Wallfahrtsgeschichte Altöttings. Der Weg zur bayerischen Landeswallfahrt vom späten Mittelalter bis zur Barockzeit


Masterarbeit, 2016

56 Seiten, Note: 1

Pudka Vodding (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur geschichtlichen Entwicklung Altöttings
2.1 Herrschaft der Agilolfinger
2.2 Herrschaft der Karolinger
2.3 Herrschaft der Wittelsbacher

3. Geschichtlich dokumentierte Wallfahrtszeit
3.1 Eigentlicher Beginn der Wallfahrt nach Altötting 1489
3.1.1 Wallfahrtsfördernde Mirakel
3.1.2 Die Marienstatue im Oktogon der Gnadenkapelle
3.2 Popularisierung und Attraktivität
3.2.1 Mirakelbücher und Mirakelbüchlein
3.2.2. Votivtafeln
3.2.3 Mirakeltafeln
3.2.4. Pilgerzeichen
3.2.5 Andachtsbilder
3.3 Opfergaben
3.4 Bauliche Entwicklung
3.5 Soziologie der Pilger
3.6 Die Wallfahrt nach Altötting im 16. Jahrhundert
3.6.1 Niedergang durch den Landshuter Erbfolgekrieg
3.6.2 Neues Aufblühen der Wallfahrt 1506
3.6.3 Auswirkungen der Reformation 1520 – 1560
3.6.4 Aufschwung durch Petrus Canisius
3.6.5 Förderung der Wallfahrt durch Dr. Martin Eisengrein
3.6.6 Aufschwung der Wallfahrt unter Herzog Albrecht V. (1550 - 1579)
3.6.7 Entfaltung der Wallfahrt unter Herzog Wilhelm V. (1579 - 1597) und den Jesuiten in Altötting
3.7 Die Wallfahrt nach Altötting in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert
3.7.1 Kurfürst Maximilian I
3.7.1.1 Die Wallfahrt nach Altötting während des Dreißigjährigen Krieges
3.7.1.2 Die Wallfahrt nach Altötting während der Pest
3.8 Entwicklung der Wallfahrt in der Barockzeit bis ca. 1750
3.8.1 Förderer der Wallfahrt: Propst Wartenberg
3.8.2. Altötting in kaiserlichem und fürstlichem Glanz
3.8.3 Altöttinger Wallfahrt - eine Wallfahrt des Volkes
3.8.4 Die Wallfahrt nach Altötting während des Spanischen Erbfolgekriegs
3.8.5 Karl Albrecht und U. L. Frau von Altötting
3.8.6 Armut des Volkes und der Hl. Kapelle

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lange bevor die geschichtlich dokumentierte Wallfahrt nach Altötting mit zwei kurz aufeinander folgenden Mirakeln im Jahr 1489 begann , pilgerten schon Menschen zur Gottesmutter nach Altötting. Im Oktogon der „Uralt hayligen Capelln“( Stadt Altötting, 2000, S. 216), eines der ehrwürdigsten Gotteshäuser auf deutschem Boden, um ca. 650 gebaut, befand sich ein Marienbild von einer sitzenden Madonna, das vermutlich sehr verehrt wurde, sonst wäre es kaum zum Wappen des Neuöttinger Richters geworden und später in das Neuöttinger Stadtwappen aufgenommen geworden. Reliquien, die König Karlmann aus einem Römerzug für die von ihm erbaute Sitftskirche mitbrachte , die Vergrößerung der Stiftskirche 1245 sowie die prächtige Ausmalung des Kreuzgangs der Stiftskirche lassen darauf schließen, dass schon lange vor der geschichtlich dokumentierten Wallfahrt eine große Anzahl von Pilgern nach Altötting kam.

