Die Auswirkungen von Noten auf Selektionsfunktion und Leistungsfeststellung. Akzeptanz und Aussagekraft


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 8

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Funktionen der Bewertung
2.1 Selektionsfunktion
2.2 Leistungsfeststellung

3. Noten in der Schule
3.1 Noten auf dem Prüfstand
3.2 Die Aussagekraft von Noten

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Die Bewertung der Schülerleistungen mit Ziffernnoten hat lange Tradition und konnte sich trotz der Kritik an ihnen bis heute als Bewertungsinstrument durchsetzen. Noten erfahren breite Akzeptanz bei Lehrern, Eltern und Schülern und kaum jemand kann sich eine Schule ohne Noten vorstellen. Die Frage ist, weshalb diese Art der Leistungsbeurteilung so großen Anklang in der Gesellschaft findet. Das kann damit zu tun haben, welches Ziel eine Bewertung haben soll. Sieht sich die Schule in aller erster Linie als Institution, die Bildung an die Kinder vermitteln will, so erwartet die Gesellschaft von der Schule, dass diese sie auf das spätere Leben vorbereitet, um ihnen bestmögliche Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bereiten. Denn in unserer heutigen Zeit hat der Beruf einen so hohen Stellenwert, dass er nicht mehr dem vorrangigen Ziel dient den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern zum Sinn der Existenz selbst wird (vgl. Jung 2013: 18). Der Schule kommt also die Aufgabe zu, die Kinder anhand ihrer Leistungen zu beurteilen, wobei Ziffernnoten als geeignetes Mittel dafür erscheinen, um den weiteren Lebensweg der Kinder zu bestimmen. Sie befindet sich somit im Dilemma, zwischen diesen beiden Funktionen einen Ausgleich zu finden. Dadurch ist ein „dialektisches Spannungsfeld“ zwischen Bildung und Qualifikation gegeben (Duncker 2007: 8). Um dieses Spannungsfeld aufzulösen, müsste man sich für eine dieser Funktionen entscheiden. Doch dies scheint nicht machbar zu sein, da ein solches Vorhaben nicht genügend Unterstützer finden würde. Auch Duncker sieht nicht die Möglichkeit nur eine der beiden Funktionen umzusetzen und stellt die These auf, dass „das Spannungsverhältnis von Bildung und Qualifikation nicht auf eine der beiden Seiten aufgelöst werden kann“ (ebd.:), und resultiert dann, dass „[d]ie Qualifikationsfunktion (…) droht den Bildungsauftrag (…) zu verdrängen (ebd.: 8). Während es bei der Bildungsfunktion darum geht, den Kindern neue Sichtweisen und Erkenntnisse der Welt nahe zu bringen, wobei die Zeit, die dafür benötigt wird weniger eine Rolle spielt, so verhält es sich bei der Qualifikationsfunktion anders. Bei dieser soll das Kind nämlich zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Kompetenzen vorweisen, die es zum Besuch einer weiterführenden Schule berechtigt. Daraus folgt, dass es eine gewisse Selektion geben muss, die es ermöglicht die Schüler auf verschiedene Schulformen aufzuteilen, was von entscheidender Bedeutung für den weiteren Lebensweg der Kinder ist. Denn ist einmal eine Entscheidung getroffen, welche Schulform man besucht, so lässt sich schon mit großer Wahrscheinlichkeit der weitere berufliche Werdegang des Kindes vorhersagen. So schreibt Valtin:

Aufgrund der Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems und seiner (…) relativ geringen Durchlässigkeit wird vor allem die Grundschule zu einem Ort, an dem gute Zensuren und gute Zeugnisse eine große lebensgeschichtliche Bedeutung bekommen (Valtin 2002: 11).

Durch diese Bedeutung, die der Benotung zukommt, steigt auch der Druck bei allen Beteiligten. Während die Lehrer darauf bedacht sind die Noten gerecht zu verteilen, so versuchen die Schüler gute Ergebnisse zu erzielen, um Anerkennung und Lob zu erhalten, wohingegen die Eltern das Ziel verfolgen ihren Kindern gute Startchancen im Leben zu sichern..

Diese Arbeit soll sich kritisch mit der Vergabe von Zensuren beschäftigen und die Frage aufwerfen, inwiefern Noten überhaupt in der Schule notwendig oder ob sie nicht eher schädlich für die Schüler sind. Doch zunächst soll auf die Funktionen der Bewertung eingegangen werden.

2. Funktionen der Bewertung

Der Bewertung werden verschiedene Funktionen zugeordnet. Nachfolgend soll sich mit der Selektionsfunktion und der Funktion zur Feststellung der Leistung beschäftigt werden.

