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Massensterben und Massenvernichtung sowjetischer Kriegsgefangener. Das Stalag 305 in der Ukraine 1941-1944

Title: Massensterben und Massenvernichtung sowjetischer Kriegsgefangener. Das Stalag 305 in der Ukraine 1941-1944

Thesis (M.A.) , 2000 , 55 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Christian Möller (Author)

History of Germany - National Socialism, World War II
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Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war der Beginn eines Krieges von noch nie gekanntem Ausmaß. Eine Reihe von Erlassen und Anordnungen, die vor Kriegsausbruch ergingen, belegen die deutsche Haltung im „Fall Barbarossa“: Der Gegner sollte nicht nur aus dem Felde geschlagen, sondern physisch vernichtet werden. Hieraus ergab sich eine gänzlich neue Qualität der Kriegführung, die vom Obersten Befehlshaber bis hinunter zum einfachen Soldaten größtmögliche Akzeptanz der Vernichtungspläne voraussetzte. Die systematische Vernichtung von mindestens zwei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener durch Wehrmachtsteile stand jedoch lange Zeit im Schatten der Vernichtung der europäischen Juden, sie stellt einen „vergessenen Holocaust“ dar.

Der Autor hat im vorliegenden Werk erstmals eine eingehende Untersuchung des Lageralltags und die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen in der Ukraine vorgelegt. Als Quelle nutzte er die Akten „Strafsache Stalag 305 Adabasch“ der Staatsanwaltschaft Hannover aus dem Jahr 1968. Bisher waren es hauptsächlich Juristen, die Material aus der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von nationalsozialistischen Gewaltverbrechen in Ludwigsburg bearbeitet und veröffentlicht haben. Leider haben viele Historiker die sog. „NS-Prozesse“ bislang außer Acht gelassen und damit die Ergiebigkeit dieser Prozesse als historische Quelle nicht beachtet.

Dabei boten die Strafprozessakten dem Autor interessantes Material: Der Angeklagte war als Kompaniechef im Landesschützenbataillon 783 mit der Bewachung des Stalag 305 beauftragt. Hier waren es Wehrmachtssoldaten, die in den Jahren 1941 bis 1944 an Einzel- und Massenerschießungen von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten beteiligt waren.
Anhand detaillierter Zeugen- und Täteraussagen hat der Autor die Situation im Stalag 305 rekonstruiert und folgende Fragen untersucht: Wie war die Organisation des Kriegsgefangenenwesens in der Ukraine aufgebaut? Welche Anweisungen über die Behandlung von Kriegsgefangenen hatten die Soldaten des Stalag 305 und des Landesschützenbataillons 783? Wie und von wem wurden Juden und Kommissare erkannt und ausgesondert? Erfolgte eine Zusammenarbeit mit dem SD? Wer erschoss die sowjetischen Gefangenen und Juden? Wurde immer auf Befehl gehandelt oder auch willkürlich gemordet? Gab es Verweigerungen? Lassen die Aussagen ein Psychogramm der Täter zu, waren sie Psychopathen oder ganz normale Männer?

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Quellenlage

1.1 Strafprozeßakten als historische Quelle

2. Die Organisation des deutschen Kriegsgefangenenwesens

2.1. Das Kriegsgefangenenwesen im „Fall Barbarossa“

3. Verbrecherische Befehle und Richtlinien

3.1 Richtlinien für eine Zusammenarbeit mit dem Reichsführer SS

3.2 „Kommissarbefehl“, „Kriegsgerichtsbarkeitserlaß“ und „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Rußland“

