In der Literaturwissenschaft scheint die Gattungsbestimmung des Zauberbergs eine schwierige Angelegenheit darzustellen. Eine große Anzahl von Literaturwissenschaftlern haben sich bereits mit dieser Thematik auseinandergesetzt, allerdings ohne zu einem eindeutigen, für alle verbindlichen Ergebnis bei der Kategoriezuweisungen des Romans zu kommen. Vielfältige Interpretationsmodelle sind so im Laufe der Jahre entstanden. Jürgen Scharfschwerdt schreibt hierzu: „Überblickt man […] die bisher erschienene Literatur, so erweist sich sehr schnell, dass die Unterschiede zwischen den vorliegenden Ergebnissen wohl nicht größer gedacht werden können.“
Die Deutungen reichen von einer Erneuerung, bis hin zu einer absoluten Parodie des Bildungsromans. Aber auch andere Interpretationen, unabhängig von dem Genre der Bildung, werden unternommen. Einige sprechen von einem Gesellschafts-, andere von einem Zeit- und wiederum manche von einem Entwicklungsroman. Bestimmte Tendenzen lassen sich in dem Werk von Thomas Mann für jede Auslegung finden und so wurden „fast alle Möglichkeiten der Deutung für Thomas Manns Zauberberg verbindlich zu machen gesucht.“
Bereits 1921, also noch während der Arbeit an seinem Werk, hat Thomas Mann den Zauberberg als einen „Bildungsroman“ bezeichnet. Entsprechende Bemerkungen lassen sich häufiger finden. Auch wenn die Forschung diese Aussagen Manns zunächst dankbar aufnahmen und eine Reihe von Interpreten somit den Zauberberg zu den Bildungsromanen rechneten, wurde dieser Gattungsbezeichnung vielfach, wie bereits erwähnt, widersprochen.
Diese Arbeit wird das Interpretationsmodell des Autors aufgreifen und versuchen diese Gattungszuordnung im Laufe der Arbeit zu rechtfertigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Bildungsroman – Eine Gattungsbestimmung
2.1 Herkunft und Definition des Begriffs `Bildungsromans´
2.2 Entstehungsgeschichte der Romanart
2.3 Exkurs zu Wilhelm Meisters Lehrjahre als `Prototyp´ des deutschen Bildungsromans
2.4 Konstante Grundstrukturen der Romanart
3. Der Zauberberg ein Bildungsroman?
3.1 Gattungsbestimmung des Zauberbergs
3.2 Erneuerung des Bildungsromans
3.2.1 Der Bildungsroman im Zeitroman
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" als Bildungsroman klassifiziert werden kann, und analysiert dabei den Versuch des Autors, diese klassische Gattung im Kontext des 20. Jahrhunderts zu erneuern und durch zeitgeschichtliche Einflüsse zu modifizieren.
- Gattungsgeschichte und Definition des Bildungsromans
- Vergleich der Grundstrukturen mit Goethes "Wilhelm Meister"
- Entwicklung des Protagonisten Hans Castorp im Sanatorium
- Wechselspiel zwischen Bildungs- und Zeitroman
- Die Rolle des Erzählers und die Bedeutung der Humanität
Auszug aus dem Buch
3.1 Gattungsbestimmung des Zauberbergs
Im Folgenden soll nun versucht werden allgemeine Charakteristika der Bildungsromane mit dem Zauberberg zu vergleichen. Da die Gattung der Bildungsromane nicht durch eine poetologische Definition geprägt wird, sondern eher durch einen Prototyp, wird sich die Untersuchung auch an diesem orientieren.
Mit Blick auf Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre hat Michael Neumann in seiner Abhandlung über den Zauberberg ein aus fünf Thesen bestehendes Muster für den Aufbau eines Bildungsromans entwickelt.
1. Das Thema des Bildungsromans ist der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Hier besteht ein Unterschied zum biographischen Roman, da der Bildungsroman nicht in der `Kinderstube´ des Helden beginnt.
2. Dieser Übergang erfolgt nicht in einem Schritt, sondern führt den Protagonisten durch eine Welt, in der Ordnung und Konventionen der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, weitestgehend außer Kraft gesetzt sind.
3. Der Bildungsweg des Protagonisten durchläuft mehrere Stationen: Abkehr von der Heimat, Bildung in der Fremde und schließlich die gesteigerte Rückkehr.
4. Zahlreiche Erfahrungen von Tod und Neugeburt führen zu einem neuen Leben.
5. Den gesamten Bildungsroman durchzieht ein Geflecht von Initiations-Metaphern und -Symbolen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Schwierigkeit der Gattungsbestimmung des "Zauberbergs" und stellt den Anspruch auf, Thomas Manns eigene Einordnung als Bildungsroman zu rechtfertigen.
2. Der Bildungsroman – Eine Gattungsbestimmung: Dieses Kapitel definiert die historischen Merkmale des Bildungsromans, insbesondere unter Rückgriff auf Wilhelm Dilthey und den Prototyp von Goethes "Wilhelm Meister".
3. Der Zauberberg ein Bildungsroman?: Hier findet die eigentliche Analyse von Manns Werk statt, wobei die Entwicklung Hans Castorps anhand der Kriterien für Bildungsromane geprüft und der Wandel zum Zeitroman diskutiert wird.
4. Fazit: Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der "Zauberberg" wesentliche Merkmale des Bildungsromans erfüllt, diese jedoch aufgrund der zeitgeschichtlichen Umstände des frühen 20. Jahrhunderts ironisch gebrochen und modernisiert sind.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Der Zauberberg, Bildungsroman, Hans Castorp, Wilhelm Meister, Gattungsbestimmung, Zeitroman, Humanität, Initiations-Symbolik, Moderne, Literaturgeschichte, Romanstruktur, Individuum, Gesellschaft, Bildsamkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Gattungszugehörigkeit von Thomas Manns "Der Zauberberg" und untersucht, inwiefern der Roman als Bildungsroman im Sinne der literarischen Tradition verstanden werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Definition des Bildungsromans, der Vergleich mit Goethes "Wilhelm Meister", die Analyse der Romanfiguren sowie die Einordnung als Zeitroman.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Gattungszuordnung des "Zauberbergs" zu rechtfertigen, indem Manns Versuch einer Erneuerung der klassischen Bildungsidee im Kontext des gesellschaftlichen Verfalls nachgewiesen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die auf theoretischen Definitionen des Bildungsromans basiert und diese strukturell mit der Handlung und den Motiven des "Zauberbergs" abgleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entstehung des Gattungsbegriffs, der Anwendung eines fünfstufigen Strukturmodells nach Michael Neumann auf den "Zauberberg" und der Verschränkung von Bildungs- und Zeitroman.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Zentrale Begriffe sind Bildungsroman, Hans Castorp, Humanität, Gattungsgeschichte und die Dialektik von Leben und Tod.
Wie unterscheidet sich die Bildung bei Hans Castorp von der bei Wilhelm Meister?
Während Wilhelm Meister eine klassische Entwicklung durchläuft, ist Castorps Bildungsweg durch die hermetische Isolation des Sanatoriums und den Untergang der bürgerlichen Welt geprägt, was eine klassische Rückkehr in die Gesellschaft unmöglich macht.
Welche Rolle spielt der Erzähler in der vorliegenden Analyse?
Der Erzähler wird als lenkende Instanz verstanden, die den Leser durch die komplexe Dialektik führt und die Erkenntnisse vermittelt, die der Protagonist selbst nur in Ansätzen erfassen kann.
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- Sebastian Gottschalch (Autor), 2005, Thomas Manns "Der Zauberberg" - Ein Bildungsroman?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58964