2. Zur geschichtlichen Entwicklung Altöttings

2.1 Herrschaft der Agilolfinger

In der Zeit der Völkerwanderung brachen die Bayern als letzter germanischer Stamm in das Römerreich ein. Sie besiedelten das Gebiet von Ober- und Niederbayern und die südliche Oberpfalz. Der Bayernherzog aus dem Geschlecht der Agilolfinger nahm das Land 550 in seinen Besitz und schlug seine Residenz in Regensburg auf. Es bildeten sich einzelne Gaue, wie der Isengau nördlich von Altötting, der Mattiggau östlich und der Chiemgau südlich von Altötting. Obwohl die Hauptresidenz der Herzöge in Regensburg war, hielten sie sich gern in Ötting auf. Ötting lag zentral im Land und lockte mit seinen Wäldern und Bächen zum Jagen und Fischen. So wurde Ötting zum zweiten Regierungssitz der Agilolfinger. Nach einem „Auto“ (später „Otto“), vermutlich einem Grundherrn und Verwalter, wurde das heutige Altötting als Otting oder Ötting bezeichnet. Mit der frühesten urkundlichen Erwähnung am 10. Juli 748 trat „Ötting“ erstmals aus dem Dunkel der Geschichte. Ötting wird in dieser Urkunde als „Autingas“ bezeichnet. Die altgermanische Form von Otto war nämlich „Auto“. Erst im 8./9. Jahrhundert wurde aus „Au“ ein gedehntes „O“, das sich dann in „E“ umwandelte. Noch heute sagt man im Volksmund „Alteding“ oder kurz „Eding“ (Hoedl, 1975, S.9). Das so frühe Bestehen der Pfalz Ötting zeigt ein urkundliches Zeugnis aus dem Jahr 748. Darin macht ein Edler Wilhelm eine Schenkung an das Kloster Mondsee. „ Die lateinische Datumszeile lautet: „ Actum autingas villa publici sub die quod fecit mensis iulii dies X anno I. tassilone duci“. (Ausgestellt zu Oting in der herzoglichen Pfalz am 10. Juli im ersten Jahr der Herrschaft des Herzogs Tassilo)“ (Bauer, 1985, S. 17.) Die Urkunde zeigt, dass Altötting damals eine „villa publica“ war, das bedeutet eine Siedlung mit vorübergehender Hofhaltung, in der auch Staatshandlungen vorgenommen wurden und Gericht gehalten wurde (Hoedl, 1975). Die Gebäulichkeiten dieser im flachen offenen Land liegenden Pfalz sind nicht mehr festzustellen. Jedenfalls gehörten eine Kirche, eine capella, dazu und der im wesentlichen unverändert erhaltene Rundbau der späteren Gnadenkapelle, das Oktogon, ein Achteckbau, der ca. 650 errichtet wurde (Stadt Altötting, 2000). Dieser ist in der unteren Hälfte außen rund und hat eine Außenfläche von ca. 9m Durchmesser. Der innere ist ca. 6m. Acht hohe Rundnischen sind als Apsiden in das innere Gemäuer eingelassen, darüber ist ein romanisches Zeltdach. Der Altar im Innern ist in eine Nische gestellt. Ihm gegenüber führt ein später eingefügtes Portal in das ca. 1500 angebaute Langhaus. Rundkapelle und Langhaus sind von einem Rundgang mit offenen Bogen umgeben (Bauer, 1985).

2.2 Herrschaft der Karolinger

Im Jahr 788 setzte Karl der Große Herzog Tassilo III. ab und verleibte Bayern dem Frankenreich ein. Damit wurde Altötting eine Pfalz der Karolinger. Karl der Große regierte Bayern durch einen Präfekten in Regensburg, wodurch Altötting an Bedeutung verlor. Erst mit dem Enkel Karls des Großen, Ludwig dem Deutschen, beginnt die Reihe der „bayerischen Karolinger“, so nannte man sie, weil sie den Schwerpunkt ihrer Macht und vielfach auch ihren Wohnsitz nach Altötting verlegten. Neben Regensburg wurden nun auch Ötting, Osterhofen, Ranshofen und Aibling zu königlichen Pfalzen erhoben. Nach dem Tod Ludwigs des Deutschen 876 teilten sich seine Söhne das Reich, dabei erhielt Karlmann, der älteste der Söhne, Bayern. Er regierte 876 – 880 von Ötting aus. Schon 877 gründete er ein Stift weltlicher Chorherrn , schenkte diesem die Kapelle Ötting und die Abtei Mattsee , baute dem Stift eine neue Basilika und daneben eine neue Pfalz. Von einem Römerzug brachte Karlmann für die Basilika Reliquien des heiligen Maximilian und der heiligen Felizitas sowie des Apostels Phillipus mit (Hoedl, 1975). 880 starb Karlmann und wurde in der von ihm erbauten Basilika begraben. Auch die nachfolgenden Karolinger, Karl der Dicke, Arnulf von Kärnten und Ludwig das Kind, wohnten zeitweise in Ötting . Unter Ludwig dem Kind erlitt Bayern schweren Schaden durch die Ungarneinfälle. Bayern wurde verwüstet, Ötting geplündert und in Brand gesteckt. Nur die Gebäude aus Stein, die Kirche, die Pfalz und das Oktogon, blieben erhalten. Das Stift hörte von selbst auf, wohl weil sein Besitz über seinen Propst, den Bischof von Passau, an dieses Bistum kam. In der folgenden Zeit wurde die Pfalz wieder aufgebaut, 918 wurde ein Gerichtstag in Ötting gehalten. 1180 kam Bayern an die Wittelsbacher (Bauer, 1985).