4. Der Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die Durchführung der verbrecherischen Befehle

4.1 Die Verschärfung der Befehle

4.2 Die allgemeine Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen

4.3 Die Zusammenarbeit mit dem SD in den besetzten Gebieten

4.4 Die (Unter)Ernährung der Kriegsgefangenen

4.5 Das Massensterben der Gefangenen im Winter 1941/42

4.6 Geplanter Arbeitseinsatz im Reichsgebiet und Verschärfung der Lebenssituation der Kriegsgefangenen 1941 bis 1943

5. Das Stalag 305 – Ein exemplarisches Gefangenenlager in der Ukraine/Sowjetunion?

5.1 Die Organisation von Stalag 305

5.1.1 Das Hauptlager

5.1.2 Die Außenlager

a. Gefängnis Kirowograd

b. Adabasch

5.1.3 Bewachung durch das Landesschützenbataillon 783

5.2 Die Lebensverhältnisse in den Lagern rund um Kirowograd

5.2.1 Die Situation im Lager Kirowograd

5.2.2 Die Situation im Außenlager Adabasch

5.2.3 Die Ernährungslage im Stalag 305

5.3 Die Aussonderung von Kommissaren und jüdischen Kriegsgefangenen

5.3.1 Im Lager Kirowograd

5.3.2 Im Lager Adabasch

5.4 Massenexekution im Lager Adabasch – Ein konkretes Beispiel

5.5 Weitere Erschießungen im Stalag 305

5.5.1 Kirowograd

5.5.2 Gefängnis Kirowograd

5.5.3 Kriegsgefangenenlazarett von Kirowograd

5.5.4 Adabasch

5.6 Zusammenarbeit mit dem SD – Exekutionen jüdischer Zivilisten in Kirowograd und Winniza

5.7 Die Personen

5.7.1 Die Opfer

5.7.2 Die Täter

a. Der Befehlsgeber

b. Der Ausführende

c. Die „Erfüllungsgehilfen“

5.7.3 Die Gaffer und Zuschauer

5.7.4 Die Verweigerer

5.8 Das Ergebnis

6. Schlußwort

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener im Stalag 305 in der Ukraine während der Jahre 1941 bis 1944. Im Zentrum steht die Frage, inwieweit die systematische Vernichtungspolitik des NS-Regimes durch Wehrmachtseinheiten vor Ort umgesetzt wurde und welche Rolle die beteiligten Akteure – von den Befehlsgebern bis zum Wachpersonal – dabei spielten.

  • Struktur und Organisation des deutschen Kriegsgefangenenwesens im „Fall Barbarossa“.
  • Die Rolle verbrecherischer Befehle (Kommissarbefehl, Kriegsgerichtsbarkeitserlaß) bei der Radikalisierung des Vernichtungskrieges.
  • Detaillierte Analyse der Lebens- und Sterbensverhältnisse im Stalag 305 und dessen Außenlagern.
  • Untersuchung von Massenexekutionen und der systematischen Aussonderung jüdischer Gefangener und Kommissare.
  • Psychogramm und Handlungsspielräume der Täter sowie das Phänomen der „Verweigerer“.

Auszug aus dem Buch

1. Einleitung und Quellenlage

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war der Beginn eines Krieges von noch nie gekanntem Ausmaß. Sämtliche völkerrechtlichen Regeln für den Krieg wurden von der Wehrmacht außer Acht gelassen. Die deutschen Absichten waren jedoch von vornherein gekennzeichnet durch größte Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Militär des Gegners und seiner Zivilbevölkerung. Eine Reihe von Erlassen und Anordnungen, die vor Kriegsausbruch ergingen, belegen die deutsche Haltung im „Fall Barbarossa“: Der Gegner sollte nicht nur aus dem Felde geschlagen, sondern physisch vernichtet werden.

Hieraus ergab sich eine gänzlich neue Qualität der Kriegführung, die vom Obersten Befehlshaber bis hinunter zum einfachen Soldaten größtmögliche Akzeptanz der Vernichtungspläne voraussetzte. Willige Helfer fanden sich jedoch sowohl im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), als auch in untergeordneten Kommandoebenen. Bereitwillig wurden Pläne erarbeitet und schließlich auf grausame Art und Weise in die Tat umgesetzt. Leidtragende waren in erster Linie die sowjetischen Kriegsgefangenen und die sowjetische Zivilbevölkerung.

Die systematische Vernichtung von mindestens zwei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener durch Wehrmachtsteile stand jedoch lange Zeit im Schatten der Vernichtung der europäischen Juden, sie stellt einen „vergessenen Holocaust“ dar. Die Masse der Gefangenen starb an Unterversorgung oder an Krankheiten aufgrund der katastrophalen Lebensverhältnisse in den Lagern, zudem wurden etwa 600.000 Gefangene im Zuge der Aussonderungsmaßnahmen von Sonderkommandos der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes (SD) erschossen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung und Quellenlage: Darstellung des kriegsgeschichtlichen Kontextes und die Bedeutung der Strafprozeßakten als bisher kaum genutzte historische Primärquelle.

