Wie können Anlagefehler vermieden werden? Finanzpsychologische Erkenntnisse und die Optimierung des Anlageverhaltens


Hausarbeit, 2018

38 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation und Forschungsgegenstand
1.2 Vorgehensweise

2 Finanzpsychologische Erkenntnisse zum Anlageverhalten
2.1 Entscheidungen unter Risiko
2.2 Angewandte Heuristiken im Informations- und Entscheidungsprozess
2.2.1 Heuristiken bei der Informationswahrnehmung
2.2.2 Heuristiken bei der Informationsverarbeitung
2.2.3 Heuristiken bei der Investitionsentscheidung
2.3 Haufige Fehler von Privatanlegern
2.3.1 Ubermaftiges und kostenintensives Handeln
2.3.2 Mangelnde Diversifikation
2.4 Mbgliche Ansatzpunkte und Maftnahmen

3 Coaching als Mbglichkeit zur Optimierung des Anlageverhaltens
3.1 Begriffsabgrenzung und Anwendungsgebiete
3.2 Online-Coaching als besondere Form der psychologischen Beratung
3.3 Interventionen im psychologischen Einzel-Coaching
3.4 Ansatzpunkte und Wirksamkeit von Coaching
3.5 Prozessteuerung im Coaching

4 Entwicklung und Planung des Finanz-Coaching-Konzepts
4.1 Einftihrung des Fallbeispiels
4.2 Die Phasen des Einzel-Coachings
4.2.1 Erstgesprach und Identifikation des Kernthemas
4.2.2 Zielbestimmung und Motivationsklarung
4.2.3 Hypothesenprtifung und Diagnostik
4.2.4 Ressourcenaktivierung
4.2.5 Erstellung eines MaUnahmenplans und Durchfiihrung
4.2.5.1 Selbststandiger Wissenserwerb
4.2.5.2 Ermittlung derfinanziellen Risikobereitschaft
4.2.5.3 Senken der Kontrollhaufigkeit der Depotentwicklung
4.2.6 Evaluation und Ergebnissicherung

5 Diskussion

Literaturverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Investitionsentscheidungen werden von Privatpersonen haufig als komplex und riskant wahr-genommen. Aufgrund dessen treffen Privatanleger beim Wertpapierhandel nicht immer Ent-scheidungen, die in ihrem besten Interesse liegen. Ursachlich hierfur sind die selektive Wahr-nehmung und die Verwendung von Heuristiken, die zu Verzerrungen und Fehleinschatzungen fiihren kbnnen. Zu den haufigsten systematischen Anlagefehlern zahlen nach verhaltenswis-senschaftlicher Finanzmarktforschung eine hohe Handelsaktivitat und mangelnde Diversifika-tion. Die Behavioral Finance als interdisziplinare Wissenschaft untersucht das Verhalten von Anlegern, urn mbgliche Ansatzpunkte zur Optimierung von Anlageentscheidungen zu entwi-ckeln. Die finanzpsychologische Forschung zu mbglichen Lbsungsansatzen zur Vermeidung von Anlagefehlern und der Verbesserung des Anlageverhaltens steht noch amAnfang. Diese Arbeit soil einen Beitrag zur Exploration von Lbsungsansatzen darstellen, indem sie versucht die bisherigen finanzpsychologischen Erkenntnisse in ein Coaching-Konzept einzubinden. Hierfur wird, anhand eines Fallbeispiels, ein praktisch anwendbarer Einzel-Coaching-Ansatz fur eine Privatanlegerin entwickelt. Die Gestaltung und Durchftihrung erfolgt in Form einer On­line-Intervention. Das Coaching soil keine Anlageberatung im eigentlichen Sinne darstellen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe ermbglichen und die Privatanlegerin in ihren zuktinftigen Ent-scheidungen untersttitzen. Im Fokus des Coaching-Konzepts stehen die Wissensvermittlung, Zielvereinbarung, die Selbstreflexion zur Fbrderung von Einsicht, Ressourcenaktivierung so-wie das Eintiben alternativer Denk- und Handlungsweisen. Durch die vorgestellten MalJnah-men im Rahmen des Coachings soil die Anlegerin ihre Handlungs- und Entscheidungskompe-tenz erweitern. Das Ergebnis dieser Hausarbeit ist: Ein wissenschaftlich fundiertes Coaching-Konzept, das sowohl finanzwissenschaftliche als auch psychologische Erkenntnisse bertick-sichtigt, eignet sich als MaUnahme, urn schadliches Anlageverhalten zu begrenzen und Pri­vatpersonen bei besseren Anlageentscheidungen zu untersttitzen.

1 Einleitung

1.1 Ausgangssituation und Forschungsgegenstand

Die Deutschen sparen gerne. Doch nur wenige investieren ihr gespartes Vermbgen gewinn-bringend an derBbrse. Gerade einmal 8,4 Millionen Deutsche besitzen Aktien (DeutschesAk-tieninstitut e.V. [DAI], 2015). Der Aktionarsanteil ist somit in Deutschland sehr gering ausge-pragt und es sind nur durchschnittlich 7 Prozent des Geldvermbgens in Aktien investiert (DAI, 2017). Die Mehrheit der Deutschen bevorzugt demzufolge einen konservativen Vermb-gensaufbau durch sichere Bankeinlagen. Dies ist erstaunlich. Denn unter Beachtung des der-zeitigen Niedrigzinsumfeldes sowie einer monatlichen Inflationsrate von 2,5 Prozent (Statisti-sches Bundesamt, Oktober 2018) schrumpft das Vermbgen auf den Sparkonten durch den Geldwert- und Kaufkraftverlust kontinuierlich. Dem gegentiber stehen Aktienrenditen von durchschnittlich 7 bis 10 Prozent pro Jahr (DAI, 2015). Wertpapiere bieten demnach hohe Renditechancen. Insbesondere bei einer langfristig orientierten Geldanlage lasstsich das Ge-samtrisiko verringern und der Vorteil des Zinseszins-Effekts nutzen (Kommer, 2012). Aktien eignen sich demnach auch zur Altersvorsorge und Sicherung des Ruhestands. Was hindert die Deutschen also daran ihr Geld in Aktien zu investieren?

Eine Umfrage des DAI (2015) untersuchte die Einstellung der Deutschen gegentiber Aktien und kam zu folgenden Ergebnissen. Die Deutschen verhalten sich im Allgemeinen eher ak-tienscheu, da sie eine starke Angst vor mbglichen Verlusten haben und selbst kalkulierbare Risiken meiden. Sie verftigen ebenso iiber ein geringes Finanzwissen und dies fuhrt dazu, dass die Mehrheit der Privatanleger1 glaubt unkalkulierbare Risiken an der Bbrse einzugehen. Diese Unsicherheit und die mangelnde Kompetenz bedingen, dass das Geldanlageverhalten in Deutschland von risikoarmen Sparen gepragt ist und die Mehrheit die Renditechance von Aktien nicht nutzt. Erschwerend kommt hinzu, dass eine grolJe Anzahl finanzwissenschaftli-cher Studien belegt, dass Privatanleger systematische Fehler begehen und nur unterdurch-schnittliche Renditen erzielen (Barber & Odean, 2000; Hackethal et al., 2018). In der Summe wirken sich solche Anlagefehler haufig negativ auf den Investmenterfolg aus. Die Umfrage des DAI (2015) zeigt auch, dass viele Deutsche tibergute Voraussetzungen verftigen, urn Vermb­gen aufzubauen und Aktien durchaus als potenzielle Geldanlage sehen. Insbesondere die Nachfrage nach einer eigenverantwortlichen Altersvorsorge durch Wertpapiere nimmt zu, so dass die Anzahl privaterAktiendepots in den letzten 20 Jahren von 8 auf 27,9 Millionen gestie-gen ist (DAI, 2017). Wieso scheuen Privatpersonen das Investment in Aktien? Wieso neigen Anleger zu Fehlern, die sie Rendite kosten? Spielt die Psychologie hierbei eine Rolle?

Die verhaltenspsychologische Forschung zeigt, dass Schwachen in der Wahrnehmung, Verarbeitung und Bewertung von Informationen psychologische Hintergriinde haben und zu Entscheidungen fiihren, die rational begrenzt sind (Beck, 2014). Urn trotzdem schnell und res-sourcensparend entscheiden zu kbnnen, verwenden Menschen deshalb kognitive und emoti-onale Heuristiken (Kahneman & Tversky, 1982, Kahneman, Slovic & Tversky, 1982). Mittels dieser mentalen Abktirzungen lassen sich im Alltag oftmals gute Entscheidungen treffen. Doch zugleich fuhrt die Anwendung von Heuristiken zu systematischen Verzerrungen und Fehlern, die nicht immer im besten Interesse des Entscheidungstragers sind. Voreilige Entscheidungen und Fehlschltisse kbnnen insbesondere bei Entscheidungen mit grofter Tragweite, zu denen auch Anlageentscheidungen zahlen, negative Folgen haben. Das noch relative junge For-schungsgebiet der Behavioral Finance setzt hier an und untersucht das Verhalten von Anle-gern. Ein Forschungsschwerpunkt dieses interdisziplinaren Ansatzes ist der Informations- und Entscheidungsprozess von Privatanlegern und dessen Verbesserung. Nach Daxhammer und Mate (2017) sind Heuristiken eine der Hauptursachen dafiir, dass Privatanleger haufig nur begrenzt rational entscheiden und handeln. Als Konsequenz erzielen sie an der Bbrse haufig nicht die mbglichen Ertrage. Die Forschung zu mbglichen Lbsungsansatzen zur Verbesserung des Anlageverhaltens steht noch am Anfang. Als Ansatzpunkte zur Optimierung des Anleger-verhaltens sind die Vermittlung von Finanzwissen, die finanzielle Anlageberatung und die psy­chologische Beratung in Form eines Coachings denkbar.

Coaching erfreut sich zunehmender Beliebtheit und hat sich als Form der persbnlichen und beruflichen Weiterentwicklung etabliert. Auf Basis der Annahme, dass Menschen grundsatz-lich die Mbglichkeit haben sich selbstverantwortlich und selbststandig zu andern (Loebbert, 2013), kann ein Finanz-Coaching Privatanleger bei der Steuerung und Gestaltung von guten Handlungen und Entscheidungen untersttitzen. Der Schwerpunkt dieser Hausarbeit wird des-wegen auf der praktischen Anwendbarkeit der finanzpsychologischen Erkenntnisse, im Rah-men eines Finanz-Coachings, liegen. Das Coaching soil einen psychologisch fundierten Weg aufzeigen, der Veranderungsprozesse und persbnliche Weiterentwicklung ermbglicht, urn An-leger bei besseren Entscheidungen zu untersttitzen. Im Fokus steht hierbei die Entwicklung und Planung eines Finanz-Coachings fur eine Einzelperson. Das Coaching wird in Form einer Online-Intervention durchgefuhrt. Es soil den Prozess der bewussten Selbstwahrnehmung fbr-dern und Lern- sowie Selbstreflexionsprozesse einleiten, urn wirksame Veranderungspro­zesse zu ermbglichen. Die konkrete Forschungsfrage der Hausarbeit lautet: Auf welche Weise kann ein Finanz-Coaching, in Form einer Online-Intervention, gestaltet werden, urn zur be­wussten Selbstwahrnehmung anzuregen, mit dem Ziel das Anlageverhalten von Privatperso-nen zu verbessern?

1.2 Vorgehensweise

Um die Finanzentscheidungen von Anlegern im Rahmen eines Coachings zu verbessern, wer-den zunachst in Abschnitt 2 grundlegende Annahmen der Psychologie uber Entscheidungen unter Risiko erlautert. Im Anschluss folgt eine Darstellung der angewendeten Heuristiken in den einzelnen Phasen des Informations- und Entscheidungsprozesses. Hierfiirwird sich auf die verhaltenswissenschaftliche Forschung von Kahneman und Tversky (1979, 1984) sowie neuere Erkenntnisse der Behavioral Finance (Pompian, 2012; Daxhammer & Mate, 2017) be-zogen. Die Recherche zur Identifizierung haufiger Anlagefehler erfolgte uber Literaturdaten-banken. Anhand von Sekundarquellen wurden Primarquellen identifiziert und uber die Daten-banken Researchgate, EBSCOhost, JSTOR und ScienceDirect aufgerufen. Fur die Darstel­lung des aktuellen Forschungsstands wurden insgesamt 10 internationale Studien ausge-wahlt. Die finanzpsychologischen Erkenntnisse aus Abschnitt 2 bilden die Basis fur mbgliche Ansatzpunkte, zur Optimierung des Anlageverhaltens, im Rahmen des Finanz-Coachings.

In Abschnitt 3 erfolgt eine Abgrenzung des psychologischen Coaching- und Interventions-begriffs, gefolgt von den besonderen Charakteristika des Online-Coachings. Die Darstellung wirksamer Coaching-Modelle und Ansatzpunkte zur Prozessteuerung bilden die wissenschaft-liche Grundlage zur Gestaltung des Coaching-Konzepts in Abschnitt 4. Zur Eingrenzung und Systematisierung wurde psychologische Coaching-Literatur verwendet, die uber Springerlink und die Datenbank der Deutschen Nationalbibliothek aufgerufen wurde.

Zu Beginn von Abschnitt 4 wird ein Fallbeispiel eingeftihrt. Anhand der geschilderten Prob-lemsituation werden die einzelnen Phasen des Coachings geplant. Diese gliedern sich in die Phasen: Erstgesprach und Identifikation des Kernthemas, Zielbestimmung, Motivationskla-rung und Hypothesenfindung, Hypothesenprtifung und Exploration von Ressourcen, Ressour-cenaktivierung und Exploration von Lbsungsmbglichkeiten, Erstellung eines MaUnahmenplans und Durchftihrung sowie Evaluation und Ergebnissicherung.

AbschlieUend werden in Abschnitt 5 die Ergebnisse der Arbeit kurz zusammengefasst. In einem kritischen Fazit werden die Grenzen des konzipierten Finanz-Coachings aufgezeigt so­wie potenzielle, zuktinftige Forschungsfragen aufgeworfen.

2 Finanzpsychologische Erkenntnisse zum Anlageverhalten 2.1 Entscheidungen unter Risiko

Finanzentscheidungen von Privatanlegern kbnnen als riskantgekennzeichnet werden. Die de-skriptive Entscheidungsforschung zeigt, dass Menschen mit Entscheidungen unter Unsicher-heit Schwierigkeiten haben und vom bkonomischen Modell rationaler Entscheidungen abwei-chen (Gbbel, 2018). Kahneman und Tversky (1982) konnten nachweisen, dass diese Schwie­rigkeiten haufig aus Schwachen in derWahrnehmung, Verarbeitung und Bewertung von Infor-mationen resultieren. Ebenso geraten Menschen aufgrund widersprtichlicher Informationen und Meinungen bei vielen Entscheidungen in einen Zwiespalt, der sich in kognitiver Dissonanz auftern kann (Festinger, 1957). Urn letztendlich eine Entscheidung treffen zu kbnnen, miissen Alternativen abgewogen werden. Die Herausforderung besteht folglich darin, auf Basis einer Vielzahl an Informationen, eine eigene gute Entscheidung zu treffen. Urn die Komplexitat im Entscheidungsprozess zu reduzieren, nutzen Menschen deshalb verschiedene Mechanismen der Vereinfachung wie Heuristiken und Selektion (Schriek, 2008; Kahneman & Tversky 1979, 1984). Zentrale Erkenntnis der deskriptiven Entscheidungsforschung von Kahneman und Tversky (1979) ist, dass Entscheidungen unter Risiko viel komplexer und fehlbehafteter sind, als es nach der bkonomischen Erwartungsnutzentheorie zu erwarten ware. Das hat nach Kahneman und Tverksy (1979, 1984) mehrere Griinde, die im Rahmen ihrer Forschung auf-gezeigt wurden und im folgenden Abschnitt veranschaulicht werden.

2.2 Angewandte Heuristiken im Informations- und Entscheidungsprozess

Heuristiken sind auch fur Privatanleger ein hilfreiches Mittel bei der Entscheidungsvorberei-tung. Sie ermbglichen einen schnellen Uberblick tiber Alternativen und sind ein effizientes In­strument zur Verringerung der Optionen. Die Nutzung von Heuristiken erleichtert demnach die Entscheidungsfindung. Diese Vereinfachungen kbnnen jedoch auch zu systematischen Ver-zerrungen ftihren, die den Investmenterfolg von Privatanlegern schmalern (Daxhammer & Mate, 2017). Da durch die Verwendung von Heuristiken nicht alle verftigbaren Informationen in den Entscheidungsprozess einflieUen, kann dies zu suboptimalen Entscheidungen ftihren, die nicht im besten Interesse des Anlegers liegen.

Der Informations- und Entscheidungsprozess besteht grundsatzlich aus drei Phasen: Ers-tens, der Informationswahrnehmung. Zweitens, der Informationsverarbeitung und -bewertung. Drittens, der Entscheidungsfindung (Gbbel, 2018). Abbildung 1 gibt einen Uberblick iiber mbg-liche Heuristiken und Fehleinschatzungen in den einzelnen Phasen des Entscheidungspro-zesses.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Emotionale (E) und kognitive (K) Heuristiken beim Informations- und Entschei­dungsprozess.

2.2.1 Heuristiken bei der Informationswahrnehmung

Die Informationswahrnehmung dient der Reduktion von Risiken und bereitet den Entschei-dungsprozess vor. Die Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitungskapazitat von Men-schen ist nach Kahneman und Tversky (1979, 1984) begrenzt. Erschwerend kommt hinzu, dass es am Finanzmarkt eine sehr grofte Auswahl an Anlageprodukten gibt. Die Folge hiervon ist, dass sich viele Anleger in dieser ersten Phase mit der Komplexitat und Menge an Informa-tionen konfrontiert sehen und uberfordert sind. Es ist folglich davon auszugehen, dass viele Anleger unbewusst Heuristiken, wie die Verftigbarkeitsheuristik, nutzen, urn einen schnellen Uberblick uberdie grolJe Anzahl an Finanzprodukten zu erhalten. Neben derschlichten Menge an Informationen erschwert auch die Wahrscheinlichkeits- und Risikowahrnehmung die Infor-mationsaufnahme.

Nach Kahneman und Tversky (1979, 1984) haben Menschen haufig Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung und Einschatzung von Wahrscheinlichkeiten und entscheiden intuitiv statt rational. Infolge wird die Bedeutung von Informationen von der geschatzten, subjektiven Ein-trittswahrscheinlichkeit abhangig gemacht und objektive Wahrscheinlichkeiten nicht ausrei-chend berticksichtigt. Ebenso tiberschatzen Menschen die Eintrittswahrscheinlichkeit unwahr-scheinlicher Ereignisse und nehmen diese verstarkt wahr (Kahneman & Tversky, 1979, 1984). Aufgrund dieses Overestimation-Effekts rechnen Anleger haufig mit dem ungtinstigsten Fall, wie einer Finanzkrise.

Auch die eigene Risikowahrnehmung kann die Informationsaufnahme beeinflussen. Denn die subjektive Risikowahrnehmung wird nach der Prospect Theorie von vergangenen Gewin-nen und Verlusten beeinflusst (Kahneman & Tversky, 1979). Aufgrund dessen werden Infor­mationen auf Basis der eigenen Risikowahrnehmung nur selektiv wahrgenommen. Das kann sich darin auUern, dass bei zuvor erlebten Verlusten nur Informationen zu sicheren Anlagen aufgenommen werden.

Ebenso beeinflussen emotionale Heuristiken wie das Herdenverhalten die Informations­wahrnehmung (Daxhammer & Mate, 2017). Die Neigung zum Herdenverhalten kann dazu fuh-ren, dass Anleger sich von der Meinung und dem Verhalten anderer Anleger beeinflussen las-sen. Denn die breite Masse der Anleger folgt anderen Anlegern und tatigt die gleichen Invest­ments. Demzufolge haben externe Faktoren wie Medien, selbsternannte Bbrsenexperten, Freunde sowie Finanzberater einen grolJen Einfluss auf die Informationswahrnehmung und ftihren zu Verzerrungen.

Auch die Art und Weise wie Finanzinformationen dargestellt werden, kann zu Fehleinschat-zungen von Informationen ftihren. Nach Kahneman und Tversky (1979) werden die Entschei-dungen auch von der Darstellung eines Sachverhaltes beeinflusst. Der Darstellungseffekt kann verhindern, dassAnlegerZugang zu alien verftigbaren Informationen erhalten (Daxham-mer & Mate, 2017). Beispielweise bieten Finanzberater und Versicherungen, die auf Provisi-onsbasis arbeiten, haufig nurausgewahlteAnlageprodukte an.

2.2.2 Heuristiken bei der Informationsverarbeitung

Auch in der Phase der Informationsverarbeitung und -bewertung nutzen Anleger Heuristiken, die zu Fehleinschatzungen von Wahrscheinlichkeiten und Informationen sowie Fehleinschat-zungen der objektiven Realitat und der eigenen Fahigkeiten ftihren kbnnen (Kahneman & Tversky, 1982).

Die Fehleinschatzung von Wahrscheinlichkeiten wird haufig von Heuristiken wie der Anker-und Reprasentativitatsheuristik verursacht. Die Ankerheuristik fuhrt dazu, dass Anleger ihre Wahrscheinlichkeitseinschatzung auf einen Ankerpunkt beziehen und die Einschatzung in Richtung des Ankers verzerren. Dies aulJert sich beispielsweise darin, dass die Erwartungen von Anlegern haufig zu sehr an die Marktentwicklungen des Vorjahres angelehnt sind. Hier-durch werden neuere Informationen vernachlassigt (Daxhammer & Mate, 2017). Auch die Re­prasentativitatsheuristik fuhrt dazu, dass Anleger Wahrscheinlichkeiten falsch einschatzen und die Grundgesamtheit vernachlassigen. Sie schauen sich haufig nur die kurzfristige Perfor­mance eines Wertpapiers an und vernachlassigen die Langfristperformance (Daxhammer & Mate, 2017). Dadurch werden Informationen auf einerunzureichenden Datenmenge bewertet.

Die Fehleinschatzung der objektiven Realitat und Wahrscheinlichkeiten wird auch durch die Umkehr der Risikobereitschaft verursacht. Denn Anleger andern situationsabhangig ihre Risikoeinstellung. Im Rahmen der Prospect Theorie zeigen Kahneman und Tversky (1979), dass Menschen den Nutzen eines Ergebnisses (Gewinn/Verlust) relativ zu einem gewahlten Referenzpunkt bewerten. Folglich habe sie keine eindeutige Risikopraferenz. Aufgrund dessen verhalten sich Anleger in einer Gewinnsituation haufig risikoscheu und in Verlustsituationen risikofreudig. Dies erschwert den Aufbau einer konsistenten Risikopraferenz, die fur einen langfristigen Vermbgensaufbau hilfreich ist (Daxhammer & Mate, 2017).

Die Forschung zeigt auUerdem, dass Menschen ihre eigenen Fahigkeiten tiberschatzen (Kahneman & Tversky, 1979). Infolge der Selbsttiberschatzung bewerten Anleger ihre Prog-nosefahigkeit und Kompetenzzu hoch. Aufgrund dessen unterschatzen sie Risiken und setzen zu hohes Vertrauen in Prognosen. Als Folge der Selbsttiberschatzung kommt es haufig auch zur Kontrollillusion. Durch die tiberhbhte Selbsteinschatzung der eigenen Fahigkeiten haben Anleger das Gefiihl den Finanzmarkt kontrollieren zu kbnnen. Hierdurch werden Risiken falsch bewertet (Daxhammer & Mate, 2017).

2.2.3 Heuristiken bei der Investitionsentscheidung

Der finale Prozess einer Entscheidung ist haufig von kognitiver Dissonanz gepragt (Festinger, 1957). Infolge wird das emotionale Unbehagen gemindert, indem nur bestatigende Informati-onen gesucht und widersprechende Informationen verdrangt werden.

Ebenfalls neigen Menschen bei Entscheidungen unter Unsicherheit nach Kahneman und Tversky (1979) zu einer Verlustaversion und empfinden Verluste doppelt so schmerzhaft wie Gewinne. Dies verursacht bei Anlegern haufig den Dispositionseffekt. Infolge der Verlustaver­sion und der situationsabhangigen Anpassung der Risikoeinstellung halten Anleger in Verlust-situationen zu lange an Verliereraktien fest und verkaufen in Gewinnsituationen Gewinnerak-tien zu schnell (Daxhammer & Mate, 2017). Der Dispositionseffekt steht haufig in Zusammen-hang mit dem Besitztums- und Status-quo-Effekt sowie der Reueaversion. Infolge verharren Anleger haufig in Passivitat und treffen aufgrund der Angst vor Fehlentscheidungen und Ver-lusten keine Entscheidung (Daxhammer & Mate, 2017). In Konsequenz passen sie ihr Portfolio nicht an, obwohl dies aufgrund von Marktentwicklungen notwendig ware. Sie halten folglich zu lange an Investitionen fest, auch wenn diese Verluste mit sich bringen. Durch dieses zbgerliche Verhalten kann die Portfoliorentabilitat sinken.

Die Fehleinschatzung der eigenen Fahigkeiten verursacht bei der Entscheidungsfindung auch den Optimismus Effekt. Dieser beschreibt die Tendenz von Anlegern, die Marktentwick-lung positiver einzuschatzen, als sie tatsachlich ist. Dies kann zu renditeschadlichen Verhalten ftihren, indem tiberhbhte Risiken eingegangen werden. Auch der Rtickschau-Effekt fuhrt zu Fehleinschatzungen. Denn Anleger uberschatzen haufig ihre Fahigkeit Eintrittswahrscheinlich-keiten zu bestimmen. Sie reden sich im Nachhinein ein, dass die Situation offensichtlich und zugleich im Voraus nicht erkennbar war (Kahneman & Tversky, 1979). Ein anschauliches Bei-spiel hierftirfindet sich bei genauerer Betrachtung der Finanzkrise 2007. In der Retrospektive geben viele Anleger an, dass die Krise unausweichlich war. Dennoch investierten Anleger ver-starkt in die Sub-prime-Hypotheken bis die Spekulationsblase platzte (Daxhammer & Mate, 2017). Die tatsachliche Handlung und die retrospektive Bewertung decken sich nicht. Die An­leger sehen sich somit nicht als Mitverursacher der Finanzkrise, sondern als Opfer. Die feh-lende Einsicht infolge des Rtickschaueffekts kann folglich verhindern, dass Anleger aus ihren vergangenen Fehlern lernen.

In diesem Abschnitt wird deutlich, dass Anleger im Informations- und Entscheidungspro-zess Heuristiken nutzen, die zu Fehleinschatzungen und -entscheidungen ftihren kbnnen. Ei-nerseits beschleunigen diese mentalen Abktirzungen die Entscheidungsfindung. Andererseits ftihren sie zu einer selektiven Informationsaufnahme und -bewertung sowie Fehleinschatzun­gen von Wahrscheinlichkeiten und Uberschatzung der eigenen Fahigkeiten (Daxhammer & Mate, 2017). Die schadliche Wirkung der Heuristiken ist unterschiedlich stark. Dies liegt darin begrtindet, dass Heuristiken andere Heuristiken verstarken oder hervorrufen kbnnen. Die Selbstuberschatzung verstarkt beispielsweise den Uberoptimismus und die Kontro.usion.

Im folgenden Abschnitt wird nun betrachtet welche Fehler Privatanleger besonders haufig im Wertpapierhandel begehen und auf die mbglichen psychologischen Hintergrtinde einge-gangen.

2.3 Haufige Fehler von Privatanlegern

Im Wesentlichen kbnnen nach internationaler Finanzmarktforschung zwei haufige Anlagefeh-ler von Privatpersonen identifiziert werden: 1. UbermaGiges und kostenintensives Handeln durch verfolgen einer kurzfristigen Anlagestrategie und 2. Mangelnde Diversifikation (Barber & Odean, 2000, 2013; Hackethal, Meyer, Schmoltzi & Stammschulte, 2018; Anderson, 2003; Brad, Yi-Tsung, Yu-Jane & Odean, 2009).

2.3.1 Ubermafliges und kostenintensives Handeln

Statistiken und empirische Untersuchungen zeigen, dass die Mehrheit der Anleger den Markt nicht dauerhaft schlagt (Barber & Odean 2000, 2013; Brad et al., 2009). Im Gegenteil kostet die ubermaftige Handelsaktivitat viele Privatanleger sogar Rendite. Sie ist eine der Hauptur-sachen fur die Underperformance von Privatanlegern, die in in den USA durchschnittlich 3,4 Prozent p.a. (Barber & Odean, 2000) und in Deutschland sogar durchschnittlich 5 Prozent p.a. (Hackethal et al., 2018), gegentiber dem Gesamtmarkt, betragt. Anderson (2003) sowie Barber und Odean (2000) zeigen in ihren Untersuchungen, dass es einen Zusammenhang zwischen der unterdurchschnittlichen Rendite und der Handelshaufigkeitgibt. Desto hbherdie Handels­aktivitat, desto niedriger ist die Rendite der Anleger. Kurzfristiges und haufiges Trading verur-sacht demnach hohe Kosten und Privatanleger erzielen selten eine dauerhafte Overperfor-mance.

Studien zeigen zudem, dass Anleger eher eine kurzfristige als langfristige Investmentstra-tegie verfolgen (Barber & Odean, 2000, 2013; Thaler, Tversky, Kahneman, Schwartz, 1997). Eine mbgliche Ursache hierftir ist die Neigung von Anlegern die aktuelle Entwicklung ihres Depots haufig zu uberprufen. Durch dieses Verhalten sind sie aufgrund der Volatility der Wert-papiere auch haufiger mit Verlusten konfrontiert. Durch den Einfluss der Verlustaversion wer­den sie zu einem haufigen und verfrtihten Handeln verleitet, das sie Rendite kosten kann. Dieses Verhalten wird von Thaler et al. (1997) als Myopic Loss Aversion bezeichnet und steht fur die Kurzsichtigkeit im Anlagehorizont. Hervorzuheben ist auch, dass die Verlustaversion besonders dann steigt, wenn zuvor Verluste im Aktienhandel erlebtwurden (Barber & Odean, 2013). Die Entscheidungen von Privatanlegern werden also stark von vorangegangenen Er-fahrungen beeinflusst. Privatinvestoren bevorzugen Anlageprodukte mit denen sie zuvor schon einen Gewinn erzielten und meiden jene mit denen sie Verluste erzielten (Barber & Odean, 2013). Infolge investieren Anleger, abhangig von vorherigen Erfahrungen, bevorzugt in risikoarme oder risikoreiche Anlagen.

Die Verlustaversion kann auch verschiedene Heuristiken wie den Dispositions-Effekt her vorrufen. Sowohl das Verharren in Passivitat, infolge von Verlusten, als auch Aktionismus, in-folge von Gewinnen, kosten Rendite. Finanzwissenschaftliche Studien zeigen, dass der Dis-positionseffekt unter Privatanlegern weit verbreitet ist. Odean (2000) wies den Effekt fur ame-rikanische Anleger nach. Shapira und Venezia (2001) konnten inn auch unter israelischen An-legern beobachten. Die Verlustaversion und Umkehr der Risikoeinstellung kbnnen folglich bei einer aktiven Investment-Strategie die Rendite schmalern.

Auch die Tendenz zur Selbsttiberschatzung kann eine ubermaftige Handelsaktivitat verur-sachen. Viele Anleger schatzen ihre Fahigkeiten als tiberdurchschnittlich ein. Von dieser Selbsttiberschatzung sind sowohl Privatanleger als auch Experten betroffen (Deaves, Ltiders & Schroder, 2010). Infolge tiberschatzen Anleger die eigene Prognosefahigkeit und Finanz-kompetenz. Dies erhbht die Wahrscheinlichkeit von riskanten Entscheidungen und kann sich nachteilig auf die Rendite auswirken.

2.3.2 Mangelnde Diversifikation

Diversifikation, als Streuung des Risikos ubermehrereAnlageprodukte, Branchen und Lander, ist essentiell urn unnbtiges Risiko zu verringern (Markowitz, 1991). Studien zeigen, dass die Portfolios von Privatanlegern haufig nicht ausreichend diversifiziert sind und sie dadurch ihr Risiko unnbtig erhbhen (Goetzmann & Kumar, 2008; Anderson, 2003). Nach Barber und Odean (2000) halt beispielsweise derdurchschnittliche amerikanische Privatinvestornur4Ak-tien. Eine Studie im Auftrag des DAI (2014) zeigt auf, dass deutsche Anleger durchschnittlich 6 Aktien besitzen. 6 Prozent der befragten Anleger besitzen tiber 30 Aktien und nur 35 Prozent 1 bis 4 unterschiedliche Aktien (Pellens & Schmidt, 2014).

Eine mbgliche psychologische Erklarung fur die mangelnde Diversifikation ist die Verfiig-barkeitsheuristik, die haufig zu einem Home Biasfuhrt. Infolge derVerftigbarkeitsheuristik be­sitzen Anleger haufig Mitarbeiteraktien und/oderinlandische Aktien. Da diese Aktien presenter und vertrauter sind, werden sie haufiger als Anlageprodukt ausgewahlt. Dieses Verhalten wird als Home Bias bezeichnet. Durch den Home Bias wird das Portfolio allerdings nicht ausrei­chend diversifiziert. French und Porteba (1991) wiesen in einer internationalen Studie einen deutlichen Home Bias bei Privatanlegern nach. 98 Prozent der Japaner, 94 Prozent der Ame-rikanerund 82 Prozent der Briten investieren ausschlieUlich in inlandische Aktien. Ein GroUteil des Vermbgens wird folglich in Aktien des eigenen Landes investiert und dies erhbht durch die verringerte Streuung das Risiko.

Auf Grundlage der hier geschilderten Erkenntnisse ist zu vermuten, dass Anleger mit einer passiven und langfristigen Anlagestrategie, mit einem breit diversifizierten Portfolio, bessere Renditen erzielen und Fehler vermeiden.

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Details

Titel
Wie können Anlagefehler vermieden werden? Finanzpsychologische Erkenntnisse und die Optimierung des Anlageverhaltens
Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
38
Katalognummer
V584907
ISBN (eBook)
9783346189646
ISBN (Buch)
9783346189653
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anlageverhalten Optimierung Coaching Finanzpsychologie Intervention Finanzverhalten Verhaltenspsychologie Anlagefehler Behavioral Finance Wirtschaftspsychologie
Arbeit zitieren
Bettina Schäfer (Autor), 2018, Wie können Anlagefehler vermieden werden? Finanzpsychologische Erkenntnisse und die Optimierung des Anlageverhaltens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584907

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