2.3 Herrschaft der Wittelsbacher

Der Bayernherzog Ludwig der Kehlheimer (1183 – 1231) bekam am 4. Juli 1128 das Patronatsrecht über die Pfarrkirche von Ötting, die Karlmannsbasilika, wurde aber dafür verpflichtet, sie gründlich zu erneuern und ein neues Stift zu errichten. Im Jahr 1245 wurde die zweite Basilika eingeweiht. Sie war dreischiffig mit je einem niederen Seitenschiff, mit Westtürmen und einem Portal. Im Osten hatte sie drei Apsiden. Die Untergeschosse der Türme, das Westportal und der große Taufstein aus Marmor sind heute noch erhalten (Hoedl, 1975). Das Chorherrnstift bestand aus einem Propst, einem Dekan und elf Kanonikern und war den Domherren von Salzburg und Regensburg gleichgestellt. Mit der Erneuerung der Basilika und der Errichtung des Stiftes wollte Ludwig der Kehlheimer Ötting zu einem geistigen Zentrum machen. „ In diesem Stadium verblieb die villa vetus Odingen, das Dorf Alten Ötting, bis zur Wallfahrtszeit“ (Bauer, 1985, S. 22). Die herzöglichen Ämter zogen vom Dorf Ötting aus nach einem neuen Ötting, der nahegelegenen Siedlung auf dem Höhenrücken , näher an der Wasserstraße des Inns. Dort konnten sich Handel und Gewerbe besser entwickeln. Diese Siedlung erhielt eine Brücke, Mauer und Wehr, Stadtrecht und Wappen und sogar eine Münzprägestätte für Öttinger Silberpfennige. „ Das forum novum Odingen, die Stadt Neuen Öttingen, gedieh zur herzoglichen Handelsstadt“ (Bauer, 1985, S.22). Der dennoch bestehende innere Zusammenhang dieser beiden Städte ist daran zu erkennen, dass Neuötting das Bild des Oktogons in sein Stadtwappen aufnahm. Wie im alten Stiftssiegel ist auch im Neuöttinger Wappen eine sitzende Madonna mit dem Kind zu sehen. Das heutige Gnadenbild stammt ja erst aus dem beginnenden 14. Jahrhundert (Hoedl,1975, S. 19).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Stadtwappen von Neuötting (um 1325) (Bauer, 1985, S.32)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Woeckel, 1992, S.352)

3. Geschichtlich dokumentierte Wallfahrtszeit

3.1 Eigentlicher Beginn der Wallfahrt nach Altötting 1489

3.1.1 Wallfahrtsfördernde Mirakel

Es begann im Jahr 1489 mit zwei durch die Fürbitte Mariens geschehenen Mirakeln. Diese sind in der Wallfahrtsgeschichte des Jesuiten Jakob Irsing und des Stiftsdekans Johann Scheitenberger unter Berufung auf das früheste Mirakelbuch von Issickemer aus dem Jahr 1497 veröffentlicht und auf das Jahr 1489 datiert worden (Stadt Altötting, 2000). So schreibt der Chronist Jakob Irsing S.J. zum Jahr 1489:

Ein dreyjähriges Knäblein, als er zu Alten-Oeting in das Wasser, die Mehren genannt, gefallen und eine halbe Stund dahin gerunnen, ist es endlich gantz todt herauß gezogen worden. Die Mutter aus grossem Vertrauen zu der Mutter Gottes, trägt das todte Kind zu der H. Capell und legt es auf den Altar, fällt sambt andern auff die Knye nider und bittet umb Erlangung deß KindsLeben flehentlich. Alsbald wird das Kind lebendig “ (Bauer, 1985, S. 24).