2.1 Selektionsfunktion

Eine Funktion der Noten ist die Selektionsfunktion. So sollen die Kinder anhand ihrer schulischen Leistungen beurteilt werden, ob sie die an sie gestellten Anforderungen erfüllen können. Genügt ein Kind nicht den Leistungsanforderungen, das seinem Alter entspricht, so muss es womöglich die Klasse wiederholen oder es wird schon vorher zurückgestellt. Diese Praxis ist umstritten, denn sie trägt nicht dazu bei, dass das Kind sich durch diese Maßnahmen in seiner Leistung verbessert. So stellt auch der Grundschulverband fest, dass in vielen anderen Ländern Selektionsentscheidungen wie, Sitzenbleiben, Zurückstellung oder Überweisung an Sonderschulen seltener erfolgen, wobei die meisten dieser Länder im internationalen Vergleich mit Deutschland besser abschneiden (vgl. Grundschulverband 2006: 13). Als Beispiel kann hier Südtirol genannt werden, das in PISA-2003 gute Ergebnisse erzielt hat und sogar Bayern im Lesen und Mathematik übertrumpft hat, obwohl es dort kein Sitzenbleiben oder Ziffernnoten gibt (vgl. ebd.: 60). Das ist ein Beleg dafür, dass es durchaus möglich ist, Kinder mit etwaigen Schwächen in die Klasse zu integrieren, ohne sie auszusondern, jedoch bedarf es dafür an notwendigen Ressourcen. Diese werden aber nur bereitgestellt werden, wenn es zu einem Umdenken in der Schulpolitik kommt und die Möglichkeit zur Aussonderung abgeschafft wird. Selektionsentscheidungen auf so früher Ebene können nachhaltigen Schaden für die Karriere eines Kindes bedeuten, vor allem dann, wenn es durch diese Entscheidung stigmatisiert wird. Solch ein System, in dem Kinder in „gute“ und „schlechte“ Schüler eingeteilt werden, wird seiner Aufgabe nicht gerecht die Schüler bestmöglich zu fördern, sondern produziert zwangsläufig Gewinner und Verlierer (vgl. Ramseger 1999: 39). Dabei sollte es bei der Leistungsbeurteilung vorrangig um die Rückmeldefunktion gehen, um den Kindern ihren Leistungsstand aufzuzeigen (vgl. Arnold / Jürgens 2001: 15). Und zusätzlich sollte beachtet werden, dass die Rückmeldung nur erfolgreich sein kann, wenn sie das Kind über seine Stärken und Schwächen informiert und, was entscheidend ist, auch auf Lern- und Fördermöglichkeiten hinweist (vgl. Grundschulverband 2006: 52). Doch leider ist es zu oft so, dass bei der Rückmeldung die Bewertung in den Vordergrund tritt (vgl. ebd.). Das kann damit zusammenhängen, dass eine andere Funktion einen höheren Stellenwert einnimmt, und zwar die Selektionsfunktion. Dazu schreiben Arnold und Jürgens:

Die Klassifizierungs- und Auslesefunktion ist demnach die andere Funktion, und sie ist es, der die Schule hauptsächlich ihren zweifelhaften Ruf verdankt, weil sie damit zur sozialen Verteilungsinstanz für Lebens- und Berufschancen des Einzelnen wird. (Arnold / Jürgens 2001: 15)

Vor allem das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland trägt zum Selektionsdruck bei. Denn am Ende der vierten Klasse gibt die Lehrerin eine Empfehlung ab, welche weiterführende Schule das Kind besuchen soll, diese ist zwar nicht in allen Bundesländern verpflichtend einzuhalten, jedoch übt sie einen großen Einfluss bei der Schulwahl der Eltern aus. Und auch die ausgesuchte Schule wird sich bei einer unpassenden Empfehlung nicht sonderlich empfänglich zeigen. Obwohl die Schulempfehlung erst zum Ende der Grundschulzeit ausgesprochen wird, so kann sie schon zu beginn der Schulzeit negative Auswirkungen zeigen. Keller schreibt dazu: „Die bevorstehende Grundschulempfehlung in der vierten Klasse überschattet mitunter schon Jahre vorher die Schulzeit und das Lernen des Kindes“ (Keller 2012: 19). Als Beispiel nennt sie eine Lehrerin, die schon in der ersten Klasse den schwachen Schülern mit einer negativen Schulempfehlung droht, sollten sie sich nicht schon jetzt mehr Mühe geben (vgl. ebd.). Ein solcher Druck kann nicht förderlich fürs Lernen sein und sollte deswegen vermieden werden.

Solange es nicht zu einer elementaren Veränderung des deutschen Schulsystems kommt, bei dem nach vier Jahren Grundschulzeit eine Entscheidung getroffen werden muss, welche weiterführende Schule man besuchen darf, solange wird dieser Selektionsdruck bestehen bleiben. Doch heutige Realität ist, „dass schulische Bildung trotz aller pädagogischen Zielsetzungen zwangsläufig immer einen selektiven Charakter annimmt und damit früher oder später zur Verteilungsinstitution für Lebenschancen und Positionen wird. Diese selektive Funktion zieht eine soziale Leistungsnormierung zwischen den Schülern nach sich, die oft genug Härten und Ungerechtigkeiten mit sich bringt“ (Jung 2013: 109).

Da es kein Verfahren gibt, das Leistungen genau erfasst, die objektiv, valide und verlässlich sind, kann man diese Erhebungen auch nicht dazu nutzen, um über die Zukunft der Kinder zu entscheiden, sondern muss sich stärker mit diesem Thema befassen, um bessere Verfahren zu entwickeln (vgl. Grundschulverband 2006: 52). Es ist problematisch, von der mangelnden Güte der Noten zu wissen und trotzdem darauf basierend Selektionsentscheidungen zu treffen (vgl. Winter 2004: 46).

2.2 Leistungsfeststellung

In unserer heutigen Zeit tritt ein besonderer Begriff hervor, der große Auswirkungen auf die moderne Gesellschaft hat und somit auch vor der Schule nicht Halt macht, nämlich der Begriff der Leistung. In einer Leistungsgesellschaft soll nicht der ökonomische oder soziale Status einer Person dessen Position in der Gesellschaft bestimmen, sondern allein die erbrachte Leistung. Zu früheren Zeiten konnten nur Personen höhere Ämter bekleiden, die eine edle Abstammung vorzuweisen hatten, ansonsten blieb ihnen der Zugang dazu verwehrt. Durch die Abkehr von dieser aristokratischen Sichtweise zur meritokratischen, bei der die Leistung allein eine Rolle spielt, ergibt sich nun eine grundsätzliche Chancengleichheit für alle, weil das Schicksal eines Menschen nicht mehr mit der Geburt festgelegt wurde, sondern durch sein Einwirken verändert werden konnte. Dieser Entwicklung sollte man positiv entgegentreten und anerkennen. Jedoch muss erwähnt werden, dass auch in einer Leistungsgesellschaft nicht immer die Leistung allein gewertet wird, sondern andere Faktoren eine Rolle spielen, was den meritokratischen Gedanken in der Realität relativiert. Denn bei Bewertungen überlagern oft andere Faktoren wie die soziale Herkunft die Leistungsbeurteilung, welche eigentlich keine Rolle spielen sollte (vgl. Grundschulverband 2006: 59). Zusätzliche Faktoren können auch sein: „[u]nterschiedliche Maßstäbe, aber auch sachfremde Gesichtspunkte wie Sprachstil oder Sozialverhalten (…) bzw. persönliche Sympathien der Lehrperson“ (vgl. Grundschulverband: 26).

Weitere Probleme können in einer Leistungsgesellschaft entstehen, nämlich dann, wenn der Leistungsbegriff zu eng definiert wird. Das passiert auch in der Schule, wenn ihre Leistungserwartungen nicht mit denen der Schüler übereinstimmen, denn nicht das gesamte Können eines Schülers geht in die Bewertung mit ein, sondern nur ein kleiner Teil der schulisch relevant ist, bei Schülern mit wenig Erfolg in der Schule kann das zu einem negativen Selbstbild beitragen (vgl. Speck-Hamdan 2004: 57). Auch Jung stellt diesbezüglich fest, „dass schulische Lernsituationen und Leistungsforderungen strukturell niemals die ganze Fülle menschlichen Lernens und Leistens abzubilden oder aufzugreifen vermögen, sondern immer eine Beschränkung auf den gesellschaftlich akzeptierten und eingeführten Bildungskanon bedeuten“ (Jung 2013: 35).

Ein solch enger Leistungsbegriff kann dazu beitragen, die Freude und Motivation eines Schülers Leistung zu erbringen, auf ein Minimum zu senken (vgl. Speck-Hamdan 2004: 57).

Geht man zusätzlich von einem einheitlichen Leistungsstand in der Klasse aus, so wird man die meisten Kinder zwangsläufig über- oder unterfordern, weil nur wenige Kinder auf der Stufe dieses Leistungsstands sind, was sich ebenso negativ auf die Leistung auswirkt (vgl. Brosch 1999: 33).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen von Noten auf Selektionsfunktion und Leistungsfeststellung. Akzeptanz und Aussagekraft
Hochschule
Universität zu Köln
Note
8
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V587999
ISBN (eBook)
9783346191366
ISBN (Buch)
9783346191373
Sprache
Deutsch
Schlagworte
akzeptanz, aussagekraft, auswirkungen, leistungsfeststellung, noten, selektionsfunktion, schulnoten, ziffernnoten, note schule, Zensur, Schulzensuren, bewertung schule, leistungsbewertung schule, noten prüfstand, zensuren prüfstand, prüfstand, selektionsfunktion noten, selektionsfunktion zensur, aussagekraft noten, noten nötig, existenz noten, sind noten, sind zensuren, sind bewertugen, leistungsfeststellung selektionsfunktion, noten schule, schule zensuren, note zensur, schulnoten aussagekraft, zensuren nötig, bewertung noten, leistung noten, noten wieder, noten leistug, noten bewertung, schule bewertung, schule leistungsfeststellung, lehrer noten, schüler noten, lehrer zensuren
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Anonym, 2016, Die Auswirkungen von Noten auf Selektionsfunktion und Leistungsfeststellung. Akzeptanz und Aussagekraft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/587999

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