2. Die Organisation des deutschen Kriegsgefangenenwesens: Analyse der strukturellen und administrativen Gliederung der Wehrmachtverwaltung und ihrer Befehlsketten bezüglich der Kriegsgefangenen.

3. Verbrecherische Befehle und Richtlinien: Untersuchung der ideologischen Grundlagen und der konkret erlassenen Befehle, die die rechtliche Grundlage für den Vernichtungskrieg bildeten.

4. Der Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die Durchführung der verbrecherischen Befehle: Beschreibung des Feldzuges und der sukzessiven Verschärfung der Behandlung der Gefangenen bis hin zum Massensterben.

5. Das Stalag 305 – Ein exemplarisches Gefangenenlager in der Ukraine/Sowjetunion?: Detaillierte Fallstudie zur internen Organisation, den katastrophalen Lebensbedingungen und der Täterschaft im Bereich Kirowograd.

6. Schlußwort: Zusammenfassende Betrachtung über das Scheitern humanitärer Bemühungen angesichts einer auf Vernichtung ausgerichteten Ideologie.

7. Quellen- und Literaturverzeichnis: Aufstellung der genutzten Bibliographien, unveröffentlichten Archivbestände und wissenschaftlichen Fachliteratur.

Schlüsselwörter

Stalag 305, Wehrmachtsverbrechen, Vernichtungskrieg, Kriegsgefangene, Sowjetunion, Kommissarbefehl, Holocaust, Kirowograd, Adabasch, SD, Landesschützenbataillon 783, Aussonderung, Nationalsozialismus, Besatzungspolitik, Strafprozeßakten

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit?

Die Arbeit untersucht die systematische Behandlung und Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener durch die Wehrmacht, exemplarisch dargestellt anhand des Stalag 305 in der Ukraine.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Themen sind die administrativen Strukturen der Wehrmacht, die Rolle verbrecherischer Befehle, die katastrophalen Lebensbedingungen in den Lagern, Massenexekutionen und die moralische sowie psychologische Verfassung der beteiligten Soldaten.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, die Verantwortung der Wehrmacht für die Verbrechen an Kriegsgefangenen auf Basis detaillierter Prozessakten nachzuweisen und zu zeigen, dass dies kein Randphänomen, sondern Teil einer systematischen Politik war.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor nutzt eine historisch-kritische Analyse von Primärquellen, insbesondere von bis dato unbeachteten Strafprozessakten der Staatsanwaltschaft Hannover, kombiniert mit einer Auswertung der einschlägigen wissenschaftlichen Fachliteratur.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der übergeordneten Befehlsstrukturen und eine detaillierte Fallstudie des Stalag 305, inklusive der Organisation, der Lebensverhältnisse, der Aussonderungen und der Erschießungen.

Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie Vernichtungskrieg, Stalag 305, Wehrmachtsverbrechen, ideologische Indoktrination und Massensterben charakterisiert.

Welche Bedeutung hat das Stalag 305 für die Forschung?

Es dient als exemplarisches Fallbeispiel für die Zustände in den Gefangenenlagern der Ukraine und zeigt, dass die Mitwirkung der Wehrmacht an Tötungen weitaus ausgeprägter war, als in früheren Forschungsständen angenommen.

Wie ging der Autor mit der Täterperspektive um?

Durch die Auswertung umfangreicher Zeugen- und Täteraussagen aus NS-Prozessen gelingt es, die Handlungsweise und die Rechtfertigungsstrategien der Täter kritisch zu hinterfragen.

Gab es im Stalag 305 Widerstand oder Verweigerung?

Die Arbeit beleuchtet die wenigen Fälle von Soldaten, die Befehle verweigerten oder zu umgehen versuchten, stellt diese jedoch in den Kontext des psychologischen Drucks und der kollektiven Konformität innerhalb der Einheit.

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Details

Title
Massensterben und Massenvernichtung sowjetischer Kriegsgefangener. Das Stalag 305 in der Ukraine 1941-1944
College
University of Hannover  (Historisches Seminar)
Grade
1,0
Author
Christian Möller (Author)
Publication Year
2000
Pages
55
Catalog Number
V59141
ISBN (eBook)
9783638531580
ISBN (Book)
9783638687737
Language
German
Tags
Massensterben Massenvernichtung Stalag Ukraine
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Christian Möller (Author), 2000, Massensterben und Massenvernichtung sowjetischer Kriegsgefangener. Das Stalag 305 in der Ukraine 1941-1944, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59141
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