Die Entwicklung der Rechtschreibkompetenz in der Grundschule


Bachelorarbeit, 2020

47 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Rechtschreibung?
2.1. Prinzipien der deutschen Rechtschreibung

3. Rechtschreiberwerb
3.1. Das Zwei-Wege-Modell des Rechtschreibens
3.2. Der Rechtschreiberwerb nach Scheerer-Neumann und Thomé

4. Rechtschreibdidaktik im Deutschunterricht der Grundschule
4.1. Zum Begriff der „Rechtschreibkompetenz“
4.2. Der Rechtschreibrahmen: Zielsetzungen und Orientierungen
4.3. Didaktische Konzeptionen
4.3.1. Grundwortschatzkonzepte
4.3.2. Regelkonzepte
4.3.3. Silbenkonzepte
4.3.4. Spracherfahrungsansatz
4.3.5. Analytisch-synthetische Verfahren
4.3.6. Phonographisch orientierter Rechtschreibunterricht

5. Aktueller Diskurs: Die Bonner Studie

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zwei-Wege-Modell des Rechtschreibens (Augst & Dehn, 2015, S. 17)

Abbildung 2: Modellierung nach Thomé (Risel, 2011, S. 63)

Abbildung 3: Häusermodell nach Bredel 2010b: 15 (Hochstadt, Krafft & Olsen, 2015, S. 83)

Abbildung 4: Original-Buchstabentabelle aus dem Leselehrgang Lara und ihre Freunde von Reichen, 2013 by Heinvetter Verlag, Hamburg (Hochstadt, Krafft & Olsen, 2015, S. 54)

1. Einleitung

Die Beherrschung der deutschen Rechtschreibung ist in unserer heutigen Gesellschaft nicht wegzudenken. Egal ob es sich um den Bereich Schule, Beruf oder Alltag handelt: Schrift dient als Kommunikationsmittel und sollte dabei auch noch möglichst fehlerfrei ausgeführt werden, um eine reibungslose Verständigung und Infomationsvermittlung zu ermöglichen. Dass erste Begegnungen mit Rechtschreibung bereits vor Schuleintritt gemacht werden, überrascht daher nicht. Doch besonders in der Grundschule wird, neben der Ausbildung einer persönlichen Handschrift, auf die Entwicklung und Ausbildung einer soliden Rechtschreibkompetenz von Schülerinnen und Schülern gezielt, was ein wichtiges und anzustrebendes Ziel deutscher Lehrkräfte darstellt.

In dieser Arbeit soll zunächst geklärt werden, was unter Rechtschreibung überhaupt zu verstehen ist, wer sich mit ihr beschäftigt und wie es dazu kommt, dass bestimmte, ausgewählte Schreibungen unter den Terminus Rechtschreibung fallen. Diese Schreibungen, die normiert und daher verbindlich sind, werden als orthographische Prinzipien genauer betrachtet und erläutert, um nachvollziehen zu können, mit welchem konkreten Gegenstand sich der deutsche Rechtschreibunterricht befasst. Bevor fokussiert wird, wie Rechtschreibkompetenz im Unterricht ausgebildet und gefördert werden kann, wird der Orthographieerwerb innerhalb der Grundschule thematisiert. Hierfür wird zunächst das Zwei-Wege-Modell des Rechtschreibens erläutert, welches den Rechtschreibprozess und dessen kognitiven Abläufe erklärt. Desweiteren werden zwei Modellierungen dargestellt, die den Versuch einer Phasenunterteilung des Rechtschreiberwerbs vornehmen. Dies nützt vor allem der Einschätzung von Kindern und gibt Aufschluss über den Entwicklungsstand der Rechtschreibkompetenz.

Da deren Entwicklung und Förderung eine wichtige Aufgabe für Lehrkräfte darstellt, soll auch der Rechtschreibunterricht des Deutschen fokussiert werden. An dieser Stelle wird erklärt, was überhaupt unter Rechtschreibkompetenz zu verstehen ist, welche konkreten Fähigkeiten sie umfasst und welche konkreten Vorgaben der Bildungsplan in sich zu dieser Thematik verankert. Daneben wird der Rechtschreibrahmen der Kultusministerkonferenz (im Folgenden abgekürzt als KMK) knapp erläutert, um die verbindlichen Vorgaben, die für den Unterricht vorgesehen sind, herauszustellen. Daneben gibt der Rechtschreibrahmen hilfreiche didaktische sowie methodische Hinweise, die Parallelitäten zu den, im Anschluss thematisierten, Didaktischen Konzeptionen aufweisen. Nicht alle existierenden Konzeptionen können dabei vorgestellt werden, es wurden daher sechs, für die Grundschule relevante, Konzeptionen ausgewählt, thematisiert sowie kritisch betrachtet. Daran zeigt sich, welche Konzeptionen inwiefern im Unterricht eingesetzt werden können, welche Kombinationen möglich sind und wann sie weniger geeignet sind. Dies wird mit Forschungsergebnissen einer aktuellen Studie in Verbindung gesetzt, die sich mit dem Erwerb der Rechtschreibkompetenz auseinandersetze und dabei eine Methoden-Diskussion auslöste. Einzelne Standpunkte werden an dieser Stelle ausgeführt, um einen Überblick über die Debatte zu geben.

Im Großen und Ganzen wird mit dieser Arbeit versucht einen groben Überblick über die äußerst umfassende Thematik zu geben, sowohl hinsichtlich wissenschaftlicher Tatsachen als auch der didaktischen Ebene.

2. Was ist Rechtschreibung?

Der Terminus Rechtschreibung deutet auf rechte Schreiben hin sowie auf die Wissenschaft, die sich damit befasst. In unserem alltäglichen Verständnis ist von Rechtschreibung die Rede, wenn es um die korrekte Schreibweise von Wörtern, sowie um korrekte Zeichensetzung geht. Häufig wird der Begriff Orthographie als Synonym verwendet. Rechtschreibung umfasst die Schreibweisen, die durch eine Norm, bzw. durch staatliche Verordnungen, festgelegt wurden und in einem Regelwerk gesammelt werden. Bereits in der Schule lernen Kinder, sich an verbindliche Normen zu halten, indem sie eine gewisse Normbewusstheit entwickeln. Auch außerhalb des Unterrichts genießt Rechtschreibung einen hohen Stellenwert, sei es beim Verfassen eines Briefes, einer E-Mail oder einer Rede. Die Verwendung korrekter Schreibungen hängt allerdings von verschiedenen Faktoren ab, wie der Textsorte, der Nähe zum Empfänger beim Verfassen eines adressatenbezogenen Textes und dem institutionellen Rahmen. Besonders in neuen Medien wird Rechtschreibung nicht allzu sehr beachtet oder gar absichtlich verfälscht, da sich Chats sehr nah an konzeptioneller Mündlichkeit bewegen, d.h. es wird so geschrieben, wie gesprochen wird. Einen höheren Stellenwert genießt Rechtschreibung beim Verfassen öffentlicher Texte oder Texte, die nicht an Freunde oder Bekannte adressiert sind, sondern an Fremde wie bspw. Vorgesetzte. Grund hierfür kann sein, dass Rechtschreibung in der Gesellschaft als Repräsentant für den Intelligenzgrad gesehen wird.1

Dr. Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg, fügt innerhalb des veröffentlichten Rechtschreibrahmens, auf den an anderer Stelle genauer eingegangen wird, hinzu, dass das korrekte Schreiben, welches mit flüssigem Lesen in abhängiger Verbindung steht, innerhalb unserer modernisierten, digitalen Welt dennoch nicht an Wichtigkeit verliert. Um flüssig und schnell lesen zu können, gilt eine einheitliche Rechtschreibung als unerlässliche Basis, doch auch hinsichtlich einer erfolgreichen schriftsprachlichen Verständigung, nicht nur in der Schule, sondern auch im Alltag, ist die Fähigkeit korrekten Schreibens nützlich und notwendig. Lehrkräfte werden daher aufgefordert, diese Fähigkeiten und Kompetenzen zu fordern und zu fördern, wobei sie sich an einer einheitlichen Rechtschreibung orientieren.2

Die Forderung, dass es immer nur eine richtige Lösung hinsichtlich einer Schreibung geben dürfe, erscheint daher verständlich und notwendig.

Durch die Bestimmung von Regeln, bzw. Prinzipien Deutscher Rechtschreibung, kann dies zum Teil gewährleistet werden, jedoch nicht in Grenzbereichen. Hier tauchen immer wieder Einzelfälle auf, für die es mehrere Schreibungen gibt, die als richtig angesehen werden. In manchen Fällen werden bestimmte Schreibungen dennoch normiert, obwohl die grammatischen Gegebenheiten dagegen sprechen, um der Forderung gerecht zu werden. Aufgabe der Orthographie ist es also, durch bestimmte Normen festzulegen, welche Schreibungen richtig sind.3

Ob eine Schreibung normiert wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. vom historischen Gebrauch der Schreibung. Die Normierung dient in erster Linie der Optimierung und Vereinheitlichung des Systems, indem inhaltliche Vereinfachungen vorgenommen werden, z.B. durch die Abschaffung von Ausnahmen und Sonderregelungen. In Regelwerken findet man daher sogenannte Varianten, diese lassen sich häufig in Haupt- und Nebenvarianten gliedern. Es können laut Regelwerk mehrere Schreibvarianten zu einem Wort existieren und genutzt werden. Dieses Vorgehen diene der möglichen Ausbildung neuer Schreibungen und würde dem Alltagsgebrauch gerecht werden, so Fuhrhop. Kritisiert wird allerdings, dass dem Leser dadurch ein uneinheitliches Schriftsystem vorliegt, indem er sich nur schwer orientieren kann und wohlmöglich falsche Varianten auswählt.4

Normierte Schreibweisen werden heutzutage durch einen sogenannten Rechtschreibrat vorgeschlagen, der durch die KMK eingesetzt wird. Die Entscheidung, ob Schreibungen normiert werden oder nicht, bleibt der Politik überlassen und wird dort festgelegt. Nach dieser Vorgehensweise wurde auch über vorgeschlagene Reformen entschieden, die unsere Rechtschreibung bis heute prägen. Anzumerken ist hierbei, dass es schon seit jeher Normierungstendenzen gab, die deutsche Rechtschreibung zeichnet sich daher durch ihre Natürlichkeit aus und ist kein System, in welchem sich lediglich künstlich erschaffene Regeln wiederfinden lassen. Die Prinzipien, die im Folgenden erläutert werden, bildeten sich auf natürliche Weise, z.B. aus verschiedenen Regionen und Epochen, heraus.5

2.1. Prinzipien der deutschen Rechtschreibung

Die deutsche Schreibung entwickelte sich in der Geschichte allmählich und auf natürliche Weise zu einem System. Ist von Prinzipien die Rede, handelt es sich um Regeln, die sich im Laufe der Zeit herausbildeten und normiert wurden. Die Schwierigkeit, mit der sich Rechtschreibung befassen muss, liegt im Erkennen dieser Prinzipien, um sie normieren zu können. Der Großteil unserer Schreibung lässt sich intuitiv beherrschen, da einige graphematische Regeln auf die Rechtschreibung übertragen werden. Daneben gibt es Fälle, deren grammatischen Strukturen undeutlich sind. In der Regel können diese Fälle dennoch erkannt werden, müssen aber als Ausnahmen erkenntlich gemacht werden. Deutsche Rechtschreibung ist also kein bloßes Schreiben nach festen Regeln, sondern kann gleichwohl nach intuitivem Verständnis gelingen. Die Graphematik bildet hierfür den Grundstein des orthographischen Systems.6

Bei Hochstadt, Krafft und Olsen wird eine Darstellung der Prinzipien erläutert, die von Eisenberg vorgenommen wurde. Diese Darstellung liegt in vereinfachter Form vor, im zweiten Schritt wird daher auf eine weitere, detailliertere Ausführung von Risel eingegangen, auf die bei Hochstadt, Krafft und Olsen verwiesen wird. Dennoch wird auf die knappe Darstellung von Hochstadt, Krafft und Olsen kurz eingegangen, da sie einen gut verständlichen Überblick verschafft. Andere Darstellungen seien laut der Autoren weniger geeignet, da bspw. ästhetische oder historische Aspekte als Prinzipien geltend gemacht werden, was als nicht sinnvoll angesehen wird.7

Ausgangspunkt bildet bei dieser Darstellung das phonographische Prinzip, dessen Grundidee besagt, zu jedem Phonem existiere ein passendes Graphem, welches diesem zugeordnet sei. Die Autoren betonen an dieser Stelle die Abhängigkeit der Rechtschreibung von graphematischen Gegebenheiten, wie bereits von Fuhrhop herausgestellt wurde. In bestimmten Fällen, die genau festgelegt sind, können andere Prinzipien das phonographische Prinzip überlagern. Beim sogenannten silbischen Prinzip kann eine Silbe in ihrer Schrift von ihrer lautlichen Form abweichen. Bspw. wird das Wort Frühe mit dem sogenannten silbeninitialen <h> verschriftet, da sonst zwei Vokale aufeinander folgen würden (Früe). Ebenfalls kann das morphologische Prinzip die reine Lautorientierung überlagern. Dieses sorgt dafür, dass gleichbedeutende Einheiten, sogenannte Morpheme, gleich verschriftet werden, um den Wortstamm nicht zu verändern. Bspw. wird das Wort Kamm mit zwei <m> am Silbenende verschriftet, obwohl ein zweites <m> unnötig erscheint. Da aber der Plural Kämme aufgrund eines nötigen Silbengelenks mit Doppelkonsonant geschrieben werden muss, wird auch der Singular mit Doppelkonsonant verschriftet. Desweiteren gibt es ein syntaktisches Prinzip, welches die Groß- und Kleinschreibung sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung beinhaltet.8

Die Prinzipien und deren Unterteilungen die Nerius 1986 verfasste, sind etwas komplexer, dienen dafür einem detaillierteren Verständnis und werden deshalb an dieser Stelle ergänzt. Die Prinzipien dienen dem Erschließen korrekter Schreibungen, daher weisen sie häufig eine Wenn-dann-Struktur auf. Ausgangspunkt hinsichtlich der Prinzipieneinteilung bildet der Aufbau eines Sprachzeichens, bestehend aus einer formalen und semantischen Seite. Die formale Seite beinhaltet dabei die lautliche Form sowie das Schriftbild, die semantische Seite gibt die Bedeutung des Zeichens an. Daher werden zwei Grundprinzipien voneinander unterschieden, das phonologische Grundprinzip, sowie das semantische Grundprinzip, die wiederum in weitere Prinzipien unterteilt sind.9

Das phonologische Grundprinzip teilt sich auf in ein phonematisches Prinzip, ein syllabisches Prinzip und ein intonatorisches Prinzip. Das semantische Grundprinzip beinhaltet ein morphematisches Prinzip, ein lexikalisches Prinzip, ein syntaktisches Prinzip sowie ein textuales Prinzip. Diese werden folgend kurz erläutert, beginnend mit der Unterteilung des phonologischen Grundprinzips.10

Beim phonematischen Prinzip, welches diesem Grundprinzip angehört, spielen Phoneme und Grapheme eine wichtige Rolle. Ein Phonem stellt die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit eines gesprochenen Wortes dar. Zu unseren 26 Buchstaben im Alphabet existieren um die 40 Phoneme, da es unterschiedliche Möglichkeiten der Aussprache gibt (z.B. langes und kurzes <i> in Igel und Pinsel oder langes und kurzes <a> in mal und matt). Grapheme wiederum (und nicht Buchstaben!) gelten als Basiseinheit der geschriebenen Sprache, umfassen Buchstaben, Satzzeichen sowie Ziffern und werden benötigt, um Phoneme zu verschriften. Daher ist von der sogenannten Phonem-Graphem-Korrespondenz die Rede. Dieser Gedanke entspricht dem des phonographischen Prinzips bei Hochstadt, Krafft und Olsen, da alle phonemischen Oppositionen als graphische Oppositionen abgebildet werden, sofern es sich nicht um ein Nullgraphem handelt, bei dem keine entsprechende graphische Form vorliegt.11

Das zweite Prinzip dieser Einheit ist das sogenannte syllabische Prinzip, welches, wie der Name schon vermuten lässt, mit dem Silbieren zu tun hat, bei dem Wörter in Sprecheinheiten zerteilt werden. Die Silbentrennung dient der graphischen Worttrennung, die aus der syllabischen Struktur phonetischer Wörter hervorgeht. Die Silbentrennung richtet sich nach morphematischen Gegebenheiten eines Wortes und Präfixen (z.B. Kauf-haus oder mög-lich). Im Jahr 2006 wurde untersagt, Vokale als einzige Buchstaben innerhalb einer Silbe zu stellen (z.B. O-fen). Aufgehoben wurden die Verbote ck und st zu trennen. Hinsichtlich Konsonantenbuchstabenhäufungen ist es üblich, den letzten Konsonanten auf die zweite Silbe zu übertragen (z.B. Karpfen wird zu Karp-fen oder knusprig wird zu knusp-rig).12

Das letzte Prinzip dieses Grundprinzips nennt sich das intonatorische Prinzip. Diesem kommt eine weniger wichtige Rolle zu, da es weniger häufig auftritt, als die beiden anderen. Es handelt sich hierbei um prosodische, d.h. auf den Sprechakt bezogenene, Aspekte, wie Pausen, Rhythmen und Melodien, die im Schriftlichen Interpunktionszeichen hervorrufen können. Desweiteren können Getrennt- oder Zusammenschreibungen derartige Aspekte markieren. Zur Verdeutlichung dient folgendes Bsp.: Du gehst? – Du gehst! (hier wird beim Lesen des Geschriebenen deutlich, welche prosodischen Aspekte für den jeweiligen Ausdruck gelten müssen).13

Nun sollen die dem semantischen Grundprinzip zugehörigen Prinzipien erläutert werden, beginnend mit dem morphologischen Prinzip. Morpheme gelten als die kleinste Einheit der Sprache, die Bedeutung enthalten oder grammatische Funktion besitzen. Morpheme werden genutzt, um Rechtschreibphänomene zu erklären, indem sie ganzheitlich betrachtet werden oder ihre innere Struktur auseinandergenommen wird. Morpheme übermitteln Bedeutungsinhalte, indem sie auf graphischer Ebene dargestellt werden. Laut Risel schließt dies auch Präfixe und Suffixe mit ein, morphemidentifizierende Funktionen beschränkten sich nicht ausschließlich auf den Stamm eines Wortes. Beim sinnerfassenden Lesen kann die Funktion der Morphembezogenheit von Schreibungen unterstützt werden. Das Prinzip weist eine zum Einen Identifikationsfunktion auf, die besagt, dass Gleiches möglichst gleich verschriftet werden sollte. Zum Anderen schließt es eine morphemdifferenzierende Funktion mit ein, welches sich auf homophone (gleichklingenden) Morpheme bezieht (z.B. viel und fiel, end und ent). Die amtliche Regelung aus 2006 weist einige Stellen auf, in denen die Verwendung morphologischer Einheiten eine Rolle spielt. Über neun von Risel aufgelisteten morphemsensiblen Schreibungen, auf die im nächsten Schritt eingegangen wird, scheint allerdings kein wissenschaftlicher Konsens zu bestehen. Erste Einzelfallschreibungen stellen das Präfix ver und das Suffix ig dar. Eine weitere Besonderheit offenbaren Wörter wie Bagger oder Kladde, da deren Silbenende nicht entstimmt wird. Hier kann die Auslautverhärtung des Allomorphiephänomens nicht ausschließlich auf der Wort- und Silbenebene beschrieben werden und wird daher graphisch unterstützt und korrigiert. Weitere Einzelfälle stellen Wörter wie bspw. Hund, Schlag oder Sieb dar, deren eigentlich stimmhaften Obstruenten (hier d, g und b) zu stimmlosen werden, da die jeweiligen Obstruenten am Silbenauslaut vor der Morphem- oder Wortgrenze stehen. Dieses Phänomen tritt nicht nur im Wortauslaut auf, sondern kann auch im Wortinneren auftreten, wenn der entsprechende Morphemauslaut gegeben ist (z.B. wird das g in täglich stimmlos), sowie auch innerhalb der gesamten Phonemgruppe, die nach dem Silbenkern auftritt, wie es z.B. bei Jagd der Fall ist. In letzterem Fall handelt es sich um eine sogenannte Kontaktverhärtung. Als Paradebeispiel für die Notwendigkeit eines morphologischen Systems, gelten Schreibungen mit äu oder ä, denen in der Regel a- und au- Stämme zugrunde liegen. Ausnahmen bildeten sich auch hier heraus, wie das Wort Geräusch exemplarisch deutlich macht. Naheliegender wäre die, der Lautform entsprechenden Schreibung mit eu. Da die Stammzugehörigkeit jedoch, besonders in Hinblick auf das Lesen, gewährleistet werden will, wird eine graphische Anpassung vorgenommen. Eine weitere Besonderheit stellt die Schreibung sp oder st dar, die je nach Position unterschiedlich klingen können (z.B. Spiel aber Wespe). Auch ß-Schreibungen stellen eine Besonderheit dar, die amtlich geregelt wurden (z.B. und Faust: ß wird geschrieben, wenn ein langer Vokal davorsteht, das /s/ stimmlos ist und diesem kein weiterer Konsonant folgt). Es lassen sich, neben den bereits angesprochenen, noch weitere Schreibungen mithilfe von Morphembezügen erklären, auf die aufgrund von Platzgründen nicht weiter eingegangen wird.14

Irene Corvacho del Toro ergänzt, dass das deutsche Schriftsystem stark morphologisch orientiert ist, dies wird beim Vergleich von Lautorientierung und Morphemorientierung desselben Wortes deutlich, wobei Letzteres als orthographisch korrekte Schreibung gilt: Hand anstatt Hant sowie Hände anstatt Hende. Bestimmte Morphologisierungen von Schreibungen (siehe z.B. oben) vereinfachen das Lesen und Schreiben. Desweiteren können bestimmte Fehler, die z.B. durch silbische oder phonetische Orientierung entstehen, vermieden werden, da Morpheme als systematische Wortbildungselemente der Schrift gelten. Bereits in der Grundschule sollten Morpheme im Rechtschreibunterricht thematisiert werden und können als Bausteine eingeführt und vermittelt werden.15

Das zweite, sogenannte lexikalische Prinzip, umfasst mehrere Bereiche, dazu gehört bspw. die wortartbezogene Groß- und Kleinschreibung. Eine allseits bekannte Regel beinhaltet die Großschreibung von Substantiven. Desweiteren können durch Konversion Verben und Adjektive substantiviert werden (vgl. das Stehlen, das Schöne), d.h. sie werden ebenfalls groß geschrieben. Im Rahmen einer Derivation können ebenfalls Substantivierungen vorgenommen werden, die zur Großschreibung von bspw. Suffixen führen (vgl. Freiheit, Hoffnung). Aufgrund verschiedener Möglichkeiten der Substantivierung stellt sich die Frage, anhand welcher konkreten Merkmale Substantive erkannt werden können. Hinsichtlich ihrer Bedeutung, stellen Substantive Gegenstände, Vorgänge, Eigenschaften, Beziehungen usw. dar. Sie weisen ein festes grammatisches Geschlecht auf und sind durch Kasus, Genus und Numerus festgelegt. Bezüglich der Groß- und Kleinschreibung gelten Höflichkeitsformen als relevant. Höflichkeitsformen bewirken das Großschreiben eines Pronomens, z.B. bei Anreden in Briefen (vgl. Sie, Ihnen). Besonders beim geübten Lesen wird der Groß- und Kleinschreibung eine wichtige Rolle zugesprochen, da es das leise und schnelle Lesen, durch Gewährleistung einer besseren Leseflüssigkeit, unterstützt. Für Leseanfänger scheint dies nicht zu gelten, da phonologisches Rekodieren unabhängig von der Großbuchstabenverwendung abläuft. Der zweite wichtige Bereits des lexikalischen Prinzips stellt die Getrennt- und Zusammenschreibung dar. Die Getrenntschreibung markiert die eigenständige Funktion eines syntaktischen Wortes innerhalb eines Satzes oder zwischen mehreren Wörtern. Schwierigkeiten können, hinsichtlich der Korrekten Getrennt- oder Zusammenschreibung, Verben und Partikel erzeugen, wie bspw. wieder/sehen oder sitzen/bleiben. Die Schwierigkeit besteht darin, dass aufgrund verschiedener Bedeutungszuschreibungen und Betonungen fallabhängig beide Schreibungen möglich sein können (vgl. umfahren und umfahren). Zwei grammatische Proben können bei der Entscheidung behilflich sein: „Zusammengeschrieben wird bei Adjektiven und Verb, wenn Erweiterungs- oder Steigerungsprobe nicht möglich sind16 “, z.B. ist hochrechnen nicht erweiter- oder steigerbar (es gibt kein höherrechnen oder sehr hochrechnen) und wird daher zusammengeschrieben, zusammengesetzt aus dem Adjektiv hoch und dem Verb rechnen. Bei Verb-Verb-Verbindungen liegt der Normalfall vor, die Verben getrennt zu schreiben, dennoch ist es möglich, beide Formen vorzufinden. Je nach Bedeutungsinhalt, können Verben zusammen verschriftet werden (s itzenbleiben und sitzen bleiben). Hinsichtlich Verbindungen von Verben und Substantiven gilt, zusammengeschrieben wird, wenn es sich um Nominalisierungen handelt (z.B. das Sitzenbleiben). In der Regel werden jedoch Getrenntschreibungen vorgenommen. Überprüfbar sind diese im Zweifelsfall, indem bspw. andere Verben eingesetzt werden, die Substantive erweitert werden, Verneinungen vorgenommen werden, das Perfekt gebildet wird, Klammern gebildet werden oder die Vorfeldfähigkeit geprüft wird.17

Das syntaktische Prinzip bezieht sich auf die Satzebene, dazu gehört das Großschreiben von Satzanfängen, das Einhalten von Zwischenräumen zwischen Wörtern und Sätzen sowie das korrekte Setzen von Interpunktionszeichen, um Einheiten voneinander abgrenzen zu können, wie Teil- und Ganzsätze sowie Wortgruppen oder Wörter. Komma, Punkt, Bindestrich, Klammern, Doppelpunkte und Semikola dienen dem Abgrenzen und Gliedern innerhalb eines Satzes, Frage- und Ausrufezeichen besitzen weitere Funktionen. Nicht nur beim Schreiben kommt der Interpunktion eine entscheidende Rolle zu – sie dient der besseren Informationsverarbeitung beim Lesen, indem Sätze in syntaktische Einheiten zerlegt werden. Desweiteren geben Interpunktionszeichen die Richtung beim Lesen, von links nach rechts, an. Die einzelnen Interpunktionszeichen nehmen beim Lesen (und Schreiben) unterschiedlich starke Rollen ein, das Komma zieht bspw. eine eher durchlässige Grenze, um auf Vorgängerkonstruktionen hinsichtlich ihrer lexikalischen und syntaktischen Informationen zurückgreifen zu können, während das Semikolon lediglich für syntaktische Informationen durchlässig ist. Der Punkt weist keine dieser beiden Merkmale auf, er ist für derartige Informationen undurchlässig. Anführungszeichen dienen der Hervorhebung fremder Äußerungen, direkter Reden, Zitaten, Titeln usw., zusätzlich besteht die Möglichkeit, auf Referenzobjekte zu verweisen, die ihre Funktionen nicht erfüllen (z.B. ironisch gemeint: der „Chef“ der Organisation“, der seine Aufgaben wohl nicht zufriedenstellend erfüllt).18

Das textuale und auch letzte Prinzip dieses Oberprinzips ist für Rechtschreibung nicht von größter Bedeutung, es bezieht sich auf das Erstellen von eigenen Texten und ist somit für Grundschüler (noch) nicht in seinem gesamten Umfang relevant. Es geht darum, die verschiedenen graphischen Mittel gezielt einzusetzen, um die Bedeutung eines Textes hervorzuheben. Zu den graphischen Mitteln zählen z.B. die Absatzbildung, das Verwenden einer bestimmten Schriftart und die Schriftauszeichnung. Neben deren Verwendung ist es wichtig, eine Überschrift vor den Text zu setzen, die groß und ohne einen Punkt am Ende (Ausrufe- oder Fragezeichen sind möglich) geschrieben wird.19

Durch die oben dargestellten Strukturen und Regeln der Deutschen Rechtschreibung, kann diese als Lerngegenstand beschreibbar und lernbar gemacht werden. Hinsichtlich des Deutschunterrichts stehen besonders die Strukturen des orthographischen Systems im Vordergrund, die häufig auftreten, weniger die Einzelfälle oder Randbereiche. Innerhalb des Rechtschreibprozesses spielt die Tätigkeit, Rechtschreibung auszuüben, eine wichtige Rolle, auf die im Folgenden eingegangen wird. Hier liegt der Fokus auf motorischen Komponenten, die für die Rechtschreibtätigkeit notwendig sind.20

3. Rechtschreiberwerb

An dieser Stelle wird auf den Erwerb der Rechtschreibung eingegangen. Zunächst wird der Blick auf den Rechtschreibprozess, d.h. auf die konkreten kognitiven Abläufe des Rechtschreibens, gelenkt, bei dem das sogenannte Zwei-Wege-Modell nach Augst und Dehn berücksichtigt wird. Abschließend werden zwei Phasenmodelle, einmal nach Scheerer-Neumann und einmal nach Thomé, thematisiert, die den Erwerb der Rechtschreibung erläutern. Da sich die Arbeit auf den Unterricht des Deutschen bezieht, wird folgend nur der Erwerb der Deutschen Rechtschreibung berücksichtigt.

Zunächst muss geklärt werden was unter Schreiben zu verstehen ist. Schreiben bedeutet, das Schriftsystem einer Sprache (der Deutschen Sprache) zu kennen und zu verstehen. Es umfasst außerdem die Fähigkeit, Buchstaben, Wörter, Sätze und Texte produzieren zu können. Schrift stellt ein nichtsprachliches Kommunikationsmittel dar, welches hierfür zum Einsatz kommt. Der Erwerb von Schrift ist mit dem des Lesens untrennbar verbunden. Er wird daher als ganzheitlicher Prozess angesehen: Kinder lernen nicht zuerst das eine oder das andere, sondern erwerben beide Fertigkeiten gleichzeitig. Gründe hierfür stellen z.B. die gemeinsame Funktion der Fertigkeiten, der schriftsprachlichen Kommunikation, sowie ihre gegenseitige positive Beeinflussung, auch hinsichtlich der Schülermotivation, dar.21

Beim Erwerb von Schrift müssen Lernende sowohl deren formale als auch deren funktionale Seite erschließen, bei dem ersteres die analytische Durchdringung des Sprachsystems und zweites die Einübung in damit verbundene neue Praktiken auf kommunikativer, sozialer und ästhetischer Ebene darstellt. Der Erwerb beider Aspekte verläuft unabhängig voneinander, jedoch parallel zueinander, um sich gegenseitig wirksam stützen zu können. Was bedeutet dies für den Anfangsunterricht? Dieser wird zweigeteilt: Zum einen soll die formale Seite der Schrift erworben werden, indem die Kinder systematisch an Buchstaben und Buchstabenverbindungen, sowie an die innere Struktur von Wörtern, Wortgruppen und Sätzen herangeführt werden. Zum anderen wird durch intensives Vorlesen mit darauffolgender Anschlusskommunikation die funktionale Seite der Schrift vermittelt. Mit zunehmendem Steigern beider Kompetenzen können diese nach und nach parallel thematisiert und bearbeitet werden. Hinsichtlich des Anfangsunterrichts ist es unablässig, Kindern schon früh einen Zugang zu Schrift zu gewähren, der sowohl zuverlässig als auch solide gestaltet wird, um Umlernprozesse in späteren Schuljahren zu vermeiden. Ein angemessener Einstieg hinsichtlich formaler und funktionaler Seite von Schrift ist diesbezüglich sinnvoll.22

3.1. Das Zwei-Wege-Modell des Rechtschreibens

Zur Erinnerung: Die deutsche Rechtschreibung bezieht sich auf das Phonemsystem der Standardsprache. Phoneme werden dabei von Graphemen (Buchstaben oder Buchstabengruppen) verschriftet und durch sie repräsentiert. Problem hierbei stellt die deutlich höhere Anzahl von Phonemen im System des Deutschen dar, nämlich 40 an der Zahl, für die lediglich 26 Buchstaben zur Verfügung stehen. Dies führt gegebenenfalls dazu, dass ein Graphem mehrere Phoneme repräsentiert. Hinzu kommen Besonderheiten der deutschen Rechtschreibung in Form von Prinzipien wie bspw. das morphologische Prinzip. Dies wird im Wort täglich deutlich, da das Phonem /ε:/ das Graphem /ä/ repräsentiert, um an den Stamm Tag anzulehnen.23

[...]


1 Vgl. (Dürscheid, 2016, S. 165-167)

2 Vgl. (Ministerium für Kultus, 2018, S. 3) aufgerufen am 08.11.19 unter: https://km-bw.de/site/pbs-bw-new/get/documents/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/KM-Homepage/Artikelseiten%20KP-KM/Schulart%C3%BCbergreifend/Rechtschreibrahmen.pdf

3 Vgl. (Fuhrhop, 2015, S. 1)

4 Vgl. Ebd. S. 167-169

5 Vgl. (Fuhrhop, 2015, S. 1-4)

6 Vgl. Ebd. S. 3-4

7 Vgl. (Hochstadt, Krafft, & Olsen, 2015, S. 48)

8 Vgl. (Hochstadt, Krafft, & Olsen, 2015, S. 47-48)

9 Vgl. (Risel, 2011, S. 5-8)

10 Vgl. Ebd. S. 8-9

11 Vgl. (Risel, 2011, S. 9-10)

12 Vgl. Ebd. S. 19-21

13 Vgl. Ebd. S. 23-24

14 Vgl. (Risel, 2011, S. 24-26)

15 Vgl. (Corvacho del Toro, 2016)

16 (Risel, 2011, S. 29-30)

17 Vgl. Ebd. S. 30

18 Vgl. (Risel, 2011, S. 30-31)

19 Vgl. Ebd. S. 32

20 Vgl. Ebd. S. 32

21 Vgl. (Dürscheid, 2016, S. 244)

22 Vgl. (Bredel, 2015, S. 35)

23 Vgl. (Augst & Dehn, 2015, S. 15-16)

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Rechtschreibkompetenz in der Grundschule
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
47
Katalognummer
V583746
ISBN (eBook)
9783346158208
ISBN (Buch)
9783346158215
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtschreibung, Deutsch, Grundschule, Deutschdidaktik, Rechtschreibkompetenz
Arbeit zitieren
Elena Bock (Autor), 2020, Die Entwicklung der Rechtschreibkompetenz in der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/583746

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