Ein zweites Wunder folgte:

Ein Baur zu Alten-Oeting führte ein Fuder Haber zu Hauß, setzte sein Söhnlein, sechs Jahr alt, auff das Handroß; der fallet von dem Pferdt under den Wagen, wird dermassen zurtruckt, daß seines Leben kein Hoffnung mehr vorhanden. Man thut ein Gelübd und rufft die Mutter Gottes an, folgenden Tag ist der Knab widerumben ganz frisch und gesund “ (Bauer, 1985, S.24).

Viele solcher Wunder folgten nach. Historisch sind diese Ereignisse nicht zu bezweifeln, ob es echte Wunder waren ist nicht einmal das Entscheidende, denn an der Überzeugung, am Glauben, dass ein Wunder geschah, entzündeten sich das Vertrauen und die Hoffnung auf weitere Hilfe und Gnade. Dieses Vertrauen ist das Lebensprinzip eines Gnadenortes (Bauer , 1985).

3.1.2 Die Marienstatue im Oktogon der Gnadenkapelle

Dieses Vertrauen wurde auch der Marienstatue im Oktogon der Gnadenkapelle entgegengebracht. Bei dem Altöttinger Gnadenbild handelt es sich um eine aus Lindenholz geschnitzte, farbig gefasste und rückwärtig ausgehölte Statue mit einer Höhe von 64 cm. „ Von einer ursprünglichen Fassung mit den Farbtönen Rot - Blau - Weiß sind nur geringe Reste erhalten geblieben. Maria ist mit einem Mantel bekleidet, der oberhalb der Brust mit einer Spange zusammengehalten ist. Das einfache, lang herabfallende Kleid ist goldgesäumt. Als Kopfbedeckung trägt die Muttergottes-Darstellung einen (in der Gotik üblichen) rotgefaßten (meist von einer aufgesetzten Krone verdeckten) >Fürsten>-Hut. Stehend hält die Gottesmutter das Jesuskind auf dem rechten Arm. In ihrer linken Hand trägt sie das Zepter. Aus dessen Spitze wächst eine weißfarbene Lilie. Das Gewand ist rot gefaßt. Das Jesuskind hält in der Hand eine (blaufarbige) Sphaira. Die Linke scheint sich der Gottesmutter zuzuwenden. Beide Häupter sind gekrönt“ (Woeckel, 1992 , S.337). Vom Kerzenrauch vieler Jahrhunderte geschwärzt handelt es sich in Altötting um den Typus einer sogenannten „Schwarzen“ Muttergottes.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gnadenbild in ursprünglicher Gestalt (Foto Strauß, Altötting)

3.2 Popularisierung und Attraktivität

3.2.1 Mirakelbücher und Mirakelbüchlein

Seit sich in Altötting Heilungen und Wunder ereigneten, wurden sie von Ortsansässigen aufgezeichnet. Eine dieser Quellen waren die sogenannten „ Mirakelbücher“, drei heute leider verschollene Pergamenthandschriften, die von Wundern zwischen 1489 und 1598 berichteten. Daneben verbreiteten gerade die frühen, oft nur aus wenigen Blättern bestehenden kleinen „Mirakelbüchlein“ Kenntnis über das wundertätige Gnadenbild. Bei dem ältesten Altöttinger Mirakelbüchlein, das im Jahr 1492 bei Peter Wagner in Nürnberg gedruckt wurde , handelt es sich um ein Unikum (Gießen, Universitätsbibliothek Inc. H 11800). „ Der Titel lautet: “ Hye heben sych an Dye grosse wunder zaychen Unser lyeben frawen dye do sen geschehen zu alten Ottingen“. In einem Vorbericht heißt es, daß das Altöttinger Gnadenbild „lange zeyt aus unfleiß in der Finsternis verporgen gestanden“ habe „nun aber zu unsern zeyten, meniglich, nach christi gepurt M.CCCC und im neunzigsten jahr, hat sye bsunder grosse wunderzaychen offenbarlich angehebt, an vil menschen zu würkken““ (Woeckel , 1992, S.349). In diesem Mirakelbüchlein heißt es, dass bereits zu Beginn der Wallfahrt die Gläubigen außer aus Altbayern auch aus der Steiermark, Kärnten und sogar aus Wien nach Altötting gepilgert waren (Woeckel, 1992). Sicherlich wurde die Marienstatue im Altöttinger Oktogon auch früher verehrt – die Mutter des ertrunkenen Knaben wird hier auch vorher schon öfter gebetet haben, aber nun wird das Marienbild zum Gnadenbild und das Oktogon zur Wallfahrtsstätte.

„Ein weiteres Altöttinger Mirakelbüchlein wurde 1493 bei Hans Schobser in Augsburg unter dem Titel gedruckt: Vermerckt dye Grossenn wunder zaichen, So dye Junckfraw Marie hye zu alten Öttingen würcken ist an Vil Cristen menschen 1 /1493/. (Ex. Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek 4° Ink. 125.)“ (Woeckel, 1992 S.352/353). Nach den Berichten dieses Mirakelbüchleins hatte sich das Einzugsgebiet der Altöttinger Wallfahrer schon wesentlich vergrößert. Es kamen bereits Pilger aus Franken, Böhmen und aus Südtirol.

Daran schloss sich 1497 die weit umfangreichere Publikation von Jacob Issickemer an: „> Das buchlein der zuflucht zu Maria der muter gottes in alten Oding< (Nürnberg 1497) berichtet 77 Wunder aus den Jahren 1496 bis 1497 (Ex . München, Bayerische Staatsbibliothek, Rar.847)“ (Woeckel,1992). Jacob Issickemer, Chorherr und Custos in Altötting, „ schrieb u. a : > daß da mentschen auß manygfeltigen landen und…geburtn, aller stende gaystlicher: cardinal, ertzbyschoffen, byschoffen bröbsten, abbten und ander prelaten…, auch weltlicher: kayser, kunige, hertzogen, marckgrafen, freyen herren,… man und frawen, komen sein, sagend…, daß in hylf von Maria der iunckfrawn beschehen sey, durch des willen, daß sy zu ihr geruefft und sy haimzusuchen an dem genannten ende mit ihren opfern gelubet und versprochen haben.<“( Woeckel, 1992, S. 353).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Issickemers Mirakelbuch von 1497 (Bauer, 1985, S. 75)

„Unter dem Personenkreis, den Issickemer als Altöttinger Wallfahrer bezeichnete, waren erstaunlicherweise bereits Leute aus >Schwatz<, >Zell< (bei Kufstein),>Rotenberg < (Rattenberg), >Mutern im Intal<, aus> Guntzen zwischen Brixen und Sterzing<, von >Tysen im land an der Etsch<, ja sogar >von der stat Trient zwischen dem Etsch-…und welischen Lande<“ (Woeckel, 1992, S.353).

„Wichtige frühe Quellenschriften für Altötting sind zwei Veröffentlichungen von Johannes Turmair (Aventinus): > Historia Otingae< (Nürnberg 1518) und: >Der hochwirdigen und weit berühmten stift Alten Oting löblich herkomen…<(Ingolstadt 1519)“ (Woeckel, 1992, S. 353).

Die Kunde von den Wunderheilungen durch die Fürsprache der Muttergottes von Altötting verbreitete sich innerhalb weniger Jahre in ganz Mitteleuropa. Sie reichte im Westen bis über den Rhein, bis in den äußersten Norden Deutschlands, im Osten bis nach Ungarn und im Süden über die Alpen nach Italien. Dies war einerseits auf die zentrale Lage Altöttings in Altbayern zurückzuführen, andererseits lag Altötting an der Kreuzung zweier seit alten Zeiten bedeutenden Fernstraßen: der Ost – West – Verbindung von Augsburg nach Wien und der uralten Tauernstraße , die Ravenna mit Regensburg verband und die auch an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit eine vielbenützte Handelsstraße war, wie die 1501 erschienene Kaufmanns-Straßenkarte des Nürnberger Kompaßmachers Erhard Etzlaub belegt (Stadt Altötting,2000).

Andererseits ist die schnelle Verbreitung auch auf die Druckkunst als neues Medium zurückzuführen, derer sich die Wallfahrtswerbung bediente. Gutenberg erfand im 15. Jahrhundert den Buchdruck mit auswechselbaren Lettern in einer Druckpresse. Dies ermöglichte eine relativ kostengünstige und schnelle Erstellung größerer Auflagen.

3.2.2. Votivtafeln

Eine Votivtafel ist ein Zeugnis, dass Maria geholfen hat, oder eine Bitte um Hilfe oder die Anbefehlung einer Person an die Muttergottes. Votivtafeln sind also unmittelbare Äußerungen eines Vertrauens, ein mächtiges Zeugnis und damit auch gleichzeitig eine Aufforderung an andere, ebenfalls bei der Muttergottes Zuflucht zu nehmen. Um die Gnadenkapelle und das vor 1500 angebaute Langhaus führt ein Umgang mit offenen Bögen, in dem ca. 2000 Votivtafeln und 57 spätgotische Mirakeltafeln hängen. Sie bedecken die Wände des Rundgangs wie mit einem Wandteppich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Umgang der Altöttinger Gnadenkapelle ( Administration der Hl. Kapelle, 2007)

Die Darstellungen auf den Votivtafeln umfassen die ganze Skala menschlicher Nöte: Unfall und Hundebiss, Seuche und Pest, Frauenkrankheiten und Männersuchten, Gebärstuhl und Mutterfreuden, Raubüberfall und Losung aus Gericht und Gefängnis, Heilung von Wahnsinn und Seelenpein, Kriegsgefahr aller Jahrhunderte, Flüchtlingsnot und Flüchtlingsdank. Die älteste Votivtafel ist aus dem Jahr 1501. Sie ist eine der ältesten Votivtafeln im deutschen Gebiet (Bauer, 1985). Die zweitälteste ist aus dem Jahr 1517 mit der dramatischen Darstellung eines Reitunfalls.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die älteste Votivtafel von 1501 mit ausführlicher Krankheitsgeschichte (Bauer, 1985, S. 83)

3.2.3 Mirakeltafeln

Die 57 spätgotischen Mirakeltafeln von 1500 bis 1540 bedecken über zwei Drittel der Kapellmauer. 56 Tafeln haben eine Höhe von bis zu 2 Metern, dazu kommt eine zweiteilige Tafel für das Westportal. Die Breite der Tafeln misst zwischen 37 und 50 cm. Die schmäleren Bilder gelten als später hinzugefügt. Sie melden auch die späteren Jahreszahlen bis 1540. Vermutlich wurden sie von einem Meister der sogenannten Donauschule erstellt. Leider fehlen die Kirchenrechnungen der Kapelle von 1513 – 1529, die sichere Auskunft darüber geben könnten (Bauer, 1985). Bis heute sind sie unverändert geblieben.

Diese Mirakeltafeln sprechen von den sorgen- und unheilvollen aber auch hoffnungs- und segenvollen Seiten des spätmittelalterlichen Volksleben, des 15. Und 16. Jahrhunderts. Sie berichten

- von Unfällen eines Kindes: Sturz aus der Wiege, in die Spindel, ins Wasser,
- von Unfällen Erwachsener: Pfeil ins Auge, Sturz vom Pferd Wirbel unter das Mühlrad,
- von Gewalttaten: Gefängnis, Raubüberfall, Folterung auf dem Rad,
- von Kriegsschrecken, - von Kriegsschrecken: schweren Verwundungen,
- von Naturkatastrophen: Feuerbrunst und Meeressturm,
- von Krankheiten, ersehntem Kinderwunsch, schwerer Geburt und Totgeburt (Bauer, 1985).

Den Mirakelbildern sind in inhaltsreich gedrängter Kürze Texte zugefügt, die vermutlich aus den Protokollen der Kapellverwaltung abgeschrieben wurden. Vier davon sind in Issickemers „buchlein der Zuflucht zu Maria“ (1497 gedruckt), fünf in den Mirakelbüchlein von 1540 zu lesen. Einer der Berichte auf einer Mirakeltafel lautet folgendermaßen:

Wolfgang Schneider von Fürstenfeld hat ein Kind mit Namen Jorg. Als derselb Jorg sieben Jahre alt geweset, ist er bei den Kloster Fürstenfeld ab der Brucken in die Ammer gefallen, und bei hundert Schritten unter dem Wasser gerunnen. Indem hat man das Kind herausgezogen, aber kein Leben an ihm gefunden, und bei zweien Stunden für tot gelegen. In solcher Angst und Betrübnis hat der Vater das Kind alher versprochen, mit einem gesungenen Amt und einem Pfund Wachs, in Almosen zu sammeln. Ist dem Kind gnädiglich geholfen, lebendig und gesund geworden. Angesagt anno etc 20 “ (Bauer, 1985, S. 65).

Der Jesuit Jacobus Irsing schreibt zum Jahr 1520: „ „ In diesem 1520. Jahr hat man dem andächtigen ankommenden Volck zu Gefallen ausser der Capellen under dem Gang herumbe etliche auff Tafeln gemachte Wunderzaichen wie noch zusehen auffgehengt; ein Anzaig der Mutter Gottes weit außkommenen und berühmten Lobs und Anraitzung newe und mehrere Gnad und Gutthaten von ihr zubegehren; massen dann solches auch hernach beschehen wie auß nachfolgendem zuvernehmen ““(Bauer, 1985, S. 65).

Der Jesuit spricht aus wozu die Umgangstafeln geschaffen wurden: Sie sollen dem Volk gefallen, Zeugnis geben und neues Vertrauen wecken. Diese Umgangstafeln von 1520 sind „ein aufgeschlagenes Mirakelbuch von monumentelen Ausmaßen und zugleich ein Bilderbuch zur spätmittelalterlichen Volkskunde“ (Bauer, 1985).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tafelbilder mit Wunderberichten im Umgang der Gnadenkapelle (Bauer, 1985, S. 78/79)

3.2.4. Pilgerzeichen

Das erste und originale Pilgerzeichen von Altötting ist auf einer gotischen Statue des Hl. Severin in der Friedhofskirche St. Severin in Passau zu sehen. An der Krempe seines Pilgerhutes trägt er das Pilgerzeichen von Altötting. Das Pilgerzeichen, das aus der Gründungszeit der Altöttinger Wallfahrt stammt, ist mit der Jahreszahl 1490 und der Inschrift >altnoting< gekennzeichnet. Aus einer archivalischen Notiz geht hervor, dass schon im Jahr 1492 etwa 130 000 solcher Pilgerzeichen mit der üblichen Blei-Zinn-Legierung verkauft wurden (Woeckel, 1992). Später gab es auch silberne und silberne vergoldete, die ein beliebtes Ehrengeschenk wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hl. Severin. Ausschnitt: Pilgerhut mit Altöttinger Wallfahrtszeichen (Woeckel, 1992, S. 377)

Ein Altöttinger Pilgerzeichen, auch Wallfahrtszeichen oder Wallfahrtsmedaille genannt, ist eine Erinnerung an eine Wallfahrt und Werbung für den Wallfahrtsort. Die Menge der ausgegebenen Zeichen spiegelt den Auf- und Niedergang der Wallfahrt wieder. Die Verrechnung der ausgegebenen Menge erfolgte pfund- und zentnerweise. Die zinnenen Zeichen wogen zwischen 2 und 6 Gramm, je nach Größe. Nachweisbar ist folgender Verkauf: 1492 : 1855 Pfund, das waren mindestens 130 000 Zeichen.

1493: 1428 Pfund

1503: 430 Pfund

1505: 100 Pfund

Im Jahrhundert der Reformationszeit ging es bis auf 4 Pfund zinnene Zeichen zurück (Bauer, 1985).

3.2.5 Andachtsbilder

Ebenso wie Pilgerzeichen nahmen die Wallfahrer aller Zeiten auch gern Andachtsbildchen mit zur Erinnerung an die durchgeführte Wallfahrt und als Anreiz zu frommem Denken und Vertrauen auf die Hilfe der Muttergottes im weiteren Leben. Die Andachtsbildchen sollten selbst zu kleinen Gnadenbildchen werden und Hilfe und Schutz der Muttergottes bringen. Es wurden sogar Fälle auffallender Hilfe dem Wallfahrtsort gemeldet: „So trug ein Hauptmann aus der böhmischen Stadt Genubiz stets ein Altöttinger Bildchen bei sich; ihm schrieb er zu, daß 1694 beim Kampf gegen ungarische Rebellen er allein aus seiner ganzen Mannschaft von 600 Soldaten mit dem Leben davonkam“ (Bauer, 1985, S. 67).

[...]

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Wallfahrtsgeschichte Altöttings. Der Weg zur bayerischen Landeswallfahrt vom späten Mittelalter bis zur Barockzeit
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Kirchengeschichte)
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
56
Katalognummer
V593627
ISBN (eBook)
9783346200853
ISBN (Buch)
9783346200860
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Weg zur bayerischen Landeswallfahrt von den Anfängen im späten Mittelalter bis zur Blüte der Barockzeit
Schlagworte
Wallfahrt Wallfahrtsgeschichte Altötting
Arbeit zitieren
Pudka Vodding (Autor), 2016, Wallfahrtsgeschichte Altöttings. Der Weg zur bayerischen Landeswallfahrt vom späten Mittelalter bis zur Barockzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593627

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wallfahrtsgeschichte Altöttings. Der Weg zur bayerischen Landeswallfahrt vom späten Mittelalter bis zur Barockzeit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden