Die Erwachsenenbildung, beziehungsweise Weiterbildung, erfährt gegenwärtig weitgreifende strukturelle Veränderungen. Immer mehr neue Formen und Orte der Weiterbildung entstehen, die nicht nur unter dem alleinigen Aspekt der Bildung zu fassen sind, sondern vielmehr Mischformen zwischen Bildung und Ökonomie, Bildung und Freizeit, Bildung und Kultur und anderen darstellen. Durch diese Pluralisierung der Weiterbildung werden ihre bisher grundlegenden Ab- und Ausgrenzungen nicht nur weiter hinausgeschoben, sondern sie lösen sich zunehmend auf. Es kann von einer Entgrenzung der Weiterbildung gesprochen werden. Die Ursachen, Ausmaße und Auswirkungen dieser Entwicklung werden im Rahmen dieser Hausarbeit erörtert. Die Entgrenzungstendenzen der heutigen Zeit entstehen aus der historisch begründeten institutionalisierten Form der Erwachsenenbildung. Ihre Geschichte wird deshalb zu Beginn stark verkürzt unter dem Gesichtspunkt der institutionellen Organisation dargestellt. In Kapitel 2.1 wird mit den Anfängen der Erwachsenenbildung im 18. Jahrhundert bis zur Zeit der Weimarer Republik begonnen. Kapitel 2.2 knüpft hieran an und beinhaltet ihre Entwicklung in der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre. Im nächsten Schritt folgt eine Erörterung von zwei gebräuchlichen Typologien der heutigen Erwachsenenbildung mit anschließender Problematisierung ihrer Darstellungsweise (vgl. Kapitel 2.3). Die Herausarbeitung des zentralistischgeschlossenen Ordnungskonzeptes der Weiterbildung ermöglicht es die aktuelle Entwicklung der Entgrenzung beziehungsweise Entstrukturierung im Folgenden darzustellen. Die Ausmaße dieser Entgrenzungsprozesse sind vielseitig wahrnehmbar und erschüttern fundamentale Annahmen der Erwachsenenbildung. Neue soziale Realitäten kommen in den Augenschein. Die Abgrenzung der Weiterbildung durch die institutionelle Form (vgl. Kapitel 3.1), die normative Orientierung an Bildung (vgl. Kapitel 3.2), sowie ihre Abgrenzung von der Lebenswelt (vgl. Kapitel 3.3) werden durch die neueren Entwicklungen zunehmend unschärfer.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichte und Struktur der Weiterbildung in Deutschland
2.1.Geschichte der Erwachsenenbildung bis 1933
2.2.Weiterbildung in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945
2.3.Strukturierungsmodelle der Weiterbildung
3. Ausmaße der Entgrenzung
3.1.Institutionelle Entgrenzung der Erwachsenenbildung
3.2.Entgrenzung der Perspektive auf Weiterbildung
3.3.Entgrenzung der Differenz zur Lebenswelt
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die gegenwärtigen Entgrenzungstendenzen der Weiterbildung in der Moderne. Dabei wird analysiert, wie sich traditionelle, institutionalisierte Bildungsformen zunehmend auflösen und in ein plurales, dezentriertes Feld übergehen, welches durch eine Verzahnung von Bildung, Alltag und verschiedenen Lebenswelten gekennzeichnet ist.
- Historische Entwicklung der Erwachsenenbildung in Deutschland.
- Strukturmodelle und Ordnungssysteme der Weiterbildung.
- Institutionelle Entgrenzung und neue Lernorte.
- Normative Entgrenzung der Perspektive auf Weiterbildung.
- Aufhebung der Differenz zwischen Weiterbildung und Lebenswelt.
Auszug aus dem Buch
3.1) Institutionelle Entgrenzung
Ein Großteil der Bildungs- und Lernprozesse Erwachsener findet in der heutigen Zeit nicht mehr an traditionellen Bildungsinstitutionen, wie den Volkshochschulen, den Berufsakademien, den Bildungswerken und den Familienbildungsstätten sondern jenseits professioneller Betreuung statt. Neben den Bibliotheken, Museen, Gedenkstätten und Theatern findet Erwachsenenbildung auch in sozialen Bewegungen (zum Beispiel in der Frauenschule, der Selbsthilfegruppe, der Stadtteilgruppe und dem Dritte-Welt-Laden) in der Arbeitsstelle (zum Beispiel in der „lernenden Organisation“) sowie in der der Freizeit (zum Beispiel in Fahr-, Tanz- und Sportschulen, Wein- und Benimmseminaren, Ausstellungen sowie politischen Magazinen und Talkshows im Fernsehen) statt. Kennzeichnend für die gegenwärtige Situation ist, dass man zu jederzeit und allerorts lernen kann und lernen soll (vgl. Kade 1997, S.20).
Die massenmediale Wissensvermittlung über die Presse, den Hörfunk, das Fernsehen und insbesondere die computerbezogene, multimediale Vermittlung von Wissen gewinnt zunehmend gegenüber den personalen Formen der professionellen Wissensvermittlung, sowohl kommerziell wie auch nicht kommerziell, an Gewicht. Man kann heutzutage beispielsweise Sprachen nebenbei im Bus, im Urlaub oder auch im Bett vor dem Schlafengehen lernen. Hierfür findet man im Einzelhandel oder auch im Internet zahlreiche mediale Sprachkurse in Form von Büchern, Computersoftware, Hör- und Video-Datenträger, welche eine direkte Konkurrenz zu den personellen und professionell betreuten Sprachkursen der Volkshochschulen darstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die weitgreifenden strukturellen Veränderungen in der Erwachsenenbildung und definiert das Ziel der Arbeit, die Ursachen und Ausmaße dieser Entgrenzungsprozesse zu erörtern.
2. Geschichte und Struktur der Weiterbildung in Deutschland: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Weg von den Anfängen der Erwachsenenbildung über die Nachkriegszeit bis hin zu den gängigen Strukturierungsmodellen nach.
3. Ausmaße der Entgrenzung: Der Hauptteil untersucht die Entgrenzung auf drei Ebenen: die institutionelle Ebene, die normative Perspektive und die Auflösung der Differenz zur alltäglichen Lebenswelt.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass eine zentralistisch-geschlossene Ordnung der Weiterbildung heute kaum noch haltbar ist und plädiert für eine offene, plurale Betrachtungsweise der zukünftigen Praxis.
Schlüsselwörter
Erwachsenenbildung, Weiterbildung, Entgrenzung, Strukturwandel, Institutionelle Bildung, Lebenswelt, informelles Lernen, nonformelle Bildung, Wissensvermittlung, Bildungsforschung, Pluralisierung, Modernisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit den aktuellen Entgrenzungstendenzen in der modernen Erwachsenen- und Weiterbildung, bei denen sich traditionelle Strukturen zunehmend auflösen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Bildungseinrichtungen, die Typologisierung der Weiterbildung und die zunehmende Vermischung von Bildungs- und Lebensweltbereichen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Ursachen, Ausmaße und Auswirkungen der "Entstrukturierung" der Weiterbildung darzustellen und zu zeigen, warum eine rein institutionelle Ordnung heute nicht mehr ausreicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Aufarbeitung erziehungswissenschaftlicher Literatur und Konzepte zur Erwachsenenbildung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse und eine detaillierte Untersuchung der institutionellen, normativen und lebensweltlichen Entgrenzungsprozesse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Entgrenzung, Erwachsenenbildung, Weiterbildung, Pluralisierung, Lernorte und der Wandel des Bildungsbegriffs.
Warum spielt die Volkshochschule in der Arbeit eine besondere Rolle?
Die Volkshochschule wird als historischer Prototyp der institutionalisierten Erwachsenenbildung herangezogen, an dessen Wandel sich der Prozess der Entstrukturierung besonders gut nachvollziehen lässt.
Was ist mit "normativer Entgrenzung" gemeint?
Dies beschreibt die Beobachtung, dass die Grenze zwischen pädagogisch "berechtigter" Bildung und allgemeinen, nicht explizit pädagogischen Lebensvollzügen (wie etwa in Tanzschulen oder durch Medienkonsum) zunehmend verschwimmt.
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- Tim Tjettmers (Author), 2006, Entgrenzungs- / Entstrukturierungstendenzen der Weiterbildung in der Moderne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58772