Die Darstellung von historischen Ereignissen ist, für die Kunst im Allgemeinen und die Literatur im Besonderen, schon immer ein beliebtes Sujet. Jedoch ist dies nicht ohne weiteres möglich, ohne auf eine Reihe von Problemen zu stoßen. Diese Probleme manifestieren sich speziell, wenn man ein historisches Ereignis mithilfe einer homodiegetischen Erzählinstanz zu präsentieren versucht. Diese Erzählsituation wirft unmittelbar die Frage auf, ob die gesamten Auswirkungen des betreffenden historischen Ereignisses, nur durch die subjektive Wahrnehmung einer einzelnen Person wiedergegeben werden können.
Einzig durch die Wahl dieser Art der Darstellung entsteht also das Problem, dass die geschichtlichen Geschehnisse und deren Bedeutsamkeit für eine Vielzahl von Menschen auf die subjektiven Erlebnisse einzelner Figuren reduziert werden. Zudem eröffnet sich ein weiteres Problemfeld durch eine Tatsache, die unabhängig von der Erzählsituation auf jegliche literarische Darstellung von Geschichte zutrifft und die seit den ausführlichen Arbeiten Hayden Whites stark diskutiert wird. Bei diesem Umstand handelt es sich um die Frage, wie das Problem zu bewältigen ist, dass geschichtliche Ereignisse nur zeitlich rückblickend verstanden werden können.
Dieses Spannungsfeld stellt Autoren stets vor neue Herausforderungen, die sie versuchen mit unterschiedlichen literarischen Ansätzen zu bewältigen. Diese Strategien müssen sich zudem ebenfalls nach dem konkreten historischen Ereignis richten, welches beschrieben werden soll. Besonders relevant wird dies bei der Betrachtung von historisch bedeutsamen Ereignissen. Wichtige Beispiele aus der jüngeren Geschichte sind der Erste und Zweiten Weltkrieg, sowie die Shoah. Bei dieser geschichtlich sehr einschneidenden Thematik ergibt sich, neben den bereits erläuterten Schwierigkeiten, ein weiteres Problem.
Während der Shoah wurde die systematische Vernichtung einer gesamten Bevölkerungsgruppe angestrebt, was auch die Beseitigung jeglicher Überbleibsel ihrer Existenz unweigerlich mit sich führt. Durch die Vernichtung können die Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe, die während der Shoah ermordet wurden und vergessen werden sollten, selber nicht als Zeugen für diesen Teil der Geschichte auftreten, sondern es müssen andere an ihre Stelle treten und für diese Menschen sprechen und berichten. Diese Problematik der Darstellbarkeit, oder auch ‚Unsagbarkeit‘, spielt in den holocaust studies eine wichtige Rolle.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Die Grenzen der literarischen Darstellung von Geschichte
1.2 Der Traum als Grenzüberschreitung
2. Der Traum in Der Ausflug der toten Mädchen
2.1 Die Erzähltechnik und das Zeitverhältnis
2.2 Der Perspektivwechsel in der Binnenerzählung
2.3 Die Verwendung von Tempusformen
2.4 Die Traumsituation
3. Der Traum in Der Traum
3.1 Der Rahmen
3.2 Die Traumsituation
3.3 Die Begegnung der Darstellungsproblematik
4. Der Vergleich der Träume
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie das literarische Setting des Traums dazu genutzt werden kann, historische Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg und die Shoah darzustellen, um die mit ihrer Schilderung verbundene „Unsagbarkeitsproblematik“ zu bewältigen. Im Fokus steht dabei der Vergleich zwischen Anna Seghers' „Der Ausflug der toten Mädchen“ und Vercors' „Der Traum“, wobei analysiert wird, auf welche Weise die Autoren durch spezifische Erzähltechniken und Traumdarstellungen Zeugenschaft ablegen und das Erinnern für zukünftige Generationen sichern.
- Literarische Inszenierung von Träumen im Kontext historischer Traumata
- Analyse von Erzähltechnik, Zeitverhältnissen und Tempusformen
- Untersuchung der „Unsagbarkeit“ und Darstellungsproblematik in der Literatur
- Funktion von Zeugenschaft und kollektivem Gedächtnis
- Einsatz von Metaphorik und grotesken Vergleichen zur Charakterisierung von Gewalt
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Erzähltechnik und das Zeitverhältnis
Der Traum in Der Ausflug der toten Mädchen ist Teil einer sorgsam ausgefeilten Erzähltechnik, die sich Anna Seghers zunutze macht. Die Basis dieser Erzähltechnik ist die Kombination von unterschiedlichen Bewusstseinsebenen. In den verschiedenen Bewusstseinsebenen gibt es dabei eine synchrone Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im Zuge dessen, gehen die zeitlichen Schichten fließend ineinander über und darüber hinaus kommt es an einigen Stellen innerhalb der Erzählung sogar zu einer Vermischung der äußeren und inneren Erlebniswelt.
Insgesamt gibt es in der Erzählung zwei räumlich-zeitliche Ebenen und eine weitere Ebene, die aus den anderen beiden entsteht und schwer als einzelne Ebene zu erfassen ist. Die Erzählergegenwart ist das mexikanische Exil, in das die Protagonistin während des Zweiten Weltkriegs geflüchtet ist: „Mir kam es plötzlich genauso phantastisch wie ihm vor, daß ich aus Europa nach Mexiko verschlagen war.“ Dieses mexikanische Exil stellt sich als die erste Ebene dar und bildet den Rahmen für das Zurückversetzen in Kindheit und Schulzeit der Protagonistin.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der literarischen Darstellung historischer Ereignisse ein und erläutert, warum der Traum als probates Mittel zur Grenzüberschreitung dienen kann.
2. Der Traum in Der Ausflug der toten Mädchen: Hier werden die Erzähltechnik, die Zeitverhältnisse und die Verwendung von Tempusformen in Anna Seghers' Werk analysiert, um die Funktion der Traumsituation zu ergründen.
3. Der Traum in Der Traum: Dieses Kapitel untersucht Vercors' Werk hinsichtlich seines Rahmens, der Traumsituation und der spezifischen Begegnung mit der Darstellungsproblematik durch groteske Vergleiche.
4. Der Vergleich der Träume: Ein komparativer Abschnitt, der Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Intention, Struktur und Wirkung der Traumdarstellungen in beiden Werken herausarbeitet.
5. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung zeigt, dass das Setting des Traums eine zentrale Rolle für die Erinnerungsbewahrung spielt und individuelle Wege bietet, der „Unsagbarkeit“ historischer Traumata zu begegnen.
Schlüsselwörter
Literarische Erzähltextanalyse, Anna Seghers, Vercors, Shoah, Traumdarstellung, Darstellungsproblematik, Unsagbarkeit, Geschichtserfahrung, Erinnerungskultur, Zeugenschaft, Zeitverhältnis, Erzähltechnik, Kollektives Gedächtnis, Zweiter Weltkrieg, Literatur im Exil.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung von Krieg und Shoah in zwei spezifischen Texten, wobei der Fokus auf dem „Traum“ als Erzählmittel liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören die Schwierigkeiten der historischen Repräsentation, die Funktion der Erinnerung und der Umgang mit traumatischen Ereignissen durch literarische Ästhetik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, wie durch das Setting des Traums die Darstellungsproblematik von historischen Katastrophen überwunden und eine Form der Zeugenschaft ermöglicht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine erzähltextanalytische Methode angewandt, die durch vergleichende Literaturwissenschaft ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Analyse der beiden Werke „Der Ausflug der toten Mädchen“ und „Der Traum“ sowie ein anschließender Vergleich dieser Analysen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Erzähltechnik, Shoah, Traum, Unsagbarkeit und Erinnerungskultur.
Welche Rolle spielt die Zeitform in Seghers' Werk laut der Analyse?
Die Arbeit stellt fest, dass insbesondere das Plusquamperfekt und der Wechsel zwischen den Tempi genutzt werden, um die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu verwischen.
Wie unterscheidet sich Vercors' Ansatz zur Darstellung des Grauens von dem von Seghers?
Während Seghers konkrete historische Fakten und biographische Elemente nutzt, arbeitet Vercors verstärkt mit grotesken Metaphern und einer „asymptotischen Erzählweise“, um das Unfassbare greifbar zu machen.
- Citation du texte
- Karsten Klein (Auteur), 2020, Geträumte Geschichte. "Ausflug der toten Mädchen" von Anna Seghers und "Der Traum" von Vercors im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584903