organisationskultur ein alternativer Steuerungsansatz?: Abschließend wird die These bekräftigt, dass Reformen nur unter Berücksichtigung des bestehenden Kulturkerns erfolgreich sein können.
Schlüsselwörter
Verwaltungskultur, Organisationskultur, Neues Steuerungsmodell, NSM, Modernisierung, Bürokratie, Bewahrungskultur, 3-Ebenen-Modell, Schein, Reformverwaltung, Verwaltungsmanagement, Veränderungsresistenz, Projektorganisation, Kulturkern, Implementierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Modernisierung der öffentlichen Verwaltung, insbesondere mit der Frage, warum Reformansätze wie das Neue Steuerungsmodell oft auf Widerstände stoßen und wie dabei die Rolle der bestehenden Verwaltungskultur interpretiert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Organisationskultur, das Modell von Edgar Schein, die Besonderheiten der deutschen Verwaltungskultur und die Gegenüberstellung von traditionellem Bürokratiemodell und modernen Steuerungsprinzipien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das Konzept der Organisations- und Verwaltungskultur zu erläutern und aufzuzeigen, dass eine erfolgreiche Verwaltungsmodernisierung nicht nur instrumentelle Änderungen erfordert, sondern zwingend die zugrunde liegenden Werte und Denkmuster mit einbeziehen muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine konzeptionelle Analyse auf Basis organisationstheoretischer Literatur sowie die Auswertung einer empirischen Einzelfallstudie zur Rekonstruktion eines Reformprozesses.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Definitionen, kontrastiert das alte Bürokratiemodell mit den Anforderungen des NSM und untersucht anhand einer Fallstudie aus der Schweiz, wie sich Projektstrukturen auf die Verwaltungskultur auswirken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Verwaltungskultur, Organisationskultur, das Neue Steuerungsmodell (NSM), Veränderungsresistenz sowie den Kulturkern nach Schein.
Welche Bedeutung hat das 3-Ebenen-Modell nach Schein für die Arbeit?
Es dient als theoretisches Instrument, um Verwaltungskultur in beobachtbare Artefakte, bekundete Werte und einen tiefsitzenden Kulturkern zu gliedern, was das Verständnis für die Veränderungsresistenz in der Praxis erleichtert.
Warum stieß das Reformprojekt in der Fallstudie auf Probleme?
Die Projektleitung ignorierte zunächst den kulturellen Kontext und versuchte, neue Managementinstrumente rein funktional einzuführen, was bei den Mitarbeitern zu Orientierungslosigkeit und einem Gefühl der Struktur- und Führungslosigkeit führte.
Welche Rolle spielt die Reorganisation in der Fallstudie?
Die Reorganisation war ein notwendiger Schritt, um durch eine Rückkehr zu hierarchischen Strukturen und klareren Vorgaben die Sicherheitsbedürfnisse der Mitarbeiter zu befriedigen, womit die Reform stückweise und kulturell verträglicher implementiert werden konnte.
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- Carolin Kinder (Author), 2005, Verwaltungs- und Organisationskultur - ein alternativer Steuerungsansatz